RFID in der Warenwelt

Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.10.2004

Die funkenden Etiketten

Vollkommene Kontrolle über ein Produkt: Handel und Logistik prüfen den Einsatz von RFID-Chips

Der Barcode ist in die Jahre gekommen. Statt Warenmerkmale über einen Scanner einzulesen, sollen künftig die Informationen auf modernere Weise übertragen werden. Dazu werden an Gebinden oder einzelnen Gütern RFID-Chips (Radio Frequency Identification) angebracht, deren Daten von Antennen gelesen werden. Großhandel und Logistikunternehmen testen zur Zeit den Einsatz dieser oft nur wenige Millimeter großen Transistoren. Noch herrscht Skepsis, denn die Kosten für das Implementieren in den Produktionsablauf oder gar in die gesamte Warenkette sind enorm, fehlende Standards erhöhen das Risiko.

In RFID-Centern indes zeigt die IT-Branche den Großkunden die Potentiale der Transponder-Technik auf. Steht die Handelsgüterindustrie vor dem Umbruch? Eines dieser Praxis-Labors betreiben die Chiphersteller Intel und Siemens in Feldkirchen bei München. Um die Praxistauglichkeit der Transponder zu überprüfen, bringen einige der in Frage kommenden Kunden ihre zu etikettierenden Produkte gleich mit ins Labor. „Für uns ein Glücksfall“, sagt Christian Schmidt, Manager für strategische Kundenbeziehungen bei Intel. Aus einem mit Transformatoren enggepackten Karton zieht Schmidt einen der länglichen Spannungswandler heraus. „Wenn wir da einfach nur ein RFID-Tag draufkleben würden, könnte das keine Leseeinheit erkennen.“ Metalle und auch Flüssigkeiten schirmen die Signale ab, es kommt zu Fehlerkennungen. Das Labor zielt auf Großkunden, die entweder ihren internen Produktionsablauf oder mit anderen Unternehmen zusammen eine gesamte Warenkette auf RFID umstellen wollen. Bei den Kunden herrscht Sorge darüber, den Anschluß zu verlieren, Sorge aber auch, daß die Kosten den Nutzen übersteigen. Genaue Angaben darüber, was RFID im Betrieb kostet, sind schwer zu treffen. Den schnellsten „Return of Investment“ erhofft sich der Handel, schließlich sucht er die Kosten für die Smart Labels und die damit verbundene Infrastruktur auf Lieferanten und die produzierende Industrie abzuwälzen. Die Handelsgiganten Wal-Mart und Metro haben ihre wichtigsten Zulieferer schon jetzt verpflichtet, bis 2005 ihre Ware mit Funketiketten auszustatten.rfid chip

Lagerengpässe sollen dann der Vergangenheit angehören, Möglichkeiten der Rückverfolgung, Diebstahlsicherung und Bestandsoptimierung zählen zu den weiteren Vorteilen von RFID. Stecken die Waren in großen Gebinden oder Containern, lohnte bisher die Zerlegung der Ladung nicht, Schwund wurde in Kauf genommen. Fährt dagegen eine Palette mit RFID-Transpondern durch eine Antennenschleuse, soll binnen Sekunden jedes Produkt registriert werden. So die Theorie, in der Praxis hapert es meist noch mit der schnellen und sicheren Erkennung der sogenannten Tags. Die in Europa üblichen Chips funken auf einer Frequenz von 13,56 Megahertz, die dazugehörigen Hand-Lesegeräte können Signale aus maximal 20 Zentimetern empfangen. „Stationäre Antennen kommen auf 60 Zentimeter, und erst die großen, heute nur an Lagereingängen eingesetzten Gate-Antennen erfassen RFID-Etiketten in bis zu 2 Meter Entfernung“, erklärt Gerd vom Bögel vom Fraunhofer-Institut. Sind die Transponder aber von Metall umgeben, dringen die Signale nicht bis zur Antenne durch. Auch Flüssigkeiten bremsen die Übertragung. „Dazu kommt“, ergänzt vom Bögel, „daß zwei Transponder nicht genau aufeinanderliegen dürfen, denn dann kommt es zu Funkkollisionen.“

Im Gegensatz zum Bar- oder auch Strichcode, bei dem eine ganze Serie von Produkten den gleichen Code aufgeklebt bekommt, soll in Zukunft jeder auf dem Globus gefertigte Artikel einer eindeutig identifizierbaren Nummer zugeordnet werden. Egal ob ein deutsches Automobil, ein Turnschuhpaar aus Vietnam oder eine Getränkedose aus Australien – jedes dieser Produkte soll einen individuellen Code erhalten. Um dies zu ermöglichen, ist die RFID-Technik in Zukunft nur in Verbindung mit dem elektronischen Produktcode (EPC) sinnvoll. In der Produktion können durchaus spezielle Tag-Frequenzen und eine interne Identifikationsnummer genutzt werden, sobald aber das etikettierte Produkt das Firmengelände verläßt, muß klar sein, daß Transporteur und Empfänger die RFID-Signale und die Informationen lesen können.

