Interview mit Mathias Erbe

HanfBlatt, Nr. 99

Nautische Architektur

Die psychedelische Kunst des Mathias Erbe

Der in Franken aufgewachsene und in Frankfurt a.M. geborene und lebende Künstler Mathias Erbe erlebte die für die Entwicklung der gesamten Subkultur so bedeutsamen Sechziger Jahre als Kind, wuchs aber nicht unbedingt mit dem Acid-Schnuller auf. Doch als echtes Kind seiner Zeit wurde er ein beflissener Sammler psychedelischer Musik, Cover-Art und Comics und entwickelte sich selbst zu einem bemerkenswerten Vertreter moderner psychedelischer Kunst.

Erbe zeichnet und malt in Öl und Aquarell. Die ohnehin schon faszinierenden Ergebnisse seiner Inspiration bearbeitet er dann, über Foto oder Scan digitalisiert, am Computer. So entstehen einzigartige anregende Werke, die das Prädikat „Psychedelisch“ aus vollem Herzen verdienen. Die Veröffentlichung eines wunderbaren farbigen Bildbandes psychedelischer Platten/CD-Cover-Art mit dem Titel „Psychedelic History 3000. Von den Ursprüngen bis zur Gegenwart“ ist geplant. (Wir werden bei Erscheinen darüber berichten.) Man konnte Erbes Kunst bereits in Form von Illustrationen und Karikaturen für den „Rolling Stone“, Gemäldeabbildungen für Fetisch-Magazine, sowie Buch- und CD-Cover und natürlich im Original auf Vernissagen bewundern. Mehrere interessante psychedelische Kunstbände (u.a. „Nautische Architektur“, „Methexis“) harren noch eines kunstbeflissenen Verlegers. Wir möchten euch den Künstler in einem kleinen Gespräch und einigen seiner Bilder vorstellen.

HB: Wie bist du dazu gekommen, dich mittels psychedelischer Kunst auszudrücken?

ME: Einfach durch meine persönliche Entwicklung, mein frühes Interesse an dieser Ausdrucksform in diversen kulturellen Bereichen von Comics über Kunst, Musik, Plattencover, Literatur und so weiter, weniger direkt über Drogen. Ich habe einen alten Freund, der tatsächlich unter Drogeneinfluss kreativer und produktiver war. Bei mir ist es eher umgekehrt. Ich bin skeptisch, ob tatsächlich alle, die als psychedelische Künstler gelten, auch permanent unter dem Einfluss von entsprechenden Drogen stehen. Dieses Üppige des Psychedelischen entspricht nicht nur meiner Mentalität, sondern auch meiner Gefühlswelt. Psychedelische Kunst und Musik inspirieren mich und regen mich an, mich in dieser Form bildlich auszudrücken.

HB: Es ist schon erstaunlich, dass in deinem Fall, Drogen nicht so eine Rolle gespielt haben.

ME: Vielleicht indirekt.

HB: Das spricht doch irgendwie für diese künstlerische Richtung. Mag der Konsum psychedelischer Drogen den Genuss und das Verständnis für diese Kunst intensivieren und manch einen zu dieser Kunst als Ausdrucksmöglichkeit inspirieren, so scheint psychedelische Kunst eben nicht „nur“ simpel „Drogenkunst“ zu sein, sondern viel tiefer aus der Seele, wenn man so will, den Urgründen des Seins zu wachsen und in diese zu langen. Welche Künstler haben dich besonders beeinflusst?

ME: Alex Grey („Sacred Mirrors“, „Transfigurations“) ist ein großartiger Kollege. Dieser Mann hat auch einen bemerkenswerten Lebenslauf. Er ist von den Wiener Aktionisten über die Wiener Schule zur psychedelischen Kunst gekommen.

HB: Alex Grey ist zweifellos einer der tollsten lebenden Künstler. Er bedient sich aber doch in seiner Motivwahl, wenn auch in zuvor ungesehener fantastischer Weise, so doch letztlich spiritueller Klischees. Das kann man von deinen Werken jedoch meines Erachtens nicht so sagen, da sie ziemlich viel offen lassen und so eher im „klassischen“ Sinne psychedelisch sind.

ME: Spiritualiät, wenn sie zu sehr religiösen Klischees folgt, ist mir vereinfacht gesagt zu ernsthaft oder zu verbindlich. Aber wahre Spiritualität ist auch etwas Psychedelisches. Man fahre nur einmal nach Colmar und schaue sich dort Grünewalds wahnsinnig beeindruckenden „Isenheimer Altar“ mit der „Versuchung des heiligen Antonius“ an. Davor kann man schon fast fromm werden. Ein Science-Fiction Autor, den ich sehr schätze, Philip K. Dick („A Scanner Darkly“), der in seiner späten Phase ein reges, fast intim-kommunikatives Verhältnis zu Gott („Valis“) hatte, schaffte es bei aller Spiritualität dennoch eine absurde Selbstironie in seinem Werk mitlaufen zu lassen. Spiritualität in Form von zuviel Religiosität ist auch nicht gerade gesund, haben, glaube ich, schon die Romantiker festgestellt.

