Unter den Talaren Muff von 30 Jahren

Highlife 6/98, „Wer zweimal mit derselben pennt…“

Elektrogeräte und Emanzipation. Die „sexuelle Revolution“ und ihre Folgen

Die Protestbewegung der 60er Jahre (II)

Der revolutionäre Trieb kam nicht zum Ziel, gleichwohl haben die Träume und Aktionen dieser Generation die Gesellschaft verändert. Das Jahr 1968 ist ein Symbol der Jugend- und Protestbewegung. Wie und warum entstand sie, wie verlief diese Bewegung – und was bleibt aus dieser Zeit?

Wo will man die sexuelle Revolution orten? Als Mann vielleicht am liebsten am Mini-Rock. 1960 noch lag die Schallgrenze des Damenrocks bei fünf Zentimeter über dem Knie. Nicht nur an den Schulen herrschte Kleiderordnung, im Berufsalltag wurde die junge Sekretärin schon zum Chef zitiert, wenn sie sich erlaubte in Hosen statt im Kostüm zu erscheinen. Meist blieb die persönliche Entfaltung einer jungen Frau auf Familie, Küche, Kirche und Kind beschränkt. Die Pforten der Universität blieben dem weiblichen Geschlecht oft verschlossen, eine Berufsausbildung hatte -wenn überhaupt in Angriff genommen- nur Alibifunktion. „Unsere Tochter heiratet sowieso über kurz oder lang“, dachten viele Eltern. Im Sommer 1962 gab es in der gesamten Bundesrepublik gerade 60 Tausend Studentinnen, im Sommer 1967 machte der Anteil immerhin schon ein Viertel aller Studierenden aus. Bis dahin hatten die Mütter der Nation schlaflose Nächte überstehen müssen, weil ihre Töchter in harten Kämpfen den Saum ihrer Röcke immer weiter nach oben diskutiert hatten.

Das Schweigen wurde in den sechziger Jahren endlich gebrochen. Wo bis dahin die sprachlose Familie der Adenauer-Zeit den ungezwungenen Umgang miteinander schon im Ansatz erstickt hatte, brachen nun die lange unterdrückten Triebe und Bedürfnisse aus. Ab jetzt sprach man über alles. Es war von „System“ die Rede, von „hinterfragen“, „reflektieren“ und eben „artikulieren“. Es wurde „thematisiert“, was vorher „tabuisiert“ war. Parallel zu der politische Ansicht, daß Privates immer auch Öffentliches ist, wurde ein anderer Zusammenhang konstruiert: Wer nicht miteinander redet, kann auch nicht miteinander schlafen. So war es in vielen Ehen. Eifrige überzogen diesen Ansatz und dann wurde schlagartig klar: Wer nur noch miteinander redet, schlief auch nicht miteinander.

Welche Vorstellungen eine Gesellschaft von Sexualität hat, wird nicht zuletzt durch die Bestrafung von „abweichenden Sexualverhalten“ deutlich. Nicht nur das enge Korsett des Zwangs der Doppelmoral schnürte die Lust nach körperlicher Nähe, Berührung, Zärtlichkeit und Liebe ab, auch die damals geltenden Gesetze sanktionierten das Anders sein. Das aus der Zeit der Jahrhundertwende übernommene Sexualstrafrecht ächtete in 31 Paragraphen mit 190 Tatbeständen jegliche Art von „Unzucht“: Jedweder Sex außerhalb der Ehe war strafbar. Und nicht nur das: Der Vorwurf der „Kuppelei“, also das Dulden oder Fördern von Sex unter Nichtverheirateten, brachte so manches liberale Elternpaar vor Gericht. Selbst das „Ausstellen“ und „Anpreisen“ von Mitteln zur Empfängnisverhütung und Schutz vor Geschlechtskrankheiten sowie die Abtreibung stand unter Strafe. Unnötig zu erwähnen, daß „unzüchtige“ Schriften und Bilder ebenfalls verboten waren. Die heute als komisch konsumierten Aufklärungsartikel und Filme der späten 60er Jahren waren ein Versuch dem Käfig der Spießbürger-Moral zu entfliehen. Der Vergleich zu den Drogen liegt nah: Gerade wegen der zahlreichen Verbote galt es als „emanzipiert“, der Vielweiberei und des häufigen Männerwechsels das Wort zu reden. Und wer sich ganz weit aus dem Fenster lehnen wollte, der sprach sogar von den befreienden Vorzügen des Gruppensex. Die Kunst ritt voran: Das zeigen von nackten Hintern, Penissen und Busen gehörte seit den Anfängen der Aktionskünste zu deren Provokationsrepertoire. Nur das Thema der Liebe und Sexualität unter Menschen mit dem gleichen Geschlecht blieb weiterhin ausgespart.

