Fincahotels im Hinterland: Das andere Mallorca

www.aufdemhoevel.de, September 2006

Jenseits der Küste – das andere Mallorca

Ballermann, Sangria und proppenvolle Strände? Mallorca ist ganz anders, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Juli 2006, Hochsaison, Ankunft in Palma de Mallorca und wir haben keine Unterkunft. Aber einen Mietwagen, den wir recht preiswert über www.doyouspain.com reserviert hatten. Abfahrt vom Flughafen Richtung Stadt, es ist spät. Wir sind in Top-Laune und müssen nur eine Nacht überbrücken, bevor wir auf ein Finca-Hotel im Landesinneren ziehen dürfen. Über zwei Wochen lang wollen wir verschiedene kleine Fincas, Hotels und Pensionen ansteuern, dabei möglichst gut Essen und viel Lesen.

In einem Anfall von Übermut steuern wir Richtung El Arenal. Etwas Kalkül ist auch dabei, denn die Zimmer sind vielleicht billig, sicher aber preiswert vor Ort. Vom Flughafen aus sind es nur ein paar Minuten bis in die Hochburg deutscher Auslandskultur. Nichts los rund um den Ballermann, trotz Hauptreisezeit wirkt es trostlos, ein paar Besoffkis, ein paar Bauchnabel.

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Wir halten vor einem kleinen Hotel in einer Nebenstraße, Pool vor der Tür, ich öffne die Eingangstür und stehe im Inferno: Ein riesiger Köter kommt auf mich zugewatschelt, aus den Boxen tönt Hühnerstall-Techno, auf dem Riesen-TV in der Ecke läuft RTL, vor dem Bartresen ein paar dumpfe Gestalten, der Geruch vom „Kleinen Feigling“ liegt in der Luft. Hinter der Bar ein freundliches Lächeln, ja, hier sei noch was frei, eine Nacht?, o.k., zahlbar im voraus, Frühstück von 8 bis 14 Uhr. „Nehmen wir!“ Koffer hoch, der Hund schnuppert an mir rum.

Lockeres Buffett, etwas schwitziger Käse, aber alles lecker. Und natürlich: Wärme auf der Terasse, endlich Sonne. Wenig Gründe hier längern rumzulungern, wir fahren Richtung Norden. Vor uns spannt sich der Bergrücken der Serra de Tramuntana. Da müssen wir rüber, um Richtung Soller zu kommen. Wir fahren lieber hindurch, der Tunnel kostet ein paar Euro, aber egal, man spart sich den Bergpass. Erst mal einen Cafe und ein paar Encimadas. Soller sollte als Blaupause für mallorcinische Kleinstädte dienen, dann wäre alles gut. Umgeben von Berggipfeln öffnet es sich Richtung Meer.

Ein typisches Großdörfchen, auf dessen Kirchplatz sich schon Morgens die Einwohner zum Plausch treffen. Kinder spielen, Stühle werden für eine abendliche Fiesta aufgebaut. Am Bahnhof fährt gerade eine antike Bahn ein, die, wie ich später erfahre, kein Touristengag ist, sondern regelmäßig (6 x täglich) zwischen Palma und Soller pendelt. Eine Siemens-Lok aus dem Jahre 1927 zieht die Wagons, pitturesk. Das Ding wird noch immer „Roter Blitz“ genannt. Unweit vom Bahnhof fährt ein genauso schräges und altes Gefährt, die Straßenbahn von Soller nach Port de Soller. Wir sind begeistert, als wir durch die engen Gassen stromern, ich komme mit einer Künstlerin ins Gespräch, die in ihrem offenen Atelier aus Olivenbäumen organische Kunstwerke formt. Sie empfiehlt uns ein Lokal am rechten Rande des Marktplatzes, in dem wir Tage später gute Tappas essen werden.

