Der LSD-Entdecker Albert Hofmann verstarb im Alter von 102 Jahren

Hanfblatt Nr. 114, April 2008

Chemiker und Naturphilosoph

Der LSD-Entdecker Albert Hofmann verstarb im Alter von 102 Jahren

Geistig klar bis zum letzten Moment: Im Alter von sagenhaften 102 Jahren verstarb am 29. April 2008 der Entdecker des LSD, Albert Hofmann, in seinem Haus in Burg im Kanton Basel-Land. Hofmann war nicht nur ein ausgezeichneter Chemiker, sondern auch eine ausgleichende Persönlichkeit mit Weitblick: Schon früh erkannte er die Abhängigkeit der Drogenerfahrung vom kulturellen Kontext. Er wies zudem darauf hin, dass ein Psychedelikum wie LSD für Jugendliche und junge Erwachsene ungeeignet sei, weil damit eine psychische Plattform aufgelöst würde, die im jungen Alter noch gar nicht solide aufgebaut wäre.

albert hofmann
Rolf Verres, Albert Hofmann, Christian Rätsch, Basel 2006.
Hinter Hofmann stehend: Dieter Hagenbach

Hofmann selber nahm LSD in einem Selbstversuch am 19. April 1943 zum ersten Mal bewusst ein. Es folgte der berühmte Bicycle-Day. Die hohe Dosis von 250 Mikrogramm ließ die Welt neu erscheinen, in dem Versuchsprotokoll notierte er: „Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schliessend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.“

Weitere Trips folgten, die Wissenschaft war von der kraftvollen Substanz angetan, schnell wurde klar, die Substanz erzeugt nicht nur farbiges Theater, sondern kann zu den individuellen Wurzeln der Persönlichkeit und darüber hinaus führen. Ein Einsatz als Psychotherapeutikum bot sich an. Aber als die Gegenkultur der 60er Jahre das LSD für sich entdeckte, griffen die Mechanismen der Kontrollgesellschaft. LSD wurde verboten, die Konsumenten kriminalisiert. Hofmann bewahrte Ruhe und blieb der psychedelischen Szene bis zuletzt freundschaftlich verbunden. Parallel zu seiner Arbeit an anderen Entheogenen (Zauberpilze, Salvia divinorum) entwickelte er eine Naturphilosophie, die eine Synthese zwischen objektiver Naturwissenschaft und subjektiv mystischer Welterfahrung propagierte. Das naturwissenschaftliche, rationale Weltbild sei zwar wahr, so Hofmann, es beinhalte aber nur die eine Hälfte der Wirklichkeit, nämlich den materiellen, messbaren und damit objektivierbaren Teil. Wichtig wäre aber auch die anderen wesentlichen Merkmale des Lebendigen in ein Weltbild zu integrieren. Diese Merkmale seien nicht messbar: Freude, Schönheit, Schöpfergeist, Ethik, Moral und nicht zuletzt die Liebe. Den „Schöpfer“ sah er überall in der Natur tätig, er empfahl jedem Sinnsucher und Wissenschaftler daher, sich an den Wundern der Natur zu erfreuen.

Hofmann folgt seiner Frau Anita, die im Dezember vergangenen Jahres im Alter von 95 Jahren verstarb. Die beiden waren 73 Jahre lang ein Paar. Ein anderer Traum war für ihn 2007 in Erfüllung gegangen: Der Schweizer Psychotherapeut Peter Gasser erhielt die Erlaubnis, LSD zu therapeutischen Zwecken versuchsweise zu benutzen. Mit Hofmann geht ein glücklicher Mann von dieser Welt. Seine fried- und gleichsam kraftvolle Persönlichkeit und seine nüchternen Analysen werden der psychedelischen Gemeinde fehlen.

Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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