Marihuana Mythos 6: “Marihuana beeinflußt den sexuellen Reifeprozeß und die Fähigkeit zur Fortpflanzung”

Marihuana Mythen – Marihuana Fakten

Teil VI

Das Messer der Erkenntnis muß scharf sein, welches eine Schneise in die wild wuchernde Mythen rund um den Hanf schlagen will. Der Erfolg der Arbeit lohnt die Mühe, denn der wahre Hanf kommt zum Vorschein, entkleidet aller bewußt oder unbewußt gesäten und gewachsenen Behauptungen. Wie sieht es tatsächlich aus: Welchen Nutzen und welche Schäden kann der Konsument von Cannabis aus den pflanzlichen Wirkstoffen ziehen? Wo liegen Gefahren für Körper und Geist, wo Chancen für ihre Genesung? Der sechste Teil der Klärung beschäftigt sich mit der These

„Marihuana beeinflußt den sexuellen Reifeprozeß und die Fähigkeit zur Fortpflanzung“

Was für eine Horror-Vorstellung. Impotent und zeugungsunfähig fristen unausgereifte Kiffer und Kifferinnen ein fruchtlosen Dasein – sexuell frustiert fällt den Paaren nichts anderes ein, als den nächsten Bong blubbern zu lassen. Es gibt tatsächlich einen Mythos, der die Schädlichkeit von Cannabis für die Fortpflanzung und den sexuellen Reifeprozeß behauptet. Dem Hanf wird zugeschrieben, in die Produktion von Hormonen einzugreifen, welche die geschlechtliche Vermehrung der Spezies „Mensch“ steuern. So sei es möglich, nebuliert dieser Mythos um die Wirklichkeit, daß heranwachsene Humanoide sich langsamer als ursprünglich möglich zur sexuellen Reife entwicklen oder gar gänzlich unfruchtbar bleiben. Starker Tobak. Da hälz man sich doch lieber mit Schlabberbacke Markwort an

DIE FAKTEN

Ein Pferd sollte von vorne aufgezäumt werden: Ursprung jeder wissenschaftlichen Untersuchung ist eine Idee, eine ungefähre Vorstellung davon, wie ein Zusammenhang zwischen zwei Phänomenen aussehen könnte. Diese Idee gedeiht nicht aus dem Nichts, sondern ist durch das Umfeld des Wissenschaftler, durch seine Erziehung und seine Ansichten mitbestimmt, sogar präformiert. Die Behauptung der Schädlichkeit von Cannabis für die Fortpflanzungsfähigkeit des Mannes entstand in den Zeiten der „Reefer Madness“ Kampagne im Amerika der 30er Jahre. Neben vielen anderem Unsinn behauptete die staatliche Propagandamaschine damals, Marihuana würde aus jungen Männern weiche Waschlappen machen. Der Staat hoffte darauf, durch diese Taktik Jünglinge vom kiffen abzuhalten. Es ist dieser Hintergrund, der die Gelehrten in ihren Labors nach einem Zusammenhang suchen ließ – und sie fanden ihn. Anno 1974 beobachteten Forscher bei ihren Probanden, welche sie vier Wochen lang hatten kiffen lassen, einen abgesenkten Testosteronspiegel. Dieses Hormon ist das wichtigste männliche Geschlechtshormon und wird im Hoden gebildet. Aber nicht nur der Level des sexy Hormons lag bei den 20 Männern niedriger als bei der Kontrollgruppe, auch die Spermien zeigten sich bei den Rauchern in erheblich weniger großer Zahl. Nachdem das Cannabis abgesetzt wurde, schnellte die Zahl der Spermien wieder in die Höhe und auch der Testosteronspiegel stieg wieder auf sein normales Maß an. Dieser Bericht löste eine Kontroverse aus, die jahrelang schwelte und bis heute anhält. Wie üblich, versuchten andere Wissenschaftler diese Ergebnisse zu bestätigen, dies mißlang zumeist. Weil sie zum Teil sehr hohe THC-Dosen verabreichten, konnte die Studie später noch einmal dahingehend bestätigt werden, daß man einen leichten Rückgang der Spermakonzentration beobachtete. In einigen Untersuchungen lagen die Veränderungen aber in einem Spielraum, der nur schwerlich die Interpretation zuließ, daß der Proband zeugungsunfähig ist. In anderen Untersuchungen wiesen die Forscher einen Rückgang der Spermien im Ejakulat um 40 Prozent nach, die Beweglichkeit der potentiellen Babys war um 20 Prozent herabgesetzt. Auch hier normalisierte sich die Lage aber nach dem Ende des Versuchs.

