Rodney Brooks und die Maschinenmenschen

telepolis v. 07.05.2002

Tatsachen über Maschinen, Denkbarkeiten für Menschen

Für Rodney Brooks, den Primus der runderneuerten Künstlichen Intelligenz, funktioniert der Mensch zwar nicht mehr wie ein Computer, aber immerhin (wieder) wie eine Maschine.

„Nimm uns mit, Kapitain, auf die Reise“. Bei amerikanischen Steuermännern heuert man gerne an, sie bieten lockeres Lesevergnügen und unerschütterlichen Techno-Optimismus. Wenn dann auch noch Rodney Brooks ein Werk veröffentlicht, dann muss man zugreifen, schließlich ist der Mann der Reformator einer Disziplin, die trotz ihrer Fehlschläge von einer magischen Aura umgeben ist – der Wissenschaft von der Künstlichen Intelligenz (KI).

Cover
Ende der 80er Jahre zeigte die KI deutliche Anzeichen einer degenerierten Wissenschaft – zu hoch waren die geschürten Erwartungen gewesen menschliche durch elektronische Intelligenz ersetzen zu können. Die enormen Rechenleistungen ermöglichten zwar Erfolge bei Expertensystemen sowie Computern, die Schachweltmeister entnerven konnten. Beim Einsatz in der banalen Alltagswelt der Straßenüberquerungen und Häkelns scheiterten die artifiziellen Knechte aber gründlich. Warum? Dies fragte sich auch Brooks, der seit 1984 im Institut für künstliche Intelligenz am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Roboter entwickelte und zunehmend frustriert darüber war, dass die Artefakte immer noch nicht in der Lage waren zügig eine Treppe zu überwinden und zum Einsammeln von ein paar Bauklötzchen Stunden brauchten.

Der verführerische Titel „Menschmaschinen“ ist Zugeständnis an den Markt, was das Werk zunächst interessant macht ist die Beschreibung der Geburtsstunde und Entfaltung der „Neuen KI“. Der damals revolutionäre Grundgedanke von Brooks: Will man intelligente Maschinen bauen, muss die Kopplung zwischen Wahrnehmung und Handlung möglichst eng gestaltet werden. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass ein Roboter zunächst über ein inneres Weltmodell verfügen muss bevor er handeln kann. Brooks wollte diese „Kognitions-Box“, die bis dahin jeder für unabdingbar hielt, weglassen. Es entstand die Idee der „Subsumptionsarchitektur“. Damit ist eine Rechner- und Roboterarchitektur gemeint, in der die einzelnen Elementarverhaltennicht mehr in einer Zentraleinheit zusammengefasst werden, sondern unabhängig voneinander agieren. Das Verhalten des Gesamtsystems ergibt sich aus der Kommunikation der Subsysteme miteinander, die gemeinsam für gewisse Situationen bestimmte Interaktionsmuster ausführen. Brooks Ansatz findet seither in der Robotik immer mehr Anhänger.

„Ich war überzeugt – und bin es bis heute -, dass Intelligenzleistungen aus der Interaktion von Wahrnehmung und Handlung entstehen und dass in deren ausgewogener Implementierung auch der Schlüssel zur allgemeinen Intelligenz liegt.“

Allen, Genghis, Herbert – durch das gesamte Buch krabbelt die moderne Roboterforschung, immer unterhaltsam, immer verständlich. Zahlreiche Beispiele aus der Biologie helfen zu verstehen, dass Intelligenz einen realen Körper braucht, der mit der Umwelt interagiert ( Das Geheimnis der Intelligenz liegt nicht im Gehirn). Die klassische KI hatte bis dahin versucht, intelligente Maschinen zu bauen ohne Intelligenz verstanden zu haben und sie später in einer Mischung aus Verzweifelung und Übermut für intelligent erklärt.

Auf der ersten Overhead-Folie auf einem seiner Vorträge stand „THINK BIG“ und Brooks wäre nicht KI-Forscher am MIT, wenn er nicht versuchen würde, die vielfältigen Effekte der Robotertechnik auf das Leben der Menschheit in der Zukunft vorauszusagen. Es mutet seltsam an, dass ausgerechnet Brooks, dem die Probleme des Aufbaus komplexer Verhaltensweisen von Robotern bekannt sind, der Verschmelzung von Mensch und Maschine das Wort redet. Um das zu leisten, schlägt er einen Haken in ein Gebiet, in welchem er kein Experte ist – Nanotechnologie ist das Zauberwort.

Wenn man denn mosern will: An dieser Stelle bricht das Buch in die aus US-amerikanischen KI-Werken bekannten Hälften aus Science und Fiction auseinander. Dies gab schon den Büchern von Marvin Minsky, Hans Moravec und Ray Kurzweil in deutschen Buchhandlungen eine Chance und diskreditierte sie zugleich in der hehren europäischen Wissenschaftsgemeinde. Von der Überspanntheit des alten Dream-Teams ist Brooks weit entfernt, er sieht die Zukunft des Menschen nicht in der Auflösung im Reinraum des vom Fleisch befreiten Denkens. Die künftigen Revolutionen werden sich nach Brooks durch den Einzug von Kleinstmaschinen in den Körper ergeben. Gehörschnecken, Netzhautimplantate und andere elektronische Prothesen werden bald den Körper so vollständig bevölkern, dass die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine obsolet wird.

Aber die Maschinenwerdung ist nach Brooks nicht nur durch technische Evolutionen, sondern auch durch philosophische Erwägungen das Schicksal des homo sapiens. Weil der Körper aus Komponenten zusammengesetzt ist, die nach bestimmten – wenn auch noch nicht vollständig bekannten – Regeln interagieren, sind wir selbst Maschinen. Nachdem die klassische Künstliche Intelligenz die Computermetapher für den Menschen eingeführt hatte, geht Brooks wieder einen Schritt zurück. Dies ist nur folgerichtige Konsequenz seiner Sichtweise von KI, die auf einfachen Basisverhalten aufsetzt. Der Mensch, so Brooks, funktioniert zwar nicht wie ein Computer, aber immerhin wie eine Maschine.

Wenn man trotz aller Einwände aber jubeln will: Der gebürtige Australier stellt die Fragen der Zukunft schon heute – und er hat seine Antworten schon parat. Über die lässt sich streiten, aber genau das will Brooks ja. Ohne den empfindungslosen Impetus der Transhumanisten fordert er zur erneuten Reflexion über den menschlichen Bauplan auf. Und so bietet das Buch einen doppelten Einblick. Zum einen in die Labors einer Wissenschaft, die nach Jahren der Höhenflüge auf den Boden der Tatsachen zurück gekommen ist, zum anderen in die Weltanschauung einer Disziplin, die weiterhin auf dem schmalen Grat zwischen techno-evolutionärer Fortschrittsglauben und inhumaner Überwindung des Menschseins wandelt.
Rodney Brooks: Menschmaschinen. Wie uns die Zukunftstechnologien neu erschaffen. Frankfurt am Main, New York 2002, Campus Verlag, 280 Seiten. ISBN 3-593-36784-X. EUR 24,90

 

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