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telepolis,
11. November 2003
Militante Mittel für
Medaillenspiegel
Nun werden die Doping-Fabrikanten
kreativ
Jörg Auf dem Hövel
Im Hochleistungssport und Fitnessbereich ist die
Leistungssteigerung durch Drogen weit fortgeschritten, die
Optimierung des Körpers wird nachdrücklich zelebriert. Nun
schwappen die "Designer-Drogen" wie THG in die Labors der
Doping-Kontrolleure.
Die US-amerikanische Leichtathletik befindet sich im
größten Doping-Skandal ihrer Geschichte. Hunderte von
Sportlern haben eine Mittel eingesetzt, das auf den Namen
Tetrahydrogestrinone, kurz
THG, hört. Nun gab es das Doping mit
muskelaufbauenden Präparaten schon immer, neu ist, dass
THG ganz offensichtlich allein und nur für das gezielte
Doping entwickelt wurde.

Die kalifornischen Firma Balco, die
sich auf Nahrungszusatzmittel spezialisiert hat,
bastelte in ihren Labors eine Modifikation des
Steroidhormons
Gestrinon, in das vier
Wasserstoff-Atome eingeführt wurden; fertig war das neue
Mittel für eine erneute Erweiterung der
Höchstleistungs-Grenze. Die Substanz stand bis vor
kurzem nicht auf den Doping-Listen, gleichwohl verbieten
diese Listen auch "verwandte Stoffe", und das traf wohl
auch auf THG zu. Darüber werden die Juristen streiten,
fest steht nur, dass eine Entwicklung sichtbar wird, die
man bislang nur aus dem Bereich der Rauschmittel kannte:
Um Gesetze zu umgehen werden immer neue Substanzen
kreiert. Dabei wird deutlich, dass in einer auf
Hochleistung getrimmten Gesellschaft die Grenzen
zwischen Nahrung, Medikament und Droge fließend geworden
sind.
"Citius, altius, fortius." Das olympische Motto ist zum
Imperativ für alle Sportler geworden, gerufen von Publikum,
Medien und Sponsoren. Der Erfolgsdruck ist hoch, darüber
hinaus lässt die moderne Chemie das erwünschte
Gleichgewicht von Chancengleichheit und
Leistungsmaximierung obsolet werden. Das olympische Komitee
spielt eine Doppelrolle in diesem Spiel: Es will einerseits
dem öffentlichen Verlangen nach immer krasseren Rekorden
nachgeben, andererseits will es einen Sport bieten, der
ohne leistungssteigernde Mittel auskommt. In Artikel 2 des
Anti-Doping Codes des IOC von 1999 wurde definiert:
"Doping ist die Verwendung von Substanzen aus den
verbotenen Wirkstoffgruppen und die Anwendung verbotener
Methoden."
Schön formuliert, aber ab wann wird ein Mittel verboten?
Ist das nicht eine Frage der Dosierung? Und ist nicht jeder
Sportler erpicht auf eine Ernährung, die seiner Leistung
zuträglich ist?
Für die klassischen Dopingmittel wurden diese Fragen
schnell beantwortet. Die sogenannten "anabolen Wirkstoffe"
sind nach wie vor der Renner unter den Athleten, führen sie
doch zuverlässig zu Muskelwachstum. In der IOC-Statistik
der positiven Proben von 1999 dominieren die Anabolika mit
50 Prozent. Marktführer ist hier
Nandrolon. Neben den Muskeln wächst
leider auch die psychische Wettkampfbereitschaft, und
zwar bei regelmäßiger Einnahme soweit, dass die Sportler
mit Aggressionen zu kämpfen haben. In den USA sind
anabole Steroide trotzdem legal im Handel erhältlich.
Fritz Sörgel, Leiter des Institut für Biomedizinische
Forschung in Nürnberg-Heroldsberg, weist darauf hin,
dass jeder fünfte US-College Student Steroide nimmt.
Zum Ärger der Wettkämpfer sind Anabolika leicht
nachweisbar. Erfreut wechselten vor allem die
Ausdauersportler daher seit Anfang der 90er Jahre zu EPO,
dem
Erythropoietin. EPO ist ein
körpereigenes Hormon, wird in der Niere gebildet und
regt das Knochenmark an, rote Blutkörperchen zu bilden.
EPO ist die konsequente Weiterentwicklung des
"Blutdoping", das heißt einer Bluttransfusion mit dem
eigenen Blut, mit der sich der finnischen Langstreckler
Lasse Viren wohl zu seinen Olympiasiegen von 1972
brachte. Erst bei der Tour de France 1998 wurde der
massenhafte Einsatz von EPO nachgewiesen. Damit waren
auch die goldenen Zeiten von EPO vorbei, etwas neues
musste her.
