Der Knaster-Mythos

Faserhanf (Cannabis sativa) wurde früher gelegentlich auf dem Lande, wie zahlreiche andere Kräuter auch, als Tabakersatz geraucht. Heinrich Marzell listet allein 40 hierfür genutzte Pflanzenarten in seinem „Neues illustriertes Kräuterbuch“ (1920/1935) auf. Dabei erwähnt er nicht einmal definitiv psychoaktive medizinische „Asthma-Kräuter“ wie den Stechapfel, an dessen gelegentlichem hedonistischen Gebrauch sich bis in die 1970er Jahre eine kleine experimentierfreudige Anhängerschaft erfreute, die sich entsprechende Zigaretten aus der Apotheke besorgte. Unter den „Asthma-Kräutern“ fand sich (bis zum Opiumgesetz von 1929) neben Tollkirsche, Bilsenkraut, Lobelie, Tee und Opium auch der tatsächlich psychoaktive aus Indien (und später von Sansibar) importierte „Indische Hanf“ (Cannabis indica, Wolfgang Siegel „Das Asthma“, 1912).

Hans-Georg Behr berichtete davon, dass ihm auf der Durchreise mit Hippie-Freunden in einer Kneipe in Thalhausen um 1970 bayrische Bauern erzählt haben, sie hätten in ihrer Jugend, als Hanfbau noch üblich gewesen wäre, Hanf-„Kraut“ als Tabakersatz geraucht, so wie es einst ihre Großeltern getan hätten. Ein exilierter Thüringer meinte, in seiner Heimat hätten sie das Zeug früher „Knaster“ genannt („Von Hanf ist die Rede“, 1982).
Dass Faserhanf in früheren Zeiten, in denen nicht auf besonders THC-arme Sorten geachtet und gezüchtet wurde, manchmal THC-Gehalte von 1,5% erreichen konnte, ist belegt (Megges 1980). Selbst, wenn dann gleichzeitig auch mit einem hohen Gehalt an dem die THC-Wirkung schwächendem und allein allenfalls leicht dämpfend wirkendem CBD (Cannabidiol) zu rechnen ist, erscheint aus pharmakologischer Sicht ein leicht rauschiges Gefühl nach dem Rauchen solchen Faserhanfes möglich, Kopfschmerzen aber auch.

Mittlerweile hat sich, vermutlich auf dieser unreflektiert akzeptierten Anekdote basierend, in der Kifferszene der romantische Mythos etabliert, dass Hanf irgendetwas mit dem Tabak, den man früher „Knaster“ nannte, zu tun habe. Man phantasiert sich zusammen, „Knaster“ sei gar kein Tabak (botanisch Nicotiana tabacum), gewesen, wie man unter Tabakfreunden bis dato zu wissen glaubte. Die Altvorderen hätten in Wirklichkeit bereits gekifft und „Knaster“ sei tatsächlich eine verklausulierte Bezeichnung für psychoaktiven Faserhanf. In der Kifferszene erzählt man sich auch gerne, es hätte sich auch bei „Starckem Toback“ und der „Sonntagspfeife“ tatsächlich nicht um starken oder besonders guten Tabak, sondern um mit Hanf gepimpte Zubereitungen gehandelt. Das ist in der Tat „Starcker Toback“. Für dieses Kifferwunschdenken von der Art, wie es auch hippieske Forscher wie Christian Rätsch („Schamanenpflanze Tabak Bd.2“) und Sergius Golowin kolportierten, gibt es leider keinerlei aktuellen wissenschaftlichen Ansprüchen genügende historische Belege.

Den tatsächlichen Gebrauch von einheimischem (Faser-)Hanf als Tabakersatz, als Rauchkraut, Räuchermittel, Bierzusatz und Heilmittel oder gar als Rauschmittel und Hexenkraut, sowie dessen (Aus-)Wirkungen hierzulande und deren Umfang rational zu erforschen und wissenschaftlich zu belegen ist eine hochinteressante Aufgabe, die noch ansteht. Nicht nur historische Archivrecherchen, sondern auch die Archäologie mit ihren modernen Methodiken wären hier gefordert. Es ist allerdings zu vermuten, dass herauskommen würde, dass es sich höchstens um unbedeutende eher periphere Erscheinungen handeln dürfte, deren Umfang den heutigen Cannabis-Fanatiker enttäuschen dürfte.

Von wem und in welchen Mengen die zahlreichen im 19.Jahrhundert aufgekommenen medizinischen Präparate auf Basis von „Indischem Hanf“ oder „Cannabis indica“ (Manfred Fankhauser, „Haschisch als Medikament“, 2002) eingenommen wurden, ist übrigens auch nicht geklärt. Die zahlreichen Darstellungen des Cannabisgebrauchs wie auch die Experimente und Erfahrungen mit psychoaktiven Cannabiszubereitungen („Haschisch“) von Orientreisenden, Ärzten, Pharmazeuten, Künstlern, Schriftstellern, Intellektuellen und Journalisten sowie Seeleuten und Militärs mit Wurzeln im deutschsprachigen Raum ab etwa Mitte des 19.Jahrhunderts, wie sie sich in Literatur, Zeitschriften und vielleicht auch Archiven niedergeschlagen haben, sind weder in ihrer Gesamtheit erfasst worden, noch hat man analysiert, wie man sie in vielerlei Hinsicht historisch einordnen kann (z.B. in Bezug auf die Assoziationen zum Rauschhanf, wie sie noch heute durch Köpfe und Fach-/Literatur geistern). Man klammert sich hier bis jetzt leider immer noch in erster Linie an die leicht zugänglichen französischen Klassiker und weidet diese immer wieder leidlich aus.

