Mit Alexander Jolig auf Verlobungsreise oder Von der Schwierigkeit, im Gespräch zu bleiben

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Berliner Zeitung v. 02.11.2002 Stark gekürzte Fassung! Hier das Original

Die Leiden eines Emporkömmlings

Mit Alexander Jolig auf Verlobungsreise oder Von der Schwierigkeit, im Gespräch zu bleiben

Es war ein „ganz normaler Sonntag“, versichert Sam, als Alex ihr einen Heiratsantrag machte. „Wir waren auf dem Weg vom Sonnenstudio in die Videothek, da sagte der Alex, dass heiraten ja auch nicht schlecht wäre.“ Sam will gerade mit der romantischen Geschichte fortfahren, aber die Dame von RTL ist nicht zufrieden und sagt deshalb „Schnitt, noch mal, bitte.“ Neulich auf den Azoren. „Container-Alex und Sam zur Verlobung auf den Trauminseln“, so sollen die Headlines prangen und darum hat die Tourismus-Zentrale geladen. Seit Jahren stagniert der Touristenstrom, zusammen mit einer Münchener Medienagentur sind daher das Ziel und die Mittel festgelegt worden: Das Paar soll den Bundesbürgern die Inseln schmackhaft machen. Die Presse und deren Opfer kommen in einem Ressort an der Steilküste unter. Alle verstehen sich gut, auch dienstlich probt man den Gleichklang. Den einen geht es um die Erhellung von mausgrauen Alltagswohnzimmern mit dem Glanz eines schillernden Pärchens, den anderen darum, einen Platz im Tratsch-Gedächtnis der Gesellschaft zu ergattern.

Wir brauchen einen O-Ton

Ab jetzt beobachten die Medien jeden Schritt der beiden. Das Kamerateam filmt für RTL-Explosiv, der einsame Journalist schreibt eifrig in seine Kladde. Erste Station: Der Hafen von Vila Franca. Es geht hinaus aufs Meer, „Dolphin-Watching“. Die kleinen Racker sind tatsächlich zugegen, ein Rudel Fleckendelfine durchpflügt das Wasser. Ein Delfin schießt sich drei Meter hoch und setzt eine Mords- Arschbombe ins Wasser. Die Kamera läuft, ein gewagter Schwenk zwischen Sams Beine. „Wir brauchen einen O-Ton!“, bestimmt die Frau von RTL. Also raus das Mikro: „Ein tolles Erlebnis“, sagt Sam. Danke, Schnitt.

Abendessen, Alex betritt den Raum. Eine Mischung aus Zorro und Marlon Brando, Panzerkette um den Hals, Silberkette ums Handgelenk. RTL, Schreiberlinge und das Paar sitzen wieder an einem Tisch. Sam erzählt begeistert von Ereignissen aus Pool und Bad. Brandy, eine Zigarre, kommod lehnt sich Alex zurück. Mittlerweile sitzt man in der Bar, die Lampen sehen aus als wären sie vom blinden Bruder von Verner Panton designt, rote Cordhocker bevölkern den Raum. Das Meer, ja, das mag Alex, die fast unendliche Weite. Sein Traum? „Ein Bötchen“, sagt er bescheiden, „und dann rund um die Welt segeln.“

Alex Jolig braucht die Medien, denn sie waren es, die ihn zu einem Macho, zu einem Diplomatensohn mit Heckspoiler stilisiert haben, niveauvoller als Slatko, aber eben doch nur ein Emporkömmling aus einer Reality-Soap. Man konnte ihn zu Talkshows einladen, um seine musikalischen Gehversuche, seine Filmauftritte oder seine Liaison mit Jenny Elvers zu belächeln. Der Mensch Jolig blieb dabei uninteressant. Schon die Authentizität der blechernen Big-Brother-Beziehungskiste war nur eine scheinbare. An den Mischpulten des Fernsehsenders wurde genau darauf geachtet, welche Bilder über den Äther gingen. Die Damen putzten das Klo, während Alex in Macho-Pose auf dem Sofa schwieg. „Ich habe genau so im Haushalt gearbeitet wie alle anderen auch“, sagt Alex heute. Zu spät. Höhepunkt war sicherlich, als Kerstin dem guten Alex vor laufenden Nachtsicht-Kameras einen geblasen hat. So entstand das Image vom Pascha, der das pralle Leben in vollen Zügen genießt.

