Wie mich jede Frau rumkriegt

Petra 12/2002

Wie mich jede Frau rumkriegt

Sie leben kommod in ihrer Welt und fühlen recht genau, wen sie in diese Sphäre herein lassen. Sie sitzen im Cafe, ins Buch vertieft, oder im Waschsalon, die T-Shirts faltend, oder am Strand, das Meer schauend. Frauen in Sphären. Aus einem unerfindlich Grund habe ich die Ehre, diese Blase für einen Moment zu betreten. Damit ist schon der Wunsch nach Privatheit angedeutet. Klar, am Anfang war das optische Feuer, dann aber folgt das Wort. Der erste Blick zu mir geht nicht fahrig nach Sekunden zum nächsten Objekt, die ersten Worte fallen nicht hastig, und durchs Haar wird sich dabei schon mal gar nicht gestrichen.

Um was geht es beim rumkriegen? Oberflächlich betrachtet wohl tatsächlich darum, mich möglichst schnell zum Knutschen anzustiften. Bei feinerer Auflösung zeigt sich mehr. Es geht um die vollständige Bekehrung meiner Person, darum, in naher Zukunft der Dame alle Wünsche zu erfüllen. Und das auch noch mit müheloser Freude. Die ersten Schritte dazu sollten gut überlegt sein – das Problem ist nur, dass sie dabei nicht überlegt wirken dürfen. Der erste Kontakt muss wie ein kosmischer Postbote völlig überraschend meine innere Klingel drücken.

Männer sind vielleicht alle gleich, wollen aber etwas Besonderes sein. Wenn ich schon in den ersten Momenten ihr persönlicher Brad Pitt bin, gibt das enorm Punkte auf dem Einwickel-Konto. Schon nach den ersten Worten muss klar sein, das ich nicht Teil der uns umgebenden Öffentlichkeit bin, sondern ein privates Stück Neuland, das vorsichtig beschritten wird – vielleicht aber auch im Sturm genommen.

Nichts gegen Komplimente, aber welcher wirklich starke Mann wird schon gerne angehimmelt? Und nichts gegen devote Spielchen, volle Ergebenheit aber ist ein Zeichen von Unselbständigkeit. Wo ein ewiger Macher ist, da ist die, die es „mit sich machen lässt“ nicht weit.

Womit wir bei dem Problemsäckchen der überstandenen „Beziehungen“ sind, das anscheinend jeder im Alter über 25 mit sich rumträgt. Zum wirklichen schwerwiegenden Problem wird dies nur dann, wenn darüber die Neuanbahnung von Leidenschaft leidet. Probleme haben wir alle, diese allerdings gleich in den ersten Tagen, geschweige denn ersten Minuten und Stunden durch den Fleischwolf der Analyse drehen zu wollen, ist unklug. Denn dann bleibt oft nicht viel mehr als eine Träne in der Morgendämmerung, die vergeblich darauf wartet von jemanden weggeküsst zu werden.

Welcher Mann hat nicht schon einige Wochen damit verbracht festzustellen, dass hinter einem vermeintlich weiblichen Tiefsinn nur eine andauernde Krisenstimmung steckte? Frohsinn kann man kaum üben, wohl aber die naive, dass heißt unschuldige Sicht auf die neuen Dinge. Die Wissbegier turnt an.

Wer meint, alle Schubladen in seinem Kabinettschränkchen schon mustergültig fertig gezimmert zu haben, der braucht erst gar nicht die Kerzen im Zimmer anzünden. Will man es dermaßen passiv wenden, sind wir Herren natürlich abgewatschte Kinder der Emanzipations-Bewegung, die heute vor dem Problem stehen, geschmeidig zwischen Abwasch und Alpha-Tier-Dasein unser Selbst zu definieren. Aber wer will schon eine solche leidende Männlichkeit für sich konstruieren? Als stets aktiv-riemiger Akteur sind wir arteigen eher darum bemüht, den Damen unsere wahres Ich vor Augen zu führen: Und diese Gesamtperson besteht aus einem Körper, der bis in die letzte Faser romantisch ist – und dem Hirn eines Zuchtbullen.

Womit wir beim Sex wären. Um es abzukürzen: Es muss vom ersten Moment klar sein, dass diese Frau in der Lage sein wird, aus meinem alltagserschlafften Körper eine ausdauernde Fickmaschine zu machen. Weil hier halt Magie wirkt, sind die ultimativen Flachleg-Signale leider nicht genau kategorisierbar; es bleiben nur zwei Tipps. Kein Mann mit Stil will mit der Breitseite aus Zigarettenqualm und Prosecco überwältigt zu werden. Daher darf die Zunge erst nach einer zehnminütigen Vorspiel ins Kusskriegen eingreifen. Was überhaupt nicht geht, ist Oralverkehr in der ersten Nacht. Zwei Stunden nach dem Erstkontakt einen geblasen zu bekommen, dies lässt auf niedere Beweggründe der Dame schließen. Es muss die stete Hoffung im Raum schweben, dass aus der einen Nacht ein Onelifestand wird. Es sei in aller Deutlichkeit formuliert: Artistische Verrenkungen, schlimmstenfalls noch verbunden mit brutalem Präorgasmusgeächz, sind kontraproduktiv. Deuten sie doch auf einen allzu professionell interpretierten Akt hin, der mehr an Arbeit als denn an den sanften Schmelz der Zärtlichkeit erinnert. Nichts, aber auch gar nichts darf darauf erinnern, dass es vor uns einen anderen ernst zu nehmenden Mann gegeben hat.

Nein, schlaue Frauen machen uns Männern keine Angst. Intelligenz sollte sich eben nur nicht im Abruf von Wissen manifestieren, eher in der gewitzten Improvisation des Geistes. Die Fähigkeit flexibel zu reagieren beinhaltet das Überraschungsmoment. Nachts aufgeweckt zu werden und unmissverständlich zu einer Fahrt ins Spielcasino aufgefordert zu werden – das ist sinnlich. Vielleicht ist auch das eine Folge der 68er, aber wir Männer sehen schon lange keinen Grund mehr ständig die Aktionsagenda in der Hand halten zu müssen.

Und nun zur schwierigsten und zugleich unwichtigsten aller Fragen: Wie muss sie aussehen? Um es mal im Bild auszudrücken: Der leicht fettige Glanz, den die von mir kredenzten Bratkartoffeln auf ihren Lippen hinterlassen, der muss ihr gut stehen. Als grobe Faustregel gilt: Wer lustlos im Salat rumstochert, bleibt allein. Auch der neue Trend, ständig Wasserflaschen mit sich rumzutragen, um einen stets optimalen Wasserhaushalt zu gewährleisten, ist anzuprangern. In Gegenwart von Männern trinkt Frau Bier – und eben gut gebrannten Kaffee, um einen leicht hysterischen Koffeinpegel zu gewährleisten.

Um es endlich abzukürzen: Dreifach aufgehoben will ich sein. Aufgehoben im Sinne einer Wärme, die durch die Frau mich umgibt, aufgehoben im Sinne einer Erhöhung, die ich mit ihr zusammen erleben will und aufgehoben im Sinne einer Auflösung, die unsere Personen in etwas Neues, Großes transformiert. Große Worte, sicher, vielleicht ist es daher auch eher die Aufgehobenheit im vierten Sinne des Wortes, nämlich die, das sie sich nicht zu schade war, mich aus dem dunklen Gully der Einsamkeit aufzuheben.

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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