Rundgang in Ottensen

Veröffentlicht unter www.ottensen.de
Echolot 4/2000 Einkauf für´s Mittagessen

Die Mark schwingt locker in der Hosentasche, klötert zusammen mit dem Feuerzeug den groovigen Rhythmus des flotten Einkaufbummels. Ja, Mann, heute ist im wollenden Swinger-Club wieder Filzlaus-Party. Gut, daß die Marktfrau keine Männer mit Sackjucken erkennt, sonst dürfte ich mir die Möhren kaum selber raussuchen. „Bei uns heißt das Wurzeln und nicht Möhren“, blafft es aus der Öffnung zwischen ihren Schlabberbacken. Hui, die Dame schwingt sich auf den Trecker der derben Lauterkeit. „Sonst noch?“ fragt sie zackig und ich werde hastig. So richtig kommt der bäuerliche Charme nicht an, die Dame nächtigt garantiert in Barmbek und nicht neben dem Acker. Egal, jetzt heißt es Stärke zeigen und ich bestelle Frutti bis zum Abwinken. Unbeeindruckt schaufeln die Hände in den mitgebrachten Jute-Beutel. Vielleicht ist es dieses Öko-Relikt, welches den Respekt ins Wanken bringt. Da hat das Wandeln auf dem Öko-Markt vor drei Tagen mehr Spaß gemacht. Aber da konnte ich auch mit fettigen Bratwurstfingern auf die Petersilie zeigen und mein geblümtes Hippie-Hemd hat mächtig Eindruck gemacht. Aber an diesem Koloß hier prallt das gesamte Instrumentarium zwischenmenschlicher Feinfühligkeiten genauso ab wie mein buntes Jäckchen, welches mein jugendliches Appeal unterstreichen soll. Etwas zu gut gemeint, sie behandelt mich wie einen zehnjährigen, der von seiner Mutter zum Einkaufen geschickt wurde. „Für dreißig Pfennig von denen da.“ Zahlen und fröhlich sein, denke ich und trolle mich zum Eiermann, Klingellingelling.

Liebe ist mein Gefühl für den Mann mit der Mütze, denn bei ihm bricht nie die entbehrliche Äußerung in sein Geschäftsgebahren. „Zwei Mark und Vier“, sagt er immer und sechs braune Eier wechseln den Besitzer. „Danke, Tschüs“, sage ich. Das ist ehrlich-hanseatisches Miteinander, nicht so ein aufgemotzes Mähdreschergehabe. Das tat gut. Jetzt weiter Richtung Fischhöker. Gebrüll empfängt mich an der Kachelbude, der Bartmann denkt mittlerweile bei jedem Kunden, daß eine schwerhörige Alte vor ihm steht. Ich brülle zurück, „Ja, es darf ruhig ein bischen mehr sein.“ Beruhigt gleitet der Rotbarsch in sein letztes Infotainment, die Zeitung von gestern. Da fällt mir prompt was ein.

Richtig dufte ist´s im Zeitungsladen. Umarmungen über den Tresen hinweg, die gezähmte Anarchoszene verkauft jetzt Springer-Ware, aber die autonomen Zellen dürfen weiterhin ihren PKK-Plakate draußen an die Wand babben. „Die TAZ ist ausverkauft“, sagt die Dame freundlich zu mir bevor ich den Mund aufgemacht habe. „Ich will das Gegenteil“, raunze ich zurück, angewidert von der guten Stimmung in dem Laden, und kaufe die FAZ. Ha, der hab ich´s gegeben. Typisch Ottensen, da fliegen auf irgendeinem Parteitag der Grünen Farbbeutel und am nächsten Tag ist die Hofberichterstattung ausverkauft.

Langsam komme ich in Fahrt, drum wackel ich zum Bäcker rüber. Die von Beruf Vollgekrümelte ist die Einzige im Viertel, die meiner Person gerecht wird: Meine Erscheinung belustigt sie. Das kann an der Pudelmütze liegen, die auch im Frühjahr meinen Kopf ziert, oder aber auch an meinen immer frisch formulierten Brotbestellungen.

Mittlerweile ist mein Jute-Sack prall, höchstens noch Platz für ein paar Rauchwaren. In den Fabrikhallen der indischen Nippesproduktion dürften seit Jahren die Maschinen heißlaufen. Ich möchte mich aus rein ethischen Gründen nicht an der weiteren Ausbeutung des Kontinents beteiligen und kaufe im Hippie-Laden nur politisch korrekte Räucherstäbchen. Geballte Liebenswürdigkeit schlägt mir beim betreten des Geschäfts ins Gesicht und ich fühle mich sofort mißbraucht. Kaum noch Herr meiner Sinne stolper ich von Regal zu Regal und drohe mich in dem Goa-Tempel zu verlieren. Im Hintergrund streichelt der Meister die Sitar und ich flüstere mir beruhigende Mantren zu. Heimatmelodien. Mir entfährt ein heftiges „Jippiiieeee“, und ich stampfe drei mal mit dem Fuß auf, bevor ich den Tanzreigen um den Batic-Shirt-Ständer beginne. Um mich rum auf einmal eine Partymeute mit Kulleraugen, wildes Getanze, Glöckchen um anmutige Fußgelenke versprechen zarte Berührungen, in der Ecke dampft das Chillum. Ein Strom ergreift mich und wirbelt meinen Körper zwanzig Meter in die Luft: Das UFO mit Namen Tanzfläche ist gestartet und ich bin mit an Bord. Yeahhh! Meine Nase reißt mich aus dem Traum und wieder beruhigt stehe ich vor den Rauchwaren und schnupper an den Stäbchen. Plötzlich meldet sich mein Sack wieder und damit fällt Licht auf die andere Seite des Mondes. Geistesabwesend zahle ich, draußen locken Sonne und Unterschiede. Mark und Feuerzeug grooven wieder im Schritttempo, von Schuhsohlen zermanschten Kirschblüten entströmt der Grundstoff den ich atme und mit Respekt wieder ausfurze. Mahlzeit.

Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


*