Kawa Kawa

Kava – Die Südseedroge

Erschienen im Hanfblatt, 2003

„Schmeckt`s?“ Detlef verzieht sein Gesicht: „Geht so.“ Er trinkt gerade einen Becher eines schlammigen, die Mundschleimhäute betäubenden Getränks, zubereitet aus Kavawurzelpulver und Wasser. In etwa einer Stunde wird er vielleicht einen Teil des speziellen Südsee-Feelings begreifen, denn Kava ist die traditionelle Droge der Kulturen der pazifischen Inselwelt.

Kava, auch Kawa Kawa, Yangona oder Rauschpfeffer, botanisch Piper methysticum, genannt, ist ein Pfeffergewächs, aus dessen Wurzelstock schon seit sehr langer Zeit ein entspannendes und mitunter euphorisierendes Gebräu zubereitet wird.

Als Ursprungsort der Pflanze wird die Inselgruppe des heutigen Vanuatu angenommen. Ausgehend von wilden Pflanzen, wahrscheinlich von der Art Piper wichmanii, wurde allein über Stecklinge die heutige Kulturform entwickelt. Bemerkenswert ist, dass Kava nun schon seit Jahrhunderten ausschliesslich über Stecklinge vermehrt wird und von den seefahrenden Välkern praktisch auf jede von ihnen besiedelte Insel mitgenommen wurde. Im Laufe der Zeit wurden von den Kavapflanzern über hundert unterschiedliche domestizierte Varianten mit teilweise erheblichen Wirkunterschieden ausgewählt und selektiv vermehrt. Sie werden zu verschiedenen Anlässen konsumiert. Gerade die milderen und kurzwirksamen Typen werden für den alltäglichen Gebrauch bevorzugt. Eine Haltung, die die soziale Integriertheit dieser Droge unterstreicht. Zentrum der Kavavielfalt ist Vanuatu. Auch auf Papua-Neuguinea, Wallis und Futuna, Fidschi, Tonga, Samoa und Pohnpei wird Kava angebaut und kulturell integriert genutzt. Auf Tahiti, den Marquesas und Hawaii wurde das Kava durch christliche Sekten und Alkohol verdrängt und tritt höchstens noch verwildert oder als Zierpflanze auf. Neuerdings erlebt Kava allerdings im pazifischen Raum ein erhebliches Revival, verbunden mit einer Besinnung auf die eigenen kulturellen Werte und der Erkenntnis der schlimmen Folgen übermässigen Alkoholkonsums. Eingeführt durch Migranten findet Kavakonsum nun auch auf Neukaledonien, in Neuseeland, Australien und den USA (Kalifornien) seine Liebhaber. Kavaexperten sprechen diesem Mittel durchaus eine Zukunft als mildes Rauschmittel im südostasiatischen Raum und vielleicht sogar in den westlichen Ländern zu. Die Kavawirkstoffe sind bereits Bestandteil zahlreicher Arzneimittel. Auch hier besteht ein ausbaufähiger Markt. Seit Ende der Sechziger Jahre wurde immer wieder versucht, Kava als „legale Droge“ in der „Drogensubkultur“ zu vermarkten. †bertriebene Versprechungen („mildes Acid“), schwache Qualitäten und der gewähnungsbedürftige Geschmack hielten die meisten Neugierigen davon ab, mehr als ein paar Experimente mit Kava zu machen.

Das vergleichsweise sanfte Kava solte nicht zum „Dröhnen “ genommen werden, zumal es ein derartiges Bedürfnis kaum befriedigen dürfte. Kavawurzel enthält neben Stärke, Fasern, Zucker, Proteinen, Mineralstoffen und Wasser zu 5 bis 15 % eine Gruppe von Wirkstoffen, die man gemeinhin als Kavalactone bezeichnet. Insbesondere sind Kavain, Methysticin, Yangonin, Dihydrokavain, Dihydromethysticin und Demethoxyyangonin an der Wirkung beteiligt. Sie wirken ärtlich betäubend wie Lokalanästhetika, harntreibend, schmerzlindernd, muskelentspannend, anti-epileptisch, krampfreduzierend, beruhigend und schlaffördernd und verstärken und verlängern die Barbituratnarkose, wenn man Wert darauf legt. Auch gewisse bakterien- und pilzhemmende Eigenschaften werden ihnen zugesprochen. Dabei sind sie durchaus als verhältnismässig unbedenkliche Alternative zu herkämmlichen Arzneipräparaten einsetzbar. Für den täglichen Konsum werden andere Kava-Chemotypen bevorzugt als für medizinische Zwecke. Klone mit hohem Gehalt an schnellwirkendem Kavain und niedrigem Gehalt an †belkeit erzeugendem, langsam und langanhaltend wirkendem Dihydromethysticin werden lieber für den Alltagseinsatz verbraucht.

