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HanfBlatt, Nr. 100
Annäherung an das richtige Leben
Ein Interview mit Wolfgang Sterneck
Wolfgang Sterneck engagiert sich seit den Achtziger Jahren als Aktivist in alternativen
Szenen. Durch die Mitgestaltung des Sonic-Netzwerkes, von KomistA und des Alice-Projects
hat er sich ebenso einen Namen gemacht, wie durch seine zahlreichen Publikationen,
die ihn als profunden Kenner subkultureller Strömungen ausweisen. Er verschafft
wichtigen Stimmen der Gegenkultur Gehör und präsentiert anregendes Material zur
Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Realisierung einer anderen Welt als
der Desaströsen, auf die die Menschheit zwischen Überlebenskampf und Konsumrausch
im Zeitalter der Globalisierung gegenwärtig zuzusteuern scheint.
Hanfblatt:
Du verfolgst als Aktivist und teilnehmender Beobachter seit Jahren die Entwicklung
der Techno-House-Goa-Trance-Szene. Oberflächlich betrachtet scheint es sich heute
um eine reine Feier-Kultur zu handeln, in deren Zentrum zünftige Drogenparties
mit elektronischer Tanzmusik inklusive optisch stimulierender Lightshows und Deko
stehen. Wenn man sich mit Veteranen der Szene unterhält, ist immer wieder vom
"Party-Spirit" in der ersten Hälfte der 90er Jahre die Rede, der heute irgendwie
nicht mehr so da sei. Was hat es mit diesem "Spirit" auf sich? Was ist gemeint?
Sterneck:
Es ist nicht nur oberflächlich betrachtet "eine reine Feier- Kultur".
Der Mainstream ist zweifellos von Kommerz und Konsum geprägt. - Hauptsache Druff
sein und "Spaaaß" haben, nichts hinterfragen, am wenigsten sich selbst ... Fische
die mit dem Strom schwimmen. Wie alle Musikkulturen der letzten Jahrzehnte ist
Techno mit einem idealistischen Anspruch im Underground entstanden. Da ging es
um solche Aspekte wie "Do It Yourself", um kreatives Experimentieren, um die gemeinschaftliche
Erfahrung anderer Wirklichkeiten. All dies machte den besonderen Reiz der ersten
Jahre aus. - Wobei diese Elemente nicht gestorben sind, sondern im Underground
weiterleben. Doch im Mainstream gehen solche Ansätze zwangsläufig unter. Ursprünglich
ging es beispielsweise um eine gemeinschaftliche Kultur, die keine Idole nötig
hat. Inzwischen sind jedoch längst die bekannten Djs zu egozentrischen Stars geworden,
die sich kaum von Rockstars unterscheiden und zu denen das Party-Volk ergeben
hinaufblickt.
Hanfblatt:
Seit einigen Jahren kann man "Alice - The Drug- and Culture-
Project", an dem du maßgeblich beteiligt bist, auf Parties und Festivals mit elektronischer
Tanzmusik antreffen. Ihr engagiert euch für einen "mündigen Umgang mit psychoaktiven
Substanzen". Was muss man sich unter "Drogenmündigkeit" vorstellen, und auf welchem
Weg kann diese nach euren Vorstellungen erreicht werden?
Sterneck:
Wir sind nicht
nur auf Partys aktiv, sondern auch in Schulen oder auf Tagungen anzutreffen. In
Bezug auf Drogen versuchen wir Drogenmündigkeit zu fördern. Dies beinhaltet einen
möglichst souveränen Umgang mit Drogen aller Art, die Fähigkeit (aber nicht den
Zwang) zur Abstinenz, ebenso die Fähigkeit sich selbst bzw. den eigenen Umgang
mit Drogen kritisch reflektieren zu können. Dieser Ansatz schließt im Grunde das
ein, was man allgemein als Suchtprävention bezeichnet, also das Vermeiden von
Abhängigkeit. Er geht aber noch viel weiter, indem er nicht nur negativ auf Probleme
konzentriert ist. Vielmehr versucht er die Person an sich zu stärken: Mündigkeit
durch Information, Reflexion durch kritische Auseinandersetzung, Selbstbestimmung
durch innere Stärke. Vor diesem Hintergrund geht es uns nicht nur um Drogen. Vielmehr
versuchen wir generell über Veranstaltungen, kulturelle Projekte, Flyer etc. die
Leute dazu anzuregen, aus der so weit verbreiteten passiven Konsumhaltung auszubrechen
und selbst aktiv bzw. kreativ zu werden, um letztlich ihr Leben den Klauen von
Fremdbestimmung und Verwertung zu entreißen.