Die Idee für den elektronischen Produktcode entstand 1999 im Massachusetts Institute of Technology (MIT). Der Informationsinhalt des 64 oder 96 Bit langen Codes ist variabel, beinhaltet aber zumindest Rahmendaten wie den Hersteller, die Objektklasse und eine Seriennummer. Die Organisation EPC-Global verwaltet die Produktcodes. Sie bietet eine einheitliche Infrastruktur für die per RFID erhobenen Daten und hat für den neuen Standard schon jetzt die wichtigsten internationalen Unternehmen im Boot. Das als Internet-Domainverwalter bekannte Unternehmen Verisign hat im Auftrag von EPC-Global einen Verzeichnisdienst entwickelt, der sich in seiner Struktur an das aus dem Internet bekannte DNS (Domain Name System) anlehnt. So wie im Internet keine Webadresse doppelt vergeben wird, soll auch diese Datenbank dafür sorgen, daß jeder Produktcode nur einmal in einem RFID-Chip landet.

Mittlerweile dringt EPC-Global auch auf die Standardisierung der unterschiedlichen RFID-Frequenzen und setzt dabei aller Voraussicht nach auf Tags im Ultra-High-Frequenzbereich, den sogenannten UHF-Transpondern. Diese funken im Spektrum zwischen 868 und 956 Megahertz. Ob mit 13,56 MHz oder UHF mit 900 MHz – zunächst wird sich RFID, da sind sich die Fachleute einig, an Fahrzeugen und großen Transportverpackungen durchsetzen.

„Bei der Verfolgung von Ladeeinheiten mit Hilfe von RFID dürfte es innerhalb der nächsten fünf Jahre zu einer nennenswerten Durchdringung kommen“, sagt Winfried Krieger, Professor für Logistik und E-Business an der Fachhochschule Flensburg. Hierbei sei der Vorteil, daß die teuren RFID-Transponder nach Gebrauch zum Lieferanten zurückgesandt werden könnten, um dort aufs neue beschrieben zu werden.

Im RFID-Center von Intel und Siemens sind derweil individuelle Lösungen gefragt. So will ein süddeutscher Hotelwäscheverleih Funk-Tags in Bademäntel und Bettwäsche einweben, um diese besser verwalten zu können. Bisher überstehen die robusten Tags zwar den Waschvorgang, nicht aber die zwölf Tonnen Druck der Wasserpresse. Die Kaufhof AG prüfte jüngst in einem Praxistest ein neues Lagersystem, bei welchem die Fabrikate des Textilherstellers Gerry Weber mit RFID-Tags ausgestattet waren. Der Test verlief, nach Angabe von Gerd vom Bögel vom Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen, das den Praxiseinsatz wissenschaftlich begleitete, „für alle Beteiligten sehr zufriedenstellend“. Der Serieneinsatz sei für Anfang 2005 geplant. Noch sind die Tags für den Masseneinsatz viel zu teuer, sie liegen bei rund 50 Cent das Stück. Aber Analystenhäuser und Hersteller übertreffen sich mit Nachrichten, die das schnelle Sinken der Herstellungskosten prognostizieren. Wann also wirklich jeder Frischkäse im Supermarkt und jeder Rasierapparat im Kaufhaus mit einem smarten Chip etikettiert ist, bleibt abzuwarten.

Spätestens wenn die RFID-Etiketten vom Lager in den Verkaufsraum gelangen, stellt sich für Hersteller und Händler die Frage, ob und wie der Endverbraucher an die elektronische Warenkette mit angeschlossen werden soll. Datenschützer sehen – ähnlich wie vor 20 Jahren bei der Einführung des Barcode – hochkontrollierte Welten auf die Gesellschaft zukommen. Sieht man von der Bewegungserfassung des Produkts im Verkaufsraum ab, ist der außerhalb des Ladens funkende Chip das Kernproblem. Bleibt nämlich der RFID-Tag nach dem Einkauf aktiv, kann die gekaufte Ware auch außerhalb des Ladens noch einmal gescannt werden. EPC-Global hat reagiert und in ihren Datenschutzrichtlinien verankert, daß Käufer von RFID-Produkten stets darüber informiert werden sollen, daß sie die Möglichkeit haben, die Tags außer Funktion zu setzen oder sie abzutrennen. Teile der RFID-Branche haben sich diesen Richtlinien bereits angeschlossen.

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