Absinth- Der Fusel kehrt zuürck

HanfBlatt, Mai 2002

Milz an Leber: Sind die Drogen der Gegenwart so schlecht, oder womit haben wir das verdient? Einer der übelsten Schnäpse, die es je gab, wurde aus der Versenkung gezogen und wird uns natürlich völlig überteuert als neues Modegetränk präsentiert. Absinth, der Lieblingsschnaps besonders der Hardcore-Säufer im Frankreich des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, sei mit einem Alkoholgehalt von bis zu 70 % nicht nur einfach mit künstlichen grün oder rot fluoreszierenden Farbstoffen auffällig und mit ätherischen Ölen, vor allem Anisöl, interssant gemachter Fusel, sondern verdanke seinem Gehalt an (bitterstofffreiem!) Wermutöl eine ganz besondere gar an das herrliche Cannabis erinnernde nahezu psychedelische Wirkung. Wer diesen alkoholischen Leber- und Hirnzellenkiller in sich hineinschütte, dem erscheine die Welt wie verwandelt, dank der speziellen Kräfte der “Grünen Fee”.

 

Absinth Poster

Die Alkoholindustrie lässt sich anscheinend immer neuen Blödsinn einfallen, um ihr Gesöff an den Mann zu bringen. War es vor Jahren noch der Mythos von dem angeblich halluzinogenen Agavenwurm, dessen Leichnam am Grunde mancher mexikanischer Mezcal-Flaschen dümpelt, der diesen im Vergleich zum höherwertigen Tequila bäuerlichen Schnaps interessant machen sollte, so propagierte man vor kurzem den Cachaca, einen im Vergleich zu gutem Rum traurigen brasilianischen Zuckerrohrschnaps als Gebräu mit eingebautem Samba-Rythmus, und nun eben den Absinth, den Schnaps der durchgeknallten Künstler von van Gogh bis Alfred Jarry; Moulin Rouge lässt grüssen. Dabei ist der Gehalt an dem Wirk- und Schadstoff Thujon, um den sich die Mythen ranken (und das auch Bestandteil des ätherischen Öls anderer aromatischer Pflanzen, wie des dalmatinischen Salbeis ist), nach EU-Richtlinien auf 10 mg pro Liter begrenzt. Chemische Analysen der gehandelten Absinthe stellten Gehalte von 0 bis 10 mg Thujon pro Liter fest. Das dürfte mit dem stark schwankenden und bisweilen fehlenden Thujongehalt der für die Destillation oder die Gewinnung des (zugesetzten) ätherischen Wermutöls eingesetzten Wermutpflanzen zusammenhängen.

Bei derart niedrigen Thujongehalten tritt also mit einiger Wahrscheinlichkeit der Tod oder zumindest Koma in Folge einer Alkoholvergiftung ein bevor auch nur ein Thujonrausch im Ansatz spürbar sein kann. Man vermutet, dass der historische Absinth bis zu 100 mg Thujon pro Liter enthielt. Doch auch einige Selbstversuche einmaliger oraler Aufnahme von 50 bis 100 mg reinem Thujon, also der für 5 bis 10 Liter (!) Absinth zulässigen Höchstmenge, zeigten überhaupt keine Wirkungen. Das muss natürlich nicht repräsentativ sein. Berichte von Vergiftungen mit reinem Wermutöl im Grammbereich weisen auf Krampfanfälle und heftige Komplikationen im Magen-Darm-Trakt hin und stellen eine enorme Belastung für die Nieren und andere innere Organe dar. Ein tödlicher Vergiftungsverlauf ist möglich. Sodbrennen und unangenehmes Aufstossen mit Wermutaroma können schon nach ein bis zwei Gläsern Absinths auftreten. Abgesehen von den typischen fuseligen Alkoholwirkungen ist mir persönlich bei verschiedenen Absinthproben nichts Interessantes oder Angenehmes aufgefallen.

Rein geschmacklich liegt man meines Erachtens mit den entschärften Traditionsgetränken Pernod und Ricard immer noch Meilen vor den meisten der neuen spanischen, tschechischen, schweizer, deutschen oder britischen Absinthe. Aber allein der Name auf dem Flaschenetikett scheint bei manch einem (bezahlten?) Testtrinker schon Halluzinationen auszulösen und ihn in Oden an die “Grüne Fee” ausbrechen zu lassen, oh Kraft der Sehnsucht, welch Zeiten Kind wir sind. Wer unbedingt einen stilvollen Alkoholrausch wünscht, sollte sich lieber an edlen Wein, gutes Bier oder möglichst hochwertige sorgfältig destillierte Schnäpse halten. Wem es trotzdem schmeckt und wer in Mythen schwelgen möchte, nun gut, dem sei es gegönnt.

Nachtrag 2011

Vom modischen Fusel zum Feinschmecker-Destillat

Waren die ersten überteuert als Absinth angebotenen bunten Alkoholkreationen vor Allem aus Spanien, der (damaligen) Tschechoslovakei und Großbritannien noch zum Abgewöhnen, so muss man doch heute zugeben und darf sich freuen, dass in deren Folge eine Vielzahl wohlschmeckender Kräuterdestillate mit unterschiedlichem Wermutanteil vom Typ des Absinths aus den traditionellen Herstellungsgegenden im Französischen und Schweizer Jura (insbesondere dem Val de Travers) über die regionalen Grenzen hinaus käuflich geworden sind. Ambitionierte Destillateure gibt es auch in Deutschland, Argentinien und anderen Ländern. Meistens verzichtet man bei diesen Feinschmecker-Produkten auf den Zusatz von (künstlichen) Farbstoffen. Manchmal wird Wermut zugegeben um eine bittere Note zu erzeugen. Das ist Geschmackssache. Es handelt sich dann eher um einen Ansatzschnaps als um einen echten Absinth. Mit dem jeweils passenden nostalgisch anmutenden Trinkritual gibt man sich in atmosphärisch reizvoll gestalteten Absinth-Bars (wie in Hamburg, Berlin und Solothurn) Mühe. Der zur Vermarktung eingebrachte “Thujon wirke irgendwie ähnlich wie THC”-Mythos gilt längst als wissenschaftlich widerlegt. Weder ist irgendeine THC-artige Wirkung zu erwarten, noch in den nachgewiesenen und üblicherweise konsumierten Mengen irgendeine andere psychoaktive Wirkung, die die bekanntermaßen bedenklich zu betrachtenden Alkoholwirkungen des Absinth-Schnapses in nennenswerter Weise modifizieren würde.

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