Lange Zeit kursierten die Bilder einer Forschungsarbeit in Wissenschaftskreisen, welche die deformierten Spermien von Männern zeigten, die als „Dauerkiffer“ bezeichnet wurden. Diese griechische Studie aus dem Jahre 1975 trat mit Mikroaufnahmen an die Öffentlichkeit, die stark geschädigte menschliche Spermazellen darstellten. Später stellte sich heraus, daß die Fotos manipuliert worden waren, und die Verfasser des Aufsatz mußten ihre falsche Darstellung in der Zeitschrift „Science“ korrigieren.

Ein Zwischenergebnis der Mythenaufklärung: Cannabis hat beim Mann eine leicht unterdrückende, aber umkehrbare Wirkung auf die Spermaproduktion.

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Hundertausende von Mäusen und Ratten wurde mittlerweile für Tierversuche mit Cannabis herangezogen. Wegen der nur bedingten Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den menschlichen Organismus und ihrer ethischen Unverantwortlichkeit sei hier nur kurz darauf eingegangen: In Mäusen führt die Injektion von THC nur bei extrem hoher Konzentration zu Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit. Bei männlichen Nagern nahm die Spermienzahl um 20 Prozent ab.

Wie sieht es nun bei den Damen der Schöpfung aus? Die Behauptung, daß Marihuana das Fortpflanzungssystem der Frau beeinträchtig, fand nie eine ernsthafte Unterstützung durch wissenschaftliche Studien. Die Generierung von weiblichen Hormonen wird durch Cannabis weder vermindert, noch gesteigert. Ratten und Affen mußten für einen Versuch hinhalten, der Beweisen sollte, daß THC den Eisprung behindert. Bei beiden Tiergruppen setzte die Ovulation tatsächlich später als gewöhnlich ein, nach dem Absetzen der Substanz verschwanden die Symptome aber wieder. Die Ergebnisse konnten allerdings nicht auf den Menschen übertragen werden, da Art der Verabreichung, das Lösungsmittel, die Konzentration und die hohe Dosierung unrealistisch waren. Die Relman-Kommission kam 1969 in seinem Bericht „Marihuana und Gesundheit“ zu dem Schluß, daß es trotz des weit verbreiteten Konsums von Cannabis unter jungen Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter „noch keine Beweise für igendwelche häufig oder beständig auftretenden mißbildenden Wirkungen im Zusammenhang mit der Droge gibt“.

Es wird von einem Fall berichtet, in dem ein 16 Jahre alter Kiffer den Sprung in die Pubertät verpaßt hat; darüber hinaus gibt es keine Anzeichen dafür, daß THC das Potential hat, den sexuellen Reifeprozeß zu bremsen oder gar zu stoppen. Robert Kolodny vom Institut für Fortpflanzungsbiologie in St.Louis befragte 500 Kiffer und Kifferinnen und will herausgefunden haben, daß mit steigendem Marihuana-Konsum „die sexuelle Aktivität sowie die Häufigkeit des Orgasmus nachläßt“. Andere Studien bewiesen das Gegenteil: Cannabis macht sensibler, empfänglicher für die Berührung und den Geist des Partners.

Müde ob der im wissenschaftlichen Mäntelchen herumstolpernden Behauptungen und ihrer Gegendarstellungen kommt auch dieser Teil der Serie zu einem Ende. Einen Schluß abseits des Gezänks der Wissenschaft zu finden, ist nicht einfach, vielleicht am besten so, wie es die Labor-Eierköpfe nicht kennen, nämlich kurz und mit einem Lächeln: „Noch sind die Rastafaris nicht ausgestorben.“

 

Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Danke, dass Sie im letzten Abschnitt Ihre Maske fallen lassen und dem Leser, der es bis zum Ende ausgehalten hat, die Chance geben Ihre Befangenheit zu erkennen. Ihre Berichterstattung ist daher wertlos.

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