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Psychoaktive Substanzen Specials

LSD

HanfBlatt, Nr. 66, Mai 2000

Ein weiterer Konditionierungsversuch zur wichtigsten Substanz des 20. Jahrhunderts

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Wem wir das Zeug zu verdanken haben, ist doch wohl klar: Dem Schweizer Chemiker Albert Hofmann. Der rüstige Rentner, mittlerweile weit über 90, ist immer noch gut beieinander. Ob das daran liegt, dass er LSD (Lysergsäurediäthylamid) so selten oder immer mal wieder ganz bewusst genommen hat, lässt er selber im Dunkeln. Er entdeckte die Wirkung des LSD´s am 16. April 1943 bei einer intuitiv motivierten Nachsynthese. Die zufällig Vergiftung mit der Substanz machte ihn neugierig und drei Tage später nahm er als erster Mensch in einem heroischen Selbstversuch die unerwartet mächtig einfahrende Dosis von 0,25 Milligramm LSD. Was folgte ist Legende.

Der erste Beipackzettel der Firma Sandoz, bei der Hofmann forschte und die LSD ein paar Jahre später als Medikament auf den Markt brachte, empfahl Psychiatern die Einnahme von LSD um ihre Patienten besser verstehen zu können. „Modellpsychose“ nannte sich der Spaß. Schon bald waren auch Freunde und Bekannte der Mediziner bestens mit der unterhaltsamen Substanz versorgt. Die beeindruckenden Wirkungen stießen schnell auf großes Interesse bei spirituell Interessierten, Intellektuellen und Künstlern, deren Berichte eine breite Öffentlichkeit neugierig machten. Der Weg für LSD als Volksdroge der 60er Jahre war geebnet. Die enorm transformatorischen Erfahrungen auf breiter Ebene schrieen geradezu nach einer Umgestaltung der als spießig, lustfeindlich und entspiritualisiert empfundenen „spätkapitalistischen“ Gesellschaft. Das Hippie-Zeitalter begann – Wassermann lass jucken.

Es lässt sich nicht leugnen: LSD wurde einer der maßgeblichen Motoren für seit den 60er Jahren anhaltende weltweite gesellschaftliche Veränderungen. Musik, Kunst, Konsumgewohnheiten, Frauenbewegung, Sekten, Esoterik, Psycho-Welle, ökologisches Bewusstsein, Anti-Rassismus: Die Zeit war reif für mehr Zärtlichkeit und für Katalysatoren vom Schlage des LSD. Kein Wunder, dass es von den Herrschenden sofort verteufelt wurde.
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Das LSD-Revival der 90er

Einen Wimpernschlag vor dem Milleniumswechsel feierte LSD sein viel beachtetes Comeback. Raver, selbsternannte Schamanen, Neo-Hippies und Psycho-Freaks waren sich plötzlich wieder einig: Körperlich gut verträglich bietet es eine starke Ego-Auflösung zu einem angemessenen Preis. Was will man mehr in Zeiten der Orientierungslosigkeit? Während in den 60ern sich Dank LSD alles in den Köpfen änderte und man erwartete, dass sich folglich auch die Welt ändern müsste, empfand man am Ende des zweiten Jahrtausends das sich die Welt rasend ändert, folglich musste sich auch was in den Köpfen tun.

Die Wirkung

Das halbsynthetische LSD wird immer wieder als einmalig in seiner Ego-auflösenden Wirkung hervorgehoben. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von „natürlichen“ Substanzen, die nicht nur in ähnlichen Kontexten genommen werden und wurden, sondern tatsächlich auch vergleichbar zu wirken scheinen, gemeinhin unter dem Oberbegriff Psychedelika zusammengefasst. Von diesen dürften Meskalin, enthalten in diversen Kakteen, insbesondere dem Peyotl und dem San Pedro-Kaktus, Psilocin und Psilocybin, enthalten in zahlreichen Pilzen, DMT, Hauptwirkstoff im „Ayahuasca“, und chemisch dem LSD nahe verwandte Lysergsäureamide, enthalten in den Samen verschiedener Winden, die Bekanntesten sein. Chemikern haben wir allerdings eine ganze zum größten Teil kaum beforschte Palette an weiteren Psychedelika zu verdanken.

Nichts desto Trotz bleibt LSD für viele seiner Afficionados das faszinierenste Vehikel, um ihren Bewusstseinszustand nachhaltig zu verändern. Warum? Schwer zu sagen. Die ausgeprägt subjektiven Erfahrungen die mit LSD gemacht werden, schließen verallgemeinernde Aussagen über die Wirkung der Substanz aus. Ein inspiriertes Gedicht über eine Butterblume gibt da vielleicht mehr her als eine ellenlange verzweifelte wissenschaftliche Abhandlung. LSD nehmen heißt um den heißen Brei herumzutanzen oder sich mit voller Hingabe in ihn hineinzuwerfen, ihn das erste mal im Leben wirklich zu schmecken, nachdem man ausgiebig an ihm gerochen hat.

Über LSD zu sprechen, um damit zu behaupten wie es wirklich wirkt, sollte vermieden werden. Deshalb entschließen wir uns für Endlosgelaber. So ist die Wirkung von LSD, zumindest wenn man danach gefragt wird. Die Wahrheit ist demnach die Erfindung eines Lügners. Ist das alles nur eine Blase, ein abgefahrener Traum, in dem wir leben? Steckt erst dahinter die reale Welt, die nur mit den geöffneten Pforten der Wahrnehmung erkannt wird?

LSD nehmen kann heißen, sich auf den Weg zu machen grundlegende Fragen des Seins immer wieder neu zu stellen. Oder auch nicht. Da droht der Gang in die esoterische Buchhandlung. Mit Chance fährt man aber auch „nur“ mit dem Mähdrescher quer durch die eigene Psyche und man soll sich wundern, was dabei so zutage tritt. Dein innerer Reichsparteitag erwartet LSD-Bombennächte. White Light, White Noise. LSD ein fadenscheiniges Vergnügen? Oder ein wohlfeiler Genuss der Sonderklasse? Oder etwas für Durchgedrehte auf der Schwelle zum übernächsten Millenium? 20.000 Jahre LSD? Was macht LSD aus unbescholtenen Bürgern? Zufrieden mampfende Konsumidioten oder aufmüpfige durch den Raum flutschende Yogis? Mehr Fragen als Antworten, wie man sieht – und dazu kommt noch, dass es offensichtlich zu viele falsche Fragen gibt. Eine gute Frage ist: Why not?
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Dosierung

Leider ist LSD eine nur auf dem Schwarzmarkt erhältliche Substanz. Die dort gehandelten Produkte unterstehen keinerlei Qualitätskontrolle. Nur gut ausgestattete Chemielabore sind in der Lage zu analysieren, was sich in den gehandelten „LSD-Trips“ in welcher Dosis befinden mag. LSD selbst ist ausgesprochen anfällig für Zersetzung, insbesondere im Licht, an der Luft und bei Wärme. Die Haltbarkeit ist sehr kurz. Das macht es de facto unmöglich Dosierungsempfehlungen zu geben. Dennoch existieren in der durchwachsenen Szene der „Acid-Heads“ einige Ratschläge, die unerwünschte Überdosierungen zu vermeiden helfen sollen. Die Erfahrungen von Freunden können Hinweise geben. Man sollte aber bedenken, dass die LSD-Wirkung in hohem Masse von subjektiven und äußeren Einflüssen abhängig ist, Set und Setting halt, die das Erleben in jedem Einzelfalle völlig neu bestimmen. Im Zweifelsfalle wird zunächst lieber weniger genommen, das heißt bei den auf dem Schwarzmarkt üblichen bunt bedruckten Löschblättern, ein Viertel bis die Hälfte des „Löschis“.


„Just say know“

Timothy Leary

Man muss es sich vorstellen: Ein Mann aus gutem katholischem Hause wird Professor, lehrt an der ehrwürdigen Harvard-Universität, schreibt wissenschaftliche Beiträge über Psychotherapie, hat eine nette Frau und mäht am Wochenende Rasen. Aber eines Tages erhält „Onkel Tim“, wie Timothy Leary (22.10.1920 – 31.05.1996) später liebevoll genannt wurde, seine wahre Bestimmung, katalysiert durch den Konsum einen mexikanischen Pilzes. Das war Anfang der 60er Jahre und es brodelte mächtig. Leary flog trotz durchaus sinniger Experimente mit Halluzinogenen aus Harvard (das erste und letzte Mal das ein Professor flog) und begab sich auf den Trip seines Lebens. Für die Hippies und Beatniks wurde er zur Kultfigur des Aufstands gegen das rigide Gesellschaft, für die Normal-Valium-Bürger zum gefährlichsten Mann der USA, der ihre Kinder zu Langhaarigkeit, Kriegsmüdigkeit und Drogenabhängigkeit treibt. „Turn on, tune in, drop out“, ein Satz dessen explosive Wirkung heute kaum noch vorstellbar ist, denn er forderte direkt zum Ausstieg aus dem kapitalistischen, freudlosen und unerotischen System auf.

Tim Leary

Foto aus dem „Wired-Magazin“

Die Nachricht Learys war aufregend: Veränderte Zustände des Bewusstseins bergen einen großes Potenzial für eine positive psychische Entwicklung des Menschen. Sie ebnen den Weg für einen effektiveren und vollkommeneren Gebrauch des Nervensystems. Was dabei rauskommt ist eine schöpferischere und intellektuell reifere Persönlichkeit. Hätte Leary nun Meditation oder Yoga propagiert, wäre er weniger berühmt geworden und das us-amerikanische Establishment hätte weiter ihre Alk-Fürze in die Sofa-Kissen abgelassen. So aber luden sie ihre gesamten Ängste auf ihn und die von ihn propagierten Drogen ab. Das Leary Drogen wie LSD, Pilze und Meskalin als die Vehikel für eine prima evolutionär-revolutionäre Abfahrt feierte, lag in der Natur dieser Substanzen, machten sie doch auf schnelle und beeindruckende Weise klar, was in uns steckt. „Onkel Tim“ brannte darauf mit zu erleben, wie die Menschheit die alten Konditionierungen aufbricht und jeder einzelne sein Bewusstsein über die feste „Programmierung“ seiner „Schaltkreise“ hinaus entwickelt.

LSD in der Psychotherapie

Der seriöse Aspekt in der Anwendung des LSD ist sein Einsatz in psychotherapeutischen Kontexten. Zwei Herangehensweisen lassen sich unterscheiden: Die sogenannten Psycholytiker spülen mit Hilfe von LSD schwer zugängliche innere Zustände an die Oberfläche, die erst dadurch therapeutisch bearbeitbar werden. Die klassischen Psychedeliker erhoffen sich von einer durch eine hohe Dosis LSD katalysierten spirituellen Erfahrung heilende Auswirkungen auf das Leben des Menschen. Leider wurden die wissenschaftliche Erforschung und die professionelle Anwendung von LSD als Therapeutikum durch die Verbotspolitik praktisch lahmgelegt. Der Schweizer Psychotherapeut Peter Gasser erhielt Ende 2007 die Erlaubnis, LSD zu therapeutischen Zwecken versuchsweise zu benutzen.

