Zauberflöte und draußen knüppelte die Polizei

Highlife 4/98, Die Protestbewegung der 60er Jahre (I)

Der revolutionäre Trieb kam nicht zum Ziel, gleichwohl haben die Träume und Aktionen dieser Generation die Gesellschaft verändert. Das Jahr 1968 ist ein Symbol der Jugend- und Protestbewegung. Wie und warum entstand sie, wie verlief diese Bewegung – und was bleibt aus dieser Zeit?

Witzig, die Sprüche der 68er Zeit. „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient“, nuschelte der Kommunarde Fritz Teufel, als der Richter ihn zum ehrerbietenden Aufstehen aufforderte. Und Abbie Hoffmann, der Yippie-Häuptling aus Amerika, lag wohl dem chauvinistisch-anarchischen Wunschdenken von Teufel und Langhans sehr nah, wenn er sagte: „Wir glauben, daß die Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort –auch auf den Straßen- bumsen sollten, mit wem immer sie wünschen.“ Politik betrieben Yippies und Chaos-Kommunarden nur als Travestie. Andere meinten es ernst und wünschten die ganze Gesellschaft der Bundesrepublik, ja, der ganzen Welt umzukrempeln. Und es wurde ernst.

Von den drei Kugeln, die der 23jährige Josef Bachmann am Gründonnerstag, dem 11. April 1968 in Berlin abfeuerte, erholte sich Rudi Dutschke nie wieder. Genau eine Woche zuvor war in Memphis Martin Luther King ermordet worden, Bachmann hatte die Nachricht mit Genugtuung aufgenommen, fühlte sich angestoßen. Was in beiden Ländern folgte war Aufruhr, rüttelte für eine Augenblick an den Grundfesten der Staatsmacht, ließ die Quengeleien von Intellektuellen zu einer Bewegung der Massen werden. Noch am Abend nach dem Dutschke-Anschlag kam es vor dem Springer-Verlagshaus zu Straßenschlachten zwischen Polizei und einer aufgebrachten Menge. Für sie war der Fall klar: Vor allem die Hetzkampagne der Springer-Presse gegen die Studentenbewegung hatte den Nährboden für das Attentat geschaffen und ihr Zorn richtete sich gegen das symbolträchtig hohe Gebäude des Medienmoguls. Fünf Tage lang versuchte man, die Auslieferung der Zeitungen zu verhindern, blockierte die Druckereien des Konzerns. Beachtlich war der hohe Anteil der Nicht-Studenten, Lehrlinge und Arbeiter beteiligen sich am Klassenkampf. In Frankreich begann der „Pariser Mai“, Zehntausende demonstrierten gegen die Schließung der Universität. Im Quartier Latin entstanden aus Angst vor den Übergriffen der Polizei Barrikaden, der Versuch der Räumung geschah unter dem Einsatz von Tränengas und Gummiknüppeln. Die Gewerkschaften riefen zum Generalstreik auf, am 13. Mai formierte sich in Paris der bis dahin größte Demonstrationszug der französischen Geschichte. In Deutschland verhallte der vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund, SDS, an die Gewerkschaften gerichtete Ruf nach dem Generalstreik ungehört. Der Regierungsapparat in Bonn sah sich durch die gewaltigen wie gewaltsamen Demonstrationen bedrängt und beschließt mit den Stimmen der SPD-Fraktion die umstrittenen Notstandsgesetze. Innerhalb kurzer Zeit war in dem Nachtwächter staat eine Keimzelle basisdemokratischen Aufbruchs entstanden. Was war geschehen?

Wohl kaum eine andere Institution in Deutschland widersetzte sich in diesem Jahrhundert dem Wandel heftiger und erfolgreicher als die Universitäten. Den Hauptwiderstand gegen Veränderungen leistete die Professorenschaft, die im Durchschnitt erst im Alter von 53.6 Jahren ihren Lehrstuhl besetzt hatten und dazu neigte, den Status quo erhalten zu wollen. Auf Vorstellungen, daß eine demokratische Struktur unabdingbar sei, wenn die Universitäten mit dem Wandel der Zeit Schritt halten wollten, und daß diese notwendig sei, um die Demokratie im Land zu stärken, gingen sie im allgemeinen nicht ein. Die Studentenbewegung der 60er war die fällige Antwort auf diesen Konservatismus. Bereits 1960 forderte der SDS, der ursprünglich aus der SPD entstanden war, diese Bindung aber löste, als die Sozialdemokraten ihre marxistische gänzlich Tradition aufgaben, die Demokratisierung der Lehranstalt: Statt der hierarchisch strukturierten Seminare und Institute sollten Abteilungen gebildet, Lesegruppen und Arbeitsgemeinschaften statt der großen Vorlesungen das Lernen und Forschen verbessern, ein gleiches Stimmrecht in den Gremien eingeführt werden. Die Besonderheit: Universitäts- und Staatsreform sollten Hand in Hand gehen. Viele Studenten waren sicher, daß es Pflicht der Universität sei, aktuelle soziale und politische Probleme nicht nur zu erforschen, sondern auch Ansätze zur Lösung dieser anzubieten. Die legendären Sit-ins begannen. Endlose Diskussionen über die Apartheid in Südafrika, den Vietnamkrieg und die Unterdrückung im Iran, über die Macht des Kapitals, die Ohnmacht der Arbeiterklasse und den Kampf gegen das System.