Das die USA im Fokus der neuesten Doping-Affaire stehen ist
kein Zufall: Im Jahr 2000 hatte der ehemalige Olympia-Arzt
Wade Exum behauptet, dass es zwischen 1988 und 2000 mehr
als hundert positiv getestete US-Athleten gab, die
(ungestraft) 19 olympische Medaillen gewonnen hätten. Das
Anti-Doping-Programm des Olympischen Komitee der USA sei
"weitestgehend PR", so Exum. Aber schon vorher waren die
amerikanischen Athleten und Funktionäre ins Gerede
gekommen: Das IOC hatte den US-Verband aufgefordert, die
Identität von 13 Muskelprotzen zu lüften, die kurz vor
der Olympiade in Sydney (2000) positiv getestet worden
waren. Die Amerikaner, größter Geldgeber des Weltsports,
weigerten sich, und der Internationale Sportgerichtshof
(CAS) segnete dies ab.
Grauzone
Dass die Anti-Doping-Agentur der USA
(USADA) den THG-Skandal schnell an
die Öffentlichkeit gebracht hat, wird als Zeichen
gedeutet, dass es ernst wird mit der Dopingbekämpfung in
den USA. Ein weiterhin bestehenden Problem ist
allerdings, dass in den USA viele der Aufputsch- und
Muskelmittel als Nahrungsergänzung ("Supplements") und
nicht als Arznei klassifiziert sind. Eben diesen Umstand
nutzt der Supplements-Hersteller Balco aus. Die Firma
unterstützt eine ganze Reihe von Athleten, ihr
Eigentümer Victor Conte ist Ernährungsberater
verschiedener Spitzensportler, wie der Sprinterin Kelli
White oder dem jüngst positiv auf THG getesteten
Europameister im 100-Meter Lauf, Dwain Chambers. Alle
bisherigen Dopingstoffe waren Arzneimittel, die - früher
oder aktuell - legitim in der Medizin angewendet wurden.
In THG-Fall ist erstmals ein Stoff nur für die
missbräuchliche Anwendung entwickelt worden.
Die Unterscheidung zwischen zulässiger Nahrungsergänzung
und unzulässigem Doping müssen die Sportverbände nun
vermehrt an Grenzwerten festmachen. Keine einfache Aufgabe,
wie das Beispiel der
"Prohormone" zeigt.

Im Jahr 2000 beschlagnahmte allein der
deutsche Zoll 1.126.000 Tabletten mit dem
Hauptbestandteil
Androstendion, einem hormonellen
Wirkstoff, der erst nach der oralen Einnahme zu
Testosteron metabolisiert, müde Männer munter und vor
allem kräftig macht. Ebenso stärkend wirkt ein anderes
Prohormon mit dem Namen
Norandrostendion. Dieser kleine
Teufel schlüpfte auf wundersame Weise in die
Zahnpastatube von Dieter Baumann, dem Olympiasieger über
5000 Meter. Die Prohormone sind verboten, das Problem
ist: Die Metaboliten dieser Substanzen kommen auch in
natürlicher Form im Körper vor. Während Menstruation und
der Schwangerschaft erhöht sich der Spiegel, aber auch
bei Männer kann es in Folge von einer angeborenen
Enzymumwandlungs-Hemmung zu einer erhöhten Existenz des
Hormons kommen.
Noch diffuser wird die Erkennung von "Doping-Sündern"
aufgrund der jüngst festgestellten Kontamination von an
sich dopingfreien Kraftfutter. Die Deutsche Sporthochschule
in Köln (DHS) kaufte in Wellness-Tempeln,
Body-Building-Studios, Fachgeschäften für Sporternährung
und dem Internet über 630 Nahrungsergänzungsprodukte und
analysierte sie. Das Ergebnis: Knapp 15% der Starkmacher
waren mit Anteilen von Prohormen durchsetzt. Unsaubere
Bedingungen bei der Herstellung sind die Ursache für das
Phänomen, rund die Hälfte aller Fabrikanten von
Kraftfutter vertreiben nämlich auch Prohormone.
Noch gar nicht von den Doping-Listen erfasst ist das
Kraftmittel Kreatin, der meistverkauften legalen
Hilfsquelle für Kraftsportler. Wissenschaftler streiten
noch über dessen Wirkung und Nebenwirkung,
Body-Builder und
Hochleistungsportler sind unbeeindruckt davon begeistert
und schwärmen von einem Kraftanstieg von bis zu 20% in
nur zwei Monaten. Ähnlich wie in der Szene für
bewußtseinsverändernde Substanzen hat sich hier eine
meist über das Internet kommunizierende Counter-Culture
gebildet, die Erfahrungsberichte austauscht, Vorteile
preist und vor Gefahren warnt.
Mittlerweile steht THG zwar auf der Doping-Liste der
Welt-Anti-Doping-Agentur
(WADA), es wird aber vermutet, dass
zukünftig öfter zu "Designer-Doping" kommen wird. Klaus
Müller Bundesbeauftragter für Dopinganalytik und Leiter
des Doping-Analyse-Labors in Kreischa befürchtet, das
THG nur die Spitze des Eisbergs ist.
Im aktuellen Katalog der von der WADA gebannten Substanzen
gibt es aber noch eine andere interessante Änderung:
Koffein wurde vorläufig von der Liste gestrichen. Einen der
Hauptsponsoren der Olympischen Spiele, die
Coca-Cola Company, dürfte es freuen,
denn bislang durften die Sportler nicht mit mehr als 12
Mikrogramm Koffein pro Milliliter Urin an den Start
gehen.