Literatur

Plichtlektüre ist

Albert Hofmann: LSD – Mein Sorgenkind

Nicht auf dem neuesten Stand, aber eine gute Basis ist

Peter Stafford: LSD

Und in der gesellschaftliche  Einordnung: Günter Amendt: Die Legende vom LSD

LSD-Poem

Erdbeeren, Bananen, Kirschen, Simpsons, Donalds, Supermans, Silver Surfers und Marsipulamis, Che Guevaras und Super Marios, Kreuze, Knoten, Schlüssel, Flügel, Glocken, Sonnen, Wallace and Grommits, Jerry Garcias und Jesuse, Friedenstauben, Goofys und E.T.´s, Peace Zeichen, Tintenfische und Pentagramme, Horusaugen, Flying Horses, Yin und Yangs, Chill-Pills, Eicheln, Mond und Sterne, Feuer, Schlangen, Pyramiden, Noten, UFOs und Ganeshas, Oms, Fat Freddy´s Cat und Fritz der Kater, Pyramidenaugen, Totenköpfe, Mickey Mäuse, Sterne, Karos, Herzen, Beavis and Buttheads und Father of LSD, Tiger, Fische, Bären, Formeln, Looney-Birds und Jubiläums-Teile, verrückte Muster, Hofmänner und Mirakulix, Helme, Augen und explodierende Hakenkreuze, Ha´s, Aliens, Klobürsten, Gay Bikers on Acid und Abendmahle, No Limits -LSD.

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Nachtrag 2008: Im Alter von sagenhaften 102 Jahren verstarb am 29. April 2008 der Entdecker des LSD, Albert Hofmann, in seinem Haus in Burg im Kanton Basel-Land.

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Drogenpolitik

Durchatmen für Europas Kiffer

Mehr oder weniger stabil

Die EU legt Cannabis-Zahlen für 1999 vor

Eine wahre Zahlenflut veröffentliche jetzt die Behörde mit dem schönen Namen „EU-Drogenbeobachtungsstelle“ (EBBD). Um mit der beeindruckensten Zahl anzufangen: Von den 375 Millionen Einwohnern der Europäischen Gemeinschaft haben wahrscheinlich über 40 Millionen schon einmal Cannabis probiert. Durchschnittlich jeder Fünfte aus der Gruppe der 15- bis 16jährigen und mindestens jeder Vierte aus der Gruppe der 15- bis 34-Jährigen inhalierte. In den meisten Ländern der EU haben nur fünf Prozent der über 15-Jährigen in den letzten 12 Monaten Cannabis genossen. Nur in Großbritannien (über acht Prozent) und Spanien (sechs Prozent) kiffen die Leute häufiger im Jahr, so der Bericht. In fast allen Ländern habe der Konsum von Cannabis aber unter Jugendlichen und Erwachsenen zugenommen.

Die in der EU sichergestellten Mengen an Cannabis sind seit 1994 relativ stabil, obwohl die Anzahl der Sicherstellungen stetig zunimmt. Die Preise auf dem Markt, so der Bericht, seinen über die Jahre ebenfalls stabil geblieben. Das in der EU sichergestellte Haschisch komme meist aus Marokko, in kleineren Mengen aus Afghanistan, Libanon und Pakistan. Marihuana stamme dagegen zum größten Teil aus Kolumbien, Nigeria, Südafrika und Thailand.

Der THC-Gehalt der in Europa verköstigten Cannabismengen lässt sich schwer eruieren und schwankt zwischen zwei und 20 Prozent. Für Deutschland nennt der Bericht Wirkstoffgehalte zwischen fünf und elf Prozent, für die Niederlande 6 bis neun Prozent, für Großbritannien zwei bis 14 Prozent.

Noch zwei interessante Anmerkungen zum Schluss: Der EU-Bericht bemerkt, dass nicht nur in fast allen Ländern Europas mittlerweile eine Diskussion darüber geführt wird, ob Marihuana als Medikament zugelassen werden soll. Zunehmend gingen, so der Report, die Regierungen der Ländern auch dazu über, die Entkriminalisierung des Cannabis-Konsums in Erwägung zu ziehen. Zum anderen hat die EU- Drogenbeobachtungsstelle die vorhandenen Studien über Cannabis im Straßenverkehr ausgewertet und dabei feststellen müssen, dass die Frage, „ob Cannabis die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt und das Unfallrisiko im Straßenverkehr erhöht, bisher nicht eindeutig beantwortet werden kann.“

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Mixed

Rundgang in Ottensen

Veröffentlicht unter www.ottensen.de
Echolot 4/2000 Einkauf für´s Mittagessen

Die Mark schwingt locker in der Hosentasche, klötert zusammen mit dem Feuerzeug den groovigen Rhythmus des flotten Einkaufbummels. Ja, Mann, heute ist im wollenden Swinger-Club wieder Filzlaus-Party. Gut, daß die Marktfrau keine Männer mit Sackjucken erkennt, sonst dürfte ich mir die Möhren kaum selber raussuchen. „Bei uns heißt das Wurzeln und nicht Möhren“, blafft es aus der Öffnung zwischen ihren Schlabberbacken. Hui, die Dame schwingt sich auf den Trecker der derben Lauterkeit. „Sonst noch?“ fragt sie zackig und ich werde hastig. So richtig kommt der bäuerliche Charme nicht an, die Dame nächtigt garantiert in Barmbek und nicht neben dem Acker. Egal, jetzt heißt es Stärke zeigen und ich bestelle Frutti bis zum Abwinken. Unbeeindruckt schaufeln die Hände in den mitgebrachten Jute-Beutel. Vielleicht ist es dieses Öko-Relikt, welches den Respekt ins Wanken bringt. Da hat das Wandeln auf dem Öko-Markt vor drei Tagen mehr Spaß gemacht. Aber da konnte ich auch mit fettigen Bratwurstfingern auf die Petersilie zeigen und mein geblümtes Hippie-Hemd hat mächtig Eindruck gemacht. Aber an diesem Koloß hier prallt das gesamte Instrumentarium zwischenmenschlicher Feinfühligkeiten genauso ab wie mein buntes Jäckchen, welches mein jugendliches Appeal unterstreichen soll. Etwas zu gut gemeint, sie behandelt mich wie einen zehnjährigen, der von seiner Mutter zum Einkaufen geschickt wurde. „Für dreißig Pfennig von denen da.“ Zahlen und fröhlich sein, denke ich und trolle mich zum Eiermann, Klingellingelling.

Liebe ist mein Gefühl für den Mann mit der Mütze, denn bei ihm bricht nie die entbehrliche Äußerung in sein Geschäftsgebahren. „Zwei Mark und Vier“, sagt er immer und sechs braune Eier wechseln den Besitzer. „Danke, Tschüs“, sage ich. Das ist ehrlich-hanseatisches Miteinander, nicht so ein aufgemotzes Mähdreschergehabe. Das tat gut. Jetzt weiter Richtung Fischhöker. Gebrüll empfängt mich an der Kachelbude, der Bartmann denkt mittlerweile bei jedem Kunden, daß eine schwerhörige Alte vor ihm steht. Ich brülle zurück, „Ja, es darf ruhig ein bischen mehr sein.“ Beruhigt gleitet der Rotbarsch in sein letztes Infotainment, die Zeitung von gestern. Da fällt mir prompt was ein.

Richtig dufte ist´s im Zeitungsladen. Umarmungen über den Tresen hinweg, die gezähmte Anarchoszene verkauft jetzt Springer-Ware, aber die autonomen Zellen dürfen weiterhin ihren PKK-Plakate draußen an die Wand babben. „Die TAZ ist ausverkauft“, sagt die Dame freundlich zu mir bevor ich den Mund aufgemacht habe. „Ich will das Gegenteil“, raunze ich zurück, angewidert von der guten Stimmung in dem Laden, und kaufe die FAZ. Ha, der hab ich´s gegeben. Typisch Ottensen, da fliegen auf irgendeinem Parteitag der Grünen Farbbeutel und am nächsten Tag ist die Hofberichterstattung ausverkauft.

Langsam komme ich in Fahrt, drum wackel ich zum Bäcker rüber. Die von Beruf Vollgekrümelte ist die Einzige im Viertel, die meiner Person gerecht wird: Meine Erscheinung belustigt sie. Das kann an der Pudelmütze liegen, die auch im Frühjahr meinen Kopf ziert, oder aber auch an meinen immer frisch formulierten Brotbestellungen.

Mittlerweile ist mein Jute-Sack prall, höchstens noch Platz für ein paar Rauchwaren. In den Fabrikhallen der indischen Nippesproduktion dürften seit Jahren die Maschinen heißlaufen. Ich möchte mich aus rein ethischen Gründen nicht an der weiteren Ausbeutung des Kontinents beteiligen und kaufe im Hippie-Laden nur politisch korrekte Räucherstäbchen. Geballte Liebenswürdigkeit schlägt mir beim betreten des Geschäfts ins Gesicht und ich fühle mich sofort mißbraucht. Kaum noch Herr meiner Sinne stolper ich von Regal zu Regal und drohe mich in dem Goa-Tempel zu verlieren. Im Hintergrund streichelt der Meister die Sitar und ich flüstere mir beruhigende Mantren zu. Heimatmelodien. Mir entfährt ein heftiges „Jippiiieeee“, und ich stampfe drei mal mit dem Fuß auf, bevor ich den Tanzreigen um den Batic-Shirt-Ständer beginne. Um mich rum auf einmal eine Partymeute mit Kulleraugen, wildes Getanze, Glöckchen um anmutige Fußgelenke versprechen zarte Berührungen, in der Ecke dampft das Chillum. Ein Strom ergreift mich und wirbelt meinen Körper zwanzig Meter in die Luft: Das UFO mit Namen Tanzfläche ist gestartet und ich bin mit an Bord. Yeahhh! Meine Nase reißt mich aus dem Traum und wieder beruhigt stehe ich vor den Rauchwaren und schnupper an den Stäbchen. Plötzlich meldet sich mein Sack wieder und damit fällt Licht auf die andere Seite des Mondes. Geistesabwesend zahle ich, draußen locken Sonne und Unterschiede. Mark und Feuerzeug grooven wieder im Schritttempo, von Schuhsohlen zermanschten Kirschblüten entströmt der Grundstoff den ich atme und mit Respekt wieder ausfurze. Mahlzeit.

Jörg Auf dem Hövel

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Psychoaktive Substanzen Specials

Salvia Divinorum

HanfBlatt, Nr. 67/2000

SALVIA DIVINORUM

Lieferant des stärksten aus dem Pflanzenreich bekannten Psychedelikums

Das, was das Gewebe der Realität zerreißt. Salvinorin A. Vorweg: Salvia Divinorum unterliegt in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz. Aber wir wollen die Pflanze kennenlernen, die uns diese bemerkenswerte Substanz liefert.

