Der Verheimlicher

Kiffer-Typen XIII

Erschienen im Highway Magazin

Der Verheimlicher

Meist gibt es gute und schlechte Gründe für eine Tat. Etwas zu verheimlichen, das gilt zwar seit Kindertagen als falsch, Ehrlichkeit wird groß geschrieben. Auf der anderen Seite gehören kleine Geheimnisse zum gesunden Alltag. Der Kiffertyp, dem wir uns dieses Mal zuwenden, hat eine grundsätzliche Entscheidung getroffen: Es geht niemanden etwas an, ob und wieviel er kifft. Mehr noch, er achtet sehr darauf, dass sein Hobby unentdeckt bleibt.

Der Tag fängt für unseren Mann immer stressig an. Gleich nach dem Aufwachen tappst er leise aus dem gemeinsamen Schlafzimmer auf den Balkon, um die erste Pickel-Pipe durchzuziehen. Da geht die Sonne auf. Zurück in der Küche setzt er den Kaffee für sich und seine Freundin auf, das törnt nicht nur, sondern übertüncht auch den rauchigen Odor. Ziemlich stoned tritt er neben das Bett, „Guten Morgen, Schatz.“. Damit nimmt ein Tag seinen Anfang, in dessen Verlauf unser Freund immer breiter wird und zugleich zusieht, dass sein soziales Umfeld davon nichts mitbekommt. Im Grund muss er auch deshalb immer wieder nachrauchen, um den Stress der Verheimlichung zu kompensieren.

Vor ein paar Jahren, mit 17, da war es cool, die Kifferei vor den Eltern geheim zu halten. Sein Vater war zwar ein lockerer Typ, aber alles musste der auch nicht wissen. Seine erste Freundin kam aus einem erzkatholischem Haushalt, undenkbar mit ihr Äpfel zu klauen, geschweige denn Hanf vom Feld zu ernten. Er versteckte den Bong im Schrank. In der Fußballmannschaft wurde viel Bier und Schnaps getrunken, Kiffer galten als Looser. In der Schule herrschte Dämonisierung statt Drogenaufklärung. Man glaubte der Geografielehrerin, als sie davon sprach, das „Hasch spritzen sofort süchtig macht“. So wurde für unseren Kiffertyp aus der kleinen Geheimnistuerei ungewollt eine Passion.

Die Anstellung bei einem Immobilienmakler festigte seine Vorsicht. Ständig in Anzug und Krawatte, der Chef ein cholerischer Alter, der, warum auch immer, eine Abscheu gegenüber der Welt und seinen Bewohner aufgebaut hatte. Das passte so gar nicht in die weich-bunte Welt, die unser Freund in seinem Kopf hegte. Überhaupt schien der Arbeitsalltag die beste Begründung für seine Heimlichtuerei zu sein. Denn aufgrund der Kriminalisierung des Besitzes und Stigmatisierung des Konsum ist es für niemanden in Deutschland eine gute Idee, sein Hobby auf einer Weihnachtsfeier öffentlich kund zu tun. Man sieht: Die meisten von uns sind Verheimlicher, weil sie gar nicht anders können. Wer zudem noch in einer Firma oder Branche arbeitet, in der Urinkontrollen gang und gäbe sind, der muss auch noch ständig auf die Sauberkeit seiner Abgänge achten. Ganz zu schweigen von Führerscheininhabern, denen nicht zugetraut wird, Fahren und Kiffen zu trennen und die daher ebenfalls in ständiger Angst vor einem Führerscheinentzug leben. Das muss man alles erst mal erfolgreich verdrängen, die Republik gebiert innerlich verhuschte Gestalten.

„Heimlich“, das kommt von Heim, dem häuslich Vertrauten also. Das Private ist unmodern, gleichwohl gibt es für die Wahrung der Intimsphäre gerade in Zeiten von Google, Facebook & Co. gute Gründe. Was unser Freund nämlich nicht weiß: Google hat aus seinen Surfverhalten schon lange errechnet, dass er täglich zwei Gramm Cannabis konsumiert. Das Diskrete hat wenig Chancen heutzutage, die offene Zurschaustellung jedweden mentalen Furzes im Netz hat schleichend zu einer Kontrollgesellschaft geführt, in der jeder jeden überwacht. Das weiß unser Mann grundsätzlich sauber zuzuordnen, gleichwohl sind die Übergänge zum Paranoiker fließend.

Einen großen Fehler hat unser Kiffertyp gemacht: Er hat über seine Verschwiegenheitsstrategie ganz vergessen, dass er nichts Böses tut. So wurde aus Vorsicht langsam der schlechte Berater Angst und er hat sich niemanden anvertraut. Weder Freundin, noch Familie, noch Freunden. Gemeinsames Erleben und Gespräche über dasselbe sind aber ein hoch einzuschätzender Faktor im Konzept des mündigen Drogenkonsums. Und alleine kiffen macht vielleicht Spaß, aber herzhaft lachen tut man mit sich selbst im Raum bekanntlich seltenst. Ein verklemmter Typ ist unser Kiffertyp deswegen nicht. Er hat seinen Frieden mit der Situation geschlossen, die Verborgenheit ist zum gut gehegten Teil seiner Persönlichkeit geworden.

 

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Der Ignorant. Oder auch: Der Kiffer, dem man nichts anmerkt

Kiffer-Typen XII

Erschienen im Highway Magazin

Der Ignorant. Oder auch: Der Kiffer, dem man nichts anmerkt

In den alten weisen Schriften wird die Gelassenheit gelobt. Und auch die moderne psychologische Ratgeberliteratur sieht in der inneren Ruhe den Quell der Kraft, aus der sich die geglückte Existenz speist. In der umsetzbaren Realität ist man dadurch zu mindestens zweierlei gezwungen. Zum einen gilt es, den Müllhaufen des eigenen, eventuell verpfuschten Lebens zu akzeptieren, zum anderen der neo-liberalen Logik zu folgen, dass immer wir selbst es sind, die sich ändern müssen, nicht das System. Auf unheilvolle Weise arbeiten hier Vulgär-Buddhismus und Kapitalismus Hand in Hand. Allerdings hat der Kiffer, den wir heute betrachten, einen dritten Weg gefunden: Er merkt nichts oder man merkt ihm nichts an. Es ist ein Wunder, wie eng beieinander Stoizismus und Abgestumpftheit liegen können. Um das Ende vorweg zu nehmen – es bleibt die Grundlage der Cannabisignoranz oft offen: Nimmt die Körpergeisteinheit etwas unbewusst oder absichtlich nicht zur Kenntnis?

