Ein Interview mit Jerry Beisler über den Haschisch-Trail und darüber hinaus

HanfBlatt, Nr. 105

Der Bandit von Kabul

Ein Interview mit Jerry Beisler über den Haschisch-Trail und darüber hinaus

Der Autor und Dichter Jerry Beisler hat kürzlich ein sehr schönes autobiographisches Buch vollendet, in dem er von seinen Erfahrungen in den Siebzigern berichtet. Er stieß in Kabul/Afghanistan zum berüchtigten Haschisch-Trail, exportierte Tibetanische Teppiche aus Kathmandu, baute in Kalifornien Marijuana an, promotete als Freund die Musik von Jerry Garcia, Jefferson Starship, Santana, Fleetwood Mac, David Crosby, Taj Mahal und der Mike Bloomfield Band und so weiter. Für Old-School-Hanf-Aficionados sind die Erinnerungen ein Lesevergnügen, in das abzutauchen Spaß bringt. Im gleichen Atemzug sind sie ein einzigartiger, dabei auch repräsentativer Teil der kollektiven Erinnerungen dieser für die Entwicklung der internationalen Gegenkultur so wichtigen aber nun mehr längst vergangenen Zeit. Eine Fülle von Schnappschüssen aus dem Hippie-Leben bieten zusätzlichen Augenschmauß. Ich überraschte Jerry während des Aktes: Er schreibt an drei weiteren Büchern, die sich mit den Sechzigern beschäftigen („Hoosiers and Hippies“), den Achtzigern („Cocaine Cowboys“) und – erraten – den Neunzigern („Paradise, Pain and Production“). Er nennt diese Serie „As the Prayer Wheel Turns“. Was mich betrifft muss ich die Gebetsmühle im Namen des Hanfblattes stoppen, um ihm, auch wenn in seinem Buch „The Bandit of Kabul“ mehr steckt als faszinierende Dope-Stories, ein paar bohrende Fragen von besonderem Interesse für unsere wissbegierige Leserschaft zu stellen.

Hanfblatt: 1971, in den Zeiten vor Handy, Internet, Walkmen und globalem Satelliten-Fernseh-Overkill selbst im abgelegensten Dorf, hast Du die USA verlassen, um dich mit deinen Freunden auf dem bereits etablierten sogenannten Hippie- oder Hashish-Trail zu treffen, dem magischen Pfad von Europa durch die Türkei, den Iran, Afghanistan und Pakistan nach Goa in Indien und Kathmandu in Nepal und darüber hinaus zu vielen anderen Plätzen Asiens. Was war dein Beweggrund?

Jerry Beisler: Der sich entwickelnde Polizeistaat in den USA. Meine Freunde und ich waren gegen den völkermörderischen Krieg, der in Vietnam tobte. Wir kamen aus der politisch aufgeladenen Bürgerrechtsbewegung und waren Ziele für inszenierte Razzien gewesen. Im „Bandit von Kabul“ kulminiert diese Unterdrückung in einer Massenverhaftung, die sich gegen Anwälte richtete, die Kriegsdienstverweigerer und Cannabisfälle verteidigten. Wenn die Regierung anfängt, Rechtsanwälte anzuvisieren und einzuschüchtern, bleibt friedliebenden Menschen keine Verteidigung mehr übrig. Sein Land zu verlassen und ins Exil zu gehen war über Jahrhunderte hinweg die einzige Wahl, wenn Tyrannei regiert.

Hanfblatt: Was für Menschen hast Du auf dem Haschisch-Pfad getroffen? Wie würdest Du die Szene beschreiben?

