Schwitzhuette

Häuptling Bleierne Zunge besorgt es uns richtig

Bewusstseinsveränderung mal anders: In einer Schwitzhütte kann man sich gehen lassen

„Schwitz Dir die Seele aus dem Leib“, raunt mir Manitou zu. Folgsam presst mein Körper noch ein paar Tropfen Körpergifte mehr aus den Poren. Mein Hirn nähert sich der Ohnmacht, wobei das wörtlich zu nehmen ist. Die Hitze ist so stark, dass die ansonsten ewig laufende Maschine im Oberstübchen ihre Arbeit aufgeben will. Hier funktioniert nur noch das Rückenmark – und das reicht, um den Atemvorgang aufrecht zu erhalten. Wo bin ich? Mit Freunden durchlebe ich ein uraltes Ritual: Wir sitzen in einer sogenannten Schwitzhütte in der Lüneburger Heide.
Schwitzhuettencrew

So eine Hütte ist ein witziger Anblick. Als wir im Freibad in Egestorf ankommen steht ein igluförmiges, etwa einsfünfzig Meter niedriges Weidengeflecht auf einem kleinen Hügel im Wald, daneben stapeln sich die Felle toter Kühe. Schon jetzt müsste sich der Esoterik-Freak natürlich fragen, ob das hier alles mit rechten Dingen zugeht. Zunächst schmeissen wir mit dem Bademeister -der uns recht unkompliziert in das Schwitzhüttenritual einführt- die Felle aufs Geflecht. Er erklärt, dass während des Schwitzens nicht geredet wird, es sei denn, man hat das dringende Gefühl die Hütte zu verlassen. Dann sagt man das Zauberwort: „Alle meine Freunde.“ Soweit, so gut.

Neben der Hütte knistert bereits ein Feuer, in welchem Steine erhitzt werden. Um uns neurotische Stadtbewohner schon mal ein wenig auf den Boden der natürlichen Tatsachen zurückzuholen, lässt uns der Bademeister kleine Säckchen mit Kräutern füllen und an ein Band knüpfen. Diese hängen während der Session über unseren Köpfen. „In jedes Päckchen knüpfst Du einen guten Gedanken ein“, sagt der Bademeister. Ich habe bereits nach dem ersten Säckchen vergessen, was ich mit gewünscht habe, aber seit drei Tagen steht ein Ferrari bei mir vor der Tür. Scherz beiseite, wir dürfen nun mit eingezogenen Kopf in die Hütte krauchen und es uns gemütlich machen. Die Damen schüchtern mit Ganzkörperhandtuch, auch die Herren bedecken ihren Schambereich. Reichlich unnötig, denn in der Kate ist es dunkel wie im Arsch eines Grizzlys. Unser Kerkermeister hat die Folterkammer hermetisch abgedichtet. Mit einer Mistforke bugsiert sein schweigsamer Gehilfe (Spitzname: Häuptling Bleierne Zunge) die erste Ladung Steine herein. Dann wird es dunkel.

In unserer Mitte schimmern glühende Steine, auf denen plötzlich Funken knispern. Ich kann nur ahnen, dass unser Meister Kräuter auf die Steine streut. Rauch steigt mir in die Nase und bestätigt meinen Verdacht. Es riecht urwüchsig, brennt aber auch in den heftig Augen. Augen zu und durch. Wasser verdampft hörbar und eine erste Wellte von dampfender Wärme streift über meine Haut. „Das soll alles sein?“, denke ich. Bei weitem nicht, wie sich kurz darauf herausstellt. Das laute Blöcken des Meisters reisst mich aus meinen Gedanken: „Firemaker, open the door please!“, ruft er und Häuptling Bleierne Zunge fummelt am Kuhfell rum. Die alten Steine raus, neue rein. Der Reigen beginnt erneut. Wohlig wird mir, als Saunist trotze ich (noch) der aufsteigenden Hitze. Aber so langsam versagt mein Deo, eine Schweisswelle spült den ALDI-Roller aus den Achseln. Ich streife den lästigen Feudel von Handtuch von mir. Kelle um Kelle Wasser zerbrutzelt auf den Steinen, wird zu Dampf der uns langsam durchweicht. Neben mir schnauft ein Leidensgenosse.

„Firemaker, open the door please!“. Leichte Angst steigt in mir hoch: „Scheisse, noch eine Runde, dass kann der Typ nicht ernst meinen.“ Stöhngeräusche aus der anderen Ecke der Fellhütte sagen mir, dass ich nicht der einzige bin, dessen Körper die weisse Fahne schwingt. Im Schein der glühenden Kräuter sehe ich, dass mir ein Schleimfaden aus der Nase bis vor die Brust hängt. Egal. Ich wische den glibberigen Buhmann ab, er vermischt sich mit dem Schweiss und dem Rasen. Ich kann nicht mehr sitzen. Völlig ergeben lasse ich mich nach hinten sinken, auch, um eine wenig kühlere Luft vom Boden zu schnappen. Ich suhle mich wie ein Bison im Gras, welches sich wunderbar anfühlt. Es herrscht Redeverbot, aber ich möchte schreien. „O.K. Du hast gewonnen!“, will ich Manitou zurufen, „ich ergebe mich!“. Völlige Ergebenheit an Mutter Erde. Wie hiess noch mal das Zauberwort? Obwohl hart zu ertragen, ist das gute Gefühl der erdigen Verbundenheit stärker.

„Firemaker, open the door please!“, klingt es undeutlich in meinem Ohr. Der Bademeister spricht: „Wer will, kann jetzt raus, wer will, kann noch einen weiteren Aufguss mitmachen.“ Ein paar von uns verlassen die Hütte. Ich bin zu schwach überhaupt aufzustehen und denken bei mir, dass jetzt sowieso alles egal ist. Die alten Steine raus, neue rein. Neuer Dampf. Eine mühsame Positionsveränderung im Liegen gibt mir die Möglichkeit an einer Mini-Lücke im Kuhfell Luft zu schnappen. Die Erlebnisse der gesamten Woche rinnen langsam ins Gras – Ausdünstungen der Seele fliessen in den Schoss der Grossen Mutter Erde. Sie, die alles verzeiht und uns neu-gebärt.

Draussen ist Urlaub. Kaltes Wasser spült die interessante Mischung aus Schweiss, Rotz und Gras von meiner Haut. Wir sind uns einig: Eine gute Erfahrung war das. Es fällt das Wort „Neugeboren“. Und das nächste Mal, so scherzen wir, soll er rufen: „Firemaker, roll in the Hash please!“ Und dann wird die Hütte mal richtig unter Dampf gesetzt.

Jörg Auf dem Hövel

 

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Die Indianer Nordamerikas nutzen die Schwitzhütte als Reinigungsritual. Jeder Stamm hat dabei seine eigene Form des Rituals überliefert. Aber auch in Europa wurde schon früh unter Fellen geschwitzt. In Deutschland gehen manche Anbieter von Schwitzhüttenritualen puritanisch nach indianischem Muster vor, andere sehen das eher locker. Punks bauen ihre Hütten beispielsweise nicht mit Kuhfellen, sondern alten Teppichen. Hier entscheidet die persönliche Vorliebe. Eine Schwitzhütte ist nicht schwer zu bauen, gut beschrieben findet sich das im Internet unter http://www.welcomehome.org/rob/sweat/sweat.html.

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Mann Jörg – genau so is`es mir auch ergangen! Nur das unser Codewort wirklich mit Gras zu tun hatte;)
    Bist herzlich eingeladen am 20.Mä.16, 47°32’52.38″N, 8°33’43.26″E
    Ottl

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