Die Party läuft gut. Kein Gin-Basil oder ähnlicher Schnickschnack, es gibt Bier und Hasch. Unser Kiffertyp sitzt auf dem Küchenstuhl und rollt mittlerweile die dritte Tüte ein. Dabei ist es erst 20:30 Uhr. Er parliert mit der Gastgeberin, ordnet den Käseigel neu und holt sich ein frisches Bier vom Balkon. Die vorherigen zwei Joints hat er mit Partygästen geteilt, er gibt gerne, nicht zuletzt, weil er es liebt, andere Leute stoned zu sehen. Ihm selber scheint das Dauerfeuer auf seine Synapsen nichts auszumachen, und dieses Phänomen begleitet ihn schon seit Leben lang. Früher, ja früher, in den Anfängen seiner Kifferkarriere, da hat er vorsichtig am Bong gezogen und sich später gewundert, dass die Leute reihum ins temporäre Nirvana eingetaucht sind. Er dagegen verspürte ein Jucken der rechten Fußsohle. Seither ist dies für ihn selbst und auch für andere, aufmerksame Beobachter das einzige Zeichen dafür, dass er bekifft ist. Er kratzt sich kurz die Fußsohle.

„Und nun Einen zum Aufklaren!“, sagt er gegen 4:00 Uhr. Gegen 5:00 Uhr verlässt unser Freund als einer der letzten Gäste die Party. Tanzen war und ist nicht so sein Ding, er unterhält sich lieber angeregt über Gott und die Welt. Die Interessen sind vielfältig, meist spiegeln sie die Interessen den Gegenübers wieder. Auf dem Nachhauseweg kommt er kurz ins Denken und wünscht sich den Kontrollverlust, der sich nicht einstellen will. Er hat es schon mit einer Überdosierung versucht. Aber das führte nur zur Stasis, einer Art Schockstarre, die sich aber durch keine Blässe oder andere körperlich sichtbare Merkmale Bahn brach.

Grundsätzlich lassen sich zwei Sub-Kiffertypen unterscheiden, Hybride sind möglich. Der, dem man nichts anmerkt, bei dem aber innerlich die Post abgeht und der, der tatsächlich selbst nichts merkt. Letzterer ist oftmals der oben beschriebene Dauerkiffer. Durch Jahre währende Übung ist er zu einem Typ geworden, bei dem man nicht mehr unterscheiden kann, ob er abgehärtet oder gefühlsarm ist. Bei ihm ist es dann oftmals anders herum: Im nüchternen Zustand wirkt er fahrig und sucht nach Worten, total breit wirkt er normal. Man sieht, die Typologisierung dieses Kiffertyp hängt auch an der Außenwahrnehmung. Seine Freunde kennen ihn nur THC-geschwängert und fragen sich manchmal, wenn sie da kennen.

Die Freundin dieses Kiffers hat ihn im Grunde auch nie in das Wesen geschaut, das er ohne stete Intoxinierung ist. Einmal, nach einer schweren Lungenentzündung, setzte der gute Mann mit dem Kiffen aus. Seine Freundin war so verwundert über den lebhaften Typen, der da neben ihr durch den Biomarkt hetzte und mit Kommentararien die abendlichen Netflix-Session belegte, dass sie ihn nach einer Woche bat wieder mit dem Kiffen anzufangen. Wie man macht ist verkehrt.

Der andere Kiffertyp ist noch spezieller. Seine Reaktionen auf THC sind äußerst sensibel, aber das freie Assoziieren will nicht herausbrechen, oft steigert das soziale Umfeld noch die Unsicherheit. Dann doch lieber nichts sagen. Hier droht das Abdriften in den Horrortrip, denn wie wir wissen sind die unbewussten Pferdekräfte im Zweifelsfall stärker als der Wille, sie im Zaum zu halten. Es sind meist die Kontrollfreaks, die Probleme mit der Abfahrt vom Hanfhügel haben. Von Außen sieht das ruhig aus, wenn ihn nicht die Schweißperlen auf der Stirn verraten würden. So mummelt sich dieser Kiffertyp lieber zu Hause in die Decke ein und wartet, bis es vorbei ist. Die Möglichkeiten, das Leben zu genießen sind vielfältig.

 

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Die Kifferfreundin

Kiffer-Typen XI

Erschienen im Highway Magazin

Die Kifferfreundin

Wie männlich dominiert die Kultur und Sprachkultur noch immer ist, merkt man alleine am Titel dieser Serie. Die hier spaßig beschriebenen Kiffertypen waren dann auch allesamt männlich. Nun kann man argumentieren, dass die Leidenschaft für Cannabis vor allem Männer umtreibt, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Der Autor ist selber Mann, biologisch, vor allem aber auch per Erziehung, und hat diese Prägung in die Serie eingebracht. Etwas zerknirscht widmet er sich daher nun dem Typus der „Kifferfreundin“ zu, die schon per Definition zum nachgeordneten Anhang des Mannes zu werden droht; sicher eine Verdrehung von gelebter Beziehungswirklichkeit. Dies vorweg gestellt darf wacker ironisiert werden.

Kluge Paare haben gemeinsame Hobbys, glückliche Paare nicht. Die Frau oder Freundin eines Kiffers sattelt seltenst das gleiche Pferd wie ihr Mann, um mit ihm durch die Rauschprärie zu reiten. Bestenfalls kann sie gut drehen. Ansonsten hält sie sich aus den Liebhabereien des Mannes raus und betrachtet die nichtsnutzigen Luschen, die ihren Mann zum Kiffen und Spaß haben im gemeinsamen Haushalt besuchen, eher mit Argwohn. Sicher, sie hat versucht sich ihnen anzunähern, aber der Kifferhumor, der mehr auf Absurdität und Trash setzt, als auf ausgefeilten Wortwitz, ist ihr fremd geblieben. Wenn es gut läuft, bringt sie Schnittchen in den Partykeller, wenn es schlecht läuft, mahnt sie gegen Mitternacht die Gäste zum Aufbruch.
So entspricht sie im Zweifelsfall eben doch dem Klischee. Hier der wilde Krieger, der mit dem Kopf durch die Wand immer auf der Suche nach rauschhaften Erfahrungen ist, da die ausgleichende Hüterin des Heimes, die sich ungern aus der Wirklichkeit rauskegelt.

Wie haben die beiden sich kennen gelernt? Ironischerweise genau in dem Moment, als er einmal versucht hatte, vier Wochen kein Dope anzurühren. Das hat natürlich nur vier Tage geklappt. Am letzten Abend überredeten ihn seine Freunde zum Ausgehen, es folgten Clubbesuch, wummerte Bässe und Gin-Tonic. Er sah sie, sie ihn, man sprach, brüllte gegen die elektronischen Klänge und war angetan. Sie gab ihm ihre Festnetznummer. Festnetz! Da war es um ihn geschehen. Am folgenden Tag war er so aufgeregt vor dem Anruf, dass er zur Beruhigung einen durchziehen musste. Das hat dem Gesprächsfluss keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Er war belebt, wiederbelebt sogar nach Jahren der weiblichen Abstinenz. Der Rest ist die Geschichte einer Liebe.

