Durch den Regenwald von Costa Rica

Worm Attack

Durch den Regenwald von Costa Rica

Es regnet. Durch das dichte Blätterdach hoch über unseren Köpfen dringt allerdings nur ein Teil der dicken Tropfen. Das Nass stört nicht, denn es ist warm. Zudem waren wir schon vor Beginn des tropischen Schauers bis auf die Haut durchnäßt, denn der ganze Wald strotzt vor Feuchtigkeit. Überall glänzt und glitzert das Grün, von den Blättern tropft das Wasser, die Stiefel versinken bei jedem Schritt im Matsch. Das schwebende Wasser in der Luft hat sich schon seit einiger Zeit mit dem Schweißfilm auf unserer Haut verbunden, die Kleidung klebt am Körper.

Vor etwa einer Stunde haben wir unsere Rucksäcke vom Jeep geladen, der uns bis an den Rand des Regenwalds transportiert hat. Wir, dass sind Olaf, mein Freund aus Hamburg, Spike, ein Amerikaner aus San Franzisko, Hillary, eine junge Frau aus Vancouver in Kanada und David, ursprünglich Amerikaner, nun seit 15 Jahren in Costa Rica seßhaft und Besitzer von 410 Hektar Regenwald. Sein Grundstück grenzt an den Naturschutzpark „Braulio Carillo“ im Herzen von Costa Rica, etwa zwei Autofahrstunden von der Hauptstadt San Jose entfernt.

im urwald von costa ricaSeitdem wir die Piste verlassen haben, dringen wir tiefer und tiefer in den Dschungel ein. Fingerdicke Schlingpflanzen, Farne und Büsche wuchern über den schmalen Pfad. „Schon nach ein paar Monaten wird es schwierig, den Pfad wiederzufinden“, verrät uns David. Mit einer Machete schlägt er den Weg frei, dabei jede kleine Baumwurzel und Moosfläche ausnutzend um nicht knietief im Morast zu versinken. Wir versuchen es im gleichzutun, ächzen unter der Last des Gepäcks, welches einen mehrmals aus der Balance schaukelt, stolpern immer wieder. Für Blicke nach links oder rechts bleibt vorerst keine Zeit, der natürliche Hürdenlauf braucht unsere gesamte Konzentration. Als David sieht das Spike sich, um einem steilen Abhang sicher hinabzusteigen, an einem Baum abstützt, warnt er trocken: „Die Stämme nicht unbesehen anfassen. Teilweise haben sie scharfe Dornen oder eine Schlange fühlt sich durch euch gestört.“ Wir schweigen.

Der zweite Bach den wir überqueren ist mit kleinen und großen Steinen besät. Wir hüpfen über die glitschigen Felsen, immer auf der Suche nach dem Gleichgewicht. Olaf rutscht aus, steht kurz wie eine Ballerina auf einem Bein und fällt mit einem in dem tosenden Lärm des Wasserrauschens kaum zu hörenden Platschen ins Wasser. Wir lachen, er auch. Mit Stiefeln in denen das Wasser bis zur Wade steht, kraxeln wir den nächsten Berg hinauf. Die Schritte werden sicherer, das motorische System stellt sich erstaunlich schnell auf die neue Umgebung ein. Bleibt man kurz stehen, verliert sich der Blick nach drei Metern im Dickicht. Wie eine Wand steht dann die Gemengelage aus riesigen Blättern, Baumstämmen mit ihren meterhohen Wurzeln und Gras dar. Unvorstellbar, hier abseits des Pfades zu gehen. Nachdem wir die Kuppe eines weiteren Hügels erreichen, verdichtet sich im Tal vor uns die Luft zu einem Nebel. Ich versuche durch die Nase tief in den Bauch zu atmen um aus diesem Dampfbad den für meinen Körper nötigen Sauerstoff zu ziehen. Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit, ich stolpere und stecke bis zum Knie in dem hellbraun-lehmigen Schlamm der mich mit einem gewaltigen Schmatzen wieder entläßt.