Steilküste bei Deia

Steilküste bei Deia

„Willkommen auf Can Coll“, sagt der Mann zu mir. Es ist Daniel Seeling, der zusammen mit seiner Frau das Finca-Hotel am Hang leitet. Es wirkt paradiesisch vor Ort: Palmen, Öl- und Feigenbäume, Zitrusfrüchte. Vom Pool aus, der zwischen alten Olivenbäume liegt, hat man einen Blick auf Soller, hier suche mir meine Liege aus und nehme mir vor, sie die nächsten drei Tage nicht mehr zu verlassen. Willkommen in Wellville von T.C. Boyle ist der Plan. Real und im virtuellen Raum. Die Hütte ist mehr als gepflegt: Grafiken an den Wänden, Bildbände, eine Bodega, eine offene Küche. Top-Styling, mir etwas zu durchdacht, aber für viele garantiert die Erfüllung aller Urlaubsträume.

Die diverse Teesorten überfordern mich zum Frühstück. Earl Grey funktioniert immer, dazu frisch gepressten Orangensaft. Luxus, lange wollen wir uns das nicht leisten. Wir schauen uns die anderen Zimmer an, alle nach Früchten und Düften benannt. Fernsicht, die Suite im Obergeschoss ist mit Teleskop ausgestattet. Am Pool liegt ein rund 50-jähriger Mann mit seiner Frau, der mir schon beim Frühstück aufgefallen war. Sie bewohnen die Suite, Morgens ist er heiß auf die FAZ. Erfolgreicher Geschäftsmann mit trockenem Zynismus, der erst im Urlaub richtig zur Geltung kommen, dann, wenn alles gut läuft und es trotzdem immer was zu verbessern gibt. Die griesgrämige Fresse konterkariert wunderbar mit der Badehosen, die mit Inka Mustern in Neonfarben überrascht. Beim Eincremen scheint er von seinem eigenen Körper angewider zu sein. Um besser drauf zu kommen, kümmere ich mich um den Sonnenschutz bei meiner Frau.

Strandbeben

Immerhin ist die Inselküste 555 Kilometer lang. Aber in der Hauptsaison ist es so gut wie unmöglich einen einsamen Strand auf Mallorca zu erwischen. Aber: Die Steilküste im Norden bietet schwer zugängliche Abschnitte, die zwar kein Sand-Feeling, dafür aber Einsamkeit und klares Wasser bieten. Zwischen Soller und Deja (Deia) windet sich eine Serpentine, die wenig befahren und höchst attraktiv ist. Teilweise ist Schritttempo angesagt, wir genießen die Langsamkeit und den vollklimatisierten Wagen – bis wir merken, dass die Klima-Anlage Mengen an Sprit verbraucht. Fahrtwind tut es auch. Bei „Es Canyaret“ und einem Hotel mit Namen Costa d’Or steigen wir hinab. Ein langer Kletterpfad führt hinunter, Trittsicherheit ist hier gefragt. Unten relaxen ein paar Spanier, Felssteine bieten Sichtschutz, gut so, die meisten sind nackt. Ein Tag Sonne. Auf dem Rückweg schauen wir uns das Hotel näher an, Wahnsinnslage mit Blick aufs Meer, sehr einsam gelegen. Wir merken uns das vor – wenn wir mal wieder volle Kassen aufweisen können.
Deia selbst gilt als sogenanntes „Künstlerdorf“. Das verspricht den Ausverkauf der Kreativität. Einige Promis haben sich hier und in der Nähe niedergelassen, Michael Douglas wird hier gesichtet, der Chef von Virgin-Recors. Na ja, ich würde ja lieber Lukas Podolski begegnen, der soll laut „Mallorca Magazin“ auf der Insel sein.

Im Gegensatz zu Orten wie Port d‘ Andratx hat Deia seinen Charme behalten, keine Neubau-Siedlungen verschandeln das Dorf. Wir schlendern zu einem Restaurant, was uns von einer Freundin empfohlen wurde, das Xelini. Wir Essen nur Tapas, davon aber viele. Klassiker wie die Gambas in Öl sind genauso lecker wie eingelegtes Hühnchen. Dazu der Wein des Hauses und alle sind zufrieden.