Für die Freundin eines Kiffers gibt es nur zwei Möglichkeiten: Akzeptanz oder Ignoranz. Ändern kann man den Kerl sowieso nicht, Rettungsversuche oder gar therapeutische Maßnahmen sollten unterlassen werden, sie stören nur sein über Jahre erarbeitetes Gleichgewicht, das sich aus den Komponenten Genügsamkeit, Verschrobenheit und Vorfreude aufs Wochenende zusammensetzt. Dem dauerhaften Ignorieren seines krümeligen Hobbys wohnt die Gefahr inne, im Inneren dann doch Abneigung anzuhäufen, die sich dann auf Nebenschauplätzen Bahn bricht: „Wir brauchen drei Kisten Sprudel und wenn meine Eltern nächste Woche zu Besuch kommen, dann kann das hier nicht so unaufgeräumt aussehen!“.

So ist die Kifferfreundin zumeist doch eine Abstinenzlerin. Das wurmt den Kiffer, aber die Alternative will im Grunde keine Mann länger an seiner Seite wissen: Die weibliche Feiersau, die die Kumpels vom Bong wegdrängelt und ihre Backenzähne aufgrund Jahrzehnte währender Freshflashattacken nebst mangelnder Zahnpflege bereits eingebüßt hat. Zunächst ist es eine tolle Sache, wenn die neue Freundin in der Lage ist, auf dem Hip-Hop-Konzert mitten in Menge einhändig veritable Joints zusammen zu rollen. Das erhöht die credibilty enorm. Und Liebesbeziehungen sind ja immer auch Assimilationsprozesse an den vom Partner eingebrachten Freundeskreis. Auf längere Sicht feiern sich solche Paare oftmals aber nicht nur ins Abseits gesellschaftlicher Konventionen (das wäre ja schön), sondern betreiben körperlich-geistigen Raubbau. Sich gut ergänzen muss nicht heißen, die wirrsten Eigenschaften zu summieren. Nebenbei gesagt sind Powercouples ja ohnehin eher unsympathische Zeitgenossen. Der berauschte Tanztee findet ohnehin meist sein Ende, wenn Kinder geboren werden. Dann wird aus der Kifferfreundin die Kiffermutti – und die hat zumeist mit einem Mann zu kämpfen, der aus gutem Grund nicht erwachsen werden will. Aber es hilft kein Jammern, denn aus der Rumpelkammer wird ein muckeliges Kifferheim werden.

Das weibliche Geschlecht, Entschuldigung, die Geschlechtsrolle Frau ist noch immer vom Traum der Familie unter einem Dach beseelt. Das mag zu Schul- und Studien- sowie in Zeiten allgemeiner Festlegungsschwäche nicht gleich sichtbar sein, dem Kiffer sollte es allerdings spätestens schwanen, wenn die Zahnbürste der Freundin dauerhaft im WG-Badezimmer Einzug gehalten hat. Natürlich gibt es Ausnahmen: So sind männliche Kiffer aufgrund ihrer eingehauchten Empathie als Übergangslösung prädestiniert. Der alte Mann geflüchtete, der neue Ryan Gosling noch nicht in Sicht. So sucht sich die Kifferfreundin den frauenverstehenden Notnagel. Der darf kochen, kuscheln und das psychische System neu kalibrieren. Na, vielen Dank. Dann ja doch lieber die Feiersau.

 

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Der Minimalist

Kiffer-Typen X

Erschienen im Highway Magazin

Der Minimalist

Man stelle sich ein Häuschen vor, aus Holz zwar tatsächlich, aber teerpappengedeckt, gelegen in einem Waldstück zerupfter Fichten, eher einer Industriebrache ähnelnd als einem idyllischen Bergweiler. Mehr Schrebergarten als denn Haus am See, der Garten wild, die Brennnesseln sprießen friedlich neben den Bauernrosen, der Schlafmohn wie zufällig neben dem Flieder. Der Schuppen windschief. Kein Autoauffahrt stört das friedliche Bild. Hier wohnt der Kiffer-Typ, den wir heute betrachten wollen: Der Minimalist.

Das kleine Häuschen, von Vogelmiere überwuchert, hat er vor zehn Jahren von seiner Oma geerbt. Seither lebt er von einer kleinen Leibrente inmitten schmackhafter und psychoaktiver Nachtschattengewächse und Kräuter. Neben Hanf wächst auf dem Grundstück diverses Gemüse im Hochbeet, wovon er gerne die Hälfte den Schnecken überlässt. Angst vor Entdeckung hat er in heimischen Gefilden nicht, die Nachbarn kennen und schätzen den liebenswürdigen Freak. Sein Rauchmischungen oder Tees helfen der Gesundung von den selten vorkommenden, maladen Zuständen unseres Freundes. Er hat geschafft, wovon viele Träumen: Er beschränkt sich auf das Wesentliche im Leben.

Nippes, Tinnef, Krimskrams? Fehlanzeige. Alle ihn umgebenden Dinge haben eine klare Funktion. Wiederverwertung steckt ihm im Blut, er braucht wenig, er verlangt wenig. Dem Rauschhanf ist er seit der Schulzeit zugetan, schon damals wurde sparsam aus der Pickel-Pipe gekifft. Heute fängt er nie vor Nachmittags um vier Uhr an, ein Prinzip, von dem er nicht mehr weiß, wann es entstand, an dem er aber eisern festhält. Abends lädt er eine Freunde auch schon mal zu einer Runde unter Glas rauchen ein, wenn sie ihm denn etwas Haschisch mitgebracht haben. Die alte Revox B77 Tonbandmaschine sprudelt dazu brillanten Sound von Steve Reich aus den Boxen. Sein weit gestreuter Bekanntenkreis verschrobener Typen und kumpelhafter Freundinnen schätzen ihn trotz oder gerade wegen seiner Bärbeißigkeit. So bekommt er regelmäßig Schnittreste geschenkt, aus denen er sich „Polle“ schüttelt, die er zu kleinen Ecken für seine Pickel-Pipe presst. Wir sehen, der Übergang zum Asketen ist fließend, ein Geizhals ist er aber nicht. Wenn der Abend richtig ausgelassen ist, lässt er auch schon mal ein paar Öttinger Export und Aldi-Wudkis springen, zu denen er eine komplexe Philosophie der Redundanz entwickelt hat. Sound und Lichteffekte bedeuten ihm viel. Dadurch transformiert er seine an eine Matratzengruft erinnernde Eremitage in ein Raumschiff und hebt gern mit seinen Gästen ab, besonders wenn er aus Versehen eine Runde aus der Wodka-Flasche mit den eingelegten spitzkegeligen Kahlköpfen nachgeschenkt hat.

