Seyfried & Ziska: Die Comics. Alle!

HanfBlatt Nr. 108

Das ist doch mal ein Angebot. Anstatt durch Comic-Läden zu laufen oder im Internet wild zu sammeln kauft man nur ein Buch, die Bibel, sozusagen. Das gibt es preiswert bei Zweitausendeins: Den ganzen Seyfried und die volle Ziska. Die Comics. Alle! 700 Farbseiten, 3 kg schwer. Ein Juwel.

Wer über dieses Jubelpersertum staunt, der sei aufgeklärt: Mit Gerhard Seyfried begann die Geschichte des deutschen Underground-Comics. Kein anderer hat die alternative Szene und ihre grün uniformierten Widersacher treffender aufgespießt, kein anderer wurde öfter kopiert. Heute wie damals zieren seine Karikaturen und Parolen Flugblätter, Hauswände und die sanitären Anlagen in Kneipen. Seine Zeichnungen haben eine ganze Generation zum Lachen gebracht, ihm etliche Anzeigen und Gerichtsverhandlungen eingetragen und sind das wohl lustigste Kulturgut der Außerparlamentarischen Opposition.

Das Lesen seiner Comics ist bis heute immer auch ein Trip in visuell hochaufgelöste Kleinigkeiten und illusionäre Sprachspiele. So gibt es im Sammelband herrliche, zweiseitig-großformatige Kunstwerke zu bestaunen, in denen man sich gänzlich verlieren kann: Das ist psychedelische Feinstarbeit, die Seyfried durchaus an die Seite von Jean Giraud aka „Moebius“ stellt.

Aber weiter in der Historie: Als 1989 Rest- und Rost-Berlin wiedervereinigt wurden, antwortete der als bester deutscher Comiczeichner gewürdigte Max-und-Moritz-Preisträger Seyfried mit einem furiosen Nachwende-Comic („Flucht aus Berlin“). Später tat er sich mit der Zeichnerin Ziska Riemann zusammen, die mit ihr zusammen verfasste „Future-Subjunkie“-Serie waren ein Bruch mit seinen klassisch-buntwitzigen „Seyfrieds“, aber nicht weniger politisch – sie waren nur radikaler, härter. Man wollte zeigen, wo es hinführt, wenn nichts passiert, wie die Welt kaputtgemacht wird, die Gefühle absterben und die Natur zerstört wird. In vorerst letzten gemeinsamen Band der beiden, „Starship Eden“, dominiert wieder der (bösartige) Humor. Nazis und Faschisten werden gründlich verarscht.

Der Comicband setzt eine gewisse psychische Robustheit voraus: Teddybären werden verstümmelt und Autoritäten verlacht, ganze Inseln werden mit Tusche geschwärzt, der Cyberspace schlägt zurück, und Außerirdische ziehen unsere Zukunft durch den Kakao.

Die meisten der Alben sind längst vergriffen und unter Sammlern heiß begehrt. Besondere Schmankerl in dem Prachtband sind ein seltenes „Freak-Brothers“ Comic, das Seyfried zusammen mit Gilbert Shelton und Paul Mavrides verfasst hat und einige unbekannte Kurzcomics.

Fazit: Ein Pflichtkauf für jeden Comic-Freak und alle diejenigen, die es werden sollten. Und die gute Nachricht zum Schluss: Seyfried lebt wieder in Berlin – und er zeichnet…

Gerhard Seyfried & Ziska Riemann: Die Comics. Alle!
Erstausgabe
700 farbige Bildseiten
Großformat 30×22 cm
Fadenheftung. Fester Einband
ISBN-10: 3861507803
Frankfurt a.M., Zweitausendeins
39,90 EUR

 

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Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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