Das ungewohnte Ambiente flößt allerdings keine Angst ein; Respekt ist wohl das bessere Wort. Während die Flora im Übermaß gedeiht, ja, nach uns zu greifen scheint, zeigt sich die Fauna nur scheu. Zwar pfeift, zirpt, quietscht und zischt es überall, zu sehen sind die Kehlen, Kämme und anderen animalischen Instrumente vorerst aber nicht. In manchen Sequenzen erinnern die Lock- und Warnrufe der Gefiederten an alte Volkslieder. Mit einem lauten Stakkato weist ein Vogel auf seine Existenz hin. Warnt er die anderen Bewohner vor uns? Zumindest die Ameisen zeigen sich von unserer Ankunft unbeeindruckt. Die nur zwei Millimeter kleinen Tiere tragen für ihre Verhältnisse riesige Pflanzenteile auf dem Rücken, die sie zuvor sauber aus Blättern geschnitten haben. In Reih und Glied kreuzen die wandernden Blätter unseren Pfad. Und auch ein anderes Sinnesorgan wird stimuliert: Die Nase wittert Gerüche, die sie nie zuvor wahrgenommen hat. Würzige Noten wechseln mit blumigen, ein kardamonähnliche Duft wird plötzlich von einem süßlich-fauligen übertönt. Getragen wird dieser vegetative Aromateppich von einer schweren, feucht-muffigen Grundluft.

Nach fast drei Stunden Fußmarsch hellt sich der Wald auf und wir betreten eine Lichtung. Aus rohem Holz gebaut steht eine Hütte auf Pfählen vor uns, groß genug um sechs Personen einen trockenen Schlafplatz zu bieten. „Für den Bau haben wir nur das Lichtungsholz verwendet“, versichert David. Die Regierung des mittelamerikanischen Landes achtet streng auf die Einhaltung der den Regenwald schützenden Gesetze: Mehr als ein fünftel des 51 Tausend Quadratkilometer großen Staates steht unter Naturschutz, über 30 Nationalparks und ausgewiesenen Schutzzonen sind nur mit Genehmigung zu betreten. Aber nicht nur das ökologische Bewußtsein zwang das Land von der Größe Niedersachsens Anfang der siebziger Jahre zu einem restriktiven Naturschutz. Das aus den Monokulturen der Bananen- und Kaffeeplantagen erwirtschaftete Geld reichte allein nicht aus, um die Auslandsschulden zu begleichen. Die touristischen Vermarktung des Regenwaldes soll diesen nun wirtschaftlich nutzen, ohne ihn zu zerstören. „Ein Drahtseilakt“, weiß auch David, der den stetig wachsenden Touristenstrom mit Argwohn sieht. Von der Lichtung geht der Blick ins Tal. Dichter, im satten Grün lebendiger Regenwald breitet sich vor uns aus, am nördlichen Horizont erkennt man die Berge von Nicaragua. Über einigen Baumwipfeln hängen kleine Nebelbänke, aus denen die einheimischen Schwalben auftauchen. Wir staunen sprachlos. Ein dicker Käfer kommen auf mich zugebrummt, der Auftrieb der Flügel scheint zu klein um den massigen Körper in der waagerechten zu halten – wie ein Sack hängt dieser beinahe senkrecht hinab. Ein leichtes Pusten bringt das träge Insekt aus der geplanten Flugbahn, mit einem Brummen fängt es sich mühsam und setzt seinen Weg fort. Als wir die Schuhe ausziehen, ergießt sich eine dunkelbraune Brühe aus den Schäften. Alle Sachen, bei Olaf und Spike auch die im Rucksack, sind naß. Auf der me tallenen Abzugshaube der Feuerstelle beginnt ein Gedränge um die besten Trockenplätze; ein Prozedur, welche sich die nächsten Abende wiederholen wird. Wir grillen Hühnerfleisch über dem Feuer, Essen mit den Händen, schmatzen, lecken uns die Finger: Die Natur hat uns wieder.