Wozu dieser Minimalismus? Unser Mann verbindet damit Freiheit. „Ich besitze nicht, damit ich nicht besessen werde“, zitiert er im Rausch gerne Antisthenes, der das Vorbild für Diogenes war. Und dieser saß bekanntlich sein Leben lang extrem selbstgenügsam im Fass. Ansonsten vermeidet er auf sympathische Weise jede moralische Attitüde. Dieser Minimalist ist keiner, der in einer 100 Quadratmeter Altbauwohnung residiert, sich nur ein paar ausgewählte Designermöbel reinstellt und dann behauptet, dass sei Minimalismus. Wenig Dinge zu besitzen ist eine Sache, eine andere ist eine tatsächlich bescheidene Lebensweise. Daher reist unser Mann nicht mit dem Flugzeug, er hat aus gutem Grund ohnehin Angst vor dem Zoll. Er vermeidet Müll, in dem er erst gar keinen erzeugt, alle Angebote für den Hausverkauf schlägt er ab, 50% des Mülls auf der Welt seien Bauschutt, sagt er. Wer nichts besitzt, kann auch nicht enttäuscht werden, weil er nichts verlieren kann. Das ist extrem gekonnter Vulgärbuddhismus.

Wir ahnen es, die ästhetische Damenwelt fühlt sich durch unseren bedürfnislosen Freund wenig angesprochen. Umgekehrt hat er mit den Frauen im Prinzip schon lange abgeschlossen. Nicht zuletzt, weil keine Dame seinen naturnahen Lifestyle mitmachen möchte. Seine große Liebe hat mittlerweile 5 Kinder von dreien seiner alten „Kollegen“ und zwei Typen aus ihrer Nachbarschaft. Sie ist in dem Vorort dafür bekannt, dass man sie anrufen kann, wenn Not am Mann ist. Er kümmert sich dagegen lieber um sich selbst. Nicht besonders hilfreich für seine Mitmenschen, andererseits geht er auch niemanden richtig auf den Sack.

 

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Kurzrezension zu Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen – Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne

fliegenpilz

Mit den Essays zum Zustand der Gesellschaft ist es ja so eine Sache: Was soll das sein, “Gesellschaft“, die Subsumierung millionenfacher Individuen unter einen Begriff? Diese Unterscheidung, die einen Unterschied macht, lässt so viel außen vor, jedenfalls dann, wenn man anfängt, dieser Gesellschaft eindeutige Merkmale zuzuordnen. Gemeinschaften, so ist sich die Soziologie weithin einig, wird es nicht mehr geben, zu unterschiedlich die Ansprüche der Menschen. Aber “Gesellschaften” existieren als beliebte Kategorie und Andreas Reckwitz nutzt den Begriff, um den vehementen Strukturwandel zu beschreiben, den die technisch formierte Welt zur Zeit durchläuft.

In Das Ende der Illusionen – Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne schlägt der Professor den großen Bogen: Die alte industrielle Moderne mit ihren Fabriken und Produkten ist, so nicht nur Reckwitz, von einer Spätmoderne abgelöst worden, die von neuen Polarisierungen und Paradoxien geprägt ist – Fortschritt und Unbehagen liegen dicht beieinander. Digitalisierung, Überarbeitung auf der einen, prekäre Verhältnisse auf der anderen Seite, eine Parallelität von sozialen Aufstiegsprozessen der Globalisierungsgewinner, die Reisen, Yoga machen und die asiatische Küche lieben und sozialen Abstiegsprozessen derjenigen, die die Globalisierung oftmals eher kritisch sehen. So sei, so Reckwitz, eine Dreiklassengesellschaft entstanden, in der sich eine liberale, kosmopolitische neue Mittelschicht, eine verunsicherte traditionelle Mittelschicht und ein neues Dienstleistungsproletariat im kulturellen Gegensatz gegenüberstehen.

In einer Reihe von Essays arbeitet Reckwitz die zentralen Strukturmerkmale der Gegenwart heraus: die neue Klassengesellschaft, die Eigenschaften einer postindustriellen Ökonomie, den Konflikt um Kultur und Identität, die aus dem Imperativ der Selbstverwirklichung resultierende Erschöpfung und die Krise des Liberalismus.

Schwierig wird es bekanntlich immer dann, wenn aus der Analyse Schlüsse gezogen werden müssen. Der Soziologe traut sich: Man könne argumentieren, so Reckitz, dass eines der größten Defizite des in jeder Hinsicht grenzüberschreitenden Liberalismus darin besteht, “eine Kultur der Reziprozitat zu schwächen and stattdessen einseitig eine Kultur der subjektiven Interessen und subjektiven Rechte zu forcieren.” Die Auswirkungen der beiden Flügel des liberalen seien Paradigmas: “Die Neoliberalen arbeiteten mit dem Modell eines nutzenmaximierenden Akteurs, der sich auf Märkten bewegt und dort seine Interessen vertritt; die Linksliberalen mit dem Modell eines Akteurs, der seine subjektiven Rechte gegenüber Anderen einfordert.” Auf der einen Seite wird der Mensch so zum selbstbezogenen Konsumenten, auf der anderen zum Demonstranten in eigener Sache.

Aber wo, fragt Reckeitz, bleibt dabei der Bürger als politische Einheit mit seiner Verantwortung für die Gesellschaft als ganze? Das Soziale der sozialen Gegenseitigkeit, der Rechte und Pflichten, der Abwägung eigener und anderer Interessen, scheint in diesem Modell keinen Platz mehr zu haben. Es sei nicht verwunderlich, dass die Renaissance einer Kultur der Reziprozität, in der sich Individuen für andere und für die Gesellschaft verpflichten, in jüngster Zeit verstärkt angemahnt wird. Eine solche Politik hat etwas Unpopuläres, da die Menschen sich an eine Artikulation von Rechten und Interessen gewöhnt haben. Im populistischen Modus würden Verpflichtungen fast ausschließlich von “den Anderen” eingefordert werden.

Reckwitz stellte folgende Fragen zur Diskussion: “Hat jemand, der staatliche Bildung in Anspruch nimmt, nicht auch eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, seine Begabungen und Fähigkeiten zum Wohle aller zu realisieren (und nicht nur zum eigenen monetären Nutzen)? Haben Familien, die vielseitige staatliche Unterstütaung erfahren, nicht auch die Verpflichtung, die Kinder au verantwortungsbewussten Mitgliedern der Gesellschaft au erziehen (und nicht nur zu rationalen Egoisten)? Haben Personen, die auch garantiert durch eine rechtliche und zivile Ordnung durch Kapitaleinkünfte hohes Vermögen akkumuliert haben, nicht auch eine Pflicht, Teile davon an die Gesellschaft zurückzuerstatten?”