Hanfblatt:
Was unterscheidet euch
von "Eve & Rave", dem ebenfalls aus der Techno-Szene erwachsenen Selbsthilfe-Projekt
in Sachen bewussterem Umgang mit psychoaktiven Substanzen?
Sterneck:
Da gibt es
im Grunde keine inhaltlichen Unterschiede in Bezug auf den Umgang mit Drogen.
Beiden Projekten geht es um möglichst sachliche Aufklärung, um die Entwicklung
von Bewusstsein und um Hilfe bei Problemen. Uns verbindet das Ziel der Drogenmündigkeit
und zum Beispiel die Forderung nach der Einführung des Drug-Checking. Mit anderen
Projekten sind wir im Sonics- Cybertribe-Netzwerk zusammengeschlossen. Uns verbindet
jedoch auch, dass wir den von dir benutzten Begriff der "Selbsthilfe" nicht gebrauchen.
Dieser Begriff wurde in der Anfangszeit oft genutzt, um uns zu schwächen bzw.
in eine bestimmte Ecke zu stellen: "Das sind die Technos, die versuchen ihre Drogenprobleme
selbst zu therapieren". Dies war und ist jedoch bei Alice nie der Fall gewesen.
Vielmehr geht es uns darum, Veränderungen zu bewirken, zumindest die Notwendigkeiten
aufzuzeigen: Veränderungen im Umgang mit Drogen auf einer persönlichen wie gesellschaftlichen
Ebene, aber auch unabhängig von der Drogenthematik generell, um soziale und kulturelle
Veränderungen.
Hanfblatt:
In deinen Schriften ist immer wieder von kulturellen
Freiräumen, Visionen eines befreiten Lebens und einer konkreten Utopie die Rede.
Gefühlsmäßig habe ich da zwar gleich meine eigenen Assoziationen, aber was genau
meinst Du damit?
Sterneck:
In Anbetracht der sozialen und ökologischen Entwicklungen
ist es eigentlich offensichtlich, dass es zu grundlegenden Veränderungen kommen
muss. Doch derartige Veränderungen in einem größeren Maßstab erscheinen im Zeitalter
der Globalisierung geradezu illusionär. Dies heißt jedoch nicht, dass man den
Kopf in den Sand stecken sollte. Es ist auch im Hier und Jetzt möglich, Freiräume
zu schaffen, in denen ein Leben möglich ist, das von Prinzipien wie Gemeinschaftlichkeit,
Kreativität, Selbstbestimmung, Balance mit der natürlichen Umwelt etc. geprägt
ist. Zum Beispiel kann ein besetztes Haus im Idealfall einen solchen Freiraum
bieten oder eine Underground-Party oder eine kleine Gruppe von Leuten, die vor
Ort in ihrem Bereich etwas verändern wollen oder unzählige andere Möglichkeiten.
Eine Volxküche beispielsweise, wie es sie in vielen linken Zentren gibt, in der
zum Selbstkostenpreis gekocht wird, damit sich jeder das Essen leisten kann, aber
auch um die Vereinzelung der Ein-Personen-Haushalte aufzubrechen. Oder eine Party,
die nicht am finanziellen Gewinn ausgerichtet ist, sondern die Gäste wie VeranstalterInnen
gemeinsam gestalten. Oder eine politische Aktion, die der neoliberalen Globalisierung
eine solidarische Vernetzung von unten entgegensetzt. Es gibt unzählige solcher
Ansätze. Das Entscheidende ist die innere Bereitschaft jedes Einzelnen in seinem
Bereich solche Türen zu öffnen. Mit einem Joint in der Hand endlos darüber zu
philosophieren, was man alles machen könnte und sollte und müsste - und dann wird
schon wieder der nächste gerollt - ist einfach und bequem ... aber wer über das
Philosophieren nicht hinaus kommt, der ist ein Teil des Problems und nicht der
Lösung.
Hanfblatt:
Innerhalb und aus der Techno- und Rave-Szene heraus haben sich
diverse kleinere Subkulturen entwickelt, von denen du in deinen Büchern, z.B.
in "Tanzende Sterne", berichtest, und die sich vielleicht als "Cybertribes" subsummieren
lassen. Gibt es tatsächlich etwas, was all diese Szenen verbindet?
