Gefahr im Paradies – Das Reiseziel Thailand im Wandel

HanfBlatt, Nr.103, September 2006

Gefahr im Paradies

Thailand gilt trotz Kommerz und Prostitution als kommodes Reiseland. Aber der Traum vom Travelerparadies zerbröselt langsam, denn undenkbares geschieht: Thailändische und europäische Geschäftsleute bekriegen sich, auf den Urlaubsinseln kommt es zu Vergewaltigungen, die Polizei jagt Kiffer.

Zwei Opas hocken auf dem Boden und sortieren ihr Gepäck. Nach der Reinraum-Atmosphäre des Flughafen München wirkt der Bangkok Airport wie ein vernachlässigter Busbahnhof. Eine Halle weiter gießt eine US-Althippiefrau mit dem Wasser aus ihrer Trinkflaschen die Plastik-Blumen, vor der Tür singen junge Soldaten leise Thai-Lieder und kichern, dazu taktet ein Verkehrs-Polizist mit seiner Trillerpfeife. Über der Szenerie hängt eine ultraschwüle Dunstglocke, wir sind glücklich, wir sind durch den Zoll, wir sind angekommen. Mal wieder Thailand gebucht.

Wir rasen mit einem Taxi in die Stadt, über uns, in einer zweiten Etage, die Gebühren-Autobahn. Drogen sind verboten, aber auf dem Nachtmarkt am Patpong stieren viele Thais aus Speed-Augen fröhlich-angepannt in der Gegend rum. Touris wie wir sind Beute, man versucht uns in eine Ping-Pong-Show zu zerren, aber meine Freundin hat wenig Lust darauf, Tischtennisbälle mit dem Druck südlich gelegener Organe durch den Raum schießen zu sehen. Wir lassen uns lieber weiter durch die Nacht treiben.

Am nächsten Tag: Weiterfahrt nach Ko Chang, einer Insel vor der Küste von Kambodscha, die noch zu Thailand gehört. Touristisch voll erschlossen ist das Leben gleichwohl angenehm, wer ruhige Ecken sucht, der findet sie im Süden der Insel. Entspannung, Lesen, Schwimmen im klaren Wasser, frischer Fisch. Alles gut und schön, aber ich träume des Nachts heftig und habe meine Medikamente vergessen.


Strand auf Ko Chang

Die Bar am Lonely Beach muffelt, aber hier Essen wir den besten „Fried Rice“ der Reise. Ein gekonnt in den Sitzpolstern hängender Australier hört sich mein Leiden an. Der Mann lebt seit drei Jahren in Thailand und stimmt mir zu, dass Inhalations-Kräuter gegen meine vielen Träume helfen sollten. Zufällig hat er eine Probe dabei. Australisches Killer-Weed, meine Freundin schläft gleich ein, ich versinke in Gesprächsfaulheit. Tropische Hitze und Jetlag. Der Mann murmelt von den Problemen, die in Thailand mittlerweile herrschen, wenn man Gras erwerben möchte.

Ein Barkeeper, der aussieht als hätte er Bob Marley das kiffen beigebracht, schüttelt entgeistert den Kopf. „No Weed, no“, sagt er und umgeht weitere Nachfragen. Weitere Bemühungen um ein Pfeifchen sind erfolglos. Was ist los in Thailand, dem Ballermann für Traveller? Wo ist der Treibstoff allen lässigen Daseins? Die Antwort liegt im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umbruch, den das Land seit einigen Jahren erlebt.

Bis 1994 qualmen auf den legendären Full-Moon Parties auf der Insel Ko Phangan die Chillums, Rave-, Naturliebhaber und Drogenfreaks aller Länder versammeln sich bei Vollmond am damals noch wunderschönen Hadrin-Beach und feiern das Leben und die Liebe. Aber es kommt wie so oft: Die Vermassung der Veranstaltung führt zu Problemen. Schon 1999 empfinde ich Hadrin als dreckiges Nest, indem sich brunstige Halbstarke aneinander schubbern. Polizeikontrollen sind obligat, aber den Herren geht es nicht um Ordnung, sondern um Geld. Hunderte von Party-Kleinkiffern sitzen seither immer wieder in den Gefängnissen Thailands.

Im Jahre 2003 kommt es dann zu einer politischen Aktion, die bis heute vor allem in den Köpfen der Thais nachwirkt, die sonst eine eher lässige Einstellung gegenüber Genussmitteln pflegen. Premierminister Thaksin Shinawatra ruft seine „Antidrogenkampagne“ aus. Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit tötet die Polizei und das Militär daraufhin zwischen 2003 und 2004 mehr als 2500 Menschen. Die junge Demokratie Thailands kommt in solchen Momenten ohne rechtsstaatliche Verfahren aus. Aus Sicht der Regierung sind dies alles „Drogenhändler“, Menschenrechtsorganisationen bezweifeln das.

Denn: Die Säuberungsaktionen wütet vor allem im Süden der Republik. In diesen hautpsächlich muslimischen Povinzen des Landes herrschen seit Jahren bürgerkriegsähnlichge Zustände. Mindestens 1500 Menschen sind hier bei Bombenanschlägen und bewaffneten Auseinandersetzungen umgekommen. Oft ist unklar, wer hier wann gegen wen kämpft. Die Regierung in Bangkok hat die Kontrolle verloren und flüchtet sich in Gewaltakte und Ausreden. Fakt ist: 1902 annektiert Siam das südliche Königreich Pattani, eine umfangreiche kulturelle Kolonialisierung fand statt, die Malaien mussten Thai-Namen annehmen und wurden auch wirtschaftlich unterdrückt. Heute gehört die Region zu den ärmsten im Land.