Man merkt, einen Systemwechsel spricht Reckwitz hier nicht das Wort, er möchte das kapitalistische bzw. marktwirtschaftliche System zähmen. Vielleicht ist dies Teil einer Variante, den Karren ohne gewaltsamen Umbruch aus dem Dreck zu ziehen.

 

 

 

 

Kiffer Typen: Der Künstler

Kiffer-Typen VIII

Der Künstler

Eine gewisse Lust am Leiden ist ihm in die Wiege gelegt worden. Nur aus dem Hadern und der Verzweifelung heraus schafft dieser Kiffer-Typ seine Taten, die nie Arbeit sind, sondern immer Berufung. Sensibel, bisweilen dünnhäutig bewegt er sich durch die Welt und staunt. Ist er arrogant, staunt er über die Drohnen unserer Gesellschaft, die nicht auf dem Trip der Selbstverwirklichung hängen geblieben sind, ist er klaräugig, staunt er über die täglichen Wunder der Welt, ist er barmherzig, staunt er über sich selbst, denn welche freie Geist verknüpft sich schon gern mit dem Netz sozialer Verantwortung. Vor allem aber staunt er über Cannabis, das heilige Kraut, welches ihm die nötige Inspiration gibt. Er ist ein kiffender Künstler.

Joint reinpfeifen, zwei bis drei geile Mädels kommen lassen, diese und sich selbst mit Farbe voll schmieren und anschließend auf der Leinwand ekstatisch rumwälzen. So sieht der Alltag eines Künstlers aus. Oder etwa nicht? Wohl eher nicht, denn der wahre Künstler zerfleischt erst mal sich selbst, bevor er Kontakt mit Fleisch aufnimmt. Der kiffende Künstler dagegen, das ist eine Spezies der besonderen Art. Im günstigsten Fall hat er schon in früher Kindheit mit dem Kiffen angefangen und so überhaupt die Kunst entdeckt. Seither ist er fähig, die wilden Assoziationen, die Bilderfluten und abstrakten Symbole, halt alles das, was den Rausch ausmacht, kaum durch seinen Alltagsfilter laufen zu lassen. Vielmehr ist er in der Lage, die visionären Eingebungen in die Normalsicht einzubringen und dort zu verwursten. So kommt er der originären Aufgabe des Künstlers nach und tummelt sich im Bereich zwischen Welt und Himmel. Der Künstler hat einen guten Draht zu der Domäne, die nicht dem Siegeszug des Rationalismus unterworfen ist. Dort lauscht er hinein, spürt nach – und das Inhalieren von Cannabisrauch stärkt diese Verbindung.

Aber was soll das glorifizierende Gerede? Oft ist der kiffende Künstler nur ein eitler Fatzke, der jeden Furz von sich in Dosen konserviert und an das “Museum of Modern Art” schickt. Er will seine Werke ständig gelobt sehen, selbst wenn sie flach sind. Kunst will Gunst, heißt es. In einer anderen Variante verfällt er durch übermäßigen Mischkonsum dem künstlerischen Größenwahn, vom Artifex zum Pontifex, sozusagen. Nur seine ignorante Umwelt begreift dann einfach nicht die Tiefe seiner Akte. Man betrachte bitte hingebungsvoll Malewitschs “Weißes Viereck auf weißem Grund.” Zur Ehrenrettung muss hier aber deutlich gesagt werden, dass selten eine gesellschaftliches Klima herrscht, in dem sich Schauspieler, Maler, Poeten, Bildhauer, und wie die hehren Schöpfer alle heißen, austoben können. Allenfalls die Romantik hat angetörnten Künstlern ein Ohr geschenkt. “Brotlose Kunst”, dass steht ja in Deutschland fast für das gesamte Terrain der Künste überhaupt, sieht man einmal von der soliden, aber auch kaufmännisch orientierten Handwerkskunst ab, die bekannterweise goldenen Boden hat. Vielleicht ist es eher die Verzweiflung über diesen Umstand, auf der das enge Verhältnis von Künstlern und Drogen basiert und nicht, wie gemeinhin angenommen, die substanzinduzierte Ästhetik des Traums. Nur allzu oft ist die Ächtung durch die Gesellschaft allerdings bewusst selbst hervor gerufen, denn unverstanden leidet sich halt besser. Der Rückzug in die mit sich selbst beschäftigte Innerlichkeit wird dann zum Akt des Stolzes: Die Ächtung meldet sich als Anspruch auf Überlegenheit. Profan ausgedrückt: Läuft alles gut für den Künstler, überflügelt seine Kunst die Wirklichkeit, die von ihm geschaffenen, surrealen Welten werden Realität.

Genie und Wahnsinn, um ein weiteres Sprichwort zu bemühen, liegen eng beieinander. Spinnt man diesen Faden weiter, lässt erst die pathologische Intuition den Künstler am (geistigen) Bettelstab gehen. Und krank ist der Künstler dann, wenn er selbst vollständig durch den Kanal mit Namen Intuition den Weg ins Reich der Phantasie nimmt. Manie bezeichnet schon beim Platon den Zustand, in welchem der Mensch seiner selbst enthoben ist. Generationen von Dichtern wollte die göttliche Inspiration, die himmlische Euphorie, nicht mehr von Gott selbst, sondern von einer anderen Macht empfangen: Der Droge.

Ganz so schlimm läuft es aber meist nicht ab. Vielmehr kristallisieren sich in der Lebenswelt drei Künstler-Typen heraus: Da sind zum Einen diejenigen Skandalnudeln, die durch ihr Kiffen berühmt geworden sind, wie beispielsweise Martin Semmelrogge oder Hans-Georg Behr. Dann gibt es diejenigen Leisetreter, die es immer geheim gehalten haben, weil es der Karriere schaden konnte. Und zu guter letzt sei die größte Gruppe genannt, nämlich die Künstler, die zwar kiffen, aber trotzdem immer Sozialhilfeempfänger bleiben. Aber vielleicht sind das die Glücklichsten.

 

 

 

 

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Kiffer Typen: Der Paranoiker

Kiffer-Typen VII

Der Paranoiker

Vor Jahren hat er eine Ausbildung zum Grossstadt-Guerillo bei einer israelischen Kiffer-Elite-Einheit genossen, seither nutzt er geschickt jede Deckung beim Gang zum örtlichen Dealer. Keine Garageneinfahrt, keine Buchsbaum-Hecke bleibt ungenutzt, bevor er über den Balkon bei seiner Hasch-Connection auftaucht. Dieser kennt das tagtägliche Theater schon und hat auf Wunsch seines Freundes die Zimmer abgedunkelt. Keine Frage, bei diesem Kiffer Typen haben wir es mit einem sehr speziellen Menschen zu tun: Er ist ein Paranoiker.

