Marihuana Mythos 1: „Der Konsum von Cannabis unter Jugendlichen hat sich stetig erhöht“

Marihuana Mythen

Teil 1

 „Der Konsum von Cannabis unter Jugendlichen hat sich stetig erhöht“

Der Cannabispflanze wird viel nachgesagt. Behaupten die Einen, sie sei verantwortlich für Gedächnisstörungen, fehlende Motivation und spätere Drogenkarrieren, sprechen ihr Andere Heilungskräfte bei Krebs, ungefährliche Räusche oder gar bewußtseinserweiternde Eigenschaften zu. Wie sieht es tatsächlich aus: Welchen Nutzen und welche Schäden kann der Konsument von Cannabis aus den pflanzlichen Wirkstoffen ziehen? Wo liegen Gefahren für Körper und Geist, wo Chancen für ihre Genesung? Eine mehrteilige Serie gibt Aufschluß über die wichtigsten Fragen. 

Seit den 20er Jahren dieses Jahrhunderts weisen die Befürworter der Cannabis-Prohibition auf Gefahren hin, die der Konsum der Pflanzenteile des Hanfs in sich birgt. In den folgenden Jahrzehnten erlangten unterschiedlichste Vorwürfe Prominenz, nur weniger dieser wurden später wieder relativiert oder gar von offizieller Seite zurückgenommen. Tatsächlich zog vor allem die us-amerikanische Regierung viele der „reefer madness“ Märchen heran, um ihre Gesetzgebung zu gestalten. Das damals gepflanzte Unkraut des Unwissens gedeiht noch heute in manchen Stellungnahmen und den Berichten der Medien.

In den 70er schien es für eine Zeit, als daß neue wissenschaftliche Erkenntnisse die Drogenpolitik beeinflusst, einige Staaten spielten mit der Idee einer Dekriminalisierung von Pot. Drei große Feldstudien in Griechenland, Costa Rica und Jamaica erforschten Wirkung und Auswirkungen von Marihuana auf die Konsumenten in ihrem natürlichen Umfeld. Effekte auf Gehirn, Lungen, Immunsystem, Persönlichkeit und Motivation nahm man genauso unter die Forscherlupe wie das Suchtpotential. Nicht alle Fragen konnten beantwortet werden, übereinstimmend stuften die Wissenschaftler Marihuana aber als eine relativ sichere Droge ein – nicht völlig frei von potentiellen Risiken, aber meist unfähig, ernsthafte Schäden für Konsumenten oder die Gesellschaft zu verursachen. In den USA setzte das neu gegründete „National Intitute on Drug Abuse“ (NIDA) und andere Forschungseinrichtungen an diese Untersuchungen an und suchten mit neuen Methoden dem Wesen von Marihuana näher zu kommen. Seit dieser Zeit besteht ein Problem, welches sich durch die Hanfforschung zieht: In fast allen Fällen war das Untersuchungsdesign oder die Durchführung fehlerhaft, somit konnte die Ergebnisse von anderen Wissenschaftlern nicht bestätigt werden. Da Verifikation als eine der Grundvoraussetzungen für ein ordentlichen Wissenschaftsbetrieb gilt, wurden die Resultate -egal ob positiv oder negativ- von anderen Experten bestritten. Besonders seit den 80er Jahren, als in den USA wie auf internationaler Ebene der „war on cannabis“ erneut verschäft wurde, politisierte sich die finanzielle Unterstützung der Marihuana-Forschung ebenso wie die Verbreitung ihrer Schlußfolgerungen. Gerade die NIDA wuchs so in eine nur als unglücklich zu bezeichnende Rolle hinein. In ihren Archiven schlummern tausende von Analysen, welche die Gefährlichkeit von Hanf „beweisen“, dagegen werden Studie, die das Gegenteil „beweisen“, völlig ig noriert.