Salvia divinorum species from Oaxaca (Mexico). Photographed at the Conservatory of Flowers in San Francisco

Salvia divinorum ist eine einzigartige psychoaktive Salbeiart, auch „Wahrsagesalbei“ genannt, die in den Bergen von Oaxaca, einem mexikanischen Bundesstaat, von Mazateken Indianern, die sie „Hierba de la Pastora“ (Kraut der Schäferin) oder „Hierba de la Virgen“ (Kraut der Jungfrau) nennen, für schamanische Rituale gezogen wird. Echte Wildvorkommen sind nicht bekannt. Sie wird nur über Stecklinge (Klone) vermehrt. Praktisch alle im Umlauf befindlichen Stecklinge sollen von nur zwei lange auseinanderliegenden Sammlungen im Herkunftsgebiet abstammen. Man spricht vom sehr bitteren Wasson & (Albert) Hofmann – Klon und dem wohl verbreiteteren Palatable – Klon. Ein wahres Klonwunder also, daß sich gegenwärtig auch hierzulande im Kreise experimentierfreudiger Psychonauten eines regen Interesses erfreut. Die Pflanze ist nicht ganz anspruchslos, was ihre Wachstumsbedingungen betrifft. Sie liebt es warm bei hoher Luftfeuchte und guter Wasserversorgung, viel Licht, aber keine direkte Sonnenbestrahlung und kein Frost, halt so wie in der juten alten Heemat, dem tropischen Bergland der Sierra Mazateca. Wer auf diese Ansprüche Rücksicht nimmt, wird mit schnellem Wachstum belohnt. Das nicht sonderlich attraktive großblättrige Gewächs kann zwei bis drei Meter hoch werden. Auch lassen sich relativ problemlos Stecklinge gewinnen. Im Wasserglas beginnen sie nach zwei bis drei Wochen zu wurzeln.

Der Eigenanbau lohnt, denn im ethnobotanischen Fachhandel werden für 1 Gramm der getrockneten Blätter Preise von durchschnittlich 5 bis 8 DM verlangt. Und ein innerhalb von weingen Monaten auf 1 bis 1,5 Meter hochgeschossener Steckling, kann locker 20 Gramm und mehr getrockneter Blätter liefern. Für Stecklinge werden Preise von durchschnittlich 35 bis 40 DM verlangt. Dabei sollte unbedingt darauf geachtet werden, daß es sich um gesunde grüne, möglichst gut angewurzelte Exemplare handelt. Sie überstehen keine langen Transportzeiten und werden im Falle des Versandes, sofort nach dem Auspacken in eine Umgebung hoher Luftfeuchte verbracht, zum Beispiel in eine Art Reanimationszelt aus durchsichtiger, noch luftdurchlässiger Kunsttofffolie. Regelmässiges Übersprühen mit kalkfreiem Wasser tut es auch. Im Winter stagniert bei uns das Wachstum, wenn man keine künstliche Beleuchtung einsetzt. Im Frühling treiben die Pflanzen wieder aus. Deshalb werden auch Stecklinge meist erst ab dem Frühjahr versandt.

Die Blätter werden üblicherweise während der wärmsten Jahreszeit, also bei uns im Sommer oder Spätsommer geerntet. Ihr Wirkstoffgehalt scheint dann am höchsten zu sein. In den Tropen gewachsene Salvia divinorum soll potenter sein (bis zum 1,5 fachen). Es können sowohl einzelne Blätter als auch ganze Zweigspitzen geerntet werden. Aus den Seitenachseln treiben dann neue Triebe aus.

Die Blätter werden sofort frisch verwendet oder bei Raumtemperatur getrocknet.

Der nicht wasserlösliche Wirkstoff der Blätter kann nur über die Mundschleimhäute oder die Lunge in ausreichend kurzer Zeit in genügender Menge resorbiert werden, um die für einen intensiven Effekt notwendige Schwellendosis im Körper zu überschreiten. Dazu werden verschiedene Einnahmemethoden praktiziert.

1. Die frischen Blätter werden zu einer Art Zigarre gerollt und in die Backe(n) gequetscht, ausgedrückt, zerkaut, wobei man darauf achtet, daß möglichst viel Saft möglichst lange mit den Mundschleimhäuten in Berührung kommt. Das Runterschlucken des Saftes wird herausgezögert. Ist man mit dem Kauen durch, kann noch nachgelegt werden. Für einen Kauvorgang sollten 15 bis 30 Minuten veranschlagt werden. Eine typische Dosis sind 10 große Blätter. Die Blätter schmecken charakteristisch, nicht gerade lecker. Sie können auch bitter sein. Wieweit der Gehalt an zusätzlichen Bitterstoffen vom Klonahnen und der Anbaumethode abhängt, ist noch nicht ganz klar. Spaß bringt die Kauprozedur auf jeden Fall höchstens den Zuschauern.

2. Die getrockneten Blätter werden angefeuchtet und wie ein Pfriem in der Backe plaziert und ausgekaut wie die frischen Blätter. Die getrockneten Blätter schmecken vielleicht einen Tick „besser“ als die frischen, aber auch nur einen „Tick“.

3. Die getrockneten Blätter werden in einer Wasserpfeife geraucht. Dabei kommt es darauf an, möglichst viel Rauch möglichst lange und oft hintereinander in die Lungen zu kriegen. Die minimale gerauchte Dosis liegt bei einem halben Gramm der Blätter. Das ist schon „eine ganze Menge Holz“.

4. Es wird ein alkoholischer Extrakt aus den Blättern gewonnen. Dazu weicht man die getrockneten Blätter meherere Tage an einem dunklen Ort in soviel möglichst reinem trinkbarem Alkohol (Weingeist) ein, daß die Blätter bedeckt sind. Schließlich wird abgefiltert. Der erhaltene Extrakt kann nun durch Verdunstenlassen des Lösungsmittels weiter konzentriert werden. Läßt man den Alkohol vollständig abdunsten, erhält man einen schon recht konzentrierten nahezu festen Extrakt, der geraucht werden kann.

Der alkoholische Flüssigextrakt wird eingenommen, indem man ihn entweder leicht verdünnt mit Wasser oder pur ( vorsicht „brennt“) in den Mund nimmt und die Schleimhäute möglichst lange umspülen läßt. Für minimale Effekte sollte der Extrakt mindestens einer Ausgangsmenge von 2 Gramm der getrockneten Blätter entsprechen. Es werden oft viel höhere Dosierungen genommen. Die Potenz des Extraktes ist natürlich auch vom eingesetzten Ausgangsmaterial abhängig. Deshalb sind erhebliche Schwankungen möglich.

Der Festextrakt wird geraucht, indem man ihn möglichst vollständig verdampft und in möglichst wenigen lange einbehaltenen Zügen inhaliert. Auch hier wird das Äquivalent von mindestens einem halben Gramm der Blätter, oft aber eher das von ein bis vier Gramm der Blätter geraucht um eine deutliche Wirkung zu erzielen. Verdampfungsmethoden werden dem banalen Rauchen vorgezogen.

5. Es wird über einen komplizierten Extraktionsprozeß der reine Wirkstoff Salvinorin A gewonnen, beziehungsweise ein hochkonzentrierter Extrakt hergestellt. Der reine Wirkstoff wird von einer ausgeglühten Alu-Folie oder in einer Haschölpfeife verdampft und inhaliert. Die gerauchten Dosierungen liegen zwischen 0,3 und 2 Milligramm, sprich 0,0003 und 0,002 Gramm! Da dies für einen Laien äußerst schwer zu dosieren ist, hat man Salvinorin A auch in einem Verhältnis von 1 zu 25 auf die getrockneten Blätter aufgebracht, von denen dann 25 Milligramm, also 0,025 Gramm, eine typische Rauchdosis darstellen, die in einem Zug inhaliert werden kann. Bislang ist der reine Wirkstoff nur in einer kleinen Szene mehr oder weniger erfahrener Underground-Psychonauten in den USA, insbesondere in Kalifornien, zum Einsatz gekommen. Einer dieser Psychonauten, Mister „D.M. Turner“, hat ein sehr lesenwertes Buch über Erfahrungen mit Salvinorin A geschrieben. („Salvinorin. The Psychedelic Essence of Salvia Divinorum.“ Panther Press, San Francisco, 1996, ISBN 0-9642636-2-9). Ein deutsches Büchlein wird von Herrn Bert Marco Schuldes mit äußerster Spannung erwartet.

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Was hat es nun mit der merkwürdigen Wirkung dieser Pflanze auf sich? Es handelt sich bei dem Wirkstoff Salvinorin A um das stärkste aus der Pflanzenwelt bekannte Psychedelikum. Obendrein noch um ein Diterpen, also eine Substanz, die sich von den anderen bekannten Psychedelika chemisch erheblich unterscheidet.Wie Insider zu berichten wissen, scheinen Erfahrungen mit der Inhalation der geradezu winzigen Wirkstoffmengen von einer solchen Intensität und dermaßen bizarr, außer Kontrolle geraten und beängstigend zu sein, daß kaum jemand Lust auf die Wiederholung eines solchen Törns verspürt. Erfahrungen mit dem reinen Wirkstoff sind bei uns gegenwärtig sehr selten. Dagegen haben sich viele Leute schon durch die erheblich geringer konzentrierten alkoholischen Extrakte oder die Blätter getestet, oder sollte man besser gekämpft sagen?! Mit unterschiedlichen Ergebnissen. Es scheint so, als müsse man das Gespür für die oft recht subtile Wirkung erst entwickeln. Vielleicht gibt es eine individuelle Schwellendosis. Und selbst wenn soetwas wie ein typischer Salvia-Raum des Bewußtseins erreicht wird, übt dieser auf einen Großteil der Konsumenten keinen sonderlichen Reiz aus. Dann gibt es aber auch wieder die besonders Sensiblen, die sich von der eigenartigen Bilder- und Gefühlswelt, die sich mittels Salvia erschliessen lassen kann, faszinieren lassen und sich zu wiederholten Besuchen aufmachen.

SALVINORIN A
SALVINORIN A

Lassen wir einfach mal einen Experimentierer berichten:

„Mir erging es so, daß ich einige Male mehr und mehr der Blätter oder des Extraktes geraucht und gekaut hatte, und doch schon recht „breit“ wurde, ohne mir darüber klarzusein, wie breit ich eigentlich war. Wenn ich die Augen schloß, spürte ich eine Intensität, die sofort verschwandt, wenn ich die Augen öffnete und mich Vertrautem zuwandte. Ich hatte das Gefühl, immer noch nichtgenug genommen zu haben. Andererseits hatte ich doch deutliche Koordinationsstörungen. Am Telefon lallte ich noch umständlicher als sonst. Musik kam gut. Als ich mir bei einer Gelegenheit im Foyer des Gruner & Jahr-Affenfelsens eine Fotoausstellung ansah, war ich keineswegs außer Kontrolle. Aber der merkwürdige Zustand, in dem ich mich befand, im Kontrast zu dem was ich tat, in Kombination mit dem wohlschmeckenden Lakritzeis, an dem ich wollüstig schleckte, beflügelte mein Amüsement, ohne daß ich genau sagen könnte, wie es mir emotional ging…

Auch die Kombination mit der Inhalation geistbeflügelnder Hanfdämpfe konnte mich nicht vollständig in einen Bereich bringen, den ich endgültig als Salvia-Space akzeptiert hätte, obwohl sie dem Ganzen eine spannendere Note verlieh…

Ein anderes Mal war der Bann dann schließlich doch gebrochen. Mittels des im Mundraum zerfliessenden konzentrierten alkoholischen Extraktes, spät in der Nacht. Ich hatte einen ganzen Film halluzinogener Visionen, insbesondere bei geschlossenen Augen. Und das Ganze von kristallklar kitschig-trivialer Intensität. Szenerien, wie durch ein vorgeschaltetes Auge oder ein Fischauge gesehen, vor einer Kulisse sanft fliessender holzmaserungsartiger Muster mit immer wieder wechselnder Motivwahl, …bunte Fische, spielende Delphine, ein Pingiun auf einer Eisscholle, jetzt sich tummelnde Wale in der Abenddämmerung…Banale graphisch perfekte bunte Bilder aus einer herrlich heilen Welt, aus dem Innern meines Geistes, aber doch auch wie FÜR MICH auf eine innere Leinwand projiziert. Aber auch hier: Beim Öffnen der Augen spüre ich zwar noch die Stärke der Droge, könnte mir aber fast einbilden, völlig nüchtern zu sein, bilde ich mir ein. Wie von selbst schliessen sich die Augen und ich gebe mich der urigen Energie und den eigenartigen Bildern wieder hin. Überraschend, ein schönes beeindruckendes Erlebnis.

