Rezension Detlev Briesen: Drogenkonsum, Drogenpolitik, Deutschland, USA

Blau = Bundesstaaten mit Gesetzen zu medizinischem Cannabis Orange = Bundesstaaten mit Gesetzen zur Cannabis-Entkriminalisierung Pink = Bundesstaaten mit Gesetzen auf beiden Gebieten (Stand: Januar 2008)

HanfBlatt Nr. 102

Ausgedehnte Geschichtsstunde

Die Wahrnehmung der historischen Ursachen der drogenrechtlichen Blockaden, da kann man dem Historiker Detlef Briesen nur zustimmen, ist eine notwendige Voraussetzung, um die deutsche und internationale Drogenpolitik aus ihrem Dilemma zu befreien. Briesen legt mit seinem Buch eine Quellenstudie vor, um den Parallelitäten zwischen Deutschland und den USA in Bezug auf Drogenkonsum und Drogenpolitik auf die Spur zu kommen.

Es entstand eine materialreiche Literaturauswertung, die detailgenau die Entstehung der Drogengesetze und des Drogenkonsums seit dem 20. Jahrundert darstellt. Es ist sein Verdienst, als einer der ersten Autoren im deutschsprachigen Raum, die Ursprünge der gesetzlichen Regelungen und deren moralische und weniger medizinische Begründung heraus gearbeitet zu haben. Das Buch brilliert dabei vor allem durch ein erfreuliches Quellenstudium der Anfänge der modernen Drogenpolitik im deutschen Kaiserreich.

Sauber zeigt Briesen auf, wie aus einem Handelskontrollgesetz (Harrison Act) in den USA der 20er Jahren ein Drogenkontrollgesetz wurde. So wie Drogenarten und Konsummuster übertrugen sich diese Regelungen später auf Deutschland. In den USA dominiert seit damals der strafrechtliche Ansatz, in der Bundesrepublik eine Mischung aus theoretischer Strafandrohung und dem realen Überwiegen sozialtherapeutischer Maßnahmen bei den Konsumenten.

Aus Briesens Ansatz und seinem Stil wird klar, dass der Drogenbenutzer für ihn ein weithin unbekanntes Wesen ist, dessen Hobby ihn verwundert. Aber: Er lässt ihnen in einem ersten Schritt aus liberal-theoretischen Gründen die individuelle Konsumfreiheit und kommt in einem zweiten Schritt zu dem Ergebnis, dass die gesetzlichen Regelungen den Rauschmittelgebrauch ohnehin nie verhindern konnten. Im Gegenteil: Aus Briesens Analyse nimmt man eher das Resultat mit, dass die Gesetze mehr Schaden als Gutes angerichtet haben.

Leider fehlt dem Buch eine grundlegende These, an der sich die fast 400 Seiten orientieren, eine Klammer, welche die vielen historischen Vorgänge zu einem Ganzen zusammenfasst und in einen Zusammenhang stellt. So will man zwar den Schlussfolgerungen des Geschichtswissenschaftlers gerne zustimmen, aus dem Gelesenen ergeben sie sich aber nicht. Das betrifft auch die fehlende Problematisierung des Begriffs „Drogen“ und die Unterscheidung zwischen verschiedenen Substanzgruppen. So landen leider Genuss-, Konsum und Suchtkultur diverser psychoaktiver Subtanzen in einem Topf.

Trotz dieser Einschränkungen schaffen die Ergebnisse Briesens den Raum für eine fruchtbare Diskussion, die Genussmittel- und Drogenkonsum abseits moralischer Begriffe und psychischer Defektzuschreibungen zu erklären versucht. Der Preis allerdings ist happig.

Detlef Briesen
Drogenkonsum und Drogenpolitik in Deutschland und den USA. Ein historischer Vergleich.
404 Seiten
Frankfurt am Main 2005
Campus Verlag
ISBN: 3-593-37857-4
EUR: 44,90

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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