Abstinenz:– von der christlichen Idee zur Richtlinie der Politik

Hanfblatt Nr. 119

Wie die strenge Enthaltsamkeit zum Leitbild der modernen Drogenpolitik wurde

Die zentrale Bedeutung und zugleich Zweischneidigkeit des Abstinenzgedankens wird in der aktuellen Diskussion um die Heroinabgabe an Schwerstabhängige sehr deutlich. CDU/CSU wehren sich seit Jahren gegen die Abgabe, weil, so beispielsweise die drogenpolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag, Maria Eichhorn (CSU), „die Heroinbehandlung zu einer Dauerabgabe des Suchtstoffs führt, das Ziel der Abstinenz wird dabei aus den Augen verloren“. Das Ideal der Enthaltsamkeit wird also über die menschenwürdige Behandlung der Patienten gesetzt. Warum?

Weil, so antwortet die abstinenzorientierte Therapietheorie, die Abstinenz für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen prognostisch die besten Aussichten bietet. Zugleich sei nur der von der Drogen entwöhnte Patient überhaupt in der Lage eine Therapie anzutreten. Die akzeptierende Drogenarbeit weist dagegen darauf hin, dass es auf der praktischen Ebene darum geht, den Drogengebrauch derer zu akzeptieren, die ihren Konsum derzeit nicht aufgeben wollen oder können.

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Breitet man das Abstinenzparadigma über den Kreis der Schwerstabhängigen aus, muss man sich über den neuen Steuermann im klaren sein, den man sich dort an Bord holt. Dieser visiert ein weit entfernt liegendes Ziel an, nämlich die gänzlich drogenfreie Gesellschaft – auch wenn damit nur die illegalen Drogen gemeint sind. Nun spricht nichts dagegen einem Ideal zuzustreben, solange die Kolletaralschäden auf dem Weg nicht zu groß sind. Eine völlige „Suchtmittel“-Freiheit impliziert jedoch nicht nur den totalitären Staat, der mit seinen Überwachungsorgangen darauf achten, dass alle schön brav sind. Mehr noch beraubt sie sich der Potentiale, die in der korrekten Anwendung von „Drogen“ stecken.

Ein Blick in der Historie der Abstinenzidee zeigt ihre gleich mehrfache Verquickung: Eine Verquickung mit christlich orientierten Glaubensgeboten, eine Verquickung mit protestantischem Arbeitsethos und eine Verquickung mit der Ideal der ständigen Selbstkontrolle.

Es ist mehrfach darauf hingewiesen worden, dass das Problem der „Sucht“ ein neues ist. Bis in die Neuzeit hinein gibt es weniger Hinweise darauf, dass Menschen Abhängigkeitserscheinungen zeigten. Gleichwohl galt beispielsweise Alkohol schon immer als Droge, die soziale Probleme versursachen kann. Das griechische Schriffttum ist voll von kritischen Schilderungen von Trinkexzessen und dem Lob der Mäßigung. Schon damals wurde vor der Trunksucht gewarnt. Allerdings wurde Wein meist nur verdünnt getrunken. Gesetze gegen Drogenkonsum gab es kaum.

Während des 16. Jahrhunderts nahm besonders in Deutschland die Sorge zu, die Menschen würden zuviel trinken. Ganze Bücher erschienen, entweder, um das Saufen zu loben oder aber es zu verdammen. Andere Drogen waren von diesen Auseinandersetzungen nicht betroffen. Luther kam 1520 zu dem Schluss, dass das Laster der Trunksucht mit geistlichen Worten nicht beizukommen sein und das möglicherweise die weltliche Macht einschreiten müsse.

1606 wurde in England Trunksucht das erste Mal zu einen Verbrechen erklärt. Es ist bis heute unklar, tatsächlich viel mehr getrunken wurde als früher, oder aber ob die Verbreitung des Buchdrucks nur die Beschreibng des trunkenen Alltags förderte. Zugleich gab es lange eine breite Verwendung von Alkohol als Medizin. So galt der gegeißelte Brandwein eben auch als universelles Therapeutikum, als aqua vitae (Lebenselixier).
Bei der Verbreitung der Alkohol-Probleme spielten die technischen Möglichkeiten, namentlich die Destillation, eine Rolle. Damit konnte der Alkoholgehalt von rund 15% auf 50% gesteigert werden. Sie verbreitete sich seit dem 13. Jahrhundert langsam in Europa. Ein Phänomen, das sich seither bei Drogen immer wieder zeigt: Die Purifizierung bringt Probleme der Dosierung mit sich. Die Gin-Epidemie in England (um 1750) rief der Gesetzgeber auf den Plan. Gleichzeitig gab es Freischnaps für die Matrosen, später wurden den Fabrikarbeiter ein Teil des Lohnes in Branntwein ausgezahlt.