Fruechte

Tief beiße ich in den Pfannkuchen, den David zum Frühstück zubereitet hat. Das Prasseln des Regens auf dem Blechdach der Hütte hatte uns in den Schlaf gewogen, wir sind um kurz nach sechs Uhr hellwach und trotz des ausgiebigen Abendessens hungrig. David schlägt vor, einen Wasserfall zu besuchen. Los geht es. Ohne das Gepäck geht es sich erheblich leichter, die Schritte sind kontrollierter. Mittlerweile weiß man, welches Moos das Körpergewicht trägt, welches Gras nur stabil scheint, welche dünnen Ranken als Fußangel agieren. Kurz nachdem wir die Hütte verlassen, beginnt es (wieder) zu regnen. Über die Socken und Unterschenkel kriecht das Wasser langsam bis in den Genitalbereich hoch: Wunder der Kapillarwirkung. Ursprünglich von einem Tapir geschaffen, ist der heutige Pfad noch erheblich schmaler als gestern. Wir entdecken im Schlamm einen Hufabdruck des archaischen Wesens. Das bis zu 300 Kilogramm schwere Säugetier mit dickem Körper und kurzem Rüssel gilt unter den Einheimischen als Delikatesse und ist vom Aussterben bedroht. Spike weist uns auf eine Pflanze hin, deren Blüte die Form eines rotgeschminkten Mundes hat. „Vaginalsymbol, würde Freud wahrscheinlich mutmaßen“, sagt Spike lachend. Mehrmals versperren uns gefallene Urwaldriese den Weg, ihre Umrundung dauert über 15 Minuten. Eine waagerecht liegende Palme läßt David an das Abendbrot denken. Nur mit Mühe erreichen wir ihre Spitze, in welcher sich das zarte Palmenherz befindet. Später bereichern wir damit unser Abendbrot.

Durch die Bäume und über ein Tal hinweg sehen wir in weiter Entfernung das Tagesziel: Ein Wasserfall stürzt sich 140 Meter in die Tiefe. Auf dem Drittel des Naturschauspiels fängt ein Pool die flüssige Masse auf, bevor sie weiter herunterfallen. Die Gischt hüllt das kleine Tal in einen feinen Nebel und verbindet sich mit den tiefhängenden Wolken zu einem übergroßen Schleier. Ein paar Kekse, die Fotoapparate klicken. Über einen seitlichen Pfad gelangen wir bis zum Fuße des Falls hinab. Durch das rauschende Wasser herrscht hier starke Luftbewegung, fast Sturm. Die Äste wiegen im Wind, die Luft ist klar, kein Moskito stört das Dasein. Der uns umgebene Urwald scheint keine Ordnung zu kennen. Wirr liegen Blätter, Lianen, Wurzeln, Äste, Gräser, übereinander, Farne ragen in den Pfad, teilweise mit bis zu zwei Meter großen Blättern. Aber, und das weiß man nicht erst seit der Chaosforschung, hinter der vermeidlichen Unordnung steckt System. „Das heimische Faultier verläßt seinen Baum nur einmal in der Woche zum Scheißen“, erzählt David mit einem Schmunzeln. „Dabei läßt es seine Exkremente immer an dem Baum nieder, dessen Blätter es am liebsten mag.“ Unschwer läßt sich der ökologische Kreislauf auch hier nachvollziehen. Tiefer Respekt erfaßt uns vor der kaum faßbaren Leistung der Evolution (oder des Schöpfers?). Als wir auf eine etwa drei Meter große Palme treffen, fängt David vom Hausbau in Costa Rica an zu berichten. Die Palmenblätter, 20 Zentimeter breit und ein Meter lang, werden seit Generationen zum Bau regendichter Palmendächern verwendet. „So ein Dach hält zwischen fünf und acht Jahren, es sei denn, die Blätter werden bei Vollmond geschnitten, dann halten sie bis zu 20 Jahren“, führt David weiter aus. So ganz wollen wir diese Geschichte nicht glauben, Einheimische bestätigen aber später Dav ids Aussage.

Für den Rückweg schlägt unser Guide etwas besonderes vor. Anstatt auf dem Trampelpfad zu gehen, so seine Idee, könnten wir durch den Fluß den Weg nach Hause antreten. „Mitten durch?“ fragt Hillary erstaunt. David versichert, dass das Wasser meist nur knietief ist, garantiert aber nicht höher als bis zur Brust geht, zudem könne man auch teilweise am festen Ufer wandern. Ohne zu wissen, auf was wir uns einlassen, willigen wir ein. „Gute Idee“, sage ich, „das ist doch mal eine Herausforderung“. Spike murmelt: „Eigentlich bin ich aufgrund der Sehenswürdigkeiten gekommen, nicht um mich Herausforderungen zu stellen.“ Zu spät, die Gruppe setzt sich in Bewegung.

