Rezension Ingo Niermann Adriano Sack: Breites Wissen

HanfBlatt Nr. 107

Registerfreaks

In den Zeiten der Unübersichtlichkeit sollen Listen und Lexika für Ordnung sorgen. Seit Ben Schotts Sammelsurium ist der Listenwahnsinn ausgebrochen, das Buch von Ingo Niermann und Adriano Sack setzt noch einen drauf. Sie führen uns in den Kosmos des „Breiten Wissens“, der „seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer“. Auf knapp 200 Seiten folgt eine Liste nach der anderen: wer was mit welcher psychoaktiven Substanz mal angestellt hat und was sich mit den anderen noch anstellen lässt.

Auf der einen Seite ist es sicherlich Effekthascherei, eine Art „Gala“ der prominenten Kokser und User aufzuführen. Auf der anderen Seite: Bei dieser Menge an Informationen über Drogen ist es eine gewichtige Leistung der Autoren, wenig Fehler zugelassen zu haben. Von Harnsperre nach Engelstrompetenkonsum ist zwar in der Praxis wenig bekannt, auch von rektalen Kokain-Heroin-Cocktails bei Pferden träumte wohl nur Harry Anslinger. Die kürzeste Liste ist die der drogenfreien Musiker, hier steht nur der Name „Frank Zappa“ und auch das ist nicht ganz richtig, denn Zappa war zum einen die Wirkung von Marihuana wohlbekannt, er hat nur später nicht mehr gekifft, zum anderen war er starker Zigaretten-Raucher.

Das Buch durchzieht der Tonfall eines Johannes B. Kerner: „Es gibt ja Berichte, die besagen, dass sie ihre Frau schlagen. Ich sage das ja nicht, nur die Berichte. Was sagen sie dazu?“ Im vorliegenden Werk ist diese Art der anbiedernden Distanz ironisch überspitzt, dass macht den Listenirrsinn erträglicher. Die Autoren tragen viel Wissenswertes und noch mehr Anekdoten zusammen, eine Sammlung, die in dieser Form bisher nicht existiert. Hut ab!

So erfährt man viel über die Drogenaffinität der Helden des modernen Zeitalters: Filmstars, Politiker, Modemacher, Fußballspieler und deren Trainer, irgendwie scheint jeder schon mal eine Pille geworfen oder den Rüssel ins Pulver gesteckt zu haben. Aufgelistet werden die „Dämlichsten Drogenfilme“, „Wichtige Drogenhändler“, „Großartige Drogenszenen der Filmgeschichte“ (eine interessante List, nur fehlt hier aus meiner Sicht „Blueberry“ von Jan Kounen), es gibt eine Liste mit „Woran man gutes Haschisch erkennt“, eine über „Literarische Drogenklassiker“, mehrere über das Verhalten von Tieren auf Droge und eine über „Deutschsprachige Kokainlieder“. Dazu kommen Tipps wie „So faltet man ein Kokainbriefchen” oder Bauanleitungen für ein Erdloch. Das alles ist kurzweilig, da kann jedermann in der Mitte anfangen und erwischt trotzdem den Faden, denn es gibt ja keinen. Höchstens den weiteren Beweis, dass die „bösen Drogen“ inmitten der Gesellschaft angekommen sind.

Wenn man denn mäkeln will liegt das eigentliche Problem des Buches in seiner Kurzatmigkeit. Das lässt sich bei Listen zwar kaum vermeiden, wird aber hier erwähnt, damit das Buch nicht in den Ruf gerät, eine Art amüsantes Nachschlagewerk, gar ein Lexikon zu sein. Denn es ist oft nur die halbe Wahrheit, die dem Leser präsentiert wird. Wer dieses Buch liest sollte sich auf eine Reise gefasst machen, einen (Über-) Flug über ein Meeresregion – wer tauchen will, sollte eine andere Karte zur Hand nehmen.

Ein „toxikologisches Manifest“ der Autoren schließt das Buch ab. Die dort aufgeführten 10 Punkte fassen den Irrweg des „Krieges gegen die Drogen“ noch einmal hervorragend zusammen. Fazit: In Zeiten der Lexika- und Listenmanie ist das Werk ein weiteres schönes Sammelsurium, das einige Mythen aufklärt und andere erst schafft. Endlich dürfen Anekdoten und Wissenschaft miteinander spielen.

 

Ingo Niermann, Adriano Sack: Breites Wissen.
Die seltsamen Wege der Drogen und ihrer Nutzer
Eichborn Berlin Verlag 2007
180 Seiten
14,90 Euro
ISBN: 978-3-8218-5669-8

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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