Im Wein liegt Wahn

baccus

Gift oder Balsam? Einstiegsdroge oder Medizin? Es kommt ­letztlich immer auf Dosis und Umgebung an, wie der Rebensaft kurz- und ­langfristig wirkt

Über die Jahrtausende währende Einbettung in den sozialen Alltag hat Wein das geschafft, wovon andere Drogen nur träumen können: Als Substanz anerkannt sein, bei dem die Dosierung maßgeblich über die Wirkung bestimmt. Wie es zur herausragende Stellung des Weines kam, wirft Licht in eine weithin unbeleuchtete Ecke gesellschaftlicher Konsumkultur.

In den griechischen Mythen galt Dionysos nicht nur als Gott des Weines, sondern auch der der Fruchtbarkeit und der Ekstase. Der Rausch galt als kleine Vorwegnahme der Unsterblichkeit, eine Vorahnung des ewigen Lebens. Heute weitgehend unbekannt ist die Tatsache, dass in der antike Wein häufig mit anderen Substanzen versetzt war, eingeschlossen dem, was man heute „Partydrogen“ nennt. Es folgten Bachanalien im römischen Reich und die weitere Verbreitung des Weinanbaus und des gegorenen Traubensafts innerhalb seiner Grenzen. Entscheidend für die heutige Weinkultur war allerdings das Einsickern des Konsum in die christliche Mythologie. Jesus als „Weinstock des Herrn“ und der in das „Blut Jesu“ transformierte Wein sind sakraler Bestandteil christlicher Lehren. Bis in die Neuzeit wurden dem Wein magische Kräfte zugesprochen, er wurde oft als Extraktor anderer Heilmittel als Medizin gegen Krankheiten wie Wehwehchen eingesetzt. Ob in der Wundbehandlung oder als Anregungsmittel, in der Klostermedizin hatte der Wein eine zentrale Stellung. Und noch Louis Pasteur lobte den Wein als gesund und hygienischtes Getränk überhaupt.

Der althergebrachte Ruf auch Medizin zu sein, wirkt untergründig noch heute bei der Festlegung des physio-psychologischen Wirkspektrums des Weins ein. Dabei mutet es seltsam an, dass die simple Mischung aus Wasser und Ethylalkohol quasi-magische Kräfte zugesprochen werden. Sicher, es existieren diverse zusätzliche Inhaltsstoffe. Die Säure lässt ihn frisch schmecken und damit wohl auch erfrischen wirken. Die Gerbstoffe vermitteln dagegen Wärme und Schwere. Man bemerkt hier die Relevanz der Sprache, extrem ausdifferenzierte Geschmacksbeschreibungen sind für den Weinkonsum zentral, sie erweitern sich allerdings, und das ist wichtig, auf die Charakterisierungen potentieller mentaler Zustände. Die Expertenszene lebt von der ständigen verbalen Neugeburt ihrer olfaktorischen und gustatorischen Reize. Der Sommelier wirkt als Zeremonienmeister, es gilt Gustationssituationen zu beleben und Produkte zu individualisieren. Kenner ist, wer wortreich von seiner Mundhöhlenerfüllung berichten kann. Den Oenophilen wird vorgeworfen, sie würden subjektives Erleben unerlaubt objektivieren wollen. Zum Beweis werden ihnen niedrigpreisige Weine kredenzt, die sie oft nicht in der Lage sind von hochpreisigen zu unterscheiden. Über diesen Vorwurf wird zweierlei vergessen: Die ausgefeilte Wortwahl der Experten bildet durchaus intersubjektive Verständigung über Geschmack. Wichtiger aber ist, dass ihre fantasiereichen Attributskreationen mit den nachgelagerten Gemütsveränderungen korrespondierenden. Die Wirkung von Worten, Gaumenkitzel und sogar Farbe auf Gemütslage und Geisteszustand ist ein weitgehend unerforschtes Feld. Aber genauso gilt: Experten wie Novizen werden immer wieder aufs Glatteis geführt, denn ein Wein schmeckt besser, wenn man vermeintlich weiß, dass er teuer ist.

