Des Apfelmanns knorrige Hände packen den Boskop

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Echolot 1/2000

 Auf grillenhafter Einkaufstour in Ottensen

Des Apfelmanns knorrige Hände packen den Boskop. Wahrscheinlich ist er nach dem Punk mit einem Selbsthilfeprojekt für durchgeknallte Acid-Heads aufs Land gezogen und erntet nun Äpfel für die Stadtbevölkerung. Seine Sorgfalt bei der Auswahl besticht, seine Früchte stärken nachweislich mein System. Ich möchte ihn bitten, das Schild mit dem Druck „Erdbeer-Schalen nehmen wir gerne zurück“ von seinem Stand verschwinden zu lassen, traue mich aber nicht. Er lächelt mild. Die unter 60jährigen Tanten vor seinem Stand schmelzen dahin bei soviel geerdeter Anarchie, die sogar rot-befleckte Schalen mit zermanschten Erdbeerresten in den natürlichen Kreislauf reintegriert. Die Frau neben mir in der Warteschlange gehört hier nicht her. Sie sabbert fast so schlimm wie der Rollstuhlfahrer, den ich eben noch angepöbelt habe, weil er mit seiner Karre den Wurststand blockierte. Außerdem fehlt ihrer Kleidung der gerupfte Touch, die ewig hängenden Strickwaren, die den Brustkasten so widerwärtig glattbügeln. Sie faselt was von „leckeren, großen Erdbeeren“, wobei ihre Speichelbläschen den Herpes tanzen. „Die kleinen schmecken fast noch besser“, lüge ich. Sie stimmt mir zu. Die Dame ist noch leichter zu irritieren als ich. Der Apfelmann kratzt das alles nicht, er freut sich schon auf sein Acid-Hof während er meine Erdbeeren in den Jute-Beutel packt. Immerhin ist der Typ nicht so weichgespült wie der Brotmann, an dem meine Brotbestellung jedes mal abzugleiten scheint.

Freundlich ist die Gemüsedame, während sie ihren Kaffee schlürft. Gerne wechsle ich mit ihr Worte, die über pure Warenbestellung hinausgehen. Unsere letzte Diskussion darüber, ob der Radikale Konstruktivismus notwendigerweise im Solipsimus endet, ging Not gegen Armut, 0 zu 0 aus, sorgte aber für Mordsstimmung am Stand. Heute steht ihr nicht der Sinn nach Abgründen, sie macht auf gut Freund. Will sie, dass ich ab jetzt ewig ihre Früchtchen mampfe? Weitgefehlt, Kanaille, morgen kaufe ich beim Türken. Gerne erinnere ich mich an die Zeit zurück, als das saftige Obst von einer jungen Frau vom Land sehr zärtlich in die Papiertüten gelegt wurde. Leckere rote Wangen. Professor Unrat schoß in mich und eine Blase öffnete sich: Betört würde ich dichten, während durch die Resthofküche mit Holzfußboden der Duft von frisch gebackenen Brot schwebt, deren Teig von ihren kräftigen, aber einfühlsamen Fingern stundenlang durchgeknetet worden war.

Plötzlich stehe ich in der Mieder-Abteilung von H&M. Wenn mich jetzt meine Jungs vom Fußball treffen, ist es mit meiner Karriere vorbei. Ich verwerfe die Paranoia, verlasse aber trotzdem schnellstens den Laden. Draußen fällt mir ein, dass ich mir Schlüpfer aus Seide kaufen wollte, vielleicht aber auch nur Unterhosen, die mich dem Ideal der knackigen Men´s Health Titelmacker ein Stück näher bringen sollten. Na ja, die Bundeswehr-Liebestöter sind ja erst zwölf Jahre alt.