Jerry Beisler: Es hing davon ab, ob du beispielsweise mit dem Red-Eye-Charterflug billig über Island oder Frankfurt anreistest oder auf dem Weg in die Hände eines verzweifelten Diebes oder eines korrupten Zöllners fielst. Auch, ob du krank wurdest oder tödlich erkranktest, war häufig reine Glückssache. Das gesagt, überlebten die, die etwas über Tibetische und Ayurvedische Medizin lernten, drei Pfeifen rauchten anstatt drei Tage in einer Opiumhöhle abzuhängen und darüber hinaus geschäftstüchtig etwas ins Laufen brachten.
Die Szene war ein Mikrokosmos der Gesellschaft. Es gab kreative Leute, die großzügig gaben, wohltätige Geister, die ihren Weg in Waisenhäuser und Flüchtlingslager fanden. Andere liefen in die Arme von Gurus, begannen spirituelle Lebensweisen oder begaben sich auf hochabenteuerliche Bergwanderungen, Flussfahrten oder die wildesten, verrücktesten und gefährlichsten Busfahrten, die man sich vorstellen kann. Einige Leute rauchten Dope, blieben im Hotelgarten und genossen Tee und Philosophie. Das Beste an „der Szene“ war, dass Alle Reiseerfahrungen und Informationen über die lokale Politik oder Geschichte austauschten und sich generell an der Anwesenheit der Anderen erfreuten, unabhängig von ihrem ethnischen oder religiösen Background. Junkies sind eine Szene und ein Kapitel für sich. Das kann jemand anderes schreiben.

Hanfblatt: Durch welche Art von Unternehmungen schafften es die Leute auf dem Trail zu überleben?

Jerry Beisler: Amsterdam war so ein Geldmagnet, dass es alles verschlang. Einige Leute zogen ausschließlich aus diesem Markt Vorteile. Im „Bandit von Kabul“ beschreibe ich ein Hotel in Indien, das 60 Räume hatte. In jedem Raum wurden Koffer mit falschen Böden präpariert, um sie mit Haschisch hauptsächlich aus Kashmir, Manali und Nepal speziell für den Schmuggel nach Amsterdam zu präparieren. Es gab allerdings auch noch andere Märkte. Andere handelten mit Antiquitäten, Schmuck und Teppichen. „Der Bandit von Kabul“ dokumentiert, dass die schräge Wirtschaftspolitik verschiedener asiatischer Länder in bizarrer Weise Geschäftsmöglichkeiten schuf. Zum Beispiel Indira Gandhi, Herrscherin Indiens in den Siebzigern, verbot zu einem bestimmten Zeitpunkt Gold. Inder lieben Gold. Man stelle sich die finanziellen Möglichkeiten vor, die sich dadurch boten, dass Indien von Ländern umgeben war, in denen Gold reichlich und legal vorhanden war.

Hanfblatt: Du hast dich mit deiner Freundin in Kabul niedergelassen. So wie Du es beschreibst, muss Afghanistan in jenen Tagen ziemlich gefährlich gewesen sein. Die Leute waren nicht an westliche Menschen gewöhnt und noch weniger an Hippies und ihre freiheitsliebenden Frauen. Was war die Faszination von Afghanistan in den frühen Siebzigern?

Jerry Beisler: Freiheit. Pure unverschnittene Freiheit. Zusätzlich war ich ein Pferdenarr. Ich habe seit meinem sechsten Lebensjahr geritten. Wie ein Fußballer in Europa in der Weltmeisterschaft mitspielen möchte, wollte ich mit den großen Reitern der Steppe reiten. Ökonomische Freiheit. Der Geldmarkt hatte 95 lizensierte Händler, die für eine kleine Gebühr jede Währung der Welt gegen jede andere tauschten. Für einige der kleinen abgeschiedenen Länder der Welt brauchte es ein oder zwei Tage, aber es war Geld gegen Geld. Außerdem waren die Reisenden, die sich nach Afghanistan hingezogen fühlten und keine Junkies waren, körperlich auf der Höhe und intelligent. Sogar das Botschaftspersonal und die Afghanischen Beamten waren angenehm. Alleinreisende Frauen waren in den beiden weltoffensten Stadtteilen von Kabul-Stadt absolut sicher. Überall sonst im Land war es geschlechtsunabhängig, Hund frißt Hund, Überleben des Stärkeren.

Hanfblatt: Du wurdest Teil von einigen Haschischschmuggel-Aktionen. Der berühmte Schwarze Afghane wurde zum boomenden Dope-Markt in den liberalen Niederlanden geschafft. Was war das Geheimnis einer erfolgreichen Haschischschmuggel-Operation in dieser Zeit?