Kavalactone sind wasserunlösliche, in den Wurzelzellen fein verteilt vorliegende Harze. Sie müssen zur Zubereitung des begehrten Getränkes aufgeschlossen und in Flüssigkeit zur Schwebe gebracht werden. Deshalb wird zunächst einmal die Wurzel möglichst stark zerkleinert, so dass möglichst viele Zellwände zerstört werden. Traditionell geschah dies durch Zerkauen der Wurzel. Eine Praxis die ursprünglich von jungen Männern oder Jungfrauen ausgeführt wurde. Heute wird diese, die weissen Kolonialherren zutiefst abstossende Methode kaum noch praktiziert, zumal sie nicht nur als unhygienisch gilt, sondern in Anbetracht der Härte der Wurzel und der zu zerkauenden Mengen auch recht anstrengend sein kann. Andererseits hat ein derartig hergestelltes Getränk den Ruf, besonders stark zu sein. Für eine Dosis werden beispielsweise ein bis fünf Mund voll jeweils etwa zehn Minuten kräftig durchgekaut und ausgespuckt.

Andere Methoden, die Wurzel zu zerkleinern, sind das Zerstampfen und Zermalmen mit H ilfe von Steinen oder das Zermahlen mit Hilfe von mechanischen Mühlen oder „Fleischwölfen“, die durchaus auch mit Motorkraft angetrieben werden können. Der nächste Schritt besteht darin, die erhaltene Masse mit kaltem Wasser aufzuschwemmen (, heisses Wasser soll sogar ein stärkeres Getränk ergeben; Kokosnussmilch und Kuhmilch können meines Erachtens als löslichkeitsverstärkende Alternative eingesetzt werden, „Geschmackssache“). Schliesslich wird die gut vermengte Mischung durch ein relativ grobes Filter, beispielsweise aus Pflanzenfasern oder Nylonstoff , abgeseiht und die potente Restflüssigkeit aus der zurückbleibenden Wurzelmasse abgepresst. Das erhaltene gräulich-milchige Gebräu wird dann in Kokosnusshälften oder Gläsern ausgeschenkt. Mit mehr oder weniger verzogener Miene spült es der Kavatrinker möglichst frisch runter. Bleibt das Kavagebräu länger stehen, scheiden sich die Wirkstoffe ab, das Getränk wird schal. Das bereits ausgepresste Wurzelmaterial wird oft nochmal für einen zweiten Durchgang verwendet. Die Wirkstärke kann abhängig von Ausgangsmaterial, das heisst Sorte, Reifegrad und Wurzelteil, und Zubereitung sehr variabel und schwer abschätzbar ausfallen.

(Hier möchte ich nochmal einen Hinweis einflechten: Das erhaltene Getränk kann meiner Meinung nach auch mit Rohrzucker oder Honig gesüsst oder mit Gewürzen wie Zimt oder Vanille verfeinert werden. Die Variante mit Kakaozusatz gefiel mir gut. Die Mischung mit Guarana ergibt sowas, wie einen …kospeedball. Lecithin erhöht die Aufschwemmbarkeit der Kavalactone. Vielleicht wird in Zukunft einmal ein sprühgetrocknetes Kavainstantgetränk entwickelt.)

In der Regel wird Kava erst abends getrunken, denn helles Licht beeinträchtigt die Wirkung. Meist wird vor dem Abendessen getrunken, damit sich die subtilen Effekte besser entfalten knnen. Ist das Kava sehr stark, kann andererseits eine Mahlzeit vor der Einnahme die Wirkung abmildern. Wird vorher nichts gegessen, kännen eine leichte warme Mahlzeit oder ein heisses Getränk nach Einsetzen der Wirkung über Wärme, Aufläsung in Fetten und die Anregung von Verdauungsvorgängen die Resorption und damit Intensität und Dauer der Kavawirkung intensivieren. Kava selbst dämpft eher den Appetit. Wird zuviel gegessen, kännen †belkeit und Erbrechen einsetzen. Softdrinks, Kokosnusssaft oder Erdnüsse helfen gegen den eher unangenehmen Geschmack des Kavagebräus. Lärm kann die Kavaerfahrung stären. Das respektieren auch diejenigen, die kein Kava getrunken haben. In Ruhe wird dann „dem Kava gelauscht“, der veränderte Bewusstseinszustand zugelassen und genossen, wertvolle „Botschaften“ erspürt. In anderen kulturellen Kontexten steht die gemeinsame Kavaerfahrung unter dem Motto lebhafter Unterhaltung, Musizieren, Singen und Witze erzählen. Selten wird unter Kavaeinfluss getanzt oder enthemmt kopuliert.

Kava wird so gut wie nie allein, sondern fast ausschliesslich in geselliger Runde und meist nur von Männern genommen. (Erst in jüngster Zeit erobern Frauen auch diese Domäne.) Die Kavastunde stellt sowas wie einen gesellschaftlichen Feierabend dar. Im traditionellen Kontext wird Kava beispielsweise bei Begrüssungszeremonien, Friedensverhandlungen, Versöhnungen, Heilritualen und zu Vorhersagen als tragendes Element eingesetzt. Auf vielen Inseln gibt es heute aber auch sowas wie Kavakneipen.

