Ätherisches Hanföl

Hanfblatt, Nr. 110, November 2007

Gewidmet dem unbekannten Aromaten

Welchen Anteil kann ätherisches Hanfblütenöl an der psychoaktiven Wirkung von Rauschhanf-Präparaten haben?

Dauerkiffer wie „Mister Nice“ (Howard Marks) geben unumwunden zu, dass sie in erster Linie in der Lage sind, zu unterscheiden, wie stark ein Cannabispräparat törnt, nicht aber Variationen der Wirkungsform unterscheiden zu können. Gelegentliche Konsumenten vom Feinschmeckertypus geben dagegen an, ähnlich wie Alkoholgenießer, unabhängig von Set und Setting, Einnahmeform und Potenz, Unterschiede in der Art der Wirkung erkennen zu können. Die Art des von diversen Rauschhanf-Züchtungslinien und Haschischsorten zu erwartenden „Highs“ wird in Foren und Samenkatalogen oft blumig ausgemahlt, von „in die Couch drückend“ bis „cerebral“ ist alles dabei. Von Indicas erwartet man in der Regel ein anderes High als von Sativas, von Indischem Haschisch eine andere Wirkung als von Maroc. Solche Unterschiede kennt man auch von alkoholischen Produkten und coffeinhaltigen Genußmitteln. Deren spezifische Wirkung lässt sich anscheinend nicht allein auf die isolierten und identifizierten psychoaktiven Wirkstoffe zurückführen.

Für die psychoaktive Wirkung von Hanfpräparaten wird gemeinhin eine Substanz, das Delta-9-Tetrahydrocannabinol, kurz THC genannt, verantwortlich gemacht. Andere Substanzen aus der chemischen Gruppe der Cannabinoide, von denen mehr als 60 verschiedene im Hanf entdeckt wurden, könnten dessen Wirkungen beeinflussen. Besonders das in vielen exotischen Haschischsorten zu einem hohen Anteil vertretene und in Faserhanf den Hauptbestandteil bildende Cannabidiol (CBD) steht in dem Ruf dem THC dämpfend bis einschläfernd und beruhigend bis angstlösend entgegen wirken zu können. Leider ist das Zusammenspiel der verschiedenen Cannabinoide und ihrer Isomere noch immer unzureichend erforscht.

Rätselhaft erscheint, dass die chemische Analyse qualitativ hochwertiger Präparate hochgezüchter Sorten in den letzten Jahren lediglich einen hohen Gehalt an THC ergeben hat. Der Anteil anderer Cannabinoide war demnach praktisch zu vernachlässigen. Wie kommt es aber, dass Konsumenten auch bei diesen Produkten Unterschiede in der Wirkung wahrnehmen wollen? Lässt man einmal subjektive Beeinflussung durch Herkunftsmythen, optisches Erscheinungsbild, Geruch und Raucheigenschaften außer Acht, dann kommen noch Hunderte anderer Cannabis-Inhaltsstoffe als Beeinflusser der THC-Wirkung in Frage. Von der Mehrzahl dieser Substanzen ist aber einerseits nichts über eine mögliche Psychoaktivität bekannt oder ihr Gehalt ist so gering, dass eine irgendwie geartete psychoaktive Wirkung nicht zu erwarten ist. Hier scheint also derzeit keine Klärung dieser Frage in Sicht.

Nun hat der bekannte amerikanische Hanf-Autor Ed Rosenthal die Bestandteile des ätherischen Öls der Hanfpflanze, das für deren charakteristischen Geruch verantwortlich ist, als mögliche psychoaktive Wirkstoffe ins Spiel gebracht. Im dritten Band des „Big Book of Buds“, einer Sammlung interessanter aber nicht kritisch hinterfragter Sortenporträts, wie sie von diversen Samenhändlern herausgebracht werden, erwähnt er mehrere Bestandteile ätherischer Öle. Diese könnnen nach den vorliegenden Analysedaten tatsächlich allenfalls in Spuren im ätherischen Hanföl vorhanden sein, wenn überhaupt. Zumindest legt er keinerlei Analysedaten vor, die ihr Vorkommen belegen. Wenn man an ihnen riecht, erkennt man unmittelbar, dass es sich bei ihnen nicht um Hauptbestandteile des ätherischen Hanföls handeln kann (Linalool, Terpineol, Borneol, Cineol, Pulegon). Ihre hypothetischen psychoaktiven Wirkungen, wie sie Rosenthal analog zur Aromatherapie, allerdings maßlos überzeichnet, postuliert, kann man deshalb an dieser Stelle außen vor lassen. Es ist interessanter sich auf die tatsächlich nachgewiesenen Bestandteile zu konzentrieren, von denen er immerhin Myrcen, Pinen, Limonen und Caryophyllen erwähnt.