Sei 1961 kursierte die Pille auf dem Markt. Sie nahm den Frauen zwar die Angst vor unerwünschter Schwangerschaft, zugleich dürfte sie aber zur sexuellen Befreiung der Frau soviel beigetragen haben wie die Geschirrspülmaschine – wunderbare Erfindungen, die den Mann weiterhin in der Funktion des bequemen Patriarchen beließen. Geändert wurde der Haushalt der Hormone, nicht aber die Haushaltsrolle der Frau. Der Austritt der Frau aus ihrer Unmündigkeit nahm nur langsam seinen Lauf.

Die Werbung zeigte mehr und mehr das Fleisch der Damen und das spindeldürre Super-Modell „Twiggy“ fungierte als Vorbild einer ganzen Generation. TV-Spots und Bilder in den Hochglanzmagazinen prägten ein Körperideal, welches von Männern in den Redaktionen bestimmt wurde. Währenddessen befehligte Commander Dietmar Schönherr im durch und durch preußischen „Raumschiff Orion“ seine Truppe wie ein gut gescheitelter Wehrmachtsoffizier.

Psycho-Kommunen

Ob das Aufwärmen der Psychoanalyse einen positiven Beitrag leistete, bleibt strittig. Auf alle Fälle erlebte der Freudsche Ansatz -vor allem in seiner Modifikation durch Wilhelm Reich- in den sechziger Jahren eine Renaissance. Sein Werk von 1936, „Die sexuelle Revolution“ gab den Jahrzehnt seinen Namen. Reich analysierte in seinem Buch die „bürgerliche Sexualmoral“ mit ihren „bewährten Unterdrückungsmechanismen Ehe und Familie“ als Grundlage des „kapitalistischen Herrschaftssystems“. Die Linke griff dies auf und entdeckte den Zusammenhang von Triebunterdrückung und Herrschaft in Deutschland. In den Zeiten von Hans Meiser und Ilona Christen der ganz normale Wahnsinn – damals ein Skandal: Dieter Kunzelmann, Kommunarde der ersten Stunde, läßt in einem Spiegel-Interview die Hosen runter. „Ich habe Orgasmus-Schwierigkeiten, und ich will, daß dies der Öffentlichkeit vermittelt wird.“ Gerade in den Anfang 1967 frisch gegründeten Kommunen wird über alles, muß über alles diskutiert werden. Mit Begeisterung wühlt man in den psychischen Eingeweiden dee anderen, Sensibilität ist selten. Mal jemanden in den Arm nehmen? Fehlanzeige. Aber dafür wird der Diskurs gepflegt über Reichs „Funktion des Orgasmus.“

Wie konnte Frau sich aus der Umklammerung des Patriarchat befreien? Es hätte den frühen Kommunardinnen eine Warnung sein sollen, daß sich Polit-Clowns wie Langhans und Teufel nicht so recht für die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem „herrschenden System“ begeistern konnten. Sie wollten sich lieber an „Fuck for Peace“ Aktionen erwärmen. In den endlosen Diskussionen wurde Sexualität oft bis zur Trivialität einer Debatte über den Energie-Haushalt eines Dampkessels eingekocht: Jeder braucht Sex, um ausgeglichen zu sein und der Orgasmus ist nötig, damit sich nichts in einem anstaut. Denn sonst sind weder Mann noch Frau als Person nicht brauchbar und damit auch politisch unbrauchbar. So einfach war das. Aber: Die Bindungs-Bedürfnisse saßen tief und homoerotische Wünsche wurden nicht ausgelebt, blieben sogar in den vermeidlich radikalen Gruppen tabu. Für die Feministinnen ist in der Nachbetrachtung die Kommune nur eine weitere Institution zur Unterdrückung der Frau gewesen.

Und die Studentenbewegung? Der intellektuelle Kern des 68er-Bündnis´ brüllte sich auf den Straßen die Wut aus dem Leib. Die Wut über eine unbewältigte Nazi-Vergangenheit, die Wut über den Aggressor USA, der in Vietnam einen Krieg vom Zaun gebrochen hatte, die Wut über die als verlogen empfundene Moral der Gesellschaft. Die Journalistin Ulrike Meinhof schrieb schon 1962 in Konkret: „So dünn ist in Deutschland die Decke der Republik, daß dem Volk aufs Maul geschaut soviel heißt, wie: Der Obrigkeit zustimmen, noch eh sie es fordert; den Angeklagten schuldig sprechen, eh das Gericht soweit ist, jedem Laffen von der Polizei eher Recht geben, als dem unschuldigsten Verhafteten.“ Die Frauen hatten sich in den politischen Parteien noch nie zu Hause gefühlt und standen auch hier außen vor. 1964 lag der Anteil weiblicher Mitglieder in der CDU bei 13.3 Prozent, in der SPD 1966 bei 17.4 Prozent.