Zwei Tage später nochmal mit einer erheblich höheren Dosis. Sofort, der Wunsch aufzustehen, keinen Bock zu liegen und auf Visionen zu warten, zu den anderen ins Wohnmobil rübergehen. Enthemmt, albern, völlig schräge drauf, alles ist schräge, irgendwie auch leicht halluzinogen verändert, schräge eben, auch räumlich, Schräglage. Schön, könnte ruhig noch stärker sein. Die Wirkung ist wie üblich kurz. Vielleicht eine halbe Stunde recht kräftig, nach zwei Stunden verflogen…

Als Nachwirkung hatte ich manchmal leichte Kopfschmerzen, besonders nach der Raucherei.“

Noch ist (mir) nicht klar, wo und wie genau Salvia divinorum und insbesondere der obskure Wirkstoff Salvinorin A in der Familie der Psychedelika einzuordnen sind. Es bleibt abzuwarten, ob es sich bei Salvia divinorum-Konsum nur um eine vorübergehende Modeerscheinung handelt, oder ob sich tatsächlich ein Stamm von Liebhabern etablieren wird. Vielleicht muß tatsächlich erst das morphogenetische Feld für eine Art Salvia divinorum -Konsens-Space erkaut und erraucht werden. Wer weiß? Oder wird gar das reine Salvinorin A als neuer Renner auf dem Markt psychedelischer Möglichkeiten auftauchen? Die Wirkungsbeschreibungen in den vorliegenden Berichten klingen eigentlich nicht so verlockend. Hört sich eher nach kosmischer Verwirrung oder gar psychedelischem Nihilismus an. Sollte das das Ende der Fahnenstange sein? Ich hoffe nicht.

Exkurs:

Die attraktiven Coleus-Arten: Verwandte der Salvia divinorum?

Eine Varietät des schnellwachsenden und wegen ihrer schönen meist mehrfarbigen Blätter als Topfpflanzen beliebten Coleus blumei-Sträuchleins und die weniger bekannte Coleus pumilus gelten bei den Mazateken-Indianern als nahe Verwandte der Salvia divinorum und stehen in einem gewissen Ansehen. Sie werden ähnlich wie diese in Heilungszeremonien eingesetzt, indem man die frischen Blätter zerquetscht und mit Wasser aufgeschwemmt zu sich nimmt oder sie zerkaut, so heißt es. Dieses Wissen animierte Undergrozndfreaks über Jahrzehnte hinweg immer wieder zu fruchtlosen Selbstversuchen mit den bei uns erhältlichen Topfpflanzen. Lasset euch gewarnt sein: Das bei uns gewachsene Coleus blumei-Kraut ist ein Augenschmauß, aber kein Gaumenkitzel. Im Gegenteil: Es schmeckt fürchterlich, und obendrein wirkt es nicht. Auch nicht, wenn man es in getrockneter Form raucht. Die original im tropischen Mexiko gewachsenen Varietäten dagegen sollen tatsächlich, wenn man sie beispielsweise raucht, einen durchaus spürbaren Effekt entfalten. Dafür verantwortliche Wirkstoffe sind bis dato nicht bekannt.

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Und hier ein Interview mit dem Salvia Experten Daniel Siebert

 

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Ashwagandha

HanfBlatt, Nr. 65, April 2000

Ashwagandha

Ashwagandha, botanisch Withania somnifera, im Deutschen „Schlafbeere“, englisch „Winter Cherry“, ist ein bis zu eineinhalb Meter hoch wachsender Strauch aus der Famlie der Nachtschattengewächse mit auffallenden korallenroten Früchten, die an die leckeren Kapstachelbeeren erinnern, aber ungeniessbar sind. In der traditionellen indischen Kräuterheilkunde, der ayurvedischen Medizin, spielt Ashwagandha eine bedeutende Rolle. Ashwagandha gedeiht in Indien, Sri Lanka, Pakistan, Afghanistan und anderen asiatischen Ländern. Die Pflanze wächst wild in trockeneren Ödlandgebieten, wird aber auch angebaut. Sie findet sich auch in weiten Teilen Afrikas und in Südeuropa. Wo sie gedeiht, wird sie in der Regel medizinisch genutzt, so zum Beispiel in dem momentan so angesagten Südafrika (wo sie auf Afrikaans „geneesblaarbossie“ genannt wird).

Schon die alten Ägypter schätzten die Pflanze. So soll sie beispielsweise in Girlanden, die die Mumie von Tutanchamun schmückten, nachgewiesen worden sein. Bei der im alten Indien als Aphrodisiakum geltenden Wunderwurzel „jangida“ soll es sich um Withania somnifera gehandelt haben. Im arabischen Raum war ihre narkotische schlaffördernde Wirkung bekannt. Der syrische Name „Sekran“ bedeutet „Rauschmittel“.

Traditionell werden die Blätter, die Wurzel und hiervon insbesondere die Wurzelrinde angewandt. In Indien gilt die getrocknete Ashwagandha-Wurzel als verjüngendes Tonikum, als Stimulans und Aphrodisiakum, aber auch als Narkotikum. Es wurde und wird bei zahlreichen Symptomatiken eingesetzt, so unter anderem bei rheumatischen Erkrankungen, bei Ängstlichkeit, Nervosität und Schlafstörungen, bei Stress, in der Rekonvaleszenz, bei Appetitlosigkeit, bei Immunschwäche sowie Alterungserscheinungen wie zum Beispiel seniler Debilität, insgesamt ein Anwendungsfeld, das dem der Ginsengwurzel sehr ähnlich ist. Ashwagandha wurde deshalb auch als „Adaptogen“ kategorisiert und „Indischer Ginseng“ genannt. Auffallend ist auch eine gewisse harntreibende Wirkung. Zudem soll sie blutdrucksteigernd, schleimreduzierend und antiasthmatisch wirken und positiven Einfluss auf die Verdauung nehmen. Aufgrund wahrscheinlicher antibakterieller Wirkungen wird das Wurzelpulver, häufiger allerdings noch die Blätter, traditionell äusserlich bei Schwellungen, Entzündungen und Geschwüren aufgetragen.

Als Hauptwirkstoffe hat man Steroidlactone vom Typ der Withanolide extrahiert.

Sehr preiswert lassen sich die Ashwagandha-Wurzeln in den Heimatländern der Pflanze, zum Beispiel in indischen Kräuterläden erwerben. Bei uns ist sie frei verkäuflich und bisweilen im ethnobotanischen Fachhandel erhältlich. In indischen Apotheken erhält man potente aber nicht unbedingt nach europäischen Massstäben standardisierte Präparate, die konzentrierten Ashwagandha-Wurzelxtrakt enthalten, zum Beispiel „Dabur Ashwagandha Capsules“ mit jeweils 300 mg Extrakt pro Kapsel.

Als therapeutische Dosierung werden 2 mal täglich 300 mg des Extraktes empfohlen. Wer jedoch auch psychisch eine Entspannung spüren möchte, die subjektiv an Baldrian, Kava-Kava und Ginseng erinnern mag, erhöht diese Dosis meistens. Als entspannendes, hingabeförderndes, sowie erektionsverlängerndes Aphrodisiakum werden in Indien 2 bis 4 Gramm des Wurzelpulvers mit Milch gekocht, eventuell mit Zucker, Honig und Langem Pfeffer (botanisch Piper longum) aufgepeppt oder einfach mit Butterschmalz vermengt eingenommen. Die Dosierungen bei Erkältung und Husten, bei Rheumatismus und bei „Genereller Debilität“ liegen ebenfalls in diesem Bereich. Höhere Dosierungen gelten nicht als gefährlich, allenfalls als einschläfernd.

Die Einnahme von extrakthaltigen Kapseln ist am wirkungsvollsten. Es kann auch die feingemahlene Wurzel in Kapseln eingenommen werden. Aus der pulverisierten oder kleingehäkselten Wurzel lässt sich eine nicht besonders angenehm schmeckende Tee-Abkochung zubereiten, die sich allerdings mit Gewürzen, Süssungsmitteln etc. verfeinern lässt. Durch längeres Einlegen in hochwertigen Wodka lässt sich ein alkoholischer Auszug herstellen. Es ist möglich die Wurzel zu kauen, was auch gegen Zahnschmerzen helfen soll. Sie kann sogar geräuchert oder geraucht werden, eine traditionell zum Beispiel bei Asthma angewandte Methode.

Einen gewissen Ruf hat sich Ashwagandha unter Hanfliebhabern als rekreativ eingesetzter relaxender Wirkungsverstärker erworben. Der Wurzel werden Entspannung und Aphrodisie verstärkende Eigenschaften zugesprochen. Wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Themenkomplex stehen leider wie so oft noch aus. Ob sich die in ihren Heimatländern hochangesehene und als weitgehend unbedenklich geltende Wurzel bei uns als Heil- oder gar softes Genussmittel etablieren wird, bleibt abzuwarten.

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Der Pulsschlag des Prozessors

Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.03.2000

 

Im Silicon Valley ist mit „The Tech“ das Denkmal des Informationszeitalters entstanden

Im Herzen von San José, 60 Kilometer nördlich von San Francisco, hat sich das Silicon Valley ein Denkmal seiner selbst gesetzt. Auf drei Etagen entstand ein Museum der jüngsten Vergangengeit – hier wird das technische Zeitalter gepriesen. Bescheidener Name des Ende 1998 eröffneten Baus: The Tech.

Der Besucher spielt mit all dem, was draußen im Tal täglich erfunden wird. Die Leitung legt Wert auf das interaktive Erfahren, die meisten der Ausstellungsstücke sind bedienbar – ob die virtuelle Bobfahrt durch den Eiskanal, der nachgebaute Reinraum zur Chipherstellung oder das digitale Studio, in dem der Gast sich filmt und später zusammen mit Superman seine Runden fliegt. Spielerisch soll das vor allem junge Publikum den Zugang zur Welt der Prozessoren erhalten, um so Technik-Ängste erst gar nicht entstehen zu lassen.

the techPeter B. Giles, Präsident und CEO des The Tech ist sich seines erzieherischen Auftrags bewußt: „Unser Ziel ist es, nicht nur zu informieren und zu unterhalten, sondern zum Denken anzuregen und den Entdecker in jedem zu wecken. Vor allem wollen wir der jungen Generation ihr Verhältnis zur Technik zu zeigen.“ Die immer intimer werdende Beziehung zwischen Mensch und Maschine sieht Giles positiv. „In Zukunft werden wir anders arbeiten, spielen und lernen“, ahnt er und fügt hinzu, „das wird alle Lebensbereiche betreffen“. Die Techno-Generation soll sich ihre Welt erschaffen, finanziert wird sie dabei von den Urvätern des Fortschritts. Über 500 Firmen aus dem Silicon Valley haben sich an dem 113 Millionen Dollar Projekt beteiligt, die Kosten belaufen sich auf 11 Millionen Dollar jährlich.

