Männer und Rausch

Dann ist ein Mann ein Mann

Warum wir Männer uns eher für den Rausch begeistern. Und warum das auch o.k. so ist.

Kiffen, Saufen, Exzesse: Der Rausch ist nach wie vor eine Angelegenheit von Männern. Warum kippen wir uns eigentlich so viel lieber einen hinter die Binde als Frauen? Sollte irgendwas anders sein?

Schon seit einigen Jahrzehnten steht der deutsche Mann neben sich. Wünsche und Zumutungen drängen auf ihn und sein Selbstbewusstsein ein. Vor ein paar Jahren noch sollte man metrosexuell (Definition: Männer, die sich waschen) sein – haben aber wollte kein Weib diese Züchtung, es reicht ihnen bis heute, sie in Magazinen zu bewundern. Kurz darauf war die Damenwelt jedwede Art von Weicheier satt, der ganze Kerl war wieder gefragt. Romantisch und zärtlich oder doch lieber verwegen und Whiskey saufend? Intellektuell oder eben doch einfach nur reich? So geht das Spiel nun seit Jahrzehnten, nur die Zyklen sind kürzer geworden.

Im Gegensatz dazu hat sich das Rauschverhalten von Männern kaum verändert. Früher eine dicke Zigarre, heute Eimer rauchen oder Wodka-Red-Bull-Kampftrinken, dazu eine Schachtel Marlboro und eventuell „ne halbe E“. In Großstädten wie ländlichen Gebieten gibt es so gut wie keinen Mann über 16 Jahren mehr, der nicht Erfahrungen mit Alkohol, Tabak oder Cannabis gemacht hat. Mehr noch, bis zu diesem Alter haben 80 % bereits ihren ersten Alkohol-Vollrausch hinter sich. Alkopops haben dabei Bier und Schnaps längst überholt. Trotz Kater hört kaum einer nach diesem besoffenen Erlebnis komplett auf, es muss was dran sein am Rausch. Aber was?

Um vorne anzufangen: Wenn Erstklässler auf den Schulhof strömen, spielen die Mädchen auch nach 30 Jahren Feminismus und geschlechtergerechter Erziehung gesittet, schnattern viel und geben sich wichtig. Derweil rotten sich die Jungen immer noch zu Bolzggruppen zusammen, rennen, schwitzen und brüllen. Der MIT-Biologe David Page, der das Y-Chromosom erforscht, schreibt: „Die genetischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen stellen alle anderen Unterschiede im menschlichen Genom in den Schatten.“

Auch heute noch gesellt sich zu dieser genetischer Vorbildung ein Erziehungsstil, der meist die klassische „Männlichkeit“ eines Jungen verstärkt: Vernunft, wenig Emotionen, Stärke, Durchsetzungsfähigkeit. So wird versucht, aus dem Rotzlöffel ein mehr oder minder wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu machen. Die ersten Rauscherfahrungen, sei es nun mit Haschisch oder Bier, dienen später in erster Linie dazu, dem engen Korsett dieser elterlicher Fürsorge zu entkommen. Ein junger Mann durchstößt für eine kurze Zeit seine und die gesellschaftlichen Regeln des guten Anstands oder der Moral. Er prüft alles was ihm bislang als wichtig verkauft wurde, das Styling der Haare wird enorm wichtig. Ausflippen gehört dazu. Je nachdem was vorher im Elternhaus gelaufen ist, bleibt dieses Muskelspiel eine wichtige Episode für alle. Wenn aber mehrere negative Faktoren zusammenkommen, dann ist der junge Mann nicht in der Lage einen geregelten Umgang mit legalen oder illegalen Drogen zu lernen.

Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer Werbe- und Medienwelt, in der der Absturz gefeiert, aber scheinheilig vor Jugendlichen verborgen wird. Die Memoiren diverser Stars strotzen vor Gejubel und Gejammer, zuletzt protze Heiner Lauterbach mit Heroin, Bordell-Besuchen und 50 LSD-Trips, die bei ihm anscheinend nicht gewirkt haben. Grundsätzlich gilt: Der Konsum von Drogen ist umso risikanter, je geringer das eigene körperliche und psychische Wohlbefinden ist. Männern sehen ihren Körper halt oft nur als Maschine an, die zu funktionieren hat. Sie nehmen, so sagen auch die Wissenschaftler, Signale des Körpers weniger gut wahr, reden seltener über ihre Befindlichkeit und nehmen ungern Hilfe an, was sich auch darin zeigt, dass sie sich im Fall von Abhängigkeitserkrankungen später in Behandlung begeben als Frauen. Wenn dann alles schief läuft, landet Mann in einer der diversen Therapieeinrichtungen. Und da sitzen immer mehr Männer (2/3) als Frauen (1/3) , nur bei Essstörungen und Medikamentenabhängigkeit ist das Verhältnis umgekehrt.

Wenn alles gut läuft und ein Mann dem Rausch nicht völlig anheim fällt, dann nimmt er vor allem deswegen Drogen, weil ihm diese Entspannung oder Grenzerfahrungen ermöglichen. Der Kontrollverlust, von Frauen eher gemieden, ist bei Männern gerne gesehen. Wer ist der Breiteste, Higheste oder Schlagfertigste? Der Wettbewerb, das ewige Kräftemessen, bestimmt auch hier oft das Bild. Es ist dieses über sich hinauswachsen, der Abbau von Blockaden, diese enorme Dynamik, die dazu führt, dass Männer Flaschen exen und Pillen werfen. Schlecht ist nur, wenn hier dauerhaft die Grenzen zum Gefühl der Unverletzlichkeit und der Übermacht überschritten werden und langsam in die Alltagssicht integriert werden. Zu Hause und am Arbeitsplatz der ewige Arsch, in der Kneipe ein Held.

Hinzu kommt das Potential von Drogen als Schmierstoff in soziale Gruppen. Wer bis zum Eintritt in die Bundeswehr clean war: Spätestens hier kommt er mit kiffenden Gefreiten und alkoholabhängigen Unteroffizieren in Berührung. Dass die Armee völlig ungeeignete Initiationsriten in die Welt psychoaktiver Substanzen schafft, ist eine weithin unterbeleuchtete Tatsache deutscher Drogenkultur. Ob in der Gruppe oder alleine, Männer haben weniger Probleme damit ihren (harten) Konsum öffentlich zu zeigen. Im Gegenteil, er wird als Unangepasstheit, als herrlicher Tabubruch empfunden. Aber, wie Michel Graf, Direktor der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA), anmerkt, fangen an dieser Stelle oft die Probleme an: „Das Stereotyp des starken Mannes, der keine Grenzen und keinen Schmerz kennt, stellt einen Risikofaktor für die Gesundheit der Männer dar.“

Die angedeuteten modischen Zumutungen der Moderne an den Mann treffen in diesem ohnehin auf ein Vakuum. Trotz Bürojob und respektablen Konsumverhalten fehlt den meisten Männern etwas. Das Problem ist zum einen: Es gibt keine wirklichen Herausforderungen in der Natur mehr zu bestehen. Da wir aber mit einem Teil der Person immer noch wie die grunzende Steinzeitmenschen handeln und zudem den Körper spüren wollen, schaffen wir uns künstliche Anregungen: Sport oder gar Extremsport, Freizeit-Challenge. Zum anderen schießen die Rauschzustände uns für kurze Zeit aus dem Normalbewusstsein und damit den Alltag raus. Es ist ein Gräuel nicht nur für konservative Politiker, dass der Rausch abseits der Gesellschaft und gefestigter Werte steht. Aber nur darin entfaltet er eben seine Sinnhaftigkeit.