Immerhin knistert (und knastert, wenn man so will) gerauchter Faserhanf anständig im Pfeifchen. Rauchen lässt er sich, aber lecker ist für die Meisten etwas Anderes. Dass er kein Nikotin enthält, macht ihn allerdings zu einer nervenschonenden Alternative zum Tabak. Mit der bekannten „Knaster“-Produktlinie, die vorschriftsmäßig auf Faserhanf mit extrem niedrigem THC-Gehalt basiert, ist es schließlich gelungen, diese in geschmacklich ansprechenden Produkten erfolgreich zu vermarkten. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil, handelt es sich dabei doch um eine originelle Idee, die vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten des Hanfes sinnvoll auszuschöpfen.

Als „Canaster“ oder „Kanaster“ bezeichnete man einst qualitativ hochwertigen eher leichten Pfeifentabak, meist in der Form des Krüllschnitts, von wolliger Beschaffenheit. Der Name leitete sich von der Verpackung ab, in der dieser aus Venezuela angeliefert wurde. Die Körbe, in denen er kam, hießen auf Spanisch „Canastro“. Die Bezeichnung wurde später auch auf andere in Europa angebaute und beliebte Tabake übertragen, die schließlich kurz „Knaster“ genannt wurden. Erst im Laufe der Zeit ist „Knaster“ im volkstümlichen Sprachgebrauch zu einer spöttischen Bezeichnung für minderwertigen Tabak geworden. (Friedrich/Huber „Das heitere Tabak-ABC“, 1954) Eine Reihe von Gedichten und Liedern widmeten sich besonders im 18. Jahrhundert dem damals innig geliebten Knaster, so Gottfried Benjamin Hanckes (1673-?) „Sonett auf den Knastertobak“:

„Du unvergleichlicher und lobenswerter Knaster,
Erlaube, daß mein Kiel an deine Kraft gedenkt!
Du bist das süße Kraut, das uns der Himmel schenkt.
Macht man gleich deinen Dampf zu einem großen Laster,

So stopf ich doch getrost der Pfeife Alabaster.
Und wenn der Sorgen Last mein müdes Herze kränkt,
So rauch ich, bis der Dampf mich in den Schlaf versenkt,
Und also bleibest du mein sichres Heilungspflaster.

Dein bald verschwundner Dampf zeigt mir das Nichts der Welt.
Dein Kraut stammt ebenfalls wie ich aus schlechter Erde,
Und wenn die Pfeife mir aus meiner Hand entfällt,

So denk ich, daß ich auch vielleicht bald sterben werde.
Zuletzte, wenn ich nun mein Pfeifchen ausgefüllt,
So zeigt die Asche mir mein eignes Ebenbild.“

Johann Christian Günther (1695-1723) lobte ebenfalls den „Knastertobak“. Christian Friedrich Henrici (Picander, 1700-1764) sang ein „Knasterliedchen“ Johann Sigismund Scholze (Sperontes, 1705-1750) dichtete „Knaster ist mein Element“. Christoph Friedrich Wedekind (Crescentius Koromandel, 1709-1777) huldigte dem „Kraut des Lebens“ in dem Gedicht „Der Knaster“ und der glühenden „Knasterpfeife“ in dem Gedicht „Der Tobak“. Joseph Lüthy (1765-1857) lässt in „Der Knaster“ den Tabak hochleben. Auch Volkslieder handelten vom Knaster. (Siehe die exzellente Sammlung „Pegasus in Tabakwolken“ von Viktor Wendel, 1934).

Man sollte nicht vergessen, dass die Welt und das Erleben damals anders waren. Tabak wurde meist in Ton- oder Meerschaumpfeifen geraucht. Er war noch etwas Besonderes. Von dem Wirkstoff „Nikotin“ wusste man noch nichts, und die heute so beiläufig konsumierte „Fluppe“ war unbekannt. Der „Knaster-Toback“ selbst hatte wenig mit den quasi kastrierten nikotinarmen Mischungen in den Massenprodukten der heutigen Zigarettenindustrie gemein.
Wenn man die poetischen „Knaster“-Hommagen der Vergangenheit aus Sicht eines modernen „Hänflings“ betrachtet, erscheinen sie leicht auf dessen (zeitgemäß besonders geliebtes) „Kraut“ übertragbar und nicht zuletzt dadurch ur-komisch. Wenn man dies Alles berücksichtigt, dann kann man sich an den Analogien erfreuen und Hanf (mit einem Schmunzeln) getrost „Knaster“ nennen (und darauf Einen unter Knaster-Rastern knastern).

az

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


*