Brad Whitworth von Hewlett-Packard folgt der Religion des digitalen Tals. Er ist bei dem Computer-Giganten für den reibungslosen Übergang ins nächste Jahrtausend zuständig. Als „Y2K-Manager“ muß er dafür sorgen, daß auf dem Globus am 1. Januar 2000 alle Hardware-Produkte seiner Firma ohne Murren hochfahren. Ob PCs, Drucker oder komplexe Anlage zur chemischen Analyse; die Produktpalette von HP ist breit und überall kann der Fehlerteufel sitzen. Der heiße Stuhl, auf dem Whitworth sitzt, läßt in äußerlich kalt. „Das Jahr 2000 ist der erste große Test, ob die Technik der Feind oder der Freund der Menschheit ist“, polarisiert Whitworth. Er ist sich schon jetzt sicher, alle Eventualitäten des Elektro-Kollaps ausgeschlossen zu haben und damit erneut zu bestätigen, was für jeden im Tal eh schon feststeht: Die Technik ist der Segen der Zivilisation. Die Silvester-Nacht will Whitworth in aller Ruhe am heimischen Kamin verbringen, sie ist für ihn schon jetzt eine gelöste Aufgabe, nie ein Problem gewesen, schon Vergangenheit. Seine Gedanken richten sich in die nahe Zukunft, deren Basis er jenseits der elektronischen Informationsverarbeitung sieht, in der Biotechnologie. „Das wird der nächste Sprung in der Geschichte der Technologie.“ Whitworth verkörpert den Idealtypus der amerikanischen Info-Elite: Schnell, zielstrebig und immer auf der Suche nach dem nächsten Hype.

Das Kapital in der High-Tech Area war noch nie darum verlegen, ständig lukrativen Chancen wahrzunehmen, sich selbst zu vermehren. Im vergangenen Jahr investierten Risikokapitalgeber 3.3 Milliarden Dollar in junge, aufstrebende Unternehmen, die Hälfte davon in Software- und Internetfirmen. Aber die Realität der sattsam bekannten Bilderbuchkarrieren ist für die Menschen nicht immer rosig. Zwar entstehen noch immer 20 Firmen in der Woche und ebenfalls wöchentlich geht ein Unternehmen aus dem Valley an die Börse, der Preis dafür sind aber enorme Belastungen für alle Beteiligten.

„Sie sind besessen, sie denken nur an ihr zauberhaftes Design oder ihr magisches Produkt“, erinnert sich Miroslaw Malek, Professor für Informatik an der Humboldt-Universität zu Berlin, der einen mehrjährigen Forschungsaufenthalt im Silicon Valley verbrachte. Aus Sicht eines Europäers mutet die Arbeitsethik im High-Tech-Zentrum der USA grotesk an. 12 bis 18 Stunden täglich und das sieben Tage in der Woche sind durchaus üblich, die Firmen sind rund um die Uhr besetzt, der hauseigene Babysitter sorgt für den Nachwuchs, das Fitnesscenter für den Körper. Und wenn es mal wieder zu lange gedauert hat, stehen sogar Räume zum Übernachten bereit. Die Trennung von Arbeit und Privatleben existiert im Tal der Chips nicht, nur so ist es auch zu erklären, daß die Scheidungsrate in der Region bei über 60 Prozent liegt.

Im Museum The Tech
In der Museums-Gallerie herrscht mittlerweile Hochbetrieb. Sechsklässler aus einer Schule in San José haben den Chat-Raum entdeckt und suchen gerade ihre virtuellen Stellvertreter für die Kontaktaufnahme via Internet aus. Eine Comic-Figur wird dazu am Computer mit Charaktereigenschaften ausgestattet und betritt danach den Chat-Raum. Mike hat sich einen rüstungsbewehrten Ritter als alter ego ausgesucht und surft nun fast unschlagbar durch die neue Welt. „Dort kann ich mich mit anderen Jungs treffen und über die neuesten Computer-Spiele reden“, sagt Mike begeistert und wendet sich wieder schnell dem Monitor zu, um im laufenden Dialog nicht den Faden zu verlieren. Auch seine Klassenkameraden spielen begeistert an ihrem Übergang in den Cyberspace. „Die Kinder sind schier verrückt danach“, erklärt Kris Covarrubias vom Museum.

Die fortschreitende Verschmelzung von Technik und Körper wird ein paar Meter weiter verdeutlicht. Ein Ultraschallgerät zaubert den inneren Aufbau der Hand auf einen Bildschirm – die Weichteile, die Knochen und der Fluss des Blutes werden sichtbar. Was sonst werdende Müttern begeistert, ist hier für jeden nachvollziehbar: Der Blick in den Organismus. Im nächsten Raum ist eine Thermokamera unter der Decke installiert. Sie zeigt dem Betrachter die Hitzeausstrahlung des eigenen Körper – freiliegende Teile wie Kopf und Hände strahlen rot, während die gut isolierten Füße im Dunklen bleiben. Über 250 interaktive Ausstellungsstücke bilden in The Tech ein Konglomerat von elektronischen und mechanischen Geräten. Alle zeigen, daß die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, daß Human-Tech-Interface, immer besser funktioniert. Und die Firmen des Tals arbeiten mit Hochdruck daran, daß diese Affäre noch inniger wird.

Eine Gruppe von Asiaten taucht im Raum auf und bestaunt den perfekt simulierten Operationsroboter, der in der Praxis künstliche Adern in den Patienten einsetzt. „Mehr Geschwindigkeit, weniger Kosten“, stellt ein Mann fest. Was wie die Strategie eines Amphetaminhändlers klingt, ist in Wahrheit die praktizierte Maxime des Tals. Nur wer mit ständig neuen Produkten den Markt sättigt oder erst schafft überlebt. Indes hat sich die enorme Geschwindigkeit der Produktionszyklen vollends auf den Lebensrythmus der Menschen im Tal übertragen.

the tech

John DiMatteo hat sich der Abhängigkeit entzogen. Mit Ruhe genießt er das Essen beim Chinesen und erzählt: „Früher ging mir das genauso wie allen anderen im Silicon Valley. Ich habe am Tag 18 Stunden gearbeitet, am Wochenende Unterlagen mit nach Hause genommen und Nachts von der Arbeit geträumt. Freizeit gab es für mich nicht.“ Früher für den Elektronikkonzern ITT tätig, verdient DiMatteo heute bei Read-Rite, dem weltgrößten Hersteller von Leseköpfen für Festplatten, als Direktor der Unternehmenskommunikation sein Brot. Auch er kennt die Sehnsucht, die den Tellerwäscher zum Millionär werden läßt. „Es sind Visionäre und Träumer, die hier im Tal in einer Garage eine Firma gründen. Und wenn sie beim ersten Mal mit ihrer Idee scheitern, versuchen sie es halt wieder. Es klingt abgedroschen, aber hier kann es jeder schaffen.“ Die Idee, die hinter dieser Kraft steckt, bringt DiMatteo auf eine einfache Formel. „Es geht nur um zwei Dinge: Geld und Macht“, sagt er und bricht dabei den chinesischen Glückskeks auf, der zum Dessert gereicht wird: „Nutze die günstige Gelegenheit um Deine Karriere zu fördern.“

Trotzdem die Region im Ruf der jungen Entrepeneure steht, ist die Zahl der gescheiterten Existenzgründungen hoch. Rund die Hälfte der Unternehmen überleben den Kampf auf dem Markt, der Rest geht nach spätestens einem Jahr pleite. Das „Silicon Valley Network“, eine Non-profit Gesellschaft, welche die wirtschaftliche Entwicklung des Bezirks seit Jahrzehnten beobachtet, zählte im letzten Jahr genau 92 Firmen, deren Entwicklung sie als „kometenhaft“ einstufte. Dies bedeutete gegenüber dem Vorjahr zwar eine Steigerung um knapp 40 Prozent, zugleich nahm aber 1998 die Rate der exportierten Waren seit 1990 das erste Mal ab. Die Asienkrise zeigte hier ebenso Wirkung wie das Verlangen des Computer-Marktes nach immer mehr Leistung zu niedrigeren Preisen. Die soziale Schere klafft zudem im Silicon Valley von Jahr zu Jahr weiter auseinander. Während Manager und Softwareentwickler zwischen 1991 und 1997 eine Einkommensteigerung von 19 Prozent verbuchen konnten, nahm das Einkommen der Arbeiter um 8 Prozent ab. Ein leitender Angestellter verdiente 1997 somit etwa 130 Tausend Dollar, ein Arbeiter nur 34 Tausend Dollar im Jahr. Der Bericht des „Silicon Valley Network“ drückt es vorsichtig aus: „Nicht alle Einwohner partizipieren an der guten Wirtschaftslage.“


The Tech

Vier Themengallerien führen durch The Tech.


(1) Lebenstechnik: Die menschliche Maschine. Medizinische Technologie rettet Leben und erweitert die menschlichen Fähigkeiten.

(2) Innovation: Silicon Valley und seine Revolutionen. Chipherstellung, das eigenen Gesicht als 3-D Animation mit Farblaserausdruck, Design einer Achterbahn mit anschließender Fahrt.

(3) Kommunikation: Globale Verbindungen. Die persönliche Homepage in fünf Minuten im Netz, Cyberchat mit der Welt, das digitale TV-Studio.

(4) Erforschung: Neue Grenzen. Ein steuerbares Unterwassermobil, ein Mondfahrzeug, eine Erdbebensimulation.

Adresse: 201 S. Market Street San Jose, CA, USA Tel: 001 – 408 – 795 – 6100 Fax: 001 – 408 – 279 – 7167 http://www.thetech.org

Silicon Valley

In dem kleinen Tal 60 Kilometer nördlich von San Francisco drängen sich die großen der IT-Branche. Die 7000 Soft- und Hardwarefirmen rekrutieren ihre jungen Mitarbeiter aus den nicht weit entfernten Universitäten Stanford und Berkeley. Intel, der Prozessorgigant, der noch immer fast 80 Prozent der PCs auf dem Globus mit Chips besetzt und Hewlett-Packard, die nach IBM umsatzstärkste Computerfirma der Welt sitzen hier ebenso wie Apple, Sun und Silicon Graphics. Netzwerkhersteller Cisco, 3Com, Bay Networks beherrschen den Markt, die drei größten Datenbankentwickler Oracle, Sybase und Informix haben ebenfalls im Silicon Valley ihren Hauptsitz. Aber auch die Internetfirmen wie Netscape und AOL betreiben vom digitalen Tal aus ihre weltweiten Geschäfte. Das Einkommen liegt um 55 Prozent höher als im Rest der USA, mit weniger als 100 Tausend Dollar im Jahr braucht hier kein Software-Entwickler nach Hause gehen.

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Freie Software soll den Markt revolutionieren

Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.03.00

Vom Nutzer zum Entwickler

Wird Open Source den Software-Markt revolutionieren?