Vieles spricht dafür, eine gewisse Vorsicht walten zu lassen, wenn man als passionierter Kiffer durch die Welt rennt. Spiessbürger und andere Feinde der rauschhaften Sinnesfreuden haben oft nix besseres zu tun, als anderen das Leben schwer zu machen. Aber wie so oft bestimmt die Dosis das Gift und unser Freund hat einen etwas zu kräftigen Schluck aus der Schizo-Pulle genommen – und so wurde aus Vorsicht plötzlich Angst. Dabei fing alles ganz harmlos an: Um Häschern zu entgehen, parkte er sein Auto immer zwei Strassen von seinem Dealer entfernt. Irgendwann reichte ihm das aber nicht mehr und er kam mit der Bahn. Bald vermutete er aber, dass die Polizei aus seinen Bahnfahrkarten ein Bewegungsprofil zeichnen konnte und er fuhr die Strecke mit dem Fahrrad. Irgendwann verdächtigte er seinen Fahrradhändler aber gemeinsame Sache mit den Ordnungshütern zu machen, indem dieser anhand des Hundekots im Reifenprofil ermittelte, in welchen Stadtteil er sich aufgehalten hatte.

Die dunklen Wolken des inneren Kesseltreibens schoben sich zunehmend vor das sonnige Gemüt. Zu diesem Zeitpunkt war ihm schon sonnenklar, dass die gesamte Staatsmacht der Bundesrepublik alles tut, um seiner habhaft zu werden. Und so zurrten sich die seinen Geist einengenden Schnüre immer fester. Um vor schnüffelnden Nachbarn sicher zu sein, installierte er eines Tages eine Filteranlage in jedem Raum, obwohl er maximal zwei Gramm Dope im Haus hortete und das Hasch ohnehin nur oral konsumierte. Modem und PC stöpselte er ab, um nicht über das Internet ausgehorcht zu werden. Am Telefon durfte nicht mal mehr von Alkohol gesprochen werden. Aus Tarnungsgründen trat er der Heilsarmee und dem Guttempler-Orden bei. Der Gipfel war schließlich erreicht, als er im Freien nicht mehr den Mund aufmachte, weil Satelliten ihn anhand seiner Zahnplomben orten könnten.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma schien es nicht zu geben, denn alles passte zusammen: Tuschelnde Nachbarn, verirrte Telefonanrufer, ominöse Berichte im Fernsehen, magische Zahlen auf Nummernschildern. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zu den gängigen Verschwörungstheorien: Neben Polizei und BND hatten mittlerweile auch die Illuminaten ein Auge auf ihn geworfen und die Scientologen versuchten ihn mittels riesiger Orgon-Strahlern zu manipulieren.

Hätte unser Freund sich die Mühe gemacht, mal einen Schulpsychologen zu fragen, hätte dieser ihm vielleicht erzählt, dass dies die handfesten Anzeichen einer Verfolgungs-Paranoia sind: Ein System von Wahnvorstellungen. Hätte er sogar seinen dealenden Freund gefragt, hätte dieser ihm vielleicht dazu geraten, an einer etwas positiveren Konstruktion der Wirklichkeit zu basteln.

Ein interessante Frage ist natürlich, ob sein Verfolgungswahn durch den Genuss von Cannabis noch gesteigert oder eher gemildert wurde. Beides stimmt: Der Joint am Abend gab ihm nach einem gehetzten Tag endlich ein Stück innerer Ruhe und plötzlich waren auch die Stimmen nicht mehr da. Gleichwohl sah er sich ausserstande in größerer Runde einen durchzuziehen, weil darunter ein Verräter sein konnte. Dass die Frucht seines Geschmacks zudem verboten ist, schürt natürlich das Feuer der Angst. Letztlich steht der Paranoiker für eine ganze Reihe von Kiffern, die nicht nur inneren Zwängen unterlegen sind. In einer sozialen Umwelt, welche in die Vergangenheit mit Schuld und in die Zukunft mit Angst schaut und welche gerne im Ungewöhnlichem das Abnorme festmacht, lässt sich nicht immer einfach leben. Gerade deswegen heisst es die Selbstverantwortung ständig zu trainieren. Und darum liegt auch die Entscheidung, ob das Rauchen des Hanfs hilfreich oder hinderlich bei einer glücklichen Lebensführung ist, ganz bei ihm. Amen.

 

 

 

Kiffer Typen: Der Esoteriker

Kiffer-Typen VI

Erschienen im HanfBlatt in den 1990er Jahren. Überarbeitete Version.

Der Esoteriker

Langsam schwebt er in den Raum und seine Aura hat er auch mitgebracht. Davon ist sein Körper umhüllt wie ein Wattebausch und sie signalisiert die Offenheit für alles, was dem Rationalisten den Kamm schwellen lässt. Der schräge Mitbewohner aus seiner WG gab ihm jüngst den Tip, in jeden gesprochenen Satz ein Wort mit “F” einzubauen – so würde das Gleichgewicht im körpereigenen Alphabet wiederhergestellt werden. Und unser Freund richtet sich tatsächlich danach, denn irgendeine der gerauchten Papiertütchen mit Kräutermischung hat ihn auf den Trip seines Lebens geschickt: Er ist ein kiffender Esoteriker.

Zunächst wunderten sich seine Eltern darüber, dass das Kiefernholzsofa aus dem Kinderzimmer flog und nur noch auf Matratzen und Sitzkissen gesessen werden konnte. Als dann Duftlampen, indische Tücher und Salzkristalllampen Einzug hielten, ahnten sie, dass in ihrem Sohnemann tiefgreifende Veränderungen vorgehen, die sich auch in der Kuschelecke niederschlagen. Das wahre Ausmass der bürgerliche Katastrophe wurde ihnen aber erst klar, als neben den “Fünf Freunde” Büchern von Enid Blyton plötzlich Werke mit seltsamen Titeln wie “Die Prophezeiungen von Celestine”, “Reiki für Anfänger” oder “Heilen mit Steinen” standen. Da aber sass unser Freund schon lange im grossen Fahrzeug mit Namen “Selbstfindung”.

Das dieser Mensch kifft, kann ihm gar nicht hoch genug angerechnet werden, denn die meisten Esoteriker wollen mit “Drogen” nix am Hut haben. (Ob Angst oder Unwissenheit hier Pate steht, sei dahingestellt.) Oder sie gehören zu der noch schwerer zu ertragenen Sorte derjenigen, die früher Cannabis genossen haben, dann aber mit ihrem Konsummuster (zu viel oder nie wirklich was gemerkt) scheiterten und heute unter dem Deckmantel des “High ohne Drogen” das hohe Lied der Abstinenz trällern. Dabei würde Poona ohne Charras gar nicht existieren.

