Die Allerschönste: Santorin

Santorin by Aschwin Prein

PETRA, März 2006

Die Allerschönste

Lange her, seit Santorin diesen Beinamen bekam. Doch bis heute haben die schroffen Felswände, gerahmt von unendlichem Blau, nichts von ihrem Reiz verloren. Ausspannen, shoppen und feiern – auf dieser Insel ist alles möglich.

Einmal am Tag bleibt für einen kurzen Augenblick die Zeit stehen. Ein warmes Orange legt sich wie ein Tuch auf die steilen Felsen der Insel, auf die würfelfömigen, weißen Häuser – und auf die Seele. In der kleinen Inselhauptstadt Thira kehrt für eine Weile völlige Ruhe ein. Selbst die umtriebigen Kellner auf den Restaurant-Terassen schauen jeden Abend aufs Neue besonnen Richtung Westen. Zusammen mit ihren Gästen sinken sie in einen pastellfarbenen Himmel ein, der sich langsam ins Violette wandelt. Bis der feurige Ball zwischen rostbraunen Vulkaninseln im Meer versinkt. Der Sonnenuntergang auf Santorin gehört zu den spektakulärsten Naturschauspielen weltweit.

Doch dieses seltsam mythische Santorin-Gefühl überkommt einen schon bevor man die Insel überhaupt zum ersten Mal betreten hat. Wenn die Fähre langsam Richtung Hafen in die Caldera einfährt, in jenen ehemaligen Vulkankrater, der bei einer Eruption vor über 3000 Jahren in der Ägäis versank. Und dessen Überreste noch heute schroff und rätselhaft vor Santorin aus dem Wasser ragen. Als wollten sie an das sagenumwobene Atlantis erinnern, das hier auf dem Meeresgrund liegen soll. So die ungewisse Legende. Nur eine von den vielen in der an Göttern und Sagen reichen Welt Griechenlands.

Eines steht aber fest: Hoch über der Caldera, an den bis zu 300 Meter hohen Kraterwänden, thront einer der schönsten Orte des Landes. Thira, mit seinen weißen Würfelhäusern, die wie Schwalbennester am Hang kleben. Dazu die türkisblaue Ägäis und die rostbraune Inselwand aus Lavagestein – ein fast unwirkliches Bild. Und ein bisschen bedrohlich, dieser Schauplatz einer uralten Katastrophe.

 

Santorin
Foto: Aschwin Prein

Vielleicht zieht es die Menschen deshalb nach der Ankunft im Hafen sofort in die sicheren Höhen von Thira und in die anderen Orte der 71 Quadratkilometer großen Insel. In dem sonst ruhigen Hafen herrscht dann für eine knappe Stunde hektisches Gewimmel. Urlauber auf Zimmersuche werden umworben, die Fähre spuckt Autos aus, es bildet sich ein Korso, der fröhlich hupend die Serpentinen hochschlängelt.

Wer ruhiger ankommen möchte, schwebt mit der Seilbahn vom Hafen ins Himmelreich. Sie wurde 1979 von zwei Reedern gestiftet, die den Gästen ihres Hotels „Atlantis“ mehr Komfort bieten und zugleich allen Bewohnern etwas Gutes tun wollten – alle Einnahmen aus dem Betrieb gehen noch heute an karitative Einrichtungen auf der Insel. Das in den 50er Jahren vom Architekten Joannis Venetsanos erbaute Hotel Atlantis genießt einen legendären Ruf. Alle 28 Zimmer sind zur Caldera ausgerichtet, das schicke Interieur stammt von den amerikanischen Architekten Robsjohn-Gibbings und Pullin. Das Flair der imposanten Räume: eine Mischung aus Rock Hudson-Film und Manns Zauberberg.

Das Leben auf Santorin wandelt sich mit den Jahreszeiten. Im Frühling blüht die karge Insel für zwei Monate auf. Das liegt zum einen an den grünen Feldern und der aufkeimenden Vegetationen, zum anderen an den Athenern, die einmal im Jahr auf ihre Heimatinsel zurückkehren. Vor allem zum Osterfest kommen viele auf dem Festland arbeitende Griechen in ihre Dörfer zurück und wecken die Insel aus ihrem Winterschlaf. Am Ostersonntag feiert die ganze Insel, ein echter Geheimtipp für alle, die Griechenlands traditionelles Gesicht kennenlernen wollen.

Ende April und den ganzen Mai über zeigt sich Santorin von seiner schönsten Seite. Mohnblumen, Margariten, sattes Gras, die Temperatur liegt bei angenehmen 26 Grad, das Strandleben erwacht langsam. Die meisten Badebuchten teilt man sich dann mit wenigen anderen Sonnenanbetern. Nur am schwarzen Sandstrand von Perissa und am White Beach westlich von Akrotiri geht es auch früh im Jahr schon lebhafter zu. Strandbars, kleine Tavernen, Wasserskiverleih, Surfschulen. Rund um die Insel weht im Sommer eine gut beherrschbare Brise.