Schön, weil nicht benötigt: Zahnarztpraxis in La Palma

Schön, weil nicht benötigt: Zahnarztpraxis in La Palma

Nach ein paar Tagen suchen wir uns eine neue Unterkunft. Wir kommen im „El Encinar“ unter, einem Finca-Hotel in der Nähe von Arta. In der Nähe befinden sich gleich vier, der für Mallorca inzwischen obligaten Golfplätze. Uninteressant für uns, wir unternehmen Tagesausflüge an die Küste. Wie stolpern an einige Strände an der Ostküste, aber egal wie sie heißen, Cala Estany, Cala Nao oder Cala Bona, sie sind voll. So ein, zwei Mal haben wir nichts dagegen, zwischen eingeölten Leibern zu liegen, die ihren Kinder damit drohen, dass es „heute kein Eis gibt, wenn ihr jetzt nicht Ruhe gebt“, aber dann haben wir genug.
Die Cala Falco ist da ein Tipp, sie ist schwer zu finden: in der Nähe von Son Forteza Vell, kurz vor der Abzweigung nach Manacor, eine 300 Meter langer Feldweg, wir parken vor einem Tor, vier andere Autos stehen da. Nach einer zehnminütigen Wanderungen durch herrliche Landschaft erreichen wir die Bucht. Feiner Sandstrand, sechs Menschen, ein Traum. Bis in den Abend hinein sitzen wir hier.

Den nächsten Tag genießen wir die Finca, ich spiele mit dem Hund. Abends geht’s nach Capdepera, einem Bergdorf hinter Arta. Wir klettern auf die nahe Burg, der Hunger treibt uns ins Kikinda, ein Restaurant. Als ich sehe, dass drinnen ein Holzkohleofen brennt, vor dem ein symphatischer Spanier Pizzen belegt, weiß ich, was zu tun ist. Volltreffer.

Das Autofahren ist auf Mallorca kein Abenteuer mehr, es wird erheblich ruhiger gefahren als beispielsweise auf der Nachbarinsel Ibiza. Mehrere Autobahnen durchziehen die Insel, nicht schön, aber praktisch. Es wird immer weiter gewühlt, um auch den letzten Winkel bequem erreichbar zu machen. Wir schaukeln über die 220 nach Port de Pollenca (Puerto de Pollensa), um ein paar Freunde zu treffen. Der Strand ist lang, die Straße zwar direkt dahinter, aber das stört nicht. Die Strandpromenade ist niedlich, immer wieder durchbrechen kleine Buchten die Sicht, in denen sich deutsche, englische und spanische Familien tümmeln. Der Ort ist irgendwie reizend, wirkt mediteran. Wir verbingen den Tag spielend im Wasser, Abends fallen wir nur zwei Luftmatratzenlängen weiter in ein Hotel mit Namen „H. Bahia“, auf deren Terrasse wir köstliches erwarten. Wasser und Wein schmecken auch gut, die kalte Tomatensuppe geht noch durch, die Paella allerdings ist undiskutabel. Das ficht uns nicht an, wir beobachten die Scharen von versandeten Strandgängern, die erst mal zu Hause duschen wollen, bevor das leichte Hemd übergeworfen und das Restaurant der Wahl angesteuert wird. Quirlig hier, die Promenade wird immer voller, Musikanten spielen auf, die Sandburgerbauer lassen Münzen in ihre Objekte werden, überall im Blickfeld Billig-Uhren und Sonnenbrillen.

Tage vergehen, wir schauen uns aus Interesse noch ein paar Fincas und Landhotels an. Gut gefällt uns das Can Verderol in der Nähe von Inca. Die hohen Räume geben großzügige Gefühle, alles wirkt trotz der schweren Steine und des dunklen Holzes sehr licht. Leider sind die deutschen Herren ausgebucht.
Palma de Mallorca besuchen wir gleich mehrmals. Die Stadt freakt angenehm vor sich hin, natürlich auch hier die Touristenströme, aber in den ruhigeren Ecken der Stadt ist davon nichts zu merken. Gleich hinter dem Mühlenhügel erinnert es an das Hamburger Schanzenviertel. Zur Mittagszeit landen wir zufällig Bon Lloc, einem vegetarischen und politisch verdammt korrekten Restaurant. Sehr preiswert, sehr gut. Abends sitzen wir über Stunden im Celler Sa Premsa, einem urgemütlichen Schuppen mit unkomplizierter Hausmannskost.