Jerry Beisler: Diplomaten und ihre unmittelbaren Günstlinge. Königliche Lizenzen in Großbritannien. In den USA waren es Zollspeicher. Nichtsdestotrotz braucht man Leute mit Mut und Integrität um den wichtigen Schritt von den verzweifelten Farmern in die Umgebung eines asiatischen Flughafens zu machen. Der kleine Sprung von irgendeinem abgelegenen Bergdorf über den Khyber-Pass oder die Berge runter von Manali trennt den Mutigen vom Hochmütigen.

Hanfblatt: Welche Art von Operationen waren zum Scheitern verurteilt?

Jerry Beisler: Alle Schmuggelaktionen, die ein Tier mit einschlossen. Leute versuchten Käfige voller Haschisch für alle möglichen Tiere dieses Planeten zu bauen, so scheint es. Sie schickten Durchfall-gebeutelte, finanziell abgebrannte weibliche „Mulis“ mit henna-rotgefärbten Haaren auf jeder Billigairline los, die noch einen freien Sitzplatz hatte. Das hat sicherlich einen komischen Aspekt, unter dem all die durchgeknallten gescheiterten Ideen zu einem Film verarbeitet werden könnten.

Hanfblatt: Du hast auch die Installation der wahrscheinlich ersten Hasch-Honigöl-Produktionsanlage in Afghanistan mitgekriegt. Kannst Du uns darüber etwas berichten?

Jerry Beisler: Die Ladaine-Kommission in Kanada hatte 1968 einen Nationalen Bericht zur Cannabisforschung herausgegeben. Sie publizierten jedes Fünkchen vorausgegangener Cannabisstudien, pharmazeutischer Verkäufe und medizinischer Anwendungen, die gedruckt worden waren. 1923 und 1924 hatten zwei große Amerikanische Firmen per Postversand bestellbar eine Haschischöl-Tinktur im Angebot. Durch den Ladaine-Report wurde ich auf Hasch-Öl aufmerksam. Ich wurde in Afghanistan einfach darin involviert als der Erste, der es ohne eine richtige Ahnung für eine Vermarktungs- oder Geschäftsstrategie wiederbelebte. Ich dachte, gelagerte Flaschen goldenen Öls würden nicht viel anders sein als feiner Wein in einem Keller. Eines Tages wollte und nahm jemand die Idee und sie pumpte Geld und Arbeit in eine lokale Ökonomie, die in großer ökonomischer Not war.

Hanfblatt: Eine eigenartige Sache für ältere Europäer ist, dass Du Marijuana gegenüber Haschisch bevorzugtest. Du hast in Kabul sogar einen Gärtner angestellt, um dir einen Bestand an Acapulco Gold zu pflanzen. Kannst Du erklären warum? Wie entwickelte sich das Grass unter Afghanischen Bedingungen? Hast Du Kreuzungsexperimente gemacht?

Jerry Beisler: Keine Zuchtexperimente an sich. Akmed Ahmen war ein Marokkanischer Lieferant von Cannabisprodukten für die Rockstars Pete Townsend, Jim Hendrix, Keith, Mick und Brian Jones von den Rolling Stones. Akmed hatte große Schwarzweiß-Fotos von jedem von ihnen, wie sie im Garten seines Wohnhauses in Tanger rauchen. Im selben Haus überzeugte mich Akmed, dass Haschisch zu stark sei um es außer bei seltenen Gelegenheiten zu benutzen. Ich folgte seinem Ratschlag. Alle Grass-Samen, die ich oder irgendjemand von denen, die ich kannte, in einem anderen Klima oder Kontinent anzubauen versuchten, so die einhellige Meinung, entwickelten sich dürftig im ersten Jahr, passten sich dann aber klimatisch an und gediehen.

