telepolis, 14.09.2006
Jörg Auf dem Hövel
Klar ist: Der Klimawandel ist Realität, die Erdatmosphäre erwärmt
sich. Klar ist auch: Das wird globale Auswirkungen auf das Wetter und den Meeresspiegel
haben. Auf einem Kongress in Hamburg wollten Experten nun klären, was auf
Deutschland dabei zukommt.
Es ist amüsant und erschreckend zugleich, mit welcher Nonchalance die Klimaforscher
mittlerweile die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren. Dabei sie müssen
einen Umbruch in der Erdgeschichte prognostizieren, der frappierender nicht
sein könnte. Mojib Latif vom Leibniz Institut für Meereswissenschaften
an der Universität Kiel wies auf dem Kongress "aqua
alta" im herrlichen Hamburger Slang darauf hin, dass der Meeresspiegel aufgrund
der globalen Erwärmung bis 2100 um mindestens 50 cm ansteigen wird. „Ich
gehe aber eher von einem Meter aus“. Dabei sind die schmelzenden Eiswüsten
von Grönland noch gar nicht eingerechnet. Deren Reduktion ist schwer zu
berechnen, durch Schneefall vereisen sie oben neu, während sie unten durch
das warme Wasser abschmelzen. Sollte das gesamte Eis Grönlands abtauen,
und es gibt Szenarien, die dies für wahrscheinlich halten, stiege der Meeresspiegel
um sechs Meter an.
Zu diesem Anstieg gesellt sich eine Erhöhung der Regenmengen. Aus dem bayerischen
Hohenpeißenberg, wo man seit 1876 jeden Tropfen Regen misst,
kommt die Meldung: Die Niederschlagsmengen hat sich seit 100 Jahren verdoppelt.
Und so wie es aussieht, es das erst der Anfang der vom Menschen verursachten
Ereignisse.
Mit jährlich rund zehn Tonnen CO2 trägt jeder Deutsche zum globalen
Treibhauseffekt bei. Das ist das 127fache eines Bauern in Mosambik, das Sechsfache
eines Brasilianers und die Hälfte eines US-Bürgers. Das Klima ist
träge und reagiert zeitversetzt auf diese Kohlenstoffdioxid-Emissionen,
die der Mensch in die Atmosphäre bläst. Die aufgeheizte Atmosphäre
gibt einen Teil der Energie an die Ozeane ab. Diese, im Schnitt vier Kilometer
tief, speichern die Temperatur und bleiben nach einer Erhöhung der Temperatur
wie jetzt mindestens 200 Jahre lang erwärmt. Selbst wenn ab Morgen das
Kyoto-Protokoll von allen Ländern befolgt werden würde, wäre
immer noch mit einem Anstieg der weltweiten Temperaturen um rund 2 Grad Celsius
in den nächsten 100 Jahren zu rechnen. Das alles heißt zwar für
die meisten Wissenschaftler noch nicht, dass die heißen Sommer von 2003
und diesem Jahr bereits Zeichen des Klimawandels sind. Vom Wetter auf das Klima
zu schließen ist problematisch. Aber das sich viele Länder in den
nächsten Jahrzehnten an ein verändertes Klima anpassen werden müssen,
steht außer Frage.
Hans von Storch vom Institut für Küstenforschung am GKSS
hat die möglichen Folgen für die norddeutsche Region anhand mehrerer
Szenarien beschrieben. Bei hohen CO2-Emissionen sei bis 2085 mit einem Anstieg
des mittleren Hochwassers an der Messstation in Hamburg St.Pauli von 50 bis
70 Zentimetern zu rechnen. Und selbst bei niedrigen Emissionen sind die Anstiege
nicht viel geringer. „Man muss also unabhängig von der Emissionsentwicklung
mit einem merkbaren Anstieg der mittleren und sturmbedingten Wasserstände
in der Zukunft rechnen.“

Verlauf der global gemittelten Oberflächentemperatur der
Meere nach drei Institutionen.
Grafik: WBGU nach dem Bericht des IPCC
Über die Folgen wollte man in Deutschland lange Zeit nicht nachdenken,
aber die Küstenbundesländer sehen sich nun zum Handeln gezwungen.
