Rezension Andreas Rosenfelder- Digitale Paradiese

HanfBlatt Nr. 113, März 2008

Computerfreak

Computerspiele waren über Jahrzehnte der Inbegriff purer Zeitverschwendung: Wer sich in digitalen Labyrinthen und Katakomben herumtrieb, verabscheute Frischluft, hatte keine Freunde und verdarb sich mit Monsterjagd und Punktesammeln das Gehirn. Diese Sicht hat sich geändert.
Andreas Rosenfelder gräbt sich in die Matrix und nimmt den Leser mit auf seine Tunnelfahrt durch die junge Kulturgeschichte der Games und die wichtigsten Spieletitel der letzten 30 Jahre. Der belesene Autor besucht einige Spieleschmieden und Games-Conventions auf der Welt, führt in die Zusammenhänge von normaler und virtueller Welt ein und knüpft immer wieder an literarische Vorbilder an, zitiert die Griechen und Montesquieu. Entwicklerstudios in der Ukraine, E-Sport-Olympiaden auf italienischen Formel-1-Strecken und Gamer-Expeditionen an die historischen Strände der Normandie: Die Orte wechseln, der Gamer bleibt.

Rosenfelders Unterfangen wird schon nach ein paar Seiten deutlich: Er möchte die PC- und Konsolenspiele auf die gleiche Stufe wie die literarische und cineastische Hochkultur heben – und überspannt dabei teilweise den Bogen. Denn anstatt systemstabilisierenden Effekten den Grund zu gehen oder in der Tiefe zu erläutern, warum Gamer zocken, plaudert Rosenfelder über Spielszenen, Polygone und Texturen und feiert die teilweisen dünnen Storys als „vollkommenen Zusammenfall von Ästhetik und Politik“.

Der Buchtitel „Digitale Paradiese“ spielt natürlich auf Baudelaires „Künstliche Paradiese“ an. Aus Rosenfelders Sicht sind diese Paradiese „rauschhafte Inselwelten, Gegenwelten zum durchorganisierten Alltagsleben“, anders gesagt: Fluchtorte. Aber alles wovor man flieht, das arbeitet Rosenfelder schön heraus, ist in den Spielen in veränderter Form wieder da: Arbeit, Leistung, Druck, Konkurrenz. Nur halt in verzauberter Form, was die bekannten Alltagseigenschaften wieder spannend macht. In den Phasen, wo Rosenfelder diesen Phänomenen nachspürt, ist das Buch besonders stark. Schön wäre gewesen, wenn er Baudelaires Titelvorgabe noch ein Stück weiter gefolgt wäre. Denn der französische Dichter sah in den künstlichen Paradiesen ja eben nicht nur Fluchtorte, sondern eine geheimnisvolle, aufblitzende Gegenwart der Ewigkeit. Diesen rauschhaften Aspekt der Games vernachlässigt Rosenfelder. Trotzdem ist das Buch ein ansprechendes Protokoll einer einsichtsvollen Entdeckungsreise. Wer sich von der hochtrabenden Sprache, die das einfach oft kompliziert ausdrückt, nicht abschrecken lässt, der erhält einen farbgewaltigen Einblick in eine der wichtigsten Kulturindustrien des 20. und 21. Jahrhunderts.

Andreas Rosenfelder: Digitale Paradiese. Von der schrecklichen Schönheit der Computerspiele.
Broschiert: 192 Seiten
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2008
ISBN-10: 3462039555
8,95 EUR

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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