Weiberrat

In der Studentenbewegung spielten sie seit Beginn nur eine untergeordnete Rolle: Die Chef-Ideologen waren männlich. Erst auf dem Höhepunkt des Protests, im Januar 1968, bildeten eine Handvoll Frauen aus den Reihen der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) einen Arbeitskreis, zu dem Männer nicht zugelassen waren. Eine der ersten Aktivitäten der Gruppe bestand in der Bildung eines improvisierten Kindergartens für die Dauer des großen Vietnam-Kongresses im Februar des Jahres einzurichten. Aus dieser Initiative entstand einerseits die Kinderladen-Bewegung, die bis heute Einfluß auf die Betreuung kleiner Kinder hat, andererseits eine Gruppe mit dem Namen „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“. Innerhalb der studentischen Revolution war es zur Revolte gekommen. Auf einer Frankfurter Konferenz des SDS wollte „Polit-Macker“ Hans-Jürgen Krahl nicht auf feministische Argumente eingehen – es folgte der berühmte Tomatenwurf von Helke Sanders auf das Podium. Der „Weiberrat“ entstand.

Unabhängig voneinander, aber im gleichen Zeitraum formierte sich auch in den USA der Widerstand der Frauen. Mit einem Unterschied: Im Juni 1969 war auf dem Kongreß des amerikanischen SDS (Students for a Democratic Society) die Gruppe der Feministinnen bereits so stark, daß die Anführerin der radikalen „Weathermen“, Bernadine Dohrn, den Bund spalten konnte. Ihre Behauptung: Alle friedlichen Methoden gegen Krieg und Elend hätten nichts gebracht – jetzt helfe nur noch Gewalt. In Deutschland entstand aus ähnlichen Überlegungen heraus die RAF. Die „Weathermen“ beschränkten sich darauf, nachts verlassene Gebäude in die Luft zu sprengen. Bei ihren Aktionen kam nie ein Menschen ums Leben.

Ob in den USA oder der Bundesrepublik, in vielen westlichen Ländern wuchs unter den Frauen die Einsicht, daß der „kleine“ biologische Unterschied zwischen Frau und Mann von der männlich orientierten Gesellschaft nur als Vorwand genutzt wird, um die Frau auszubeuten. Wer als Frau solche Ansichten vertritt, muß bis heute mit Beschimpfungen wie „frustrierte Tucke“ und „penisneidische Emanze“ rechnen. Alice Schwarzer entwickelte sich später zur Galionsfigur der Feministinnen – sie war und ist damit Ziel männlicher Gegenattacken. Die Bild-Zeitung sprach von der „Hexe mit dem stechenden Blick.“ Eine Hexenjagd begann. Es war wohl weniger der stechende Blick als der stechende Schmerz, den Schwarzer in den Wunden des Männlichkeitswahns hinterließ. Sie brachte 1977 über zehn Jahre Emanzipationsbewegung auf den Punkt, indem sie deutlich herausstellte, daß nicht der „kleine Unterschied“, wohl aber seine kulturellen Folgen abgeschafft gehören. „Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht Natur, sondern Kultur.“

Was nicht zu lösen scheint, ist die biologische Bindung der Frauen an Fortpflanzung und primäre Kinderbetreuung. Und das führe, so behaupten die streitbaren Frauen noch heute, zu ungleicher Arbeit und „Klassenbildung“. Daß sie die Kinder gebären, diene den Männern nur als Alibi, um sie auch für die Erziehung derselben allein verantwortlich zu machen.

Die 68er hatten Marx gelesen und glaubten fest: Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Konkret heißt das: Die politschen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der bundesdeutschen Gesellschaft bedingen die Rolle des Bürgers, die er in dieser Gesellschaft spielt. Der überwiegende Teil der Studentenbewegung blieb unfähig, diese Erkenntnis auf die eigene Bewegung anzuwenden. Die sogenannte sexuelle Revolution führte daher nie zu einer Änderung der zentralen Position der Hausfrau- und Mutterrolle. Und dies gilt bis heute.

 

Aus dem Flugblatt des Weiberrats von 1968

wir machen das maul nicht auf!
wenn wir es doch aufmachen, kommt nichts raus!
wenn wir es auflassen, wird es uns gestopft: mit kleinbürgerlichen schwänzen, sozialistischem bumszwang, sozialistischen kindern, liebe, sozialistischer geworfenheit, schwulst, sozialistischer potenter geilheit, sozialistischem intellektuellen pathos, sozialistischen lebenshilfen, revolutionärem gefummel. Sexualrevolutionären argumenten, gesamtgesellschaftlichen orgasmus, sozialistischem emanzipationsgeseich – GELABER!

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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