Ein Anwalt des Software-Herstellers Microsoft bezeichnete den Programmcode des Betriebssystems Windows 95 einmal als „eines der wertvollsten und geheimsten Stücke geistigen Eigentums auf der Welt“. Geistiges Eigentum sichert die Geschäfte, so ist zumindest die landläufige Meinung. Im Source Code (Quelltext) eines Programms steckt die Arbeit der Programmierer, er ist das Kapital einer Firma und sein Geheimnis wird gegen jedweden Kopierversuch gehütet. Seit einiger Zeit aber ist Spannung in die Branche gekommen, denn das eherne Gesetz der verschlossenen Quelltexte ist in Auflösung begriffen. Die Methode des Open Source, der offenen Quelltexte, verspricht bessere Programme bei niedrigeren Kosten. Begriffe wie Linux, Copyleft und natürlich Internet stehen für die erwünschte Revolution auf dem Markt. Was dabei oft vergessen wird: Ohne die Idee der Freien Software wäre Open Source nie zu einer Alternative zur gängigen Distributionsmethode für Computerprogramme geworden.

Der Gedanke hinter Open Source ist einfach: Der in Programmiersprache geschriebene Quelltext wird von seinem Entwickler frei gestellt. Damit liegen Algorithmen, Schnittstellen und verwendete Protokolle offen. Andere Programmierer können den Quelltext begutachten, verändern und –je nach Lizenz- auch weiterverbreiten. Mit dem Internet steht eine Infrastruktur zur schnellen Veränderung und Kommentierung zur Verfügung. Systemadministratoren und Sicherheitsfachleute fordern schon lange die Öffnung der Programme, denn liegen die Quelltexte erst einmal offen, lassen sich Programmfehler, die sogenannten „Bugs“, Hintertüren und trojanische Pferde eher entdecken. Die in regelmässigen Abständen für Unruhe sorgenden Sicherheitslöcher in Browsern, Webservern oder Office-Anwendungen würden mit offenen Quelltexten schnell gestopft. HTML, die Formatierungssprache aus der die Seiten im WWW bestehen, ist ein anschauliches Beispiel für offenen Code. Im Browser kann sich jeder unter dem Menupunkt „View Source“ ansehen, wie eine Webseite aufgebaut ist, sie studieren und das Gelernte auf den eigenen Seiten anwenden.

Die historischen Anfänge von Open Source liegen in den 80er Jahren. Richard Stallmann, ein Programmierer am Massachusetts Institut for Technology (MIT), war unzufrieden mit der Tatsache, dass es nur noch proprietäre Software für Computer gab. Es gab zwar unterschiedliche Betriebssysteme (DOS, Unix), weder durfte man aber Kopien mit anderen Nutzern austauschen, noch erfahren, wie das Programm funktionierte. Gemeinsam mit anderen Programmierern schrieb er aus diesem Grund ein Unix-kompatibles, aber freies Programm. Sinn für Humor beweist schon die Namensgebung des ersten freien Betriebssystems: GNU steht für „GNU is not Unix“, die Auflösung der Abkürzung dreht sich im Kreis und ist damit Kind der zirkulären Logik. Nach und nach enstanden die Systemkomponenten: Der GNU Emacs entwickelte sich schnell zu einem der beliebtesten Editoren auf Unix-Rechnern, der GNU Compiler war als schneller Umsetzer von Programmcode bekannt. 1984 gründete Stallmann die Free Software Foundation, die sich der Verbreitung der Idee von freier Software verschrieben hat. Der begriff der Freien Software besitzt für Stallmann keine Relevanz in Hinblick auf den Preis. Freie Software kann, muss aber nicht gratis sein. Der Schwerpunkt liegt auf dem Wort „Frei“: Jedermann hat das Recht, Freie Software zu verändern und auch die modifizierten Versionen weiter zu verteilen. Um zu verhindern, dass aus freiem und offenem Code proprietäre Software wird, untersteht alle GNU-Produkte dem sogenannten Copyleft. Danach kann jeder das Programm kopieren und verändern, diese Versionen müssen aber ebenfalls Freie Software sein. Der Sinn dieses Vorgehens geht weit über die Verbreitung von freier Software mit offenen Quelltexten hinaus. Mit der GNU-Software sollte sich die Idee einer Gemeinschaft verbreiten, die sich gegenseitig ohne finanzielle Interessen hilft. Stallman gilt heute als einer der striktesten Vertreter dieses Konzepts. Er selbst sagt: „Wenn Softwar e proprietär ist, wenn es einen Eigentümer gibt, der ihren Gebrauch einschränkt, dann können Benutzer keine Gemeinschaft bilden.“

Abseits der politischen Ideenlehre der Free Software Foundation schrieb der Finne Linus Torvald 1991 den lange fehlenden Kern eines GNU-Betriebssytems, den sogenannten Kernel, und nannte das System „Linux“. Für die Bewegung der Freien Software ein zweischneidiges Schwert, denn obwohl nun endlich ein voll funktionstüchtiges, freies Betriebssystem zur Verfügung stand, koppelte sich durch den primär technisch orientierte Torvald die Philosophie von der Software ab. Für Stallmann die grösste denkbare Katastrophe: „Dies System, das wir so entwickelt haben, dass es allein wegen seiner technischen Fähigkeiten, wegen seiner Überlegenheit immer bekannter wird, nutzen nun immer mehr Leute, die sich überhaupt nicht um die Freiheit kümern. Und nicht nur das – sie bekommen überhaupt keine Chance sich darum zu kümmern, weil überhaupt niemand ihnen davon erzählt.“ Schon 1989 sprach ein Teil der Hacker-Gemeinschaft nicht mehr von Free Software, sondern von Open Source. Das war für Stallmann und seine Mitstreiter nur solange kein Problem, wo diese Unterscheidung der Begriffsentwirrung von „frei“ und „gratis“ diente. Die Apologeten der Freien Software werfen Teilen der Open Source Bewegung aber vor, diese Namensgebung vorgenommen zu haben, um sich zukünftig mehr am Markt als an der Gemeinschaft, mehr am Geld als an der Kooperation zu orientieren. So gesehen stellt Open Source auf ihr Potenzial ab, bessere Software zu entwickeln, ohne dabei über die zugrunde liegende Idee von Freiheit, Gemeinschaft und Prinzipien zu sprechen. Freie Software und Open Source beschreiben im Kern die gleiche Kategorie von Software, zielen aber in ihren Aussagen auf andere Werte. Stallmann ist nach wie vor überzeugt, dass Freiheit, und nicht nur Technik bei der Entwicklung von einem Gut, welches mittlerweile massgeblich zum Funktionieren der westlichen Hemissphäre beiträgt, wichtig ist. Moderatere Ansichten in de r Open Source Gemeinde gehen dagegen davon aus, dass kommerzielle Software durchaus zur Verbesserung der Gesamtleistung von Freier Software beitragen kann.

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Man könnte Stallmanns Beharren auf die reine Lehre als den Starrsinn eines alt gewordenen Blumenkind ansehen, wenn nicht der Erfolg der bisherigen Projekte der Freien Software Bewegung im Recht geben würde. Linux, jüngst acht Jahre alt geworden, läuft inzwischen weltweit auf schätzungsweise zehn Millionen Computern und wird aufgrund seiner durchsichtigen Architektur und der damit verbundenen Anpassungsfähigkeit geschätzt. Die Spezialeffekte für das Film-Epos „Titanic“ wurden unter Linux berechnet. Sendmail ist der Standard für den Transport von E-Mail im Internet, Apache ist der verbreiteste Webserver, etwa 58 Prozent der Internet-Hosts laufen unter dem Programm. Die Übersetzung der Rechnernummer im Netz (62.144.161.32) in einen Namen (www.faz.de) setzt auf Bind (Berkeley Internet Name Server) auf. Tim Berners-Lee hob das WWW aus der Taufe, damit Physiker untereinander neue Erkenntnisse austauschen können. Alle diese Programme wurden unter der Maxime einer Vereinfachung von Kommunikation zwischen Menschen geschrieben und sind noch heute Open Source.

Wo offener Quellcode früher als Spielwiese für Programmierer galt, schickt sich Open Source heute an, zur Software-Entwicklungsmethode des kommenden Jahrhunderts zu werden. Industriegrößen wie Datenbankanbieter Oracle oder die jüngst von Sun aufgekaufte Hamburger Star Division bieten ihre Programme für Linux an. Umsonst. SAP präsentierte auf der diesjährigen Cebit seine Standardsoftware R/3 in einer Linux-Version. Hasso Plattner, Vorstandssprecher der SAP AG, begründete diesen Schritt mit „einer beachtlichen Anzahl von Kundenanfragen“. Bislang liegen die Erfolge von Linux vor allem dort, wo kleine Serverlösung gefragt ist. Darüber hinaus schlüpft es als Lückenbüßer in die Rolle eines Netware- oder Windows NT-Servers, wenn diese nach anfänglich großen Investitionen nicht das leisten, was der Preis beinhalten müsste. Das Web ist voller Geschichten, in denen die Linux-Lösung dann das leistete, was man sich eigentlich von den kommerziellen Systemen versprochen hatte. Dieser Erkenntnis folgen zunehmend kleinere Firmen, die ihre Dienstleistungen, etwa Netzinstallation und Wartung, gern mit Linux-Hilfe erbringen. Während die Einen hier das Aufsteigen einer neuen Ökonomie sehen, dessen Grundlage nicht mehr länger geistiges Eigentum ist, ist Open Source für andere das Software-Business-Modell einer flexiblen Dienstleistungsgesellschaft. Die Gemeinde der Hacker ist gespalten: Hätte Richard Stallmans ideologische Beharrlichkeit Erfolg, würde Freie Software wieder in ihr universitäres Nischendasein der 80er Jahre zurückfallen. Folgt man dagegen einem allzu industriefreundlichen Open Source Modell, ist die „feindliche Übernahme“ durch die Software-Konzern wahrscheinlich.

Ein Beispiel für Idealismus ohne geistiges Eigentum ist KDE: Mit der Windows ähnlichen Benutzer-Oberfläche steht auch dem unerfahrenen PC-Anwender eine Desktop mit Mausbedienung für Linux zur Verfügung. Kalle Dallheimer, Entwickler beim KDE-Projekt und Fachbuchautor, erklärt auf die Frage, ob es ihn nicht stört, dass Distributoren an seinem Programm verdienen, er selbst aber nicht: „Nein. Diese Frage wird sehr oft gestellt, und zwar meistens von Leuten, die die Anhäufung von Geld als den Hauptzweck des Lebens betrachten.“ Diese Art von Lebenseinstellung ist unter den Programmierern Freier Software durchaus nichts ungewöhnliches. Das Ziel ist nicht Geld, sondern -ähnlich wie im Wissenschaftssystem- die Anerkennung der Kollegen. „Die etwas zwei Millionen Codezeilen werden aktiv von mehr als zweihundert Entwicklern aus der ganzen Welt gepflegt. Die gesamte Entwicklung und Verwaltung findet dabei über das Internet statt.“

Ein Beispiel für den kommerziellen Erfolg ist die Suse GmbH, die 1992 von vier Studenten gegründet wurde. Sie brannten Linux auf eine CD-Rom und boten den Versand der Software an, die im Internet noch heute frei zum runterladen auf den heimischen PC liegt. Um Downloadkosten zu sparen und den Support in Anspruch zu nehmen entschieden sich viele Linux-Fans für Suse. Im vergangenen Jahr hat die Firma mit ihren 160 Mitarbeitern 14 Millionen Mark umgesetzt, der Börsengang steht kurz bevor. Eine neuer Zweig entsteht: Nicht an der gratis Software, sondern erst an Beratung und Distribution wird verdient. Dienstleistungen rund um Open Source Technik ist das neue Zauberwort der Branche. Sebastian Hetze von der Linux-Supportfirma Lunetix weiss von den Vorteilen der Open Source Software zu berichten: „Immer weniger Kunden sind bereit eine Black Box zu kaufen, wenn Open Source massgeschneiderte Softwareanpassungen ermöglicht.“ Zusätzlich besteche das Konzept durch „zusätzliche Ressourcen durch kooperative Entwicklung“. Im Klartext: Liegt der Quellcode offen, können Fehler in Programmen schnell behoben werden. Ob die vielen Idealisten, die das Open Source Projekt bis heute aus Spass an der Freude vorangetrieben haben, auch bereit sind ihren Idealismus für Firmen einzusetzen, ist allerdings noch unklar. Wenn hier die nonfiskale Balance zwischen Nehmen und Geben nicht stimmt, dürften sich die Hacker bald aus dem Kreis der Entwickler verabschieden. Ob dann das Netz der gegenseitigen Hilfe noch hält, ist fraglich. Und ohne die unentgeltliche Arbeit der Entwickler können auch die Dienstleister nicht existieren.