Unser Freund raucht den Hanf als warmherzigen Begleiter in Richtung Nirwana, Paradies, kosmischen Ganzen oder wie auch immer sonst man das Unaussprechliche nennen mag. Er ist so frei, sich dabei nicht auf die kleinen THC-Moleküle allein zu verlassen, was seine Beständigkeit im Hier und Jetzt angeht. Aber trotzdem schlendert er mit einem milden Lächeln durch den Eso-Shop um die Ecke, ganz nach dem Motto: “Ich sehe was, was ihr nicht seht.”

Dennoch kann es passieren, dass auch er vor den Werken von Wilhelm Reich stehen bleibt um die allgegenwärtige Kraft des “Orgon” -die Reichsche Variante der Lebensenergie (indisch “Prana”)- zu spüren. Oder er landet in einem Seminar mit dem Namen “Mit Klangschalen Haustiere von Flöhen befreien”. Dabei trägt er “Bioergothermische Schuheinlagen” und hat sein eigenes vitalisiertes und energetisiertes Wasser im Jute-Rucksack mitgebracht. Sein Streben zu tieferen, inneren Wahrheiten nimmt zum Teil so groteske Züge an, dass er bei der wöchentlichen Aura-Soma Behandlung aus heiterem Himmel einen Urschrei loslässt, dagegen bei der Urschreitherapie alle Balance-Öle auf sein erigiertes Glied schüttet, sich wild auf die Leiterin der Session wirft und sie in die biegsamste Stellung des Tantra zerrt. Diese hält das (“Gott sei Dank”) für die Früchte ihrer Arbeit und so kommt unser Freund mal wieder zum Poppen. Om.

Aber wie kommt jemand überhaupt auf den Trichter Gnome unter Steinen zu suchen, Wünschelruten zu basteln, literweise angegammelten Pu-Erh-Tee in sich reinzuschütten oder überall Mysterien zu sehen? “Komplexitätsreduktion”, schreit hier der Systemanalytiker, “verirrte Sinnsuche”, der schäfchenlose Pastor, “zu wenig körperliche Arbeit”, der Sozialdarwinist. Auf unseren esoterischen Freund trifft alles von dem Gesagten zu, er ist die Fleisch gewordene Verwirrung des Fin de siecle.

Vor lauter Apfelessig und Schamanenkursen hat er noch gar nicht bemerkt, dass er Opfer einer Konsumgeilheit ist, die von der wuchernden Esoterikbranche bedient wird. Das Fatale daran ist, dass vieles von dem Spuk tatsächlich funktioniert, nur kann unser Freund sich halt nicht entscheiden. Nur abends, wenn er mit Sportzigarette vor der Glotze hängt und wie in alten Zeiten Fussball guckt, fühlt er sich mit sich selbst und der Umwelt im Reinen.

Kiffer Typen: Der Experte

Kiffer-Typen V

Erschienen im HanfBlatt in den 1990er Jahren. Überarbeitete Version.

Der Experte

Während die andere Kinder auf dem Bolzplatz rumrannten, saß er über seinem Mikroskop und drang in den Mikrokosmos ein. Er hatte die Schularbeiten immer gemacht und war im Sport die Null. Sein Weg schien vorgezeichnet: Mit Glück würde er an der Universität als Dozent landen, mit Pech als höherer Beamter im Katasteramt. Doch es kam anders, denn irgendwann zog er vorsichtig an einer Pfeife, inhalierte, zog noch mal und viel grinsend nach Hinten. In diesem Moment war klar, dass sein zukünftiges Leben anders laufen würde, als Mami und Papi sich das vorgestellt hatten. Er konnte selbst nicht genau beschreiben, was mit ihm geschah, aber es war etwas Großes, Wichtiges. Fest stand: Ab nun würde er sein Leben in den Dienst der Wissenschaft um das Kraut stellen, welches ihm die erste gute Abfahrt jenseits von Muttis Kartoffelpüree und Vatis Modellbausatz beschert hatte. Er wurde zum Kiff-Experten.

Schnell stellte er fest, dass die meisten seiner Freunde vom Fahrzeug ihres Rausches keinen blassen Schimmer hatten. Kein Wunder, waren sie doch die indoktrinierten Kinder der Anti-Genuss-Propaganda, dem “Keine Macht den Drogen” Schwachsinn. Drum wühlte er sich durch aufklärende Wälzer, sprach mit Leuten und probierte vor allem die verbotenen Früchte aus. Kurzum: Er fing an, selbst zu denken. Und er sammelte Kräuter, Wurzeln, Pflanzen, auch Pillen, Pulver und Flüssigkeiten, die alle nur eine Bedingung erfüllen mussten: Sie mussten geistbewegend sein. Seine größte Liebe aber galt weiterhin dem Cannabis. Ob Haschisch in Marokko, Charras in Indien, Marihuana auf Jamaika oder Natrium-Lampen im Wandschrank. Dieser Typ wußte bald alles, kannte jeden und hatte alles schon probiert. Über ph-Wert im Anbauboden konnte er genauso schwadronieren wie über die Heilkraft der Cannabinoide, Jack Herer hatte er schon die Hand geschüttelt und Matthias Bröckers noch was ganz anderes. Urlaub gab es für ihn nicht, höchstens Bildungsreisen, und die machte er nur in Länder, wo garantiert Hanf angebaut wurde. Unterhielt man sich mit ihm, bekam er nach spätestens zwei Minuten die Kurve zum Hasch, alltägliche Themen wie Sex mit Tieren oder Platinenlayout interessierten ihn nicht. Vielleicht hätte er sogar gern mal über was anderes gesprochen, aber er lebte und dachte halt nur in substanzbezogenen Kategorien. Nachts, wenn er in seinem Schlafanzug aus Hanffasern im Bett schlummerte, träumte er von riesigen Cannabis-Kongressen mit zwei Millionen Teilnehmern. Da war der Kalte Bauer garantiert.

Aber was nützen Wissen und Erkenntnis, wenn luftleer im Raum sie schweben? Wenn ohne Bodenhaftung und Bezug zur Welt sie nur um ihrer selbst willen vermehrt? Der Mensch der studiert, dreht sich im Kreise. Weich fällt sein Bart auf dicke Bücher, die er zu lesen sich verschrieben. Ihr Betreff ist immer eines, die heil´ge Pflanze, Hanf genannt. Und so werfen wir dem Experten ein Zitat von Goethe (dem komischerweise noch kein Cannabis-Genuss nachgewiesen wurde) zu: “Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.”

