Rezension Bommi Baumann: Rausch und Terror

HanfBlatt Nr. 117

Bommis innerer Terror

Wer nur grünen Tee und ab und zu eine Sportzigarette gewöhnt ist, der sollte dieses Buch mit Vorsicht genießen. Nüchternheit sollte man nicht erwarten. Der heute 61-jährige Michael „Bommi“ Baumann führt den Leser auf einen schmalen Grad. Auf der einen Seite liegen die vehement beschriebenen Abgründe seiner Drogensucht und seines Persönlichkeitszerfalls, auf der anderen Seite faszinierenden Reiseberichte aus dem Afghanistan der 70er Jahre und die zeitweise erhellende Analysen der damals entstandenen und bis heute herrschenden Drogenökonomie. Baumann war einer der Mitbegründer des „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“. Der Name war eine Verballhornung von Mao’s Traktat „Über die Mentalität umherschweifender Rebellenhaufen“ und zugleich eine ironische Abgrenzung gegenüber der stark politisierten Studentenbewegung. Es folgten die befreienden 68er, später die Zeiten des Terrors. 1981 wurde er in London verhaftet und zu fünf Jahren Haft verurteilt. Mediales Interesse konnte Baumann mit seinem 1975 erschienenen und verbotenen Buch „Wie alles anfing“ auf sich ziehen. Nun hat er mit „Rausch und Terror“ die Fortsetzung geschrieben.

„Mit Drogen wollten wir eine neue Sensibilität erreichen. Sie wurden als Vehikel zur Bewusstseinsveränderung gesehen und damit auch zur Veränderung der eigenen Persönlichkeit und der Umwelt. »Wenn Nixon auf LSD gewesen wäre, hätte er niemals den Vietnamkrieg geführt«, war eine weit verbreitete Haltung.“ Baumann beschreibt, wie er als Mitglied der fröhlichen Kiffer-Szene trotz Bewusstseinsveränderung und politischen Engagements den Weg der Selbstzerstörung einschlägt. Das aufgeklärte Denken vieler Menschen damals betraf die gesellschaftlichen Verhältnisse, umfasste aber nicht Wirkmächtigkeit verschiedener Drogen. So wurde damals kaum ein Unterschied gemacht, genommen wurde, was da war: Cannabis, LSD, Rohopium, Morphium, später Heroin. Stoned-Marxismus und Steine werfen auf LSD. Baumann weiß beredt vom Orientalisten Rudolf Gelpke, dem Knast, dem sagenumwobende Hippie-Treck nach Afghanistan und dem Haschisch-Schmuggel zu berichten. Profund analysiert er die verschiedenen Arten des Opiumkonsums und schildert Land und Leute. Das fesselt. Lange hielt er sich in der Region auf, die heute im Fokus militärischer Interessen steht, die Tribal Areas zwischen Afghanistan und Pakistan. Diese Insiderwissen ist wertvoll, Baumann zieht seine Schlüsse. Der „Krieg gegen den Terror“ ist aus seiner Sicht eine Verlängerung und Verschärfung des Ende der 60er begonnenen „Krieges gegen die Drogen“. Das Ergebnis ist ein System der Kontrolle, das politische und ökonomische Interessen unter dem Deckmantel humanistischer Aktionen versteckt. Indirekt bewachen die NATO-Truppen die Opiumplantagen in Afghanistan, denn die Karsai-Regierung ist nachweislich in den Handel verstrickt. Der Bruder des Präsidenten gilt als größter Dealer des Landes.

Sein Fazit daher: Alle Drogen legalisieren, denn sonst wird es nur noch schlimmer. Aber je länger man in dem Buch liest, umso erschreckender wird der mental-körperliche Abstieg Baumanns deutlich und umso mehr verwischen sich sein Erleben und seine Analysen. Irgendwann ist unklar, welcher Trip da geritten wird. Sollte es wirklich die Drogen und das „Turn On, Tune In, Drop Out“ statt der Revolutionäre gewesen sein, das den Westen der 60er Jahre umgekrempelt hat? Das ist doch eine arge Verkürzung der Geschichte. Baumanns Verdienst ist es gleichwohl, den Blick für die Zusammenhänge von Rausch und 68er-Bewegung neu geschärft zu haben. Von daher ist das berauschte Buch mehr zu empfehlen als viele der dicken Wälzer in politikwissenschaftlichen Seminaren, die nüchtern die Zeit der außerparlamentarischen Opposition abhandeln.

 

Bommi Baumann: Rausch und Terror. Ein politischer Erlebnisbericht.
Berlin: Rotbuch 2008
ISBN: 3867890366
256 Seiten, Broschiert
EUR 17,90

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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