Zugleich verrichten auch bei dieser Droge die etablierten Rituale wichtige Dienste. Die Inauguration der bis dato Nicht-Eingeweihten verläuft beim Wein nicht primär über den mehr oder minder starken Rauschzustand, sondern über die begleitenden Attribute der Geselligkeit, Kommunikationslust und Genusskultur. Letztere sieht den Wein ohnehin als spritzige Begleitung zum Essen, als einen Teil eines erbaulichen Gesamtpakets, an dem alle Sinne beteiligt sein sollten. Es wird geschwenkt, geschnüffelt, besprochen – und erst dann getrunken.

Weinfreunden gilt Weinkonsum als Blaupause für einen vernünftigen Umgang mit einer „harten“ Droge. Das kann man so sehen, wenn man zugleich attestiert, dass es tatsächlich keine harten und weichen Drogen gibt, sondern nur harte und weiche Konsummuster. Es ist die lange und eingehende Beschäftigung mit der psychoaktiven Substanz, die Liebe zum Objekt, seiner kulturellen Eingebundenheit, der Ästhetik des Weinanbaus, seiner Gewinnung und des Konsums im stilisierten Rahmen oft in besonders schönen Kulturlandschaften, die im unterstützenden Rahmen erlernte Kenntnis von Wirkungen und Nebenwirkungen, schließlich das liebevolle Stapeln von Flaschen im Weinregal oder später im eigenen Weinkeller, die einem Missbrauch der Droge vorbeugen können, selbst, wenn der Konsum schon den Alltag prägen sollte. So gesehen ist Wein ein Geschmacks- und Erlebnisverstärker, sei es beim Essen, sei es beim Gespräch.

Anderen Experten aber gilt Wein gerade im Angesicht seiner scheinbaren Harmlosigkeit als bedenkliche Einstiegsdroge. Angesichts von Muttermilch, Schnuller, Betthupferl, Wischtelefon, Playstation und Zigaretten eine müßige Diskussion. Das hinter der gepflegten Atmosphäre der Restaurants allerdings manch Alkoholikerschicksal steckt ist unbestritten. Der Übergang von der Weinseeligkeit zum Suff kann fließend sein. Der Raubbau an Körper und Geist lässt sich hinter Krawatten besser verstecken. Die soziale Akzeptanz der Alkoholsucht steigt mit der Funktionsfähigkeit und dem gesellschaftlichen Ansehen des Konsumenten. Die teuren Flaschen Wein im Keller sind eben auch ein Statussymbol.

Alkohol besitzt einen enormen Rückhalt in der deutschen Bevölkerung, über 70 Prozent halten es für akzeptabel, wenn jemand „mal einen über den Durst trinkt“. Angesichts der jährlich über 50.000 Toten und den volkswirtschaftlichen Schäden mutet es seltsam an, dass ausgerechnet diese Substanz einen so hohen Stellenwert in der Gesellschaft besitzt. Knapp 2 Millionen Menschen gelten als klassische Alkoholiker. Ganze Institutionen und markante Zeitsteine im Jahresverlauf drehen sich um den Alkoholrausch. Das Oktoberfest, der Fasching, aber auch die „besinnliche Weihnachtszeit“ sind ohne die Unmengen an ausgeschenktem Bier, entkorkten Flaschen und gestürzten Kurzen nicht denkbar.

Bier und Wein sind halt ein wichtiger Schmierstoff persönlicher und geschäftlicher Beziehungen. Besonders Wein haftet dabei nach wie vor der Odor des gepflegten Miteinanders an. Dies liegt auch daran, dass er gut zu dosieren und für verschiedene Zwecke nutzbar ist. Niedrig dosiert wirkt er meist kommunikativ, in mittleren Dosen enthemmend, in hohen Dosen lässt er alles vergessen. Zudem ist Wein gut mit anderen psychoaktiven Substanzen wie Kaffee und Cannabis – um mal nur die harmlosesten zu nennen – mischbar.

