Tief in den Darmverschlingungen des Dr. Frankenstein

hanfblatt, Januar 2004

Die anatomische Ausstellung „Körperwelten“ wandert durch die Republik. Die Diskussion um Sinn und Unsinn der Fleischbeschau bricht nicht ab. Wir beenden sie.

Ein etwa 12-jährige Mädchen steht am Schaukasten, in dem eine sauber präparierte Hüfte einer alten Frau liegt. Der Oberschenkelknochen ist bis zur Hälfte seines inneren Marks ausgefräst, mittig in dem zylindrischen Loch steckt eine massive Schraube, die allein einen Golf III-Motorblock am Chassis halten würde. Auf der Schraube steckt eine strahlend verchromte Kugel. Sie schmiegt sich perfekt in das rosig-glänzende Hüftgelenk der Verstorbenen ein. Das Mädchen ruft: „Schau mal, Mutti, sowas hat Omi doch auch.“ Mutti kommt geeilt, sagt, „oh, ja, recht hast du“.

Es ist Montag Morgen und hunderte von Menschen wandern durch die Ausstellung „Körperwelten“. Der Plastinator himself, Gunther von Hagens, stellt hier seine Exponate aus. Es sind menschliche und tierische Leichen, die der Mann mittels eines speziellen Verfahrens haltbar gemacht hat. Einfach gesagt: Das Wasser im Gewebe wird durch Kunststoff ersetzt. Die biologischen Präparate werden durch diese Plastination geruchsfrei und behalten ihre natürliche Oberflächenstruktur, mehr noch, sie sind bis in den mikroskopischen Bereich hinein identisch mit ihrem Zustand vor der Konservierung. Damit aber nicht genug: Die Biomasse wird durch die Plastination nahezu beliebig formbar.

Wahrscheinlich fangen hier die Probleme an, denn von der Flexibilität seiner Objekte macht von Hagens mächtig Gebrauch. Er dehnt und zieht die Sehnen, faltet und staucht die Muskeln, lässt sie fliegen, hängen und baumeln, er versetzt die Organe, öffnet das Rückgrat und arrangiert die Aterien und Venen. Das könnte Kunst sein, aber von Hagens versichert, dass seine Arbeiten „weder Kunst sind, noch Wissenschaft vermitteln, sondern aufklären“ wollen. Das ist, gelinde gesagt, Schwachsinn. Spätestens nach der Inhalation von ein paar getrockneten portugiesischen Seetangblättern sieht man in den Ausstellungsstücken den Gestaltungswillen von Hagens durchschimmern. Der Mann verwirklicht hier offen sichtlich mit Fetischen seinen Kindheitstraum. Er veranstaltet, da hat DIE ZEIT schon Recht, eine „Olympiade der Leichen“, mit welcher von Hagens gerne den Sieg über den Tod davon tragen möchte.

Immer neue Leichen müssen herhalten, immer grandioser müssen die Objekte werden. Mit dieser Unmäßigkeit will auch das Publikum nicht mithalten. Während die ersten Räume der Ausstellung das Interesse an Körperbau, Adernverlauf und Organbeschaffenheit so groß ist, dass manche Betrachter sich bis auf wenige Millimeter Milz und Leber nähern, stirbt die Lust an dieser Erfahrung von Raum zu Raum. Spätestens wenn der Kenner dem plastinierten Kamel und dem riesigen Pferd mit Reiter oben drauf gegenüber steht, fragt er sich: „Was will der Künstler uns damit sagen?“ So kippt das zunächst didaktisch aufgebauete Körper-Museum in eine Kadaver-Sammlung, eine monströse Fleischbeschau um. Hauptsächlich wegen dieser Monstranzen wird von Hagens seit Beginn vorgeworfen, er spiele mit der Würde der Toten, er wolle „Todes-Touristen“ anlocken wollen, er würde, so gab beispielsweise die Ärtzekammer Hamburg kurz vor der Ausstellungseröffnung zu Protokoll, „unter dem Deckmantel der Wissenschaft Tabubruch, Voyeurismus, Gruseleffekt und unwürdige Objektmachung“ in Kauf nehmen.