Flache, am Ufer und im Wasser liegende Steine dienen nun als Trittbretter für das Fortkommen, ab und zu muß ein umgestürzter Baumstamm überwunden werden. Jeder sucht seine Technik: Während David und ich von Stein zu Stein hüpfen, versuchen Spike und Hillary ihren Weg eher am Ufer zu finden. Olaf probiert erfolglos beide Techniken, er landet mehrere Male fluchend im Wasser. Schließlich hat er genug: Er greift sich einen großen Stock und watet mitten durch den Bach. Teilweise steigt ihm das Wasser bis zur Brust, immer wieder stolpert er und landet komplett im Wasser. Er kämpft unverdrossen gegen den Strom. Seine Methode ist nicht schneller oder langsamer, scheint aber anstrengender.

Ich schaue mich um und sehe Spike und Hillary knapp hundert Meter hinter uns. Ich kann mich täuschen, aber ich sehe Spike leise Flüche durch die Zähne ausstoßen.

Mehrere Male überwinden wir kleinere Wasserfälle. Das schäumende Wasser ergießt sich über uns, ich pruste und schnaufe vor Anstrengung. Ein paar kräftige Schluck aus dem reißenden Bach erfrischen. Wir sind nun bereits zwei Stunden unterwegs, das Rauschen nimmt kein Ende. Auf einem Teilstück sind die vielen Steine im Wasser mit kniehohen Pflanzen bewachsen. Die rosa und lila Blüten lassen keine Sicht nach unten mehr zu, nun sieht man nicht mehr, wohin man tritt. Ein erneute Schlitterpartie beginnt. Ein Schmetterling von der Größe eines DIN A4 Blattes flattert an mir vorbei, aufgeregt will ich Olaf auf den Flieger aufmerksam machen, verliere das Gleichgewicht und lande mal wieder im Wasser. In Ufernähe turnt ein Brüllaffe in den Wipfeln und stößt heulende Laute aus. Etwas später schreckt David eine Kolonie schwarzer Fliegen auf, die es sich auf den Wasserpflanzen gemütlich gemacht hatten. Für eine Minute steht er in einer dunklen Wolke voller schwirrender Leiber. „Es ist nicht mehr weit“, sagt David kurz darauf und ich höre, dass auch er froh ist, diese „Herausforderung“ bald hinter sich zu haben. Am letzten Wasserfall fallen größere Stechfliegen über uns her. Sie sehen aus wie die einheimischen Bremsen und stechen ebenso schmerzhaft. Wir schlagen um uns, zugleich darauf bedacht, dass Gleichgewicht beim Klettern nicht zu verlieren. Wir verlassen den Flußlauf und sind kurz darauf bei der Hütte.

Des Abends stehe ich auf dem Rundgang unsere Hütte und wedle mit einem glühenden Stück Kohle in der Luft herum. David hat mir diesen Tip gegeben, ohne mit zu verraten, was der Sinn dieser Aktion ist. Plötzlich taucht aus dem Dunklen ein Glühwürmchen auf und steuert direkt auf die leuchtende Spur zu, die ich hinterlasse. Noch zwei weitere Insekten fühlen sich angelockt und schwirren auf unseren Balkon. Das eine ist orange, dass andere phosphorgrün. Über den Augen der zwei bis drei Zentimeter großen Tiere sitzen zwei Glühkörper; fliegen sie flach über den Boden, entstehen zwei deutliche Lichtkegel auf den Dielen. Mit etwas Geschick ist es kein Problem die langsamen Flieger einzufangen. Die strahlende Kraft der Käfer ist erheblich, sie erleuchten unser Wohnzimmer für kurze Zeit, bevor wir sie wieder in die Freiheit entlassen.

Der nächste Tag dient der Entspannung. Olaf schnitzt aus einem kleinen Stück Holz eine Pfeife, die er „La Danta“ tauft, der Tapir. Besser schmeckt das Kraut durch dieses Rauchgerät wahrlich nicht, wir freuen uns trotzdem. Ich streife in der Gegend herum, ohne mich zu weit vom Haus zu entfernen.

Der letzte Tag ist angebrochen und uns steht der Fußweg in die Zivilisation bevor. Dieses mal geht es allerdings bergab, zudem sind wir mittlerweile recht geländegängig und das Klima gewohnt. Selbst das immer bis zu den Knöcheln in den Gummistiefeln stehende Wasser nehme ich gelassen hin.

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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