Hanfblatt: Zurück in den Bergen von Kalifornien fingst Du an Marijuana anzubauen und wurdest Teil der aufblühenden Homegrowing-Industrie. Aber zunächst war es nicht einfach, Dein Selbstangebautes zu verkaufen. Wie hast Du es geschafft, potentielle Kunden für dein Produkt zu interessieren?

Jerry Beisler: T-Shirts mit Slogans wie „Sweet and Spicy“ oder „Grown 1000 meters up in the Flavor Zone“. Ich gab sie als Erinnerungsstück zu jedem Kauf dazu, und sie wurden auf ihre Weise Sammlerstücke. Im Nachhinein amüsant ist, dass die Grower-Szene so paranoid war, dass es schwierig war einen T-Shirt-Produzenten zu finden, der bereit war, Shirts mit der Abbildung von Buds zu fabrizieren. Man stelle sich vor, davor Angst zu haben, für eine Zeichnung eingesperrt zu werden.

Hanfblatt: Welche Samensorten hast Du in den Siebzigern benutzt? Hast Du Kreuzungsversuche gemacht?

Jerry Beisler: Im „Bandit von Kabul“ dokumentiere ich einige der Sorten, die daraus entstanden Thai, Afghan, Sumatran, Mexican und Kreuzungen zu vermischen. Ich hab es mehr aus persönlicher Neugier gemacht, als aus irgendeiner Art wissenschaftlich botanischem Interesse heraus.

Hanfblatt: Warum hast Du 1981 mit dem Anbau aufgehört?

Jerry Beisler: Der Amerikanische Präsident Reagan erklärte den „War on Drugs“, im wahrsten Sinne des Wortes. Flugzeug- und Hubschrauber-Überwachung über privatem Eigentum und aus niedriger Höhe begannen, was den Verlust eines weiteren Bürgerrechts bedeutete. Obendrein begann die Bundespolizei mit Beobachtungen und Festnahmen rund um Gärtnereibedarfsläden.

Hanfblatt: Was wurde aus der Hippie-Bewegung, wie ich die nicht-dogmatische Gegenkulturbewegung der Sechziger und frühen Siebziger einmal nennen will? Warum ist sie zu Ende?

Jerry Beisler: Viele der Überlebenden kämpfen immer noch für die gute Sache. Die Hippies haben in zehn Bundesstaaaten das Recht Marijuana medizinisch zu nutzen erkämpft. Sie haben die grüne Bewegung vorangebracht und waren an vorderster Front in der ökologisch verträglichen Landwirtschaft. Das sickert durch zur nächsten Generation, zumal sie jetzt angefangen haben zu fordern, den Schulkindern weniger Zucker und schlechte Fette zuzuführen. Obwohl zehn Staaten cool sind, gibt es dafür zehn mehr, die einem für zehn Gramm zehn Jahre Knast geben. Um also die Frage zu beantworten: Sie ist nicht zu Ende.

Hanfblatt: Im Rückblick scheinen die Hippies subjektiv viel mehr die Speerspitze der Avantgarde gewesen zu sein als die engstirnigen politischen Dogmatiker dieser Zeit. Welche Art der Veränderungen, die immer noch nachwirken, würdest Du der Hippie-Generation zuschreiben?

Jerry Beisler: Rassische und religiöse Toleranz wurde erweitert. Der Kampf Mutter Erde davor zu bewahren durch Pestizide, Verschmutzung und Ausplünderung der Meere zerstört zu werden begann. Ich glaube, die nachhaltigste Idee wird die sein, dass im Gegensatz zu vergangenen Generationen, die an kleine beschränkte Definitionen der menschlichen Existenz glauben wollten, die Hippies an das Wachstum des menschlichen Verstandes und Bewusstseins glaubten.

Hanfblatt: Danke für die Beantwortung der Fragen. Und selbstverständlich werde ich es den Lesern überlassen, die wahre Identität des Banditen von Kabul herauszufinden.

Jerry Beisler: Peace, ich danke euch.

Das Buch:

Jerry Beisler
„The Bandit of Kabul“
Regent Press, Oakland, California, USA 2006
Pb., 251 pp., many black&white photos
ISBN 1-58790-094-7
29.95 US-Dollar

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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