Parallel dazu ändern sich auf den klassischen Urlaubs-Inseln und der Küstenregion rund um Phuket die Spielregeln. Ko Samui, eine Insel im Golf von Thailand, die rund ein Drittel so groß wie Rügen ist, wird jährlich von mehr als eine Millionen Urlaubern frequentiert, 60 Prozent davon kommen aus Großbritannien. Sie treffen auf knapp 30.000 Insulaner. Die Probleme häufen sich seit es Ausländern („Farang“ genannt) erlaubt ist Grundstücke zu erwerben. Innerhalb der letzten vier Jahren sind über 30 Prozent des Grund und Bodens an Ausländern übergegangen. Hotels, Bars, Villen, Ressorts: Die Lebensgrundlage der Thais wandert langsam in fremde Hände.

Neid kommt auf. Vandalismus, Einbrüche, Überfälle, früher auf Ko Samui äußert selten, mehren sich. Seit 2005 kam es zu mindestens drei Vergewaltigungen, im Januar diesen Jahres wird die 21-jährige Britin Katherin Horton missbraucht und anschließend getötet. Zwei Fischer , die nicht von Ko Samui stammen, gestehen den Mord, sie werden in einem kurzen Prozess zum Tode verurteilt und warten seither in der Zelle auf ihre Berufungsverhandlung.


Südküste von Ko Samui

Ein Team von Polizisten aus Bangkok reist an, der alte Polizeichef wird gefeuert. Aber auch die wissen: Auf Ko Samui stehen inzwischen reiche einheimische Familien und Ausländer im versteckt geführten Kampf. Und: Das asiatische Naturell konfrontiert sich und andere nur äußerst ungern mit Problemen. Zeitungen werden zu freundlichen Berichten gezwungen, die Arbeit von Journalisten vor Ort behindert.

Cannabis gehört seitdem die ersten Hippies die weißen Sandstrände Thailands entdeckten zum Service-Paket der Thailänder hinzu. Das „You name it, we got it“ stieß nur dann auf Grenzen, wenn Polizei in der Nähe oder zu große Mengen geordert wurden. Der Schmusekurs scheint vorbei, denn mit dem Zuzug von immer mehr Fremdlingen nimmt auch die Bereitschaft zu, diese als unliebsame Konkurrenz zu identifizieren.

Schusslinie

Auf dem Rückweg nach Deutschland hauen wir uns noch eine Nacht in Bangkok um die Ohren. Mittlerweile für das Thema sensitiv erfahre ich, dass erst vor zwei Wochen eine Frau aus dem australischen Brisbane vor einem Club im Stadtteil Kanchanburi erschossen wurde. Die Backpackerin geriet in die Salve eines Motorradfahrers, der im Vorbeifahren blindlings in die Menge schoss. Der englische Inhaber des „Up2You“ will von nichts wissen, aber die Gerüchte in der Stadt sprechen schon lange von rivalisierenden Gastro-Banden.

Die Ereignisse treffen Thailand in einer stürmischen Zeit. Korruptionsskandale, ständige Neuwahlen, abdankende und wiederkehrende Premierminister, Verfassungskrisen. Dazu Wahlstimmenkauf, Korruption, Vetternwirtschaft. In Thailand ist es üblich, Aufträge an die Verwaltung mit kleinen Geschenken zu versehen. Reibungslosigkeit soll garantiert werden.

Auf dem Weg zum Bahnhof geraten wir in eine der vielen Demonstration, die seit Monaten Bangkok immer wieder lahm legen. Auslöser der Massenproteste waren Aktiengeschäfte der Familie des Premierministers. Der ohnehin millionenschwere Unternehmer-Clan hatte seine Anteile des Telekommunikationskonzern Shin Corp an Temasek Holdings, eine Staatsholding aus Singapur, verkauft. Der Wert des Pakets: satte 1,6 Milliarden Euro. Der Clou: Weil nur Privatpersonen agierten, war der Handel nach thailändischem Recht auch noch steuerfrei. In den Augen vieler Thailänder brachte dies das Fass zum Überlaufen, gab es doch seit längerem Vorwürfe gegen Thaksin, seine Amtsgewalt zu missbrauchen, um sein Vermögen und das seiner Günstlinge zu mehren. Heute besteht in Thailand eine allzu enge Verbindung von staatlicher Macht und Großkapital.

Das südostasiatische Land hat in den sechs Jahrzehnten unter König Bhumibol 15 Verfassungen, 18 Staatsstreiche und 25 Regierungschefs erlebt. Jüngst wurde Thaksin Shinawatra aus dem Amt gejagt, eine Militär-Junta leitet das Land und verspricht Wahlen im Oktober 2007. Der König war der einzige Fixstern, an dem sich die Bevölkerung in turbulenten Zeiten orientieren konnte, die Verkörperung des nationalen Stolzes. Noch bestimmt das freundliche Lächeln dem Umgang der Thais untereinander und mit den Gästen. Aber der Einfall devisenstarker Westler und die unausgereifte demokratische Streitkultur werden nicht für ewig von dem Walten Bhumibols überdeckt werden können.

Das Verhalten des Kronprinzen jedenfalls gibt Anlass zur Sorge. Der 53 Jahre alte Offizier hat meistens seinen Hund „Fufu“ dabei, der im Dienstrang eines Hauptmanns steht und bei wichtigen Anlässen in Galauniform und Lackstiefelchen auftritt.

 

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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