„Schafft Alles ab“

Der Wunsch nach Neuerung reifte seit geraumer Zeit in der deutschen Jugend. Das Wirtschaftswunder hatte konform und innerlich träge gemacht, die Fragen der Söhne und Töchter nach der nationalsozialistischen Vergangenheit stießen auf unwilliges Grunzen oder schlechte Ausreden, der Frauen Glück lag in Persil´s reiner Kraft. Die Enge der Konventionen schnürte am atmenden Organ der Jugend, der Veränderung. Spätestens mit der Großen Koalition von 1966 fand die Progressive keine Heimat in der SPD mehr, in ihren Augen glich sie der CDU. Die ältere Generation wälzte sich genüßlich im eigenen Selbstverständnis, welches am erreichten materiellen Wohlstand orientierte war: „Wir sind wieder Wer.“ In der Mensa der FU Berlin stand das ebenso kurze Kontra-Pamphlet: „Schafft Alles ab“, war dort auf einen Tisch gekritzelt. Hätte sich der SDS und die Intellektuellen an solch platte, aber schlichte Formen gehalten, wäre ihm eine breitere Basis in der eigenen sozialen Gruppe, der Studentenschaft, garantiert gewesen. So aber bedienten sich Dutschke und Konsorten der Geheimsprache von Herbert Marcuse und anderer Cheftheoretiker der „Kritischen Theorie“, die versuchte, einen Zusammenhang zwischen politische-wirtschaftlicher und psychologischer Unterdrückung herzustellen. Marcuses Buch „Der eindimensionale Mensch“ zufolge lassen sich Menschen in kapitalistischen Gesellschaften widerstandslos, weil der eigenen Unfreiheit nicht bewußt, in eine riesige Maschinerie von Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Kulturindustrie einbeziehen. Marcuse nannte diese Maschinerie in einem neuen Sinne totalitär. Denn „totalitär“ ist, so Marcuse, nicht nur eine terroristische politische Gleichschaltung der Gesellschaft, sondern auch eine ökonomisch-technische Gleichschaltung, die sich in der Manipulation von Bedürfnissen geltend macht. Nicht nur eine besondere Regierungsform bewirke Totalitarismus, sondern auch ein besonderes Produktio ns- und Verteilungssystem. Dem Menschen bleibt nur dumpfer Konsum. Fein beobachtet, doch die Werke der „Kritischen Theorie“ blieben für die meisten praxisferne Lehrgebäude.

Auch aus diesem Grund blieben die oppositionellen Studentengruppen bis Mitte der 60er Jahre relativ isoliert, dies änderte sich –zunächst in Berlin- rasch aufgrund der übertriebenen Reaktionen universitärer wie staatlicher Organe auf eher zaghafte Bestrebungen, gegen veröffentlichte Meinungen demonstrativ vorzugehen. In erschreckender Weise wurde deutlich, daß weder Bevölkerung noch Politik in der Lage waren, sich konstruktiv mit der Kritik der Studenten auseinanderzusetzen. Angeheizt durch die (Springer-) Presse, stieß die junge, neue Opposition auf breiten Widerstand in der Gesellschaft. Die meisten Mitbürger wollten nicht bemerken, daß sich die Jugend nur ihres Grundrechts auf Demonstrationsfreiheit bediente, eines Grundrechts, welches angesichts fast gleichgeschalteter Massenkommunikationsmittel nicht hätte in Frage gestellt werden dürfen.

Ihren ersten Höhepunkt erreichte die studentische Protestbewegung anläßlich des Schah-Besuchs am 2. Juni 1967 in Berlin. Die Honoratioren der Stadt empfingen den iranischen Diktator mit Pomp – während Resa Pahlewi nebst Gattin Farah Diba in der Deutschen Oper den Klängen der „Zauberflöte“ lauschten, knüppelte draußen die Polizei.