Jörg Auf dem Hövel

 

 

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Drogenpolitik

Kiffer aller Länder

Der kluge Mann baut vor

Der kluge Mann baut vor – diese Binsenweisheit gilt im brasilianischen Dschungel genauso wie auf den Phillipinen, in Paris ebenso wie in Mombasa. Urlaubsreisen in ferne Ländern erhalten für manchen Kiffer ihren wahren Reiz doch erst dann, wenn er oder sie am Urlaubsort ungehemmt einen durchziehen können. In aller Damen Länder gehört Cannabis zur Alltags- oder Feiertagsdroge, gerade unter Jugendlichen und jung gebliebenen ist das Kraut in den meisten Gebieten der Welt weit verbreitet. Vom Staat nicht gern gesehen, genießt ein Teil der Gesellschaft den gepflegten Hanfrausch – immer munter an den Gesetzen vorbei. Der von den USA initiierte „War on Drugs“ mit den unterstützenden Resolutionen der Vereinten Nationen ist in der westlichen Hemissphäre ein brüchiger Rahmen für den Konsum, ausgefüllt wird dieser Rahmen oft durch Rauschkulturen, die ihre eigenen Vorstellungen von der Nützlichkeit oder Schädlichkeit der „Droge Hanf“ entwickelt haben. Ein Vergleich wissenschaftlicher Befragungen und Erhebungen zeigt, daß der Konsum von Haschisch und Marihuana in den meisten Staaten des Globus´ über die Jahre und Jahrzehnte angestiegen ist. „Legal, illegal, scheißegal“, dieser Satz von Hans-Georg Behr hält einer empirischen Überprüfung tatsächlich statt. Denn gleich, ob in einem Staat der Genuß von Cannabisprodukten hart bestraft wird oder eher locker mit dem Kiffen umgegangen wird: Vor allem die Jugend raucht sich ab und zu in die Sphären der Entspannung und Belustigung, nimmt Abstand vom Alltag.

Um eine Übersicht über die Kultur des Kiffens zu erhalten, haben wir einige Ländern herausgegriffen und die verfügbaren Daten über den Cannabis-Konsum grafisch aufbereitet. Die Frage, die in allen Analysen gestellt wurde, ist die nach der sogenannten „Lifetime-Prevalence“, daß heißt, ob jemand in seinem Leben jemals Cannabis probiert hat. Ansonsten zeichnen sich die den Grafiken zu Grunde liegenden Forschungen durch ihre Uneinheitlichkeit aus: Es existiert leider keine Untersuchung, die den Cannabis-Konsum in allen Ländern mit einem standardisierten Instrument gemessen hat. Bei einem Vergleich der Zahlen sollte man also äußerst vorsichtig sein. Ein weiteres Problem: Für den gesamten asiatischen Raum liegen uns keine repräsentativen Zahlen vor.

Bei der Auswahl wurde darauf geachtet, daß die Untersuchungsgruppe groß war und nicht nur 30 Schüler einer Kleinstadt befragt wurden. Die verschiedenen Erhebungen beziehen sich auf unterschiedlichste Altersgruppen; um den Überblick zu behalten, wählten wir immer die Bereiche aus, die eine relativ junge Altersgruppe untersuchte. Wichtig war uns auch, eine Entwicklung über einen längeren Zeitraum nachvollziehen zu können. Im Idealfall wurde ein Forschungsprojekt jährlich wiederholt.

Dies ist beispielsweise in den USA der Fall, wo das NIDA (National Institute on Drug Abuse) seit 1971 Befragungen der Bevölkerung durchführt. Auch in Australien führt man regelmäßig Interviews durch, um die Einstellung der Bürger zum Drogenkonsum zu erforschen. Der „Krieg gegen die Drogen“ zeigt hier deutlich keine Wirkung: In den USA steigt die Rate derjenigen, die schon mal geraucht haben, seit den 90er Jahren wieder kontinuierlich an.

In Frankreich, einem Land mit restriktiven Drogengesetzen, ringt man sich erst seit ein paar Jahren dazu durch, die kiffende Jugend genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Anteil der Probierer ist hier ähnlich wie in anderen Staaten Europas. In „Good Old Germany“ beäugen Wissenschaftler seit den 70er Jahren das Verhalten ihrer freilaufenden humanen Versuchsobjekte. Relativ stabil raucht sich das junge Volk um die 20 Prozent ein. Eine neuere Studie von Dieter Kleiber und seinen Kollegen zeigt zudem, daß Hanfkonsum in Deutschland mithin ein „transistorisches“ Konsum ist, soll heißen, in der Jugend wird (viel) gekifft, ab dreißig kaum noch, auf jeden Fall aber weniger. Es wäre auf jeden Fall interessant zu wissen, ob dies ein globales Phänomen ist.

Auf dem australischen Kontinent gedeiht der Hanf anscheinend unter prächtigen klimatischen wie kulturellen Bedingungen. Seit zehn Jahren gibt fast die Hälfte der 14 bis 29jährigen zu, schon mindestens einmal Cannabis genossen zu haben. In einigen Bundesstaaten ist der Konsum offiziell dekriminalisiert, hier landet kein Klein-Kiffer mehr vor Gericht. Trotz dieses Umstand ist die Rate der Probierer in diesen Bundesstaaten nicht angestiegen.

Für uns überraschend hoch ist der Anteil der KifferInnen in Norwegens Hauptstadt Oslo. Es ist wohl davon auszugehen, daß auf dem Land weniger Cannabis geraucht wird. Die jüngeren Bewohner der „Kiffer-Hauptstadt“ der Welt, Amsterdam, zeigen sich offen für den THC-Rausch. 1994 gab genau die Hälfte der Befragten zu, schon mal Haschisch oder Marihuana konsumiert zu haben.

In der Tabelle „Cannabis-Konsum in der Welt“ sind die Ergebnisse aus Staaten zusammengefaßt, die nur eine Untersuchung aufweisen konnten. Dürftig ist die Datenlage in den Ländern Afrikas; hier lagen uns nur dünne Arbeiten aus Südafrika und Namibia vor. Nicht überraschen tut der hohe Anteil der Kiffer in Jamaica, dort ist Marihuana seit Jahrhunderten integriert. Es fällt auf, daß der Rauschhanf vor allem in westlichen Ländern weit, in den produzierenden Staaten aber eher weniger verbreitet ist. Daß in Mexiko oder Nordindien, Ländern mit einem traditionellen Hanfanbau, nur 3 Prozent der jungen Menschen kiffen sollen, mutet schon seltsam an. Leider konnte wir nicht eruieren, wie unsere britischen Nachbarn Cannabis genießen. Wenn wir richtig informiert wurden, dürfte das Leben unter Premierministerin Thatcher aber fast nur bekifft auszuhalten gewesen sein…

 

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Des Apfelmanns knorrige Hände packen den Boskop

Veröffentlicht unter www.ottensen.de
Echolot 1/2000

 Auf grillenhafter Einkaufstour in Ottensen

Des Apfelmanns knorrige Hände packen den Boskop. Wahrscheinlich ist er nach dem Punk mit einem Selbsthilfeprojekt für durchgeknallte Acid-Heads aufs Land gezogen und erntet nun Äpfel für die Stadtbevölkerung. Seine Sorgfalt bei der Auswahl besticht, seine Früchte stärken nachweislich mein System. Ich möchte ihn bitten, das Schild mit dem Druck „Erdbeer-Schalen nehmen wir gerne zurück“ von seinem Stand verschwinden zu lassen, traue mich aber nicht. Er lächelt mild. Die unter 60jährigen Tanten vor seinem Stand schmelzen dahin bei soviel geerdeter Anarchie, die sogar rot-befleckte Schalen mit zermanschten Erdbeerresten in den natürlichen Kreislauf reintegriert. Die Frau neben mir in der Warteschlange gehört hier nicht her. Sie sabbert fast so schlimm wie der Rollstuhlfahrer, den ich eben noch angepöbelt habe, weil er mit seiner Karre den Wurststand blockierte. Außerdem fehlt ihrer Kleidung der gerupfte Touch, die ewig hängenden Strickwaren, die den Brustkasten so widerwärtig glattbügeln. Sie faselt was von „leckeren, großen Erdbeeren“, wobei ihre Speichelbläschen den Herpes tanzen. „Die kleinen schmecken fast noch besser“, lüge ich. Sie stimmt mir zu. Die Dame ist noch leichter zu irritieren als ich. Der Apfelmann kratzt das alles nicht, er freut sich schon auf sein Acid-Hof während er meine Erdbeeren in den Jute-Beutel packt. Immerhin ist der Typ nicht so weichgespült wie der Brotmann, an dem meine Brotbestellung jedes mal abzugleiten scheint.

Freundlich ist die Gemüsedame, während sie ihren Kaffee schlürft. Gerne wechsle ich mit ihr Worte, die über pure Warenbestellung hinausgehen. Unsere letzte Diskussion darüber, ob der Radikale Konstruktivismus notwendigerweise im Solipsimus endet, ging Not gegen Armut, 0 zu 0 aus, sorgte aber für Mordsstimmung am Stand. Heute steht ihr nicht der Sinn nach Abgründen, sie macht auf gut Freund. Will sie, dass ich ab jetzt ewig ihre Früchtchen mampfe? Weitgefehlt, Kanaille, morgen kaufe ich beim Türken. Gerne erinnere ich mich an die Zeit zurück, als das saftige Obst von einer jungen Frau vom Land sehr zärtlich in die Papiertüten gelegt wurde. Leckere rote Wangen. Professor Unrat schoß in mich und eine Blase öffnete sich: Betört würde ich dichten, während durch die Resthofküche mit Holzfußboden der Duft von frisch gebackenen Brot schwebt, deren Teig von ihren kräftigen, aber einfühlsamen Fingern stundenlang durchgeknetet worden war.

Plötzlich stehe ich in der Mieder-Abteilung von H&M. Wenn mich jetzt meine Jungs vom Fußball treffen, ist es mit meiner Karriere vorbei. Ich verwerfe die Paranoia, verlasse aber trotzdem schnellstens den Laden. Draußen fällt mir ein, dass ich mir Schlüpfer aus Seide kaufen wollte, vielleicht aber auch nur Unterhosen, die mich dem Ideal der knackigen Men´s Health Titelmacker ein Stück näher bringen sollten. Na ja, die Bundeswehr-Liebestöter sind ja erst zwölf Jahre alt.