Hochwertiges ätherisches Hanföl wird in der Schweiz als wohlriechender Parfüm- und Kosmetikabestandteil, Lebensmittelaroma und für die Aromatherapie professionell durch Wasserdampfdestillation der frischen ausgereiften möglichst wenig bestäubten Blütenstände im Freiland gewachsener weiblicher Pflanzen für den internationalen Markt gewonnen (siehe z.B. www.olison.ch). Der Ertrag ist gering. Ein Kilo frischer Blüten THC-haltiger Sorten liefert nur etwa 1,5 Milliliter ätherisches Öl. Faserhanfsorten liefern in der Regel weniger. Würde man die Blüten vorher trocknen, müsste man mit etwa einem Drittel Verlust durch vorzeitige Verdampfung rechnen. Auch würde sich die Zusammensetzung verändern.

Tatsächlich variiert die Zusammensetzung des ätherischen Hanföls erheblich, abhängig von der Sorte und deren Wachstumsbedingungen. Zu bedenken ist, dass sich das Spektrum der Bestandteile des ätherischen Öls im Laufe des Wachstums und der Blütenentwicklung verändert. Selbst von Tageszeiten scheint es abhängig zu sein. Durch Hitze verdampft das ätherische Öl in Teilen. Vom Zeitpunkt der Blütenernte und damit dem Tod der Hanfpflanze an beginnen Verflüchtigungs- und Umwandlungsprozesse. Licht, Sauerstoff, Wärme und Luftzug tragen zu Verlusten und Veränderungen bei. Der Gehalt an ätherischem Öl verringert sich. Der Duft verändert sich. Selbst bei kühler Lagerung des reinen ätherischen Öls in Dunkelheit und unter Luftabschluß treten Prozesse auf, die im Sinne einer Reifung des Geruchsbildes bis zu einem gewissen Grade mitunter sogar erwünscht sein können.

Der mit Abstand charakteristischste Bestandteil des ätherischen Hanföls sowohl von Faserhanf- als auch Drogensorten ist nach den vorliegenden Analysedaten (insbesondere Mediavilla und Steinemann) mit an die 50% das Myrcen. Dieses allein riecht schon angenehm aromatisch und typisch nach Hanfblüten. Auch geschmacklich erinnert es an Hanfblüten.

Alpha-Pinen mit seiner an Zedern und Pinien erinnernden Kopfnote und Hauptbestandteil des gereinigten Terpentinöls und des Wacholderbeerenöls ist ein wichtiger Bestandteil besonders von Rauschhanfsorten. Sein Anteil kann im Einzelfall sehr hoch ausfallen. Bei manchen Indicas (z.B. Northern Lights) ist diese Note besonders deutlich zu riechen. In Kombination mit Alpha-Pinen, diesem aber immer untergeordnet, tritt Beta-Pinen auf. Es hat einen kampferartigen Geruch.

Limonen, Hauptbestandtteil von Zitronen- und Pomeranzenschalenöl, sowie des Bergamottöls, ist ein weiterer charakteristischer Bestandteil des Hanföls, verantwortlich für eine frische citrusartige Note, die bei manchen Hanfsorten vom Sativa-Typus (wie z.B. aus Swaziland) besonders ausgeprägt ist. Allerdings riechen auch einige andere Bestandteile, die in geringen Mengen im Hanföl gefunden wurden, nach Citrusfrüchten und vermögen damit womöglich diese Note im Einzelfall noch zu unterstreichen oder zu variieren.

 

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Phellandren, wichtiger Bestandteil im Latschenkiefernöl, im ätherischen Hanföl aber nur ein untergeordneter Bestandteil, hat eine frische Note, die an Kampfer und Eukalyptus denken lässt. Es mag vielleicht zu dem angenehm erfrischenden Duft beitragen, wie sie manchen Hanfsorten (z.B. vom Haze-Typus) bisweilen zu eigen ist.