HB: Wenn man sich die Begeisterung für Spiritualität in der Subkultur anschaut, dann scheint sie immer nicht so lange anzuhalten. In den Sechziger Jahren folgte der Öffnung durch psychedelische Drogen ein erneutes (in den Zwanziger Jahren zuletzt und davor um die Jahrhundertwende) intensiviertes Interesse an östlichen Religionen, an spirituellen Wegen. In der Folge gab es plakativen Hippie-Kitsch und einen Sekten-Boom. Die Antwort: Der Punk-Nihilismus. Dann gab es in der Techno-Bewegung, insbesondere der LSD-geprägten Goa-Trance-Szene wieder ein gewisses Interesse an Spiritualität oder zumindest an pseudo-religiösen Deko-Elementen. Und jetzt haben wir vielleicht gerade eine enthirnte Zeit des Kokain-Zynismuses. Da darf man natürlich gespannt sein, was als Nächstes kommt.

ME: Es ist wie du beschrieben hast, eigentlich die im Nietzscheschen Sinne Wiederkehr des ewig Gleichen.

HB: Aber wohl doch immer wieder auf einem neuen Niveau… Zurück zu deinen Inspirationsquellen…

ME: Von dem tschechischen Surrealisten Pavel Tchelitchew hängt im MOMA in New York ein Bild „Hide and Seek“. Das ist ein Vorläufer für Künstler wie Ernst Fuchs und Mati Klarwein, bekannt durch seine Poster und Plattencover für „Santana“. Mati Klarwein hat ähnlich, wie es Alex Grey gerade macht, Räumlichkeiten mit Kunst kathedralenartig zum Andachtsraum („Aleph Sanctuary“) gestaltet. Seine Kunst hat noch den Bezug zum Realismus, wie du ihn auch in meinen Gemälden findest. Psychedelische Kunst ist so gesehen auch schwer zu fassen, weil es Alles beinhalten kann, zumindest für mich, inklusive Action-Painting. Gerhard Richter mit seinen abstrakten opulent farbigen Sachen könnte auch darunter fallen.

HB: Wenn man so will, sind manche Künstler zumindest manchmal psychedelisch ohne es überhaupt zu wollen.

ME: Ja, zum Beispiel Max Ernst und besonders Richard Oelze. Er ist für mich der konsequenteste, gerade in Bezug auf das was die Surrealisten automatisches Zeichnen nannten. Die Surrealisten hatten ja ihre eigene Spiritualität und mit Drogen experimentierten sie auch.

HB: In dieser bildnerischen Tradition stehen dann in gewisser Weise auch Hieronymus Bosch oder der genialische multidimensionale polnische Künstler Witkacy (1885-1939).

ME: Ja, ein sehr gutes Beispiel, der war ein Multitalent, Dramaturg, Fotograf, Maler. Auf seinen eindringlichen schon über den Expressionismus hinausgehenden Porträts, die er unter dem Einfluss praktisch aller damals zur Verfügung stehenden psychoaktiven Substanzen von Meskalin über Kokain bis Harmin gemalt hat, hat er meist vermerkt, was er dabei in welcher Reihenfolge zu sich genommen hat. Auf Plattenhüllen finden sich weit später ähnliche Porträts. Das Artwork von Miles Rutlin bei „Blind Idiot God“, eine interessante Neo-Psychedelic-Instrumental-Hard-Dub-Band Ende der Achtziger auf dem Label SST ist da ein gutes Beispiel. In meiner persönlichen Entwicklung haben mich die Bildwelten in Kunstbänden („Fantastic Art“) und auf den Postern und Plattenhüllen der Siebziger stark beeinflusst – besonders von Helmut Wenske, der als psychedelischer Dali mit einem Hauch Pop-Art beschrieben wurde, und mit dem ich seit dieser Zeit eineenge Freundschaft pflege. Ich habe damals auch angefangen diese Cover-Art nachzuzeichnen und damit natürlich meine Kameraden beeindruckt. Ich studierte schließlich Kunst und wurde das, was man als „Bildenden“…

HB: Aber nicht „Eingebildeten“..

ME: …Künstler bezeichnen kann.

 

Mathias Erbe: Accelerando

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Mathias Erbe: Janus

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Mathias Erbe: To the Greys

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