Fazit: „Mallorca hat auch schöne Seiten“, das ist zwar ein Allgemeinplatz, aber die Insel bietet alleine schon aufgrund ihrer Größe tatsächlich einen ewigen Fundus für Entdecker. In Bettenburgen braucht sich keiner mehr quälen, die vielen Finca-Hotels und kleinen Ressorts sind zwar meistens nicht ganz billig, bieten aber dafür Ruhe, Natur und nette Gäste. Strandleben, dass heißt auf Mallorca eng zusammenrücken. Nur an den steinigen Steilküsten findet man ruhige, aber auch schwer erreichbare Plätze.

 

Tipps für Mallorca

Reiseführer
Mallorca
Dumont Verlag, 2006
Rund 12 EUR.

Webseiten
Bei der Suche nach Fincas und Landhotels ist www.mallorcadream.de zu empfehlen. Übersichtlich, gute Auswahl der stilvollsten Ressorts, die Beschreibungen der Anlagen sind stimmig.

Restaurants
Bon Lloc
Sant Felin 4
Palma de Mallorca
Tel: +34 971-718617
Das klingt ja meist schon abschreckend: „vegetarisch“, aber das Bon Lloc in Palma de Mallorca ist lecker. Auf dem Speiseplan stehen täglich wechselnde Menus, preiswertes, gesundes Essen wird serviert. Viele Studenten und Künstler, gerade Mittags gut gefüllt.

Celler Sa Premsa
Plaza Obispo Berenguer de Palou 8
Palma de Mallorca
Tel. +34 971 723 529
www.cellersapremsa.com
Uriges Lokal, umgeben von alten Weinfässers sitzt man unter stetig schaufelnden Ventilatoren. Einfaches, gutes, spanisches Essen. Amüsante Kellner. Preiswert.

Portixol
Hotel und Restaurant
Calle Sirena 27
Palma de Mallorca
Tel: + 34 971-271800
www.portixol.com
Fein designtes Hotel, die Segler kommen vom nahen Hafen rüber. Liegt etwas am Rand von Palma. Hervorragendes Restaurant. Blick auf’s Wasser. Das alles hat seinen Preis.

Restaurant Kikinda
Placa de L’orient 6
Capdepera
Tel: +34 971-563014
Unkompliziertes Restaurant auf dem kleinen Dorfplatz von Capdepera. Spezialität: Pizza aus dem Holzofen. Restaurant Xelini
Archiduque Luis Salvador
Deià
Tel. +34 971-639 139
www.xelini.com
Vielleicht die besten Tapas der Insel. Die Promis in Deia wollen’s halt wissen.

Hotels
Sardeviu
Carrer Vives 14
7100 Soller
Tel: +34 971-638326
www.sollernet.com/sardeviu
Das S’Ardeviu ist ein gemütliches Hotel im Zentrum der Stadt, ganz in der Nähe des schönes Hauptplatzes. Suchen sie sich ein gutes Zimmer aus, die sind unterschiedlich.

Can Verderol
Ctra. De Santa Maria a Portol
07320 Santa Maria del Cami
Tel: +34 971-621204
www.canverderol.com
Sehr ruhig gelegenes Finca Landhotel zwischen Palma und Inca. Schöner Pool, gediegene Räume, alles sehr großzügig. Anwesen aus dem 15. Jahrhundert. 9 Doppelzimmer und 2 Junior-Suiten.

Can Coll
Cami de Can Coll 1
07100 Sóller
Tel.: +34 971 633 244
www.cancoll.com Hostal Bahia
Paseo Vora Mar
07470 Pollenca
www.hopoesa.es
Kleines Hotel am Hafen von Pollenca. Direkt an der Fußgängerpromenade. Strand vor der Tür. Das Essen ist nicht berühmt, am man sitzt gut.

El Encinar
Ctra. Son Servera
ARTÀ (PM 404 – 1)
Bei km 3 in die CAMÍ DEL RAFAL
TEL: + 34 971-18 38 60
www.elencinardearta.com
Malerisch gelegenes Fincahotel in der Nähe von Arta. Panoramablick auf die Berge und das Meer. Pool. Netter Besitzer. Nur 10 Zimmer, die gut verteilt in mehreren Häusern liegen.

 

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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