Lob der Übertragung. Die Kunstwerke der Ulrike Willenbrink

Für den Austellungskatalog „Werkknospen“, Hamburg 2003.

Lob der Übertragung Spannend wird es immer dann, wenn das Rätsel in einem Bild kein Denksport ist. Vor einem Bild von Ulrike Willenbrink stehen – dies strengt nicht den Kopf an, sondern lässt den inneren Ausguck rufen: „Land in Sicht!“. Alles weitere ist Schöpfung, anders gesagt, eine Geschichte, gebildet aus zwei Ideen, die sich finden. Es amalgieren das visuelle Gefühl der Künstlerin und der launig-deutende Plan des Betrachters. Was dabei rauskommt? Dichtung und eben auch ein Stück persönliche Wahrheit; wohlgemerkt eine Wahrheit, die man lächelnd ertragen kann.

Aber werden wir ruhig etwas konkreter. Am Anfang ist das gezeichnete Wort, gedruckt beispielsweise in einer orientalischen Zeitung, von Willenbrinck kaschiert auf Pappe. Diese Erzählung bildet den greifbaren Hintergrund, die haptische Basis vieler Bilder. Wer lustig ist, darf hier fragen: Sollte das Geheimnis des Werkes in diesem kalligraphischen Code aufbewahrt sein? Mitnichten, oder sagen wir lieber: nicht nur. Denn auf diese exotischen Buchstabensuppe folgt die Umwandlung der willenbrinkschen Umwelt: Gerüche, Pollen- oder Funkenflug, das Lächeln der Nachbarin – oft lässt sich auch eine geflügelte Tortenboden- Ornamentik auf dem Bild nieder. Ebene auf Ebene, Collage auf Collage, so erzählen Schichten die Geschichte, wobei die transparente Übermalung den Blick auf den Grund des Bildes frei hält.

Ein Titel muss nicht die inhaltsschwere Grundaussage eines Werkes repräsentieren. Im Gegenteil, die vermeintliche Tiefsinnigkeit einer Benennung ist oft nur Merkmal einer andauernden Krisenstimmung des Künstlers. Willenbrink geht anders vor: Sie malt, inspiriert beispielsweise von einer Reise nach China, und während der Gestaltung läuft ihr der Titel zu. Glaubt man den Aussagen der Künstlerin, muss sie dabei oft lachen. In der Folge verändert der gewonnene Titel die weitere Schöpfung des Werkes. So ist er für Willenbrink wie für die Rezipienten seltener Hilfestellung als vielmehr Schmunzelanleitung.

Ist eine Kaffeetasse komisch? Für Willenbrinck schon. Oder um es mal anders herum zu sagen: Wer das Leben ernst nimmt, dem seien diese Bilder als therapeutische Wärmflaschen ans Herz gelegt. Das uns umgebene „Leben unter der Woche“ wird hier im Detail aufgelöst und anschließend lächelnd gewendet, so für uns gedreht, dass die verschüttete Wunderlichkeit neu zu Tage tritt. So was nennt sich Ironie des Alltags.

Jörg Auf dem Hövel

 

 

WALDFEE

WALDFEE (Ulrike Willenbrink, 1999, Mischtechnik auf Papier 67 x 97 cm)

 

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Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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