Aber nicht jeder Kiff-Experte fristet sein Dasein als Mauerblümchen des wissenschaftlichen Randbetriebs. Durchaus gibt es Vertreter dieser Spezies, welche nach Jahren der Forschung ihren Elfenbeinturm verlassen um Gutes zu tun. Gutes? Ja, Gutes. Denn nachdem die ständige Meditation über den Hanf den Kiff-Experten zunächst in die ausgedorrte Wüste jenseits von Gut und Böse gebeamt hatte, wurde ihm in Zeiten der Ernüchterung zunehmend klarer, dass Leben immer Handeln ist. Und in der weisen Abwägung von Gefühl und Verstand leuchtete diesem Experten schließlich ein, dass er künftig Entscheidungen treffen wird, die andere näher zu sich selbst bringen. Welch´ eine liebenswerte Konstruktion des Lebens.

In der Tat haben wir es bei dem Kiff-Experten mit einem äußerst possierlichen Humanoiden zu tun, der sein Spiel des Lebens darin sieht, Mithilfe des heiligen Krauts und anderer Mittelchen sich und seine Umwelt stetig besser zu begreifen. Dass er dabei manchmal die Scheuklappen des Fachidioten trägt, sei ihm verziehen, er ist schließlich Forscher. In seiner seltenen Idealform ist der Experte der Mensch des nächsten Jahrtausend, denn er hat die tiefsten Abgründe und höchsten Höhen geschaut und lacht erst recht.

 

 

 

Kiffer Typen: Der Sexmuffel

Kiffer-Typen IV

Erschienen im HanfBlatt in den 1990er Jahren. Überarbeitete Version.

Der Sexmuffel

Arterhaltung steht ja bekanntlich auf der Prioritätenliste der Säugetiere ganz oben. Etwas Spaß beim Sex haben unseren nahen Verwandten aus dem Tierreich zwar, aber der Zweck steht, glaubt man den Biologen, dabei immer im Vordergrund. Das soll bei uns Humanoiden ja anders sein, wir bumsen auch zum Spaß, sagt man. Wohl evolutionär bedingt hat sich dagegen beim Freund, dessen Betrachtung uns heute Kurzweil bringt, das entscheidende Organ von der Beckenmitte immer weiter Richtung Kopf verschoben: Der kiffende Sexmuffel.

Wo früher Tutti-Frutti noch für Aufregung in der guten Stube sorgte, leiern heute unzählige Fummelfilmchen in der Röhre – kein Wunder, daß der bekiffte TV-Glotzer keine Anstrengungen unternimmt in freier Wildbahn sein Glück zu versuchen. Bevor Mann sich einen Korb holt oder gar in die Verlegenheit kommt am Morgen danach nach Worten zu suchen zu müssen, läßt er es lieber ganz bleiben. In irgendeiner der unzähligen Rauchwolken, die er gen Himmel blies, saß Eros und verschwand aus dem Leben des launigen Genossen. So wichtig sind Frauen eh nicht, denkt er sich, und die ausgewachsenen Konsequenzen einer ungezügelten Eruption würden eh nur die Bude vollkacken, zudem wäre dann die Mark nur noch fünfzig Pfennig wert. Er hat sich entschieden eher Eierkopf als lendenstarke Existenz zu sein.

Oft geht diesem Verhalten allerdings ein traumatisches Erlebnis voraus: Vor ein paar Jahren geriet unser Freund nämlich völlig stoned in die Fänge einer sexbessenen Schuhverkäuferin, die ihn -seine Breitheit schamlos ausnutzend- peitschenschwingend durch die Wohnung trieb. Kein Wunder, daß er sich seither bedeckt hält – die einzigen Weiber, die ihn noch interessieren, gedeihen bei einer zwölfstündigen Dunkelperiode am besten. Um diese Damen kümmert er sich rührend, stets besorgt um ihr Wohlergehen. Wollüstig buhlt er um ihre Zuneigung, die sich in opulenter Harzproduktion niederschlägt. Die Bilder dieser Damen schmücken sein Zimmer, über ihr Verhalten weiß er wirklich Bescheid, ihre erotischen Geheimnisse liegen wie ein offenes Buch vor ihm, nur sie will er täglich neu erobern. Und am Abend will er sich berauscht von ihnen ins Bett fallen und sich nasse Träume schenken lassen. Zweisames Kiffer-Glück.

Die Entwicklung zum Sex-Muffel geht meist mit der Mutation zum Stubenhocker einher. Dann ist die Zeit nicht mehr fern, bis er im Bahnhofskiosk zum “Playboy” immer gleich ein Paket Tempotaschentücher kauft. Ja, ja, heikles Thema Masturbation. Grundsätzlich fördert das Kiffen nämlich nicht die Abstinenz, Lust und Leidenschaft leiden nicht unbedingt. Eher scheinen es Hemmungen oder schlicht Faulheit zu sein, die den Sex-Muffel an sich selbst genug haben lassen. Sieht er eine Frau, denkt er weniger an Fummeln als an Familie, nicht an Koitus sondern Konflikte. Ohne Verantwortung im Nacken lebt´s sich halt erheblich unbeschwerter, zudem sind die Passwörter der Porno-Seiten im Internet wirklich leicht zu knacken. Daß sich selbst strahlungsarme Monitore beim Rammeln nicht so wie die warme Haut eines fleischlichen Partners anfühlen, hat der letzte Joint aus dem Kurzzeitgedächnis verbannt.

Esoterische Variante: Die Gewißheit der eigenen Unsterblichkeit durch den Gentransport läßt den Stoffel aus seiner Kopulationlethargie erwachen und in´s Tantra-Seminar pilgern. Dort darf er unter Anleitung den Fluß von Ying und Yang neu lernen, liiert sich eher aus Vernunftsgründen mit einer Sonderschullehrerin und stopft ein paar Jahre später auf dem Öko-Wochenmarkt seinem Kind vegetarische Dinkel-Bratlinge in den Schlund.

Nun darf man aber nicht denken, daß der Sex-Muffel keine ekstatischen Erfahrungen mehr macht: Sein letztes ausgesprochen sinnliches Erlebnis hatte der Sex-Muffel beim streicheln eines überdimensionalen, leicht angewärmten Glas-Bongs, seinen letzten trockenen Orgasmus beim schnuppern an einer 500 Gramm Tüte mit NL-Haze. Er und seine Freunde sind sich einig, daß zum Sex meist Frauen gehören und die machen eh nur Ärger, heben eventuell sogar das fest Weltbild aus den Angeln. Drum sitzt beim Sex-Muffel für alle Zeiten sein bester Freund nicht mehr in der Hose, sondern in der Hosentasche. Nicht der Pimmel, sondern die Pfeife liegt im Zentrum seines Seins. Bis dann eines Tages…