Marihuana Mythen 9: „Marihuana macht süchtig“

Hanf

Marihuana Mythen – Marihuana Fakten

Teil IX

Weiter geht es in der Serie, welche die Mythen rund um die Marihuana-Pflanze analysiert. Um die Drogen ranken sich allerhand Vorurteile, Ungereimtheiten und auch bewußt gestreute Lügen. Wie sieht es nun tatsächlich aus: Welchen Nutzen und welche Schäden kann der Konsument von Cannabis aus den pflanzlichen Wirkstoffen ziehen? Wo liegen Gefahren für Körper und Geist, wo Chancen für ihre Genesung? Wissenschaft soll auch hier die wichtigen Fragen beantworten; schauen wir, was die Halbgötter in ihren weißen Kitteln wissen, was wir nicht schon geahnt haben. Im neunten Teil der Serie geht es um die Behauptung:

„Marihuana macht süchtig“

Erich Hesse schrieb 1966: „Die regelmäßige Aufnahme des Gifts (Haschisch) führt zur Sucht und auf Dauer zu schweren psychischen Schäden. Daueraufenthalt im Irrenhaus ist das Ende.“ Noch immer hält sich der Mythos von Cannabis als Suchtdroge. Gleichzeitig wird behauptet, daß eine Verbreitung des Gebrauchs zur weiteren Verbreitung der Cannabis-Sucht führe. Der Leiter der städtischen Drogenberatung in München, Rolf Wille, schrieb noch im letzten Jahr: „Die Cannabisabhängigkeit entwickelt sich als ein schleichender Prozeß. Über ein als angenehm erlebtes Anfangsstadium der Pseudoharmonie kommt es zu einer Gewöhnung und Einengung auf die Droge und im dritten Schritt schließlich zur Abhängigkeit.“ Ob es tatsächlich so einfach und unausweichlich ist, klären

 

DIE FAKTEN

 

Klare Begriffe sind notwendig, um klare Gedanken zu formulieren. Sucht ist kein klarer Begriff. Wurden früher Sucht und Abhängigkeit gleichgesetzt, um die unkontrollierte Zuwendung eines Menschen zu einem Stoff oder Gefühl zu beschreiben, unterscheidet man heute zwischen den Termini. Jeder ist von Nahrung und Schlafen abhängig, aber auch von emotionaler Zuwendung und Sinnerfüllung. Dies als negativ zu bewerten, macht wenig Sinn. Abhängigkeit ist also untrennbar mit der menschlichen Existenz verbunden. Bei der Sucht liegt der Fall anders. Wie Sebastian Scheerer, Kriminologe an der Universität Hamburg, sagt: „Während jeder Menschen von vielerlei abhängig ist, ist er keineswegs zwangsläufig auch nach vielerlei süchtig.“ Um die Verwirrung zu mindern, unterscheidet die Wissenschaft zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit.

Besorgte Eltern und Großeltern packen ihre Zöglinge noch heute gerne am Schlafittchen (eigentlich: Schlagfittich = Schwungfeder) und predigen die Abstinenz vom „Hasch spritzen“, da Sucht die unausweichliche Folge ist. Das ist -gelinde gesagt- blanker Unsinn. Das Potential für eine körperliche Abhängigkeit vom Hanf ist vergleichweise gering, aber entgegen vieler Vorurteile durchaus vorhanden. Nach dauerhaftem und exzessiven Konsum können Entzugserscheinungen beispielsweise als Nervosität, Reizbarkeit und Schlafstörung auftreten. Auch verstärktes Schwitzen und Appetitlosigkeit wurden beobachtet. Diese Symptome verschwinden aber alle nach einigen Tagen wieder.

Ernster zu nehmen sind die Gefahren der psychischen Abhängigkeit, obwohl auch diese -glaubt man den Ärzten- nur selten auftritt. Cannabis verändert den inneren Zustand des Menschen; er oder sie raucht, um glücklich oder -anders ausgedrückt- gut drauf zu sein. Problematisch wird dieses Verhalten dann, wenn andere Anstrengungen zur Erlangung von Zufriedenheit und Glück deswegen gänzlich vernachlässigt werden und nur noch der Joint das Wohlsein garantiert. Dann ist der Konsument psychisch abhängig. Dies wird vor allem in der westlichen Gesellschaft zur Gefahr für den jungen Kiffer, weil seine Bereitschaft eine tragende und leistende Rolle zu spielen abnimmt. Für den noch in der persönlichen Entwicklung stehenden Jugendlichen kann Cannabis-Konsum somit gänzlich andere Auswirkungen haben als für den Erwachsenen, der sich den Rauschhanf gelegentlich und bei entsprechender Lebenserfahrung sowie unter geeigneten Umständen zuführt.

