Wem hilft körperlich-geistiges Kombinationstraining?

In Hamburg eröffnet eine Muckibude für Körper und Geist

Erschienen in der Telepolis v. 24.01.2014
Von Jörg Auf dem Hövel

Fitness ist eine Aufgabe. Die einen mühen sich, ihre Körper in Form zu halten, die anderen bemühen sich, mit immer neuen Geräten und Trainingsmethoden den Beweis des ewigen Fortschritts in ihrem Sektor anzutreten. In Hamburg hat mit mei:do nun ein Fitness-Center eröffnet, das mit einem physisch-psychischen Kombinationstraining wirbt. „Schwitz dich schlau“, heißt es auf den Plakaten der städtischen Bushaltestellen. Geboten werden soll ein Programm, das „mentale Fitness, Bewegung, Entspannung und Ernährung zu einem integralen, effektiven Präventionsprogramm“ vereint.

Erste Reporter haben sich vorgewagt und berichten vom Balancieren auf einem Wackelbrett bei gleichzeitigem Absolvieren eines Geschicklichkeitsspiel auf dem iPad. Zudem wurde eine Art Memory gespielt. Das Center selbst behauptet, wie viele Anbieter von Gehirntrainingssoftware auch, das ein gezieltes Training des Gehirns dessen Leistungsfähigkeit erhalte. Man beruft sich auf die Cogito-Studie der Akademiegruppe „Altern in Deutschland“. Leider ist es so klar nicht. Bislang waren sich Wissenschaftler weithin einig, das „Gehirnjogging“ eben nur die speziellen Fertigkeit verbessert, die trainiert wird, nicht aber die allgemeine mentale Fitness. Der sogenannte Transfereffekt bleibt aus. Noch 2009 hatte eben genau die genannte Expertenrunde „Altern in Deutschland“ daher behauptet, dass Gehirnjogging im Alltag keine Wirkung hat.

Nun gibt es seit einiger Zeit vorsichtige Hinweise durch die Arbeiten von Susanne Jaeggi und Ulman Lindenberger auf einen möglichen Transfereffekt, wenn die Teilnehmer intensiv und über einen längeren Zeitraum (100 Tage) ein spezielles Training für das Arbeitsgedächtnis absolvieren. Wie üblich müssen diese Experimente wiederholt und bestätigt werden.

Was bleibt? Die Studienlage ist mittlerweile eindeutig: Neue Eindrücke, geistige Aktivität, soziale Kontakte und eben auch körperliche Bewegung führen zum Wachstum neuer Nervenzellen. Neurogenese ist das Zauberwort. Diese frischen Neuronen sind, so scheint es, sensibel dafür mit neuen Eindrücken bespielt zu werden. Die These „Neue Nervenzellen = Neue Erinnerungen“ ist zwar naheliegend, aber nicht unumstößlich, denn die Neuronen könnten ja durchaus einen Verbund mit alten Nervenzellen eingehen, die keine entscheidende, kognitive Funktion haben. Anders formuliert: Wie man neue Nervenzellen verlässlich zu Bausteinen erweiterter Hirnfunktionen macht ist noch unklar.

Ebenso unklar ist, ob nun die von mei:do propagierte zeitnahe Kombination von Hirn- und Körpertraining Effekte zeigt, die über die Wirkung isolierter Trainingseinheiten hinaus geht. Es gibt durch die jüngste Arbeit von Daniel M. Curlik und Tracey J. Shors (Abstract) vorsichtige Hinweise darauf, dass ein Synergie-Effekt von körperlichem und mentalem Training bestehen könnte. Allerdings werteten die Wissenschaftler für ihre Studie nur die Daten von Tierversuchen aus. Zur Zeit ist die wissenschaftliche Basis für eine Propagierung eines Kombinationstraining bei Menschen dünn.

Um es mal positiv zu wenden: Schaden wird so ein Training wohl nicht. Zumal kein Quiz-Boxen angeboten wird und man sich nach Aussage der mei:-do Geschäftsführerin Kathrin Adlkofer darum bemüht, die Kunden zu einer umfassenden, gesunden Lebensführung zu bewegen.

Erschienen in der Telepolis v. 24.01.2014

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