Die wirklich große Blase

Kauen und das Gedächtnis

Es macht Spaß zu beobachten, mit welcher Begeisterung die Wissenschaftsgemeinde auf der Suche nach Mitteln und Methoden ist, die uns das konzentrierte Arbeiten ermöglichen sollen. Parallel zu den üblichen medikamentösen Verdächtigen werden auch ungewöhnliche Hirnschrittmacher erprobt.

So arbeiten sich einige Forscher seit Jahren am Kaugummi ab. Eine im April diesen Jahres veröffentlichte Studie hat die Wirkung von Kaugummi kauen auf die gedankliche Verarbeitungsgeschwindigkeit untersucht. Yoshiyuki Hirano und seine Kollegen kamen zu dem Schluss, dass die Testpersonen tatsächlich schneller reagierten, wenn sie Kaugummi kauten, als wenn sie das nicht taten. Die fast üblichen Einschränkungen der Aussagekraft gelten auch hier: Mini-Untersuchungsgruppe von 17 Personen, die Effekte waren klein.

Wie üblich gibt es Studien, die das Gegenteil bewiesen haben wollen. So hat ein Team um Michail Kozlov vor einem Jahr eine Experiment veröffentlicht, in dem herausgestellt wurde, dass Bubble-Gum unser Arbeitsgedächtnis sogar negativ beeinflussen kann. Und so taucht immer mal wieder eine Kaugummistudie Studie auf, deren Ergebnisreplikation dann gerne scheitert.

Das Interessante an den Studien ist ihr Umgang mit den Kaugummi-Inhaltsstoffen. Denn laut Kozlov schneiden Probanden mit parfumierten Kaugummis noch schlechter ab als ihre Kollegen. Hiranos Gruppe kaute anscheinend auf reinem Gummi rum. Unklar blieb, ob die Kaugummis frei von Zucker oder anderen psychoaktiven Füllstoffen waren. Sollte die Testgruppe von Hirano das in Japan als Kaugummigrundstoff beliebte Chicle genutzt haben, so wäre auf das reichhaltige Vorhandensein von Sacchariden hinzuweisen. Und Zucker gilt seit langem als energetisierend.

Ansonsten kann man sich eine andere Ausweitung des bunten Forschungstreibens vorstellen. Eine Vergleichsgruppe müsste „leer kauen“, also nur die typischen Kieferbewegungen imitieren, eine andere müsste bei einem handelsübliche Kugelschreiber wiederholend die Mine ein- und ausfahren. Vielleicht würde dann rauskommen, dass allein die repetitive An- und Entspannung verschiedener Muskelpartien im Körper zu kognitiven Verbesserung führen kann.

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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