In einer Seitenstraße spielte sich eine folgenschwere Szene ab: Unter nie ganz geklärten Umständen schießt ein Kriminalbeamter namens Kurras den 26jährigen Benno Ohnesorg in den Hinterkopf. Die Nachricht verbreitet sich schnell, die junge Generation ist schockiert. Die Entrüstung kanalisiert sich in spontanen Demonstrationen, viele bis dahin Abseitsstehende solidarisieren sich mit den Studenten. Der Soziologe Detlev Claussen, damals Mitglied im SDS, meint, daß man erst mit dem Tod von Benno Ohnesorg von der studentischen Bewegung sprechen kann. Immer mehr Studenten und Schüler kamen zu dem Schluß, daß der Staat tatsächlich -wie vom SDS behauptet- auf Gewalt beruhe, statt auf Recht und Demokratie. Von jetzt an expandierte die Bewegung nicht nur, sie radikalisierte sich auch.

Radikal

Vor allem für die kompromißlosen Studenten schien klar, daß nur mit einer radikalen Opposition Änderungen herbeizuführen waren. Rudi Dutschke brachte es auf den Punkt, indem er den „Spielregeln dieser unvernünftigen Demokratie“ eine Absage erteilte und feststellte: „Ausgangspunkt der Politisierung der Studentenschaft (ist) die bewußte Durchbrechung dieser etablierten Spielregeln.“ Das Ziel dieser außerparlamentarischen Opposition? Dutschke wußte auch hier Antwort und sagte in einem Spiegel-Interview, veröffentlicht eine Woche nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg: „Wenn wir sagen außerparlamentarisch, soll daß heißen, daß wir ein System von direkter Demokratie anzielen – und zwar von Rätedemokratie, die es den Menschen erlaubt, ihre zeitweiligen Vertreter direkt zu wählen und abzuwählen, wie sie es auf der Grundalge eines gegen jedwede Form von Herrschaft kritischen Bewußtseins für erforderlich halten.“

Rätedemokratie? „Dann geht doch nach drüben“, brüllte die Volksseele vor den Fernsehkameras. Für sie waren die engagierten Studenten bestenfalls „Schwätzer“, „akademische Gammler“ oder sogar „Linksmob“, Begriffe, die die Springer-Presse geprägt hatte und die bereitwillig aufgenommen worden waren. Daß markante Unterschiede zwischen dem Sozialismus der DDR und den Gedanken von Marx existierten, dies nahm man nicht wahr. Der SDS geriet in Vorreiterrolle für die Bewegung und suchte die Verbindung zur Arbeiterschaft. Der Brückenschlag gelang nie, die Arbeiter sahen in demonstrierenden Studenten randalierende Nichtstuer auf Staatskosten. Auch hier hatte „Bild“ ganze Arbeit geleistet. Im Gegensatz zu den Protesten in Frankreich und den USA blieb die bewußt betonte „proletarische Kultur“ der deutschen Studenten aufs Seminar beschränkt.

Auf den Straßen der Großstädte verhärteten sich inzwischen die Fronten, die Bereitschaft zur Gewalt auf beiden Seiten wuchs und wurde ausgelebt, oft endeten die Auseinandersetzungen mit hunderten von Verletzten, sogar Toten. In diesem Zeitraum ist auch die Geburtsstätte der terroristischen Vereinigungen zu orten, die zunächst mit Gewalt gegen Sachen, später auch gegen Menschen ihre Ziele durchsetzen wollten. Andreas Baader und Gudrun Ensslin legten Feuer in einem Frankfurter Kaufhaus, um, wie sie sagten, gegen die Verbrauchergesellschaft und die Wirklichkeit des Vietnamkriegs zu protestieren. Ulrike Meinhof und zwei Helfer befreiten Baader aus der Haft, ein Beamter wurde dabei lebensgefährlich verletzt. Die RAF entstand.

Politiker der Rechten, einige Vertreter der Kirche und die Presse forderten Maßnahmen gegen die Unruhe im Land, die SPD gab dem Druck nach. Der „Radikalenerlaß“ sollte vermeintlich verfassungsfeindliche Kräfte aus dem Staatsdienst fern halten, eine Schnüffelkampagne setzte an, Demagogenverfolgung vergiftete die Atmosphäre. Die Bundesrepublik war auf dem (Rück-) Weg zum autoritären Staat, der seine Bürger vor allem als Sicherheitsrisiko begriff.

Im nächsten Heft:

„Wer zweimal mit derselben pennt…“ Die sexuelle Revolution.

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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