Im gesamten Nordseeraum leben 16 Millionen Menschen in tief liegenden Küstenregionen,
die ohne Küstenschutz von den Fluten bedroht wären. Bremen und Niedersachsen
wollen einen gemeinsamen Generalplan Küstenschutz aufstellen, unhängig
davon wird im Projekt ComCoast
noch bis Ende 2007 überprüft, wie man die Bürger vor Sturmfluten
schützt und dies gleichzeitig sinnvoll in den ökologischen Raum einbettet.
Natur- und Hochwasserschutz, das zeigten auch Katastrophen an den Binnenflüssen,
müssen verknüpft werden.
„Die bisher geltenden Grundlagen für die Bemessung der Küstenschutzeinrichtungen
sind nicht mehr angemessen“, sagt Michael Schirmer von der Universität
Bremen, der das Projekt „Klimawandel und präventives Risiko- und
Küstenschutzmanagement an der deutschen Nordseeküste“ (KRIM)
koordiniert. Zusätzlich zu dem Klimawandel, so Schirmer, müsse das
tektonische Absenken der norddeutschen Küstenlandplatte berücksichtig
werden – ungefähr zehn Zentimeter im Jahrhundert. Schirmers Kalkulationen
gehen davon aus, das sich die Chancen auf Wellenüberlauf bis Mitte des
Jahrhunderts versiebenfachen. Er möchte einige Deiche an der Unterweser
um 20 Zentimeter, andere gar um mehr als zwei Meter erhöhen. In Schleswig-Holstein
ist bereits beschlossen, in zukünftigen Deicherhöhungen 50 Zentimeter
allein für den Klimawandel einzuplanen. In Niedersachen ist man vorsichtiger,
die 508 Kilometer langen Hauptdeiche sind im Schnitt heute schon 8 Meter hoch,
eine Aufstockung würde Millionen kosten. Aber auch Skeptiker der Flutangst
wie Hans von Storch plädieren dafür, über eine Erhöhung
der Deiche nachzudenken und gegebenenfalls bestimmte Gebiete bei Sturmfluten
sogar vorübergehend aufzugeben und als Überschwemmungsgebiet zu nutzen.

Anstieg des globalen Meeresspiegels nach Satellitenmessungen
und den IPCC-Szenarien.
Grafik: WBGU
Die Bibel des Klimawandels, der neue Report des IPCC,
wird Anfang 2007 erscheinen, die Eckdaten werden gegenüber dem vorherigen
Bericht kaum anders aussehen. Der Meeresspiegel, so wird es auch hier heißen,
steigt bis 2100 um einen halben Meter an. Das jüngste Gutachten
des „Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“
(WBGU) spricht von einer „besonders bedrohlichen“ Gefährdung
rund um die Nordsee.
Das Problem der Klimamodelle ist, dass die Vorhersagbarkeit der genauen globalen
Wetterlagen schwierig ist. Es wird trockener in einigen Gebieten Deutschlands
im Sommer, aber wie trocken, dies ist nicht ehrlich zu beantworten. Diese Unsicherheit
verführt einige Forscher zu lauten Warnungen, andere reagieren mit Beschwichtigungen
– die Gesellschaft ist irritiert.
Über die Prognosen für Deutschland sind sich die Experten weitgehend
einig: Zu milden, regenreichen Wintern werden sich warme Sommer gesellen. Gleichzeitig
nimmt die Wahrscheinlichkeit von Extremereignissen zu, alle paar Jahre ist mit
einem „Jahrhundertsommer“, „Jahrhundert-Hochwasser“
oder einem extrem kalten Winter zu rechnen. Die Auswirkungen auf die Fauna sind
noch nicht abzusehen, aber schon jetzt beobachten Biologen eine Wanderung wärmeliebender
Arten nach Nord-Ost.
In Hamburg lief neben dem Kongress eine Fachausstellung zum Thema Hochwasserschutz.
Die nötige Anpassung an den Klimawandel wird praktisch: Der Renner waren
mobile Schutzwälle, die binnen kurzer Zeit mit nur wenig Helfern aufgebaut
werden können.
zurück zur Startseite von Jörg Auf dem Hövel mit weiteren Interviews und Artikeln