Apropos: Es ist viel darüber gestritten worden, welche Auswirkungen der Zusammenbruch des kirchlich organisierten Glaubens hat, zudem darüber, ob der Mensch überhaupt an irgendeine höhere Macht glauben sollte, um glücklich zu leben. Beinahe genauso alt ist die Diskussion darüber, ob psychedelische oder besser gesagt entheogene Substanzen dabei eine sinnstiftende Rolle spielen sollten. Wie immer man das entscheidet, fest steht, das immer wieder Männer (und natürlich auch Frauen) zunächst aus nur profanen Gründen eine Substanz zu sich nehmen und plötzlich merken, dass diese ihnen nicht nur auf der psychischen Ebene gut tut, sondern einen Blick in eine andere Welt erlaubt, die den innersten Zusammenhang allen Seins offenbart. Dies, so lesen sie dann nach, nennt sich hochtrabend „Spiritualität“, ist aber nichts anderes als eine natürliche Erfahrung, die Menschen aller Kulturen seit Jahrtausenden machen. Nur ist diese Erfahrung weltweit sowohl auf der substanziellen Ebene („Drogenkonsument“) wie auf der geistigen Ebene („Esoteriker“) verpönt, belächelt, tabuisiert. Bei allem Bemühen um ein gesundes Selbstverständnis des Mannes bleibt dieser Gesichtspunkt meistens außen vor.

Klar, Drogenlust kann ein Männlichkeitsbeweis sein. Sieht man einmal von einer völligen Abstinenz ab, bleibt die spannende Frage, wie ein Mann sich selbst sehen und anderen gegenüber verhalten sollte und trotzdem seinem Hobby frönen kann. Heilige, Meditationsfreaks und Geläuterte mögen es anders sehen, aber für viele ist es gut, wenn das Tier in ihnen alle paar Monate aus dem Käfig der Zivilisation ausbrechen darf. Inzwischen ist ja soweit, dass Mannsein als eine Art Krankheit dargestellt wird. Damit dies nicht so bleibt, sind ein paar Komponenten wichtig.

(1) Eigene Gefühle sollten nicht ständig im Keller bleiben. Sie dürfen ausgedrückt und damit auch – und das fällt den meisten von uns schwer – mitgeteilt werden. Ja, ja, „Schön, dass wir darüber gesprochen haben“, aber eben dazu sind Partner und Freunde eben da: Mann teilt Freud und Leid. Das führt direkt zu (2), nämlich den Aufbau und Erhalt stabiler sozialer Beziehungen. Man muss keine Familienaufstellung nach Hellinger betreiben, um zu wissen, dass die eigene Herkunft maßgeblich bestimmt wo man heute steht. Ob man sich mit dem ganzen Eltern- und Verwandtenstress nun versöhnt oder nicht, wichtig ist nur diese Herkunft nicht zu verleugnen. (3) Es gibt einen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit. Befriedigung kann man in beiden Bereichen finden. (4) Das ideale und reale männliche Selbstbild können aufeinander abgestimmt werden. Es nutzt wenig sich wie wild von allem zu distanzieren, was weiblich ist und eine übertriebene Inszensierung von Männlichkeit zu betreiben. Wer die gesamten Tipps von „Men’s Health“, „Matador“ oder den Hollywood-Schinken ernst nimmt ist auf dem besten Weg in die Welt der Neurosen.

Um etwas hochgestochen zu enden: Letztlich ist ein freudiger Balanceakt zwischen verschiedenen Verhaltensweisen und Handlungen gefragt, die sich widersprechen, gleichwohl nur dann zur Blüte kommen, wenn man sie beide, vielleicht sogar während des Rausches, berücksichtigt: Da ist zunächst das Paar „Leistung und Entspannung“, denn viele neigen dazu auch im Feiern nur eine Art Sport zu sehen. Wichtig ist es aber auch sich entspannen zu können. O.k., das muss man den Kiffern nicht unbedingt sagen, hier gilt eher das Gegenteil. Diese Methode des „balancierten Mannsein“ (Reinhard Winter, Gunther Neubauer) lässt sich auf andere Verhalten genauso anwenden, als da sind: „Präsentation und Selbstbezug“, „Konflikt und Schutzsuche“, „kultureller Lösung und kulturelle Bindung“ und die legendären „Stärke und Begrenztheit“. Wer diese Paare in einen dynamischen Einklang bringt, der ist Mann und geht seiner Umwelt trotzdem nicht auf den Sack.

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