Alkohol und Kreativität

Das bewusstseinsverändernde Potential hat seit jeder die Profession der Kreativen angelockt – man versprach sich viel: Lockern der versteiften Gehirnwindungen, Öffnen der Wahrnehmungspforten, Produktionsschübe oder schlicht mehr Phantasie. Die moderne Wissenschaft kann das zum Teil bestätigen. Experimente zeigen, dass ein geringer Blutalkoholspiegel von rund 0,3 Promille die rationale Steuerung aushebt, was Assoziationen und spontane Einfälle begünstigt.

Der Alkohol im Wein stimuliert das sogenannte „Belohnungssystem“ im Gehirn, er führt zu einer erhöhten Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin, einem der wichtigen Neurotransmitter. Ebenfalls freigesetzte körpereigene Opiate, die Endorphine, sind für die guten Gefühle beim Alkoholkonsum zuständig. Provoziert man die positiven Gefühle nun häufig und immer wieder, prägt sich das Hirn die Verknüpfung von gutem Gefühl und dafür eingesetzter Substanz ein. Alkohol erhöht die Dopaminausschüttung um etwa 50 bis 100% und befindet sich damit im Bereich anderen Substanzen wie Nikotin oder der Opitate. Zum Vergleich: Kokain erhöht die Ausschüttung um rund 1000%.

Trotz aller modernen Analysetechniken ist man auf wenig chemische Substanzen gestoßen, die gesundheitsfördernde Wirkung haben. Der Inhaltsstoff Reveratrol soll Blutfettwerte verbessern und verkalkten Arterien vorbeugen. Bislang konnte aber noch nicht nachgewiesen werden, wie gut der Körper diese und andere Substanzen aus dem Wein aufnimmt und was davon tatsächlich in den Zellen ankommt. Die ebenfalls gerne zitierten antioxidativen Substanzen sind in so geringen Mengen vorhanden, das nur regelmäßiges und übermäßiges auf Grund des Alkoholgehalts bedenkliches Trinken helfen würde. Traubensaft ist da allemal preiswerter.

Seit Jahrzehnten gepflegt wird Mythos von der mediterranen Ernährung, den Franzosen, die trotz fettigem Essen weniger unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Verschwiegen wurde, dass dort höhere Raten an Leberzirrhosen und Speiseröhrenkarzinomen herrschen. Und das berühmte Glas Wein am Abend? Leider gilt: Mormonen und anderen Glaubengemeinschaften, die gesund leben und keinen Alkohol trinken, leben länger – auch als Mäßigtrinker. Die Ausnahme: Über 60-Jährigen, die bereits eine Herzerkrankung oder einen Infarkt hatten, nützt ein Glas Wein am Tag tatsächlich, denn der Alkohol erhöht die Konzentration des HDL-Cholesterins im Blut und reduziert so das Risiko, erneut einen Infarkt zu bekommen.

Ein methodischen Problem bei allen epidemiologischen Studien bleibt:Man kann nicht mit Sicherheit belegen, dass tatsächlich der Wein für die beobachteten Effekte verantwortlich ist. Genauso gut ist möglich, dass sich moderate Alkoholtrinker gesünder ernähren als Nichttrinker und deshalb in ihrer Gruppe weniger Todesfälle auftraten. Um derartige Verzerrungen auszuschließen, müssen Forscher den Einfluss anderer Faktoren auf das Sterberisiko herausrechnen.

Insgesamt ist es beim Wein wie bei den anderen Drogen: Die korrekte Dosierung, das gut gewählte Umgebung und die Kenntnis der eigenen Konstitution beeinflussen nicht nur die Kurzzeitwirkung. In Zusammenhang mit Kofaktoren wie sozialer Einbettung des Konsumenten, sonstiger Ernährung und Lebensführung können schädliche Eigenschaften auch über lange Zeit minimiert und sogar überlagert werden.

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