Abends wandelt sich die Insel, aus dem feinsandigen Paradies wird die mystisch Schaumgeborene. Obwohl nicht mit den klassischen Party-Insel Mykonos vergleichbar, hat sich auf Santorin eine kleine Beach-Bar und Club-Szene etabliert. Zum Reingleiten in den Abend bestens geeignet ist das „Kira Thira“. Leckere Cocktails, die Musik ist eher jazzig als elektronisch. Der Besitzer hat in Berlin Kunst studiert und plaudert gern über Kunst und seine Skulpturen. Lauter geht es im nicht weit entfernten Klassiker der Insel zu, dem „Enigma“. Eine in den Bimsstein gehauene höhlenartige Bar mit luftigem Innenhof und kleiner Tanzfläche, auf der sich im Hochsommer Griechen und Touristen mischen. Vor der Tür wimmelt es bis tief in die Nacht von Nachtschwärmern, die Club-Hopping betreiben. Zum Beispiels ins nur ein paar Schritte entfernt liegenden „Studio 33“. Die Tanzfläche dort ist schon vor Mitternacht brechend voll. Aber Vorsicht: Hier läuft ausschließlich griechische Musik, von Urlaubern angedeutete Tsirtaki-Schrittfolgen tragen zur Belustigung aller bei.

Im Dörfchen Oia an der nördlichen Spitze bleibt es das ganze Jahr über verträumt. Der Blick in die Caldera ist ebenso schön wie in Thira, nur schwappen die täglichen Besucherströme aus den Kreuzfahrtschiffen nicht bis hier. Weiß gekalkte, steile Treppen, Weinterassen, blaue Kirchenkuppeln. Auf Santorin teilen sich knapp 8000 Einwohner über 300 Kirchen, viele davon nicht größer als eine Abstellkammer. Allein in Oia gibt es 70. Im Sommer finden hier bis zu 40 Trauungen in der Woche Stadt. Eine Art Las Vegas für Griechen – sie lieben es, sich in dem romantischen Ort das Ja-Wort zu geben.

Vom Hafen aus fahren Boote zu kleinen Inseln, zum Beispiel zum Mini-Eiland „Nea Kameni“. Wörtlich bedeutet das soviel wie „Die neue Heißgeborene“. Tatsächlich steigen hier die Schwefeldämpfe des noch aktiven Vulkans aus dem Boden. Eine Mondlandschaft tut sich auf. Auf dem Nachbarbrocken „Palea Kameni“ („Die alte Heißgeborene“) gibt es heiße Quellen, der graue Schlamm blubbert wie eine Lavalampe. „Sehr gesund“, versichert der Kapitain, seine Passagiere glauben ihm und hüpfen in den zähen Schlick.

Das malerische Oia ist auch die Künsterkolonie der Insel. Wie viele anderen Galerien auch stellt das Künstlerehepaar Stavros und Bella Galanopoulos seine Werke in der Gasse parallel zum Kraterrand aus. Die fotorealistischen, reliefartigen Gemälde spielen oft mit erdigen Materialien – sehenswert. Gleich nebenan hat eine Künstlerin aus Thessaloníki ihre Galerie eröffnet. Sie fertigt filigranen Schmuck aus Lavagestein. Um die Ecke im liegt das „1800“, ein Restaurant mit alten Fresken und stilvoller Atmosphäre. Dimitri ist hier Stammgast. Er ist Bauunternehmer in Athen, aber der Zauber von Santorin hat es ihm angetan. „Ich komme jedes Jahr ein paar Tage her, vor allem, um die neuen Weine zu probieren.“

Wer mit griechischen Wein nur Udo Jürgens und Kopfschmerzen verbindet wird seit ein paar Jahren eines besseren belehrt. Auf dem kargen Boden von Santorin wachsen bei richtiger Pflege hervorragende Traube. Unter den Aussteigern des griechischen Großstadtleben gilt der Weinanbau auf den Kykladen als chic, mittlerweile sind sogar internationale Weinfans auf die jungen Griechen und ihre Weingüter im Landesinneren aufmerksam geworden. Es existieren über 40 gute Sorten, die Tage des harzigen Retsinas sind gezählt. Zumindest auf Santorin.

Während seines Urlaubs wohnt Dimitri im höchsten Dorf der Insel, in Pyrgos. Auf der Fahrt dorthin schwebt man über der tiefblauen Ägäis, kleine Trampelpfade führen zur Steilküste. Das weiße Sonnenlicht geht nahtlos in den hellen Horizont über, alles ist elementar, reduziert auf Erde, Luft, Wasser und Licht. Wie selbstverständlich wirken auf einmal die Geschichten von Göttern, die hier ihr ätherisches Leben führen. Steuert der Sonnengott Helios vielleicht tatsächlich seinen Wagen übers Meer? Reitet er früh Morgens mit seinen flammenden Rösser aus dem Tor seines Palastes, um Abends mit ihnen hinterm Horizont zu landen?