Sterneck:
Egal
auf welche Musikkultur man blickt oder in welcher Stadt man sich gerade bewegt
- wer genauer hinschaut wird immer wieder auf Leute und Projekte stoßen, die versuchen
andere Wege zu gehen, die versuchen sich Kommerz und Vereinnahmung zu widersetzen.
Diese Leute findest Du im Free Jazz genauso wie im Punk, HipHop oder Techno -
allerdings in der Regel nur im Underground. Die Rhythmen sind zum Teil andere,
die Texte unterscheiden sich in ihren Metaphern, aber im Grunde geht es immer
wieder um Selbstbestimmung, um Gemeinschaft, um Entfaltung, um eine innere Tiefe.
Hanfblatt:
Wenn man sich so umschaut, dann muss man doch feststellen, dass der
Boom der letzten großen, wirklich neuen Jugendkultur um die Techno-Szene herum,
lange schon vorbei ist. Die Kommerzialisierung erfolgte weitestgehend bis Mitte
der 90er, Deppentechno a la Blümchen und "Hyper Hyper", Sponsoren wie Camel und
Jägermeister, Bier-Parade und leere Phrasen a la Dr. Motte ließen grüßen.
Hanfblatt:
Du bist
ja ein profunder Kenner gegenkultureller Strömungen. Siehst du irgendwo Pflänzchen
der Hoffnung? Worauf sollte man deines Erachtens sein Augenmerk richten? Was kann
man selber tun?
Sterneck:
Im Zuge der medialen Gleichschaltung vollzieht sich
die Vereinnahmung von Strömungen, die irgendwo im Underground als zumindest potentiell
subversive Gegenkultur entstanden sind, immer schneller. Doch so verschlingend
die Mechanismen der Gleichschaltung auch sein mögen, ein letztes Stück innerer
Lebendigkeit, das Bedürfnis nach freier Entfaltung und Selbstbestimmung, wird
immer gegeben sein. Die "Pflänzchen der Hoffnung", von denen du sprichst, kannst
du überall finden, wenn du hinter die Fassaden der Nachrichtenshows und der Plakatwände
blickst. Mal ist es eine blühende Sonnenblume, mal eine dornige Rose oder irgendein
auf den ersten Blick völlig unscheinbares Pflänzchen, das sich da zwischen den
Betonplatten widerspenstig seinen Weg bahnt. Es geht nicht um die Frage, ob es
diese "Pflänzchen" gibt, sondern, ob du sie wahrnimmst, ob du sie gießt - und
letztlich, - um in diesem Bild zu bleiben - ob du selbst bereit bist, dem Heer
der künstlichen Plastikblumen einen eigenen verwilderten Garten, so winzig er
auch sein mag, entgegenzustellen.
Hanfblatt:
Du hast ja mehrere Bände mit interessanten
Texten zu verschiedenen Themenschwerpunkten zusammengestellt. Was interessiert
dich da besonders? Worum geht es dir dabei?
Sterneck:
Ein Aspekt ist, dass es
mir darum geht Verbindungslinien aufzuzeigen. Beispielsweise zu dokumentieren,
dass man den Geist der Revolte in der Hippie-Kultur, genauso wie im Punk, dem
HipHop oder im Techno finden kann. Ein anderer Aspekt, der immer wieder auftaucht,
ist die Verbindung von innerer, persönlicher Entwicklung und äußerer, gesellschaftlicher
Veränderung. Isoliert führen beide Wege schnell in eine Sackgasse, miteinander
verknüpft eröffnen sie neue Möglichkeiten. Manchmal geht es mir auch darum, im
Rahmen meiner Möglichkeiten kleine "Denkmale" zu schaffen. Zum Beispiel ein Projekt
oder einen Musiker zu beschreiben, der Wichtiges bewegt hat, aber zuvor kaum Beachtung
fand. Neben dieser ideellen bzw. politischen Ebene suche ich mir selbstverständlich
Themen aus, die mir irgendwie nah sind, die mich selbst beschäftigen. Für mich
gibt es in diesem Sinne keine Trennung von Arbeit und Freizeit. Ich mache Dinge,
von denen ich überzeugt bin, und auf dieser Basis gehen Idealismus, Entfaltung
und Vergnügen ineinander über.