Darunter leidet er, denn ewig will er den Ballermann nicht mimen. Aber er ahnt, dass ein Star nur das ist, was über ihn bekannt wird – egal, ob wahr oder falsch, wichtig oder unwichtig, ganz egal auch, ob es dem Menschen dahinter gerecht wird. Aber im Gegensatz zu echten Stars bleibt bei vielen medialen Produkten des neuen Jahrtausends unklar, weshalb sie ihre exponierte Position in der Öffentlichkeit einnehmen. Jenny Elvers, Ariane Sommer, Verona Feldbusch oder „Party-König“ Michael Ammer: Der „Rohstoff Person“ ist dünn, der Einzelne reklamiert Beachtung aus keinem anderen Grund als der Freimütigkeit, mit der er seine Befindlichkeiten zur Schau stellt.

So steht für die Halb-Promis die Frage: Wie im Gespräch bleiben, ohne zum Gespött zu werden? Darüber grübelt Alex nach, darüber grübelt Sam nach. Hinter den beiden steht keine mächtige Plattenfirma, die den Medien mit dem Entzug der Werbeschaltungen drohen kann, wenn Unliebsames berichtet wird. Dabei sind Alex und Sam keine Witzfiguren, es sei denn, man hält die Typen aus der Nachbarschaft für unbedingt verarschenswert. Sam, 26, keck, manchmal dreist, erinnert an das gut aussehende Mädchen, das jeder noch aus seiner Schule kennt. Alex ist freundlich, hilfsbereit, jovial, auch wenn die Kameras nicht in der Nähe sind.

Als Paar sind sie in erster Linie verliebt, zudem aber zunehmend entsetzt darüber, wie die Presse mit ihnen umgeht. „Die machen mit uns, was sie wollen.“ Nach dem zweiten Brandy schlägt Alex deshalb vor, man solle mal was „über den Menschen Alex Jolig“ schreiben. Darüber, weshalb er in den Container gegangen sei. Seine damalige Sinnkrise habe bisher noch niemanden interessiert.

Reiten mit RTL

Frühstück, dann die nächste Station: eine Hazienda, auf der stolze Rösser ihr Stroh futtern. Der käseweiße Verwalter gibt sich zugeknöpft. Sam entdeckt schnell einen stattlichen Gaul in den Boxen, der Cowboy aber deutet auf eine 21-jährige Mähre mit Karies. Der Gedanke, dass Alex einen seiner Klepper womöglich von hinten besteigt, treibt ihm die Schweißtropfen auf die hagere Brust. Egal, RTL will Bilder, und Hans Alexander Jolig soll jetzt reiten. Der Rücken vom Klepper biegt sich so sehr durch, dass die Bauchdecke fast den Boden streift, Alex ist nicht besonders glücklich. Zu allem Überfluss will das RTL-Team Alex verkehrt rum auf dem Pferd sehen, ein wahrhaft explosiver Gag. Das Wuschelmikro schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Paar. Schnitt.

Und so geht es weiter. Von schwefelhaltigen Dampfterrassen über Teefabriken bis hin zum Grützwurst-mit-Schweinefleisch-Essen, sechs Stunden im Erdloch gebacken und nur mit Senf zu genießen. Inmitten des Wahnwitzes taumeln Sam und Alex. Und manchmal stehen sie recht verloren da. Dann nimmt Sam die Hand von Alex, drückt sie und fragt lächelnd: „Alles roger in Kambodscha?“


Für 100 Tage populär

Am 28. Februar 2000 zog Alex Jolig für die erste Staffel der „Big-Brother“-Show in den Container ein. Ebenfalls dabei: Jürgen, Zlatko, John, Thomas, Despina, Andrea Manuela, Kerstin und Jana. Nach 100 Tagen war das Spektakel vorbei. Zwei weitere Big-Brother-Shows folgten, dann erlahmte das Interesse des Publikums.
Die meisten Big-Brother Bewohner verschwanden wieder in der Versenkung. Alex Jolig versuchte sich als Schauspieler, Sänger und Werbeträger und geriet durch seine Affäre mit Jenny Elvers in die Schlagzeilen. Sein Mitbewohner Jürgen bringt gerade sein Buch „Ich sag s“ heraus, in dem er alte Big-Brother-Geschichten aufwärmt.

(Stark gekürzte Fassung! Hier das Original)

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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