In Pyrgos werden noch heute Häuser in den weichen Bimsstein geschlagen, das ist nicht nur kühl im Sommer, sondern gilt auch als erdbebensicher. Die verwinkelten Kopfsteinwege zwischen den Gebäuden bieten kaum Schatten, Erfrischung gibt es im „Zannos Melathron“, einem Patrizierhaus aus dem 19. Jahrhundert, das zu einer eleganten Residenz umgebaut wurde. Designt hat das Luxus-Hotel Yannis Tseklenis, der gerne als der Philippe Starck der zeitgenössischen griechischen Kunst bezeichnet wird.

Erheblich rustikaler ist Taverne in der die nicht weit entfernt liegenden Ortschaft „Exo Gonia“. Am Eingang sitzt ein alter Mann und lässt seine Bernsteinkette Kugel für Kugel durch die Finger laufen. Dimitri feiert hier in großer Runde den Geburtstag eines Freundes. Oft ist das Essen auf Santorin nichtssagend und dazu noch teuer, hier aber werden die Gäste überrascht. Der knackige Bauernsalat ist mit Kapernblättern verfeinert, die gebackene Keftedes aus Tomaten und Fava-Bohnen sind köstlich. Später gibt es Ouzo für alle in der Taverne. Der Abend aber ist dem Sonnenuntergang an der Caldera vorbehalten. Und wieder taucht die Sonne ins Meer. Ja, es ist kitschig, aber alle wissen nun, warum die Phönizier die Insel „Kalliste“, die Schöne, nannten.

Jörg Auf dem Hövel

 

Santorin

 

Tipps für Santorini

Reisezeit: Saison ist von Mai bis September, ideal sind Mai und Juni, im Juli und August ist die Insel sehr belebt.

Hinkommen: In der Saison dreistündige nonstop Charterflüge von vielen deutschen Flughäfen aus. Für die spektakuläre Hafenankunft bietet sich die Fahrt ab Piräus per Schnellboot (4 Std.) oder Fähre (10 Std.) an. Ab Kreta fahren ebenfalls Schnellboote, die rund 2 Stunden brauchen.

Hotels
Hotel Atlantis, Thira, Tel: 0030-22860 22111 Modernisiertes Designer-Hotel aus den 50er Jahren. Wunderbarer Blick in die Caldera von allen Zimmer und der Frühstücksterrasse aus.

Hotel Ikies, Oia, www.ikies.com. Tel: 0030-22860-71311. Kleine, individuelle Oase am Rande von Oia mit Studios und Maisonette-Zimmern.

Hotel Katikies, Oia, www.katikies.com, Tel: 0030-22860- 71401, das fünf Sterne Hause darf sich seit Dezember 2005 „Small Luxury Hotel of the Year“ nennen. Sehr Exklusiv. Alle 22 Zimmer und Suiten haben private Verandas mit Meerblick.

Zannos Melathron, Pyrgos, Tel: : 0030 2286 028 220, Hotel und Restaurant im ältesten Dorf der Insel.

Villa Manos Karterados, Thira, Tel: 0030-22860-24666 www.villamanos.gr, Preiswert, einfach, gut.

Hotel Kafieris, Firostefani, Tel: 0030-22860-22189 Kleine Appartmentanlage mit Panoramablick, ruhig gelegen, nur 10 Gehminuten von Thira entfernt.

Cheledonias Villas, Oia, Tel: 0030-22860-71287, www.chelidonia.gr Traditionelle Höhlenwohnungen, stilvoll renoviert und ausgestattet. Sehr freundlich geführt von der Österreicherin Erika Möchel und Triantafilos, ihrem griechischen Mann.

Shopping: Des Nachts sind die Gassen der Hauptstadt Thira von den hellen Auslagen der Juwelierläden und internationalen Modeläden erleuchtet. Trendige Läden liegen etwas abseits vom Kraterrand am Treppenweg, der zum alten Hafen hinuterführt. Das benachbarte Oia ist für einheimisches Kunsthandwerk bekannt. Weine am besten direkt beim Erzeuger im Inselinnern erwerben.

Archäologie: Akrotiri, im Südwesten der Insel, ca. 15 Kilometer von Fira entfernt. Ausgrabung einer Handelsstadt aus der Bronzezeit, die vom Vulkan verschüttet wurde. Bis zu drei Stockwerke hohe Häuserfronten wurden schon entdeckt. Dienstag bis Sonntag, 8.30-15 Uhr, Eintritt 3,50 Euro.

Lektüre
Reiseführer: Schönrock/Fohrer, (2006) „Santorini“, einer, vielleicht sogar der detaillierteste Reiseführer.

Merian „Santorin“, März 2004, 7,95 EUR.

Geschichte und Mythos: Walter L. Friedrich, Feuer im Meer, Der Santorin-Vulkan, seine Naturgeschichte und die Atlantis-Legende, Oktober 2004, 50 EUR.

Henry Miller, „Der Koloß von Maroussi“, Rowohlt Verlag. Millers Reisebericht aus Griechenland ­ lesenswert.

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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