Seltsamerweise zeigen die Besucher nicht die Phänomene einer sensationslüsternden Menge. Sie sind sichtlich fasziniert vom Aufbau des menschlichen und damit ihres eigenen Körpers. Vor den Schaukästen mit dem Athroseknie versammeln sich die über 50-Jährigen in stiller Trauer und vor der tiefgrauen Raucherlunge die leise hustenden Männer. So ergab denn auch eine unabhängige Umfrage unter über 2000 Besuchern, dass 46% den Rundgang „sehr gut“, 45% als „gut“ bewerten. Fast 30 % der Befragten waren zudem Mediziner oder Biologen. Wie sie den Geisteszustand des präparierenden Professors einschätzen, danach wurde zwar niemand befragt, es ist aber anzunehmen, dass sie ob seiner Passion ahnen: Er seziert und kassiert halt gerne.

Das ist so neu nicht. Schon in den deutschen und europäischen Universitätsstädten des 17. Jahrhunderts werkelten die Mediziner bei öffentlichen Sektionen an (oft illegal beschafften) Leichen herum. Nur nebenbei: Auch Gunther von Hagens sieht sich Vorwürfen der unlauteren Objektbeschaffung gegenüber. Die russische Staatsanwaltschaft in Novosibirsk ermittelt und ein 2,40 Meter großer Basketballriese aus St. Petersburg wedelt mit einem Wisch auf dem „G.v.H.“ prangt. Der Professor soll ihm laut MDR viel Geld für die postmortale Verwendung seines Hühnenkörpers geboten haben. Schon damals waren solche Veranstaltungen eine Mischung aus Lehre, Theaterschauspiel, Sensationslust und eben auch Selbstdarstellung des Anatomen. Die Schelte von der Kanzel folgte postwendend, sah man doch den Menschen auf seine natürliche Leiblichkeit reduziert. Nach christlicher Lehre aber sind wir Gottes Ebenbilder. Aber viel geistig enthoben Göttliches war in den Gedärmen nicht mehr zu entdecken.

Die Kritik der Kirche klingt heute noch genauso abstrus wie damals, spürt sie doch, dass es das weitere Absterben ihrer Institution bedeuten könnte, wenn die Menschen erkennen, dass zwischen ihnen und dem faszinierenden Werk der Natur keine Würdenträger zur Vermittlung nötig sein müssen. Dieser Vorteil des Spektakels ist zugleich der größte Nachteil. Die Erfahrung der eigenen Leiblichkeit, der Umstand, dass man „nur“ eine süßduftende Note der Natur ist, diese Erfahrung ist für viele Besucher noch immer neu. Soweit, so gut, von Hagens bleibt hier aber nicht stehen, ihm ist der aufklärerische Auftrag nicht genug. Natürlichkeit, das heißt immer auch Endlichkeit und diese wird durch die Plastination überwunden.

Nicht zufällig haben sich schon über 6000 Menschen beim Plastinator gemeldet, um später einmal Epoxidharz oder Polyester in den Körper gespritzt zu bekommen. Sie haben die Botschaft verstanden: „Werdet unsterblich!“ Damit ist auch die Frage beantwortet, wie diese Ausstellung sich in das Gefüge des seit Jahren medial omnipräsenten Körperkults einfügt. Die Antwort: Sie ist sie ein weiteres Exempel der Perfektionierung des Menschen, eine weitere Bildpropaganda des gestylten Körpers und des Jugendwahns, da sie auf die Überwindung des Altern und schließlich des Todes hindeutet. Während die Gesellschaft immer älter wird, will die Menge in das Paradies des ewig-jugendlichen Körpers einziehen. Geht es nach den Machern von „Körperwelten“ ist der Körper nicht mehr nur durch Fitness-Studio, Schönheits-Chirurgie und Reproduktionsmedizin formbar, sondern es besteht auch nach dem Tod die Chance auf eine idealisierte Präsenz im Raum.


 

Körperwelten

Die Wanderung der Leichen ist die weltweit erfolgreichste Ausstellung aller Zeiten. Über 12 Millionen Besucher sahen die Präparate von Gunther von Hagens, 58, unter anderem in Japan, London, Brüssel, München und Hamburg. Vom 16. Januar bis 18. April 2004 sind die Körper nun in Frankfurt zu sehen. Die Kritik an der Ausstellung reißt nicht ab, dabei ist der Besuch nach wie vor freiwillig. Von Hagens ist begeistert, Kritiker werfen ihm vor, für den Erfolg über Leichen zu gehen.

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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