Es entstand das, was heute „Elendsalkoholismus“ genannt wird. Zwischen 1850 und 1900 rief diese soziale Akteure auf den Plan, die die Geschicke der Drogenpolitik bis heute beeinflusst: Die Abstinenzbewegung (temperance movement). Aus ihrer Sicht war die Ursache des Elends der unteren Klassen weniger in ihrem unterdrückten Zugang zu den Produktionsmitteln (Marx) oder der Ausbeutung durch die Unternehmer zu sehen, sondern im allein im Alkoholkonsum. Grund für den Konsum sei mangelnde Tugendhaftigkeit, also die fehlende Orientierung an höheren Zielen, namentlich Gott. Die fest im Christentum, (in den USA vor allem im Methodistentum) verankerte Abstinenzbewegung geißelte den Alkohol als Teufelswerk und konstruierte einen klassischen Sündenbock.

Der Virus griff schnell um sich. Die Guttempler wurden 1851 in den USA als Abstinenzorganisation unter dem Namen „Order of Good Templars“ gegründet. Weitere Organisationen schossen in den USA und in Europa aus dem Boden. 1869 gründete sich in den USA die „Prohibition Party“, vier Jahre später die „Woman’s Christian Temperance Union“, wieder später ging daraus die „Anti-Saloon League“ hervir. Man darf die Rolle der damaligen organisierten Erregungsclubs nicht unterschätzen: Die Liga der Abstinenten war eine der wichtigsten sozialen Bewegungen Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA und Europa. In der Schweiz waren beispielsweise 60.000 Menschen in Abstinenzvereinen organisiert. Der einflussreiche Baseler Psychologie-Professor Gustav von Bunge fordert 1880 ein Alkoholverbot für die gesamte Bevölkerung.

Die Nachricht an die Menschen war klar, gegen den Alkohol gäbe es nur eine Kur: „Abstinenz für den einzelnen und Prohibition für das Volk“ (T.S. Arthur). So glitten nicht nur die USA, sondern auch Norwegen, Finnland, Russland und weitere Länder durch die Abstinenzbewegung in ihr größtes drogenpolitisches Abenteuer: Die Prohibition. Der Ausdruck bezeichnet heute meist die Zeit zwischen 1920 und 1933 in den USA, in der der Konsum von Alkohol verboten war.

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Nebenbei bemerkt: Ganz erfolglos war die Prohibition ja gar nicht: In der Arbeiterklasse ging der Alkoholkonsum tatsächlich drastisch zurück. Er erhöhte sich allerdings unter Jugendlichen und Frauen im eher mittelständischen Millieu. Und natürlich gebar den Schwarzmarkt miesen Fusel und förderte die Kriminalität. Mit dem Ende der Prohibition verschwanden die Parteien und viele Organisationen, manche, wie die Guttempler und das Schweizer Blaue Kreuz, sind geblieben und predigen noch heute Wasser. Ohne die soziale Arbeit, die die Vereine bis heute leisten, diskreditieren zu wollen – ihr geistesgeschichtlicher Hintergrund ist dem Ideal der christlich motivierten Selbstkontrolle verpflichtet. Das Überwinden der Schranken der Zivilisation ist alleine auf Gottes Wegen erlaubt. Von daher steht der Rausch in schlechtem Ruf bei ihnen.

Aber die Abstinenzidee speist sich nicht nur aus der Abstinenzbewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, sondern zumindest bei temporärer Ausführung auch aus der sehr viel älteren Idee, mit den Produkten der Natur bewusst umgehen zu müssen. Das umfasst nicht nur Arzneimittel, sondern auch die Nahrung. Noch heute zeugt die Fastenbewegung von einer Mäßigungskultur, die sich als Gegenpol zur Überflussgesellschaft und weniger als Zuarbeiter gesamtprohibitiver Bestrebungen sieht.

Und es stimmt ja auch: Enthaltsamkeit ist kein grundsätzlich schlechter Berater, im Gegenteil. Das Lossagen von den Dingen ist nicht nur spirituelle Übung der Asketen, sondern überlegenswerte Strategie gegen die ewigen Konsum- Aufforderungen, aber auch psychosozialen Anforderungen durch Staat, Freunde und Verwandte. „Nein“ sagen fällt vielen schwer.

Um zu dem anfänglichen Beispiel der Heroinabgabe zurück zu kommen: Abstinenz kann kein erstes Behandlungsziel sein, die Rückfallquote ist einfach zu hoch. Auf der anderen Seite ist eine Rückkehr in den kontrollierten Konsum verwehrt. Abseits von Therapietheorie und Praxis trägt die Idee der Abstinenz allerdings nicht lange und sollte durch einen Begriff wie „mündiger Verzicht“ ersetzt werden.

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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