Im Reformhaus riecht es wie beim Antroposophen im Schritt. Die fetten Eso-Spießer scheint der Muff nicht zu interessieren, sie kaufen zum Tofu neuerdings noch angegammelten Pu-Erh-Tee, um später im orangenen Schein ihrer Salzkristalllampe Pfunde zu verlieren. Dazu plätschert im Hintergrund die neue Hildegard von Bingen CD, während der Sohn im Kinderzimmer Ethno-Pornos gucken darf. Verdammt aber auch, dass mir diese Soja-Creme besser als Schlagsahne schmeckt und bekommt. Bin ich schon mehr in den Fängen dieser Eso-Spießer als ich wahrhaben will oder sollte ich mir diese schmerzhaften Konstruktionen besser abgewöhnen?

Im Zoohaus riecht es nur eine Nuance bissiger, auf alle Fälle erinnert der Laden schwer an Tierquälerei. Ob wohl endlich mal einer dieser autoritären Punker mit Hund reinkommt, um seiner verlausten Fellhure ´nen Quietschball zu klauen? Triumphierend würde ich ihn verpetzen, die Verkäuferin würde mein Haupt streicheln, und endlich wären die gewaltsamen Übergriffe auf mein Ohr („Haste mal zehn Mark?“) gerächt. Da sind mit die Penner vor Aldi lieber. Die sind am Mittag schon immer so breit, dass sie meinen Peseta-Beschiß nicht bemerken. Unsinn, natürlich lege ich meinen Anteil am Sozialstaat jede Woche brav in Deutschmark in ihren Becher.

Großer Aldi, Bewahrer des sozialen Friedens in Deutschland. Ehrliches Gedrängel an der Kasse, hier trifft sich die Creme des Proletariats. Den Kassiererinnen macht niemand mehr was vor, sie pfeffern das Waren-Trennhölzchen mit zehnjähriger Erfahrung in die Edelstahlschiene. Genau diese Damen sollten man in die nächste TV-Diskussion-Runde um die „Zukunft der Arbeit in der Informationsgesellschaft“ einladen. Da würden die geleckten Schlaumeier aus der Cyber-Branche mal an der Basis der Werktätigen riechen. Der Türke vor mir furzt mit Würde in seinen grauen Anzug, während er zwanzig Dosen Hering in Tomatensoße aufs Band legt.

Auf dem Rückweg schweben Klänge in mein Ohr, locken mich. Nur ein östlicher Europäer ist fähig, Bach auf dem Akkordeon zu feiern. Meine Eile schwindet, zu zart und exakt ertasten seine Finger die Töne. Schwingende Schleifen dringen in mich ein, durchwuseln meinen Körper und gehen wieder ins Ganze zurück. Der Klang formt ein Gemälde von Escher, mein Blick ruht auf der abgewetzten Cordhose des Musikanten. Seine Augen geschlossen folgt er seinen eigenen Tönen, die schon da sind, bevor er sie gespielt hat. Goethe fällt später mir ein:

Es soll sich regen, schaffend handeln,

Erst sich gestalten, dann verwandeln;

Nur scheinbar steht’s Momente still.

Das Ew’ge regt sich fort in allen;

Denn alles muß in Nichts zerfallen,

Wenn es im Sein beharren will.

Aber was wußte Bach von den Zwängen der Konsums? Heute würde der Typ doch mampfend bei McDonalds sitzen, unfähig, das C an die richtige Stelle auf der Notenlinie zu setzen. Mit der Rolltreppe runter zu Schaulandt, dort, wo der Mensch der Technik die Seele einhaucht. Wenn es Elektro-Smog gibt, dann hier. Die sich eben noch in Ordnung befindlichen Atome in meinem Hirn zerfallen zurück ins Chaos. Juhuu, Freiheit des ungebundenen Seins. Wahnsinn, die Haare des Mädchens in der Musik-Abteilung. Ich greife zu und habe weder Hair noch Bach, sondern CD-Rohlinge in der Hand. Damit brenne ich mir heute abend kräftig einen rein.

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Elektronische Kultur

Big-Brother Award

Internet World 1/00

Big–Brother–Awards erstmals in Österreich verliehen

Jörg Auf dem Hövel und Thomas Barth

Die Idee einer jährlichen Auszeichnungen von Personen und Institutionen, die sich um unsauberen Umgang mit Datenschutz und Privatsphäre verdient gemacht haben, stammt von Simon Davies. Der Wahlspruch des Leiters von Privacy International: „We’ll name them and we’ll shame them!“ Nach ersten Verleihungen in den USA und England ist jetzt Österreich seinen Daten–Schmutzfinken zu Leibe gerückt. Neben Innenminister Schlögl und abhör–begeisterten EU–Parlamentariern gehörte auch Microsoft zu den glücklichen Gewinnern des Big–Brother–Awards.

Der Big Brother AwardWer am Nachmittag des Jahrestags des Erscheinens von Orwells „1984“, am malerischen Wiener Donaukanal flanierte, konnte vor dem Szenelokal Flex die Gruppe temperamentvoller Diskutanden kaum überhören. Berge von Computerausdrucken, Briefen und Notizen auf dem Kaffeetisch vor sich hektisch durchwühlend, wurden neugierige Frager ungewohnt barsch abgewiesen. Doch Wiener Charme milderte die Reaktion: „Normalerweise sind wir viel netter, aber jetzt sind wir im Stress wegen der Preisverleihung heute abend… komm doch heute abend um neun!“ Von einer Jurorin so freundlich eingeladen, wollte man die Auswahl der Award–Gekrönten dann nicht weiter stören. Zumal das Flex, das die phonstärkste Anlage Österreichs sein eigen nennt, zur Big–Brother Party mit DJ Hell „Eintritt frei“ versprach. Und so ließ man die Jury in Ruhe ihres Amtes walten, die unter anderem aus Vertretern der „Österreichischen Gesellschaft für Datenschutz“ und dem „Verein zur Wiederherstellung der Bürgerrechte im Informationszeitalter“ bestand.

Am Abend konnte sich selbst die kleine Delegation des Groupware–Projekts Puplic Voice Lab dann beinahe nicht mehr in den überfüllten Konzertsaal hineindrängeln. In diesem amüsierte sich das Publikum und die Veranstalter mit sich selbst, denn die Preisträger glänzten allesamt durch Abwesenheit. Besonders begehrt ist diese Auszeichnung nicht: Sie zerrt jene Personen und Institutionen ans Licht der Öffentlichkeit, die sich am Grundrecht auf Datenschutz in besonders ehrloser Weise vergriffen haben.

Politisch prominentester Preisträger war Österreichs Innenminister Karl Schlögl, der mit dem „Livetime Achievement“ für sein ganzes Lebenswerk belohnt wurde, in dessen Zentrum die Juroren die Überwachung der Bürger des 8–Millionen–Staates sahen. In Schlögls Amtszeit wurden Grundrechte wie Schutz von Privatsphäre und persönlichen Daten oder das Redaktionsgeheimnis wenig geachtet, dafür aber die polizeilichen Befugnisse trotz sinkender Kriminalität kräftig ausgeweitet. Wie es aus dem Innenministerium verlautete, nahm der Minister den Preis „zur Kenntnis“.

Doch nicht nur Prominente, auch politische Hinterbänkler bekamen ihr Fett weg: Acht österreichische Abgeordnete im Europaparlaments erhielten den Big–Brother Award „Politik“ für ihre Zustimmung zu den „Enfopol“–Abhörgesetzen (siehe IW 8/99). In der Award–Rubrik Behörden gewann das Österreichische Statistische Zentralamt mit seinem Plan, bei der Volkszählung im Jahr 2001 die erhobenen Daten mit jenen des Innenministeriums abzugleichen, um dem „gläsernen Bürger“ Orwells etwas näher zu kommen. Die Preise konnten sich sehen lassen: Kleine Plastikroboter wurden –in solide Blumentöpfe einbetoniert– als „Spitzel–Oskars“ stellvertretend von Treuhändern entgegen genommen, die sie den abwesenden Gewinnern tags darauf überreichen sollten.

Eine der zugespitzten Fragen des Abends lautete: „Was ist der Unterschied zwischen einem totalitären und einem autoritären Staat? –Der totalitäre Staat bespitzelt, foltert und ermordet seine Bürger –der autoritäre Staat überlässt viele dieser Tätigkeiten dem privaten Sektor.“ Ganz in diesem Sinne wurden auch Big–Brothers kleine Helfer aus dem Bereich der Wirtschaft mit Preisen bedacht: Die „laufende Publikation von unklaren und veralteten Wirtschafts– und Schuldnerdaten“ brachten der österreichischen Schufa, dem Kreditschutzverband von 1870 den BB–Award im Bereich Business ein. Die Auszeichnung für Schnüffelei in Medien und Kommunikation gewann die Schober Direct Marketing–Agentur, die sich mit ihrer umfangreichen Datensammlung über fünf Millionen Bürger brüstet.

In der Kategorie „Peoples Choice“ obsiegte die österreichische Niederlassung von Microsoft. Bill Gates guter Ruf war jedoch nicht der alleinige Anlass: Geehrt wurde der Versuch des Software–Giganten, LINUX–User durch die illegale Verwendung ihrer persönlichen Daten auszuhorchen. Im Auftrag Microsofts hatte die Unternehmensberatung „G3“ von Österreich aus gegen das norwegische Urheberrechtsgesetz verstoßen. „G3“ filterte bei einem norwegischen LINUXcounter systematisch die österreichischen Mailadressen heraus, ohne sich darum zu kümmern, dass auf der norwegischen Website ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass die kommerzielle Nutzung ihrer Adressen verboten sei. Die LINUX–Gemeinde wurde dann flächendeckend mit Fragebögen belästigt, mittels welchen ihre Einstellungen zu und ihr Einsatz von LINUX ausgeforscht werden sollte. Gefragt wurde unter anderem, ob LINUX Know How aktiv weitergegeben wurde sowie nach Beruf, Branche und Größe des Arbeitgebers. Erst nach Protesten und Medienberichten stellte Microsoft Österreich diese Praxis schließlich ein, die man wohl als ängstlichen Versuch einer Konkurrenzbeobachtung werten muss. Unklar bleibt, ob die so gewonnene Publicity eher Microsoft oder LINUX nützen wird.

Deutsche Datenschützer haben die Big–Brother Award–Verleihung bislang verschlafen, aber im nächsten Jahr sollte der 26. Oktober im Kalender rot angestrichen werden: Die FoeBuD, der Bielefelder Verein für sozialverträgliche Technikgestaltung, will den Big–Brother Preis auch in Deutschland etablieren. An Anwärtern wird es nicht mangeln, und deutsche Computernutzer werden ihre Nominierungsvorschläge dann wohl an die www.foebud.org senden können. Computerkünstler padeluun kündigte für den Verein an, die Verleihung in Kooperation mit anderen Gruppen zu organisieren: „Wir machen das!“. Thilo Weichert, Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Datenschutz (DVD), sagte eine Beteiligung bereits zu und auch das FIfF (Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung) sowie der Chaos Computer Club werden sich der Aktion vermutlich anschliessen.

Siehe auch

http://www.foebud.org

http://anders-verlag.de/