Hanfblüten haben typischerweise auch eine mehr oder weniger ausgeprägte widersprüchlich, oft als eher abweisend empfundene Geruchsnote. Ein regelmäßig in recht hohen Mengen auftretender charakteristsicher Bestandteil dieser Richtung ist das Trans-Caryophyllen. Auf das dieses begleitende aber in erheblich niedrigerem Anteil vorhandene ähnlich, aber etwas wuchtiger riechende Caryophyllen-oxid, das auch in diversen anderen ätherischen Ölen, wie z.B. dem Gewürznelkenöl enthalten ist, sollen Drogenspürhunde dressiert sein.

Zahlreiche weitere in geringen Mengen oder Spuren im ätherischen Öl enthaltene sogenannte Mono- und Sesquiterpene leisten ihren Beitrag zum Gesamtgeruchsbild. Die genaue Zusammensetzung und das Zusammenspiel der Einzelbestandteile im Gesamtgeruchsbild gerade bei den diversen Rauschhanfsorten des Schwarzmarktes sind ein noch offenes Forschungsfeld.

Nicht nur botanisch, sondern auch in der Zusammensetzung des ätherischen Öles mit dem Hanf am Nächsten verwandt ist übrigens der Hopfen.

Wie sieht es nun aber mit den von Rosenthal ins Gespräch gebrachten angeblich möglichen psychoaktiven Wirkungen der Bestandteile des ätherischen Hanföls aus? Wenn man von einem realistischen Anteil von 0,8% ätherischem Öl in getrockneten Hanfblütenständen ausgeht, dann müssten, wenn man bei den gegenwärtigen hochpotenten Sorten pur geraucht von einer für einen veritablen Rauschzustand ausreichenden Dosis von 0,1 bis 0,2 Gramm ausgeht und eine Bioverfügbarkeit des verdampften ätherischen Öles von extrem großzügig gerechnet 50% postuliert, bereits insgesamt 0,4 bis 0,8 Milligramm ätherischer Öle für eine psychoaktive Wirkung verantwortlich sein. Im Falle des Hauptbestandteils Myrcen würde das heißen 0,2 Milligramm inhaliert (also die Dosis eines kräftigen LSD-Trips) wären bereits psychoaktiv. Davon ist wissenschaftlich nichts bekannt. Man kann sich denken, dass, wenn dies der Fall wäre, ätherisches Hanföl nicht frei verfügbar wäre.

Um zu überprüfen, ob ein direkter psychoaktiver Effekt durch die Einnahme oder Inhalation der wichtigsten Bestandteile des ätherischen Hanföls möglich ist, wurden heroische nicht zur Nachahmung empfohlene Selbstversuche gemacht. Sie zeigten: 11 mg Myrcen oral eingenommen (also die 55-fache Menge!), und es war nichts zu spüren. Normale Zigaretten, die reichlich mit einem künstlich zusammengestellten ätherischen Öl getränkt wurden, das analog natürlichem Hanföl aus Myrcen, Alpha- und Beta-Pinen, Limonen, Phellandren, sowie Caryophyllen und Caryophyllen-oxid zusammengestellt wurde, wurden mehrmals ohne Effekt geraucht. Zur Warnung sei angemerkt: Die ätherischen Öle sind leicht entflammbar, können evtl. hautirritierend und in zu hoher Dosis eingenommen toxisch wirken.

Eine eigene direkte physiologische psychoaktive Wirkung ist demnach bei den in den Hanfblüten vorgefundenen Mengen ätherischen Öls nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht wahrscheinlich. Es ist nicht angebracht, hier voreilig einen neuen Mythos, den von einer variablen Psychoaktivität der verschiedenen Bestandteile des ätherischen Hanföls zu kreieren.

Nichts desto trotz ist der spezifische Duft, das Aroma des Rauschhanfes, Teil seines individuellen Genusses und kann somit eventuell wie auch von anderen Genussmitteln bekannt indirekt das subjektive Rauscherleben beeinflussen. Hier gibt es auf jeden Fall noch viel zu erforschen.

az

 


 

 

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2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Zum Glück ist der Artikel schon 10 Jahre alt. Nicht nur die Aussage im ersten Satz ist recht schwach (Manifestation bekannter Klischees?), auch die Behauptung mit den Zuchtzielen war zur Zeit der Veröffentlichung schon falsch. Schade, im Text stecken sicherlich viele interessante Infos über die ätherischen Öle, aber der Anfang ist so panne, dass ich mir den Rest nicht gebe.

    Liebe Grüße,
    ein stets übel gelaunter und allen Klischees entsprechender Connaisseur-Dauerkiffer mit Flugschein

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