Diese Vorbemerkungen sollen darauf hinweisen, daß auch die Wissenschaft keine von politischen und moralischen Einflüssen freie Institution ist, die wertfreie Resultate garantiert. Auch sie ist in einen sozialen Kontext eingebunden, der Ergebnisse vorherbestimmen kann. Und um es deutlich zu sagen: Der Autor selbst sähe es lieber, wenn sich herausstellt, daß die Chance des Schadens durch Cannabis gering ist. Trotz dieses Vorurteils wird die folgende Reihe versuchen, unterschiedlichste wissenschaftliche Ergebnisse fair darzustellen, so daß der zentralen Frage näher gerückt wird: Ist es ein Mythos, oder ist es Wahrheit?

Behauptung 1: Der Konsum von Cannabis UNTER JUGENDLICHEN hat sich stetig erhöht

Um auf die Gefahr und das Suchtpotential von Cannabis hinzuweisen und damit die Mobilisierung humaner und finanzieller Ressourcen für die Anti-Cannabis Kampagnen zu rechtfertigen, wird immer wieder auf den Anstieg der Marihuana- und Haschisch Konsumenten verwiesen. Nur eine restriktive Drogenpolitik kann, so die herrschende Meinung in den meisten Ländern dieser Welt, eine epidemische Ausbreitung der Sucht verhindern.

 

DIE FAKTEN

Das als konservativ geltende „Institut für Therapieforschung“ in München führte 1990 im Auftrag der Bundesregierung eine Befragung unter Jugendliche und Erwachsenen durch. Danach hatten 16,3 Prozent der Befragten im Alter zwischen 12 und 39 Jahren schon einmal Erfahrungen mit Drogen gemacht, von diesen über 89 Prozent mit Cannabis. In den neuen Bundesländern waren dies 1990 1,4 Prozent, 1992 bereits 3,4 Prozent. Diese Ergebnisse werden in einer anderen Umfrage bestätigt: Als das „Institut für Jugendforschung“ 1993 die Gruppe der 12-25jährigen befragte, gaben 21 Prozent an, überhaupt schon einmal (illegale) Drogen konsumiert zu haben. Auch hier lag der Anteil der Kiffer hoch: 96 Prozent der jemals Droguierten hatten dabei Kontakt mit Marihuana oder Haschisch. Regelmäßig greifen nur aber nur 4 Prozent zu psychoaktiven Substanzen. „Angst vor gesundheitlichen Schäden“, war das Hauptargument, warum sich dem Rausch nicht öfter hingegeben wird. Interessant: Die Angst vor der harten Hand der Gesetzeshüter spielt kaum eine Rolle bei der Vermeidung regelmäßiger Ekstase, die Strafgesetzgebung erfüllt demnach ihren Abschreckungsauftrag nicht oder nur ungenügend.

In Deutschland ist damit der Anteil der kiffenden Bürger über die letzten zwanzig Jahre relativ stabil geblieben, nachdem er in den 70er Jahren kurzzeitig angestiegen war.

Dies gilt für andere Länder ebenso: In den USA genossen 1992 8.0 Prozent der 12-17jährigen Marihuana, im Jahre 1979 waren dies noch 24.1 Prozent. In der Gruppe der 18-25 Jahre alten Einwohner konsumierten 23 Prozent Kiff, im Gegensatz zu 1979, dort waren es noch 46.6 Prozent. Glaubt man diesen Zahlen, verringerte sich im Clinton-Land der Anteil der Hanf-Liebhaber erheblich. Schaut man auf die Gewohnheiten ältere Mitmenschen, fällt auf, daß diese kaum zur Pfeife greifen. Cannabiskonsum beschränkt sich somit meist nur auf eine Phase, einen Lebensabschnitt. Die Zeit der Jugend ist noch immer die Zeit der Experimente – mit Drogen und anderen Aktivitäten. Der weitaus größte Teil der jugendlichen „Hascher“ beendet der Konsum nach einigen Jahren. In den 70er Jahren avancierte Cannabis zur Droge der Aussteiger aus der „Normal-Gesellschaft“ (die dies oft auch mit politischem Engagement verbanden), heute spielen eher genußorientierte und gruppenkohäsive Gründe eine Rolle, wenn der Joint kreist. Damals wie heute folgen viele einer Modeerscheinung, die auch wieder abklingt. Insgesamt läßt sich sagen: Weniger das Potential von Cannabis, als vielmehr die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflussen Einstieg in den Konsum und dessen Regelmäßigkeit.

 

 

 

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Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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