Kava dämpft Aggressivität, bewirkt im positiven Falle einen subtilen Zustand der Ruhe, Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, Friedlichkeit und Freundschaftlichkeit ohne das Denken zu beeinträchtigen. Man kann den Zustand allerdings auch als eher stumpfe Ruhigstellung empfinden. Manchein Dröhnbütel ist genau auf die abstumpfenden Effekte sehr hoher Dosierungen scharf. Bei einer hohen Dosis können Torkeligkeit, Koordinationsstörungen, †belkeit und Erbrechen die Folge sein.

Eine Kavaabhängigkeit auf physiologischer Basis konnte nie festgestellt werden. Langfristiger intensiver Gebrauch kann im Einzelfall zum Austrocknen der Haut und zu Hautausschlägen führen, die sich allerdings bei Absetzen der Droge zurückbilden. Heftiger Kavadauerkosum kann „apathisch“ machen, vor allem wenn die ein besonders potentes Getränk ergebende frische Wurzel verwendet wird. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass Kava gelegentlich und in Massen (, nicht in Massen,) genommen, nach gegenwärtigem Kenntnisstand eine relativ verträgliche Droge ist. Zu warnen ist allerdings vor der Kombination mit Alkohol. Die Effekte verstärken sich gegenseitig, auch die negativen Wirkungen des Alkohols (, besonders die auf die Leber,) werden potenziert. Im allgemeinen wird diese Kombination in der Südsee gemieden: Das „friedliche“ Kava vertrage sich nicht mit dem „aggressiven“ Alkohol, er „vergifte“ die Kavastimmung. Die Kombination mit Cannabis führt zu einer Verstärkung der Cannabiswirkung (, „in Richtung Sofa“, wie Detlef sagt).

Die Kavawurzel wird meist nach 3 bis 4 Jahren geerntet. Eine Wurzel wiegt dann zwischen 5 und 50 Kilogramm frisch. Das ergibt 1 bis 10 Kilogramm getrocknet. Ca. 20 % davon sind Seitenwurzeln. Diese haben einen Kavalactongehalt von ca. 10-15%, der Hauptwurzelstock einen von 5-10% und die Stammwurzel von vielleicht 5 %, nur um mal einen Anhaltspunkt über die variierende Potenz innerhalb der Wurzel zu geben. So werden beispielsweise auf Fidschi die Preise der Wurzelteile entsprechend der Wirkstoffgehalte gestaffelt: 1 Kilogramm Seitenwurzel (waka) kostete 1990 etwa 18 DM, die Hauptwurzel (lewena) 12 DM das Kilo und die Stammwurzel (kasa) nur 6 DM pro Kilogramm. Beste Qualitäten sollen aus Vanuatu kommen. Dort ist die Wurzel bei den Farmern ab 1 DM pro Kilo erhältlich.

Auf Fidschi werden jährlich mehrere tausend Tonnen Kavawurzel geerntet, auf Tonga mehrere hundert, auf Vanuatu wahrscheinlich Mengen im tausend Tonnenbereich. Samoa ist ein weiterer Exporteur.

Bei uns ist Kavawurzel durchschnittlicher Qualität im Kräuterhandel ohne Schwierigkeiten zu moderaten Preisen erhältlich. Die bereits zu feinem Pulver zermahlene Form eignet sich besser zur Zubereitung von Getränken. An die Dosierung tasten sich Anfänger vorsichtig heran, beginnend mit wenigen Teelffeln des Wurzelpulvers. 20 bis 30 Gramm pro Dosis sollten fürs Erste nicht überschritten werden. Weniger ist oft mehr. Kava ist weniger eine Droge, als ein subtiles entspannendes Genussmittel.

Zahlreiche Präparate mit Kavaextrakten sind in Apotheken oder Reformhäusern erhältlich. „Dr. Dünners Kawa-Kawa-Kräutertabletten“ aus dem Reformhaus, bestehend nur aus Wurzelpulver und Extrakt, kännen beispielsweise fein vermahlen als Pulver, teelöffelweise in Milch verührt getrunken werden. „Antares 120“ aus der „Apo“ enthält 120mg Kava-Lactone pro Tablette, „Kavasedon-Tropfen“ enthalten 25 mg Kavapyrone pro Milliliter, „Neuronica“ 200 mg D,L-Kavain pro Kapsel. Hier gilt natürlich, in puncto Nebenwirkungen: Lesen Sie den Beipackzettel und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!

az

 

Lesetip:
(leider nur auf Englisch)

Chris Kilham
„Kava-Medicine Hunting in Paradise, The Pursuit of a Natural Alternative to Anti-Anxiety Drugs and Sleeping Pills.“
Park Street Press 1996
ISBN 0-892 81-640-6
Vincent Lebot, Mark Merlin, Lamont Lindstrom

„Kava-The Pacific Drug.“
Yale University Press 1992
ISBN 0-300-05213-8

 

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