Aber so einfach wie hier dargestellt ist es auch nicht, denn die Unterscheidungsgrenze zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit bröckelt. Bei fast allem, was man freiwillig tut, ist die Frage nach der psychsichen Abhängigkeit nicht mit einem Ja oder Nein, sondern nur mit einem Mehr oder Weniger zu beantworten. Denn in gewissem Maße ist das Individuum von allem abhängig, was es gerne mag, von liebgewonnen Gewohnheiten bis zu geliebten Menschen. Die Neuropsychologen und Biochemiker widersprechen der Differenzierung zwischen körperlich und psychisch ohnehin schon seit längerem. Für sie spielen die auf physischen Mechanismen beruhenden biochemischen Vorgänge im Hirn die entscheidende Rolle. Damit relativieren sich für sie auch die Unterschiede zwischen Abhängigkeit „mit“ und „ohne“ Drogen, denn letztendlich entscheidet das Belohnungssystem im Kopf.

Jede Substanz kann als Suchtmittel mißbraucht werden und mit jeder Substanz passiert dies. Um als gefährlich und suchtbringend eingestuft zu werden, muß dem Cannabis nachgewiesen werden, daß eine wesentliche Anzahl seiner Konsumenten es nicht schafft, mit dem Gebrauch der Droge aufzuhören und zudem Konsummuster entwickelt, die andere Aktivitäten im Leben stark beeinträchtigen. Die bislang in den USA durchgeführten Studien haben erbracht, daß die Mehrheit derjenigen, die schon einmal Erfahrung mit Marhihuana hatten, nicht regelmäßig zum Spliff greifen. 1993 befragte man junge AmerikanerInnen im Alter von über 12 Jahren. 34 Prozent hatten schon einmal mehr oder minder kräftig inhaliert, aber nur 9 Prozent hatten in den letzten 12 Monaten eine Tüte eingerollt, 4.3 Prozent im letzten Monat und 2.8 Prozent im der vergangenen Woche. Eine longitudinale Studie mit jungen Erwachsenen zeigte ebenfalls eine hohe Rate der Diskontinuität des Hanfgenusses. 77 Prozent hatten schon einmal das Vergnügen, 74 Prozent dieser Menschen probierten es aber nicht im letzten Jahr noch einmal, 84 Prozent nicht im letzten Monat.

Natürlich gibt es Personen, die Hanf über mehrere Jahre hinweg genießen, gleichwohl aber nicht süchtig sind. Viele regelmäßige (aber mäßige?), ja sogar viele tägliche Nutzer der Droge sind durchaus in der Lage, ihren Lebensalltag in für sich selbst und auch sozial verträglicher Weise zu gestalten. Dosierung der Droge, Anforderungen des Berufs, soziales Umfeld und die persönliche Struktur des Konsumenten sind auschlaggebend für die Wanderung auf dem Grad zwischen Gebrauch und Mißbrauch. Im Handbuch der Diagnostik und Therapie hieß es 1993: „Cannabis kann über lange Zeit genommen werden, ohne das nennenswerte Folgen in psychischer oder sozialer Hinsicht auftreten.“ In der Feldforschung konnte ebenfalls nicht festgestellt werden, daß das Suchtpotential von Hanf hoch ist:

  • Eine Studie in der Republik Panama, die sich mit den Auswirkungen des Pot-Konsums von amerikanischen Soldaten in den dreißiger Jahren befaßte, kam zu dem Schluß, daß Cannabis keine Abhängigkeit verursache.
  • Der 1944 von LaGuardia-Komitee (benannt nach dem ehemaligen New Yorker Bürgermeister) veröffentlichte Bericht entkräftete viele Vorwürfe gegen den Gebrauch und schrieb: „Das Rauchen von Marihuana führt nicht zur Abhängigkeit im medizinischen Sinn.“
  • Der Gouverneur von Pennsylvania, Raymond Shafer, leitete eine Expertengruppe Anfang der siebziger Jahre. Nach ausgiebiger Sichtung aller verfügbaren Materialien konnte der Ausschuß sagen: „Marihuana führt nicht zu körperlicher Abhängigkeit, doch kann langfristiger Mißbrauch bei den Betroffenen zu einer psychologischen Abhängigkeit von der Droge führen.“

Die am häufigsten publizierenden Verfechter der suchtbringenden Natur von Marihuana und Haschisch sind oft Suchttherapeuten und Leiter von Entzugseinrichtungen, die gut versicherte Marihuana-Liebhaber in ihre Institutionen aufgenommen haben und für diese eine eigene Kategorie der Abhängigkeit kreierten. Ohne diesen Damen und Herren böse Absichten nachweisen zu wollen, sichert man so zumindest den Fortbestand der eigenen Anstalten. In den USA hat sich dieses Problem verschärft: Immer aufwendigere technische Möglichkeiten des Drogen-Nachweises in Firmen und Schulen haben dazu geführt, daß mehr und mehr Kiffer sich selbst als süchtig deklarieren um behandelt und nicht bestraft zu werden.

Jörg Auf dem Hövel

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