Im Reformhaus riecht es wie beim Antroposophen im Schritt. Die fetten Eso-Spießer scheint der Muff nicht zu interessieren, sie kaufen zum Tofu neuerdings noch angegammelten Pu-Erh-Tee, um später im orangenen Schein ihrer Salzkristalllampe Pfunde zu verlieren. Dazu plätschert im Hintergrund die neue Hildegard von Bingen CD, während der Sohn im Kinderzimmer Ethno-Pornos gucken darf. Verdammt aber auch, dass mir diese Soja-Creme besser als Schlagsahne schmeckt und bekommt. Bin ich schon mehr in den Fängen dieser Eso-Spießer als ich wahrhaben will oder sollte ich mir diese schmerzhaften Konstruktionen besser abgewöhnen?

Im Zoohaus riecht es nur eine Nuance bissiger, auf alle Fälle erinnert der Laden schwer an Tierquälerei. Ob wohl endlich mal einer dieser autoritären Punker mit Hund reinkommt, um seiner verlausten Fellhure ´nen Quietschball zu klauen? Triumphierend würde ich ihn verpetzen, die Verkäuferin würde mein Haupt streicheln, und endlich wären die gewaltsamen Übergriffe auf mein Ohr („Haste mal zehn Mark?“) gerächt. Da sind mit die Penner vor Aldi lieber. Die sind am Mittag schon immer so breit, dass sie meinen Peseta-Beschiß nicht bemerken. Unsinn, natürlich lege ich meinen Anteil am Sozialstaat jede Woche brav in Deutschmark in ihren Becher.

Großer Aldi, Bewahrer des sozialen Friedens in Deutschland. Ehrliches Gedrängel an der Kasse, hier trifft sich die Creme des Proletariats. Den Kassiererinnen macht niemand mehr was vor, sie pfeffern das Waren-Trennhölzchen mit zehnjähriger Erfahrung in die Edelstahlschiene. Genau diese Damen sollten man in die nächste TV-Diskussion-Runde um die „Zukunft der Arbeit in der Informationsgesellschaft“ einladen. Da würden die geleckten Schlaumeier aus der Cyber-Branche mal an der Basis der Werktätigen riechen. Der Türke vor mir furzt mit Würde in seinen grauen Anzug, während er zwanzig Dosen Hering in Tomatensoße aufs Band legt.

Auf dem Rückweg schweben Klänge in mein Ohr, locken mich. Nur ein östlicher Europäer ist fähig, Bach auf dem Akkordeon zu feiern. Meine Eile schwindet, zu zart und exakt ertasten seine Finger die Töne. Schwingende Schleifen dringen in mich ein, durchwuseln meinen Körper und gehen wieder ins Ganze zurück. Der Klang formt ein Gemälde von Escher, mein Blick ruht auf der abgewetzten Cordhose des Musikanten. Seine Augen geschlossen folgt er seinen eigenen Tönen, die schon da sind, bevor er sie gespielt hat. Goethe fällt später mir ein:

Es soll sich regen, schaffend handeln,

Erst sich gestalten, dann verwandeln;

Nur scheinbar steht’s Momente still.

Das Ew’ge regt sich fort in allen;

Denn alles muß in Nichts zerfallen,

Wenn es im Sein beharren will.

Aber was wußte Bach von den Zwängen der Konsums? Heute würde der Typ doch mampfend bei McDonalds sitzen, unfähig, das C an die richtige Stelle auf der Notenlinie zu setzen. Mit der Rolltreppe runter zu Schaulandt, dort, wo der Mensch der Technik die Seele einhaucht. Wenn es Elektro-Smog gibt, dann hier. Die sich eben noch in Ordnung befindlichen Atome in meinem Hirn zerfallen zurück ins Chaos. Juhuu, Freiheit des ungebundenen Seins. Wahnsinn, die Haare des Mädchens in der Musik-Abteilung. Ich greife zu und habe weder Hair noch Bach, sondern CD-Rohlinge in der Hand. Damit brenne ich mir heute abend kräftig einen rein.

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Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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