Hanfblatt:
In dem Band "Erotika. Drogen und Sexualität"
versammelst du eine ganze Reihe Erzählungen, Autobiographisches, Geschichtchen
von bekannten und unbekannten Autoren, die alle mit Sexualität und Drogen zu tun
haben. Voyeuristisch gesehen fand ich persönlich das zwar ganz interessant, was
sich mir jedoch nicht so recht erschloss, war die Intention dahinter. Was soll
ich damit anfangen?
Sterneck:
Die Antwort auf die Frage, was Du damit anfangen
sollst, ob du einen Bezug findest oder nicht, die nehme ich dir nicht ab. Es gibt
kaum andere Bereiche, die gesellschaftlich einerseits so tabuisiert sind und mit
denen andererseits so scheinbar locker umgegangen wird, wie die Bereiche der Sexualität
und der Drogen. Gleichzeitig eröffnen beide Bereiche im Idealfall eine Tiefe ein
"inneres Fließen" wie es ansonsten im Alltag kaum möglich ist. Der Rausch der
Sexualität gleicht im Idealfall einem veränderten Bewusstseinszustand, gleicht
einer Überwindung des blockierten Alltagsbewusstseins. Ebenso können im Idealfall
auch psychoaktive Substanzen innere Räume eröffnen, die zuvor völlig verschlossen
waren. Sex und Drogen können aber auch auf sehr vielfältige Weisen diese inneren
Räume völlig verschließen. Verbindet man nun Sex und Drogen, dann können sich
diese Möglichkeiten noch einmal potenzieren. Der viel beschworene, aber nur selten
erlebte "kosmische Orgasmus" oder eine verschmelzende Zärtlichkeit gehört genauso
zu diesen Möglichkeiten wie völlig verkrampfte Situationen, Impotenz oder gar
Missbrauch. Für mich persönlich war es spannend, all die verschiedenen
Zugänge zum Thema zusammenzutragen. Von wissenschaftlichen und historischen Betrachtungen
bis hin zu äußerst offenen Erfahrungsberichten und Literaturauszügen. Nicht zuletzt
sollte solch ein Thema nicht nur trocken abgehandelt werden, sondern in einem
besonderen Maße auch eine im erotischen Sinne anregende Wirkung haben.
Hanfblatt:
Besteht nicht in jeder Subkultur das Risiko, dass sie sich zu weit von den gesellschaftlichen
Realitäten entfernt und sektiererische Züge annimmt? Wie kann man dies vermeiden
und die Bodenhaftung behalten?
Sterneck:
Klar, das ist immer eine Gefahr. Manchmal
ist es wichtig sich auf Inseln zurückzuziehen, aber man darf nie vergessen, dass
jede Insel von einem Meer umgeben ist. - Und dieses Meer prägt. So idealistisch
wir auch sein mögen, wir tragen alle unsere schrägen Egos mit uns herum, die uns
schon in der Kindheit anerzogen wurden. Und auch als Erwachsener wird es nie möglich
sein, sich völlig dem umgebenden Meer zu verschließen. Das muss uns immer bewusst
sein. Den perfekten Umgang mit diesen Strukturen gibt es nicht. Ein naheliegendes
und doch so selten gebrauchtes Mittel ist das der Hinterfragung und Selbstreflexion,
der Kritik und Selbstkritik. Sich neben sich zu stellen und zu schauen, was geht
überhaupt mit mir ab, ist dies noch der Weg den ich bzw. wir einschlagen wollten?
"Es gibt kein richtiges Leben im falschen" hat Adorno mal gesagt. Aber es besteht
die Möglichkeit und die Notwendigkeit sich diesem zumindest anzunähern.
Publikationen von Wolfgang Sterneck
(als Herausgeber und Autor, Näheres unter
www.komista.de, www.sterneck.net und www.nachtschatten.ch):
"Cybertribe-Visonen"
"Der Kampf um die Träume. Musik und Gesellschaft."
"Erotika. Drogen und Sexualität" (und als Auszug
daraus "Das Utopia der Lust")
"Psychedelika. Kultur, Vision und Kritik."
"Inside. Modern Primitives, Dunkle Erotik und Subversive Rituale."
"Tanzende Sterne. Party, Tribes und Widerstand."
"Stille, Bewusstsein und Veränderung" (gemeinsam mit John Cage, inklusive CD)
"Connecta-Music, Mind and Politics" (CD & DVD, siehe www.alice-project.de)