Kategorien
Mixed Übermensch

„Der Dandy ist geübt darin den Ast abzusägen, auf dem er sitzt.“

Interview mit Hans-Christian Dany über die Aktualität der Figur des Dandy

Seine Eleganz erscheint mühelos, zugleich können seine spielerische Irritationen in den Zeiten des Übergangs helfen. Begleitend zur Ausstellung „No Dandy, No Fun“ in der Kunsthalle Bern haben Hans-Christian Dany und Valérie Knoll ein Buch über eine noch immer moderne Erscheinung geschrieben.

Jörg Auf dem Hövel

Frage:
„Mode-Geck mit fünf Buchstaben“, fragt das Kreuzwort-Rätsel. Welchem Irrtum sitzt man auf? Warum ist der Dandy so eingeflossen in das allgemeine Bewusstsein?

Hans-Christian Dany:
Es gibt eine allgemeine Vorstellung von einem Mode-Geck, also von jemandem, der Übertriebenen, dabei gar nicht unbedingt modisch, eher konservativ gekleideten Herren, der elegant ist, Einstecktuch trägt. Das sind Adaptionen von der Urfigur des Beau Brummel. Interessanter schien uns die Denkfigur, die dahinter verborgen ist und durch die im 19. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung die Figur des Stoikers weitergedacht wurde. Also eine Figur, die sich eher in Askese übt, die sich nicht mehr farbig angezogen, sondern schwarz-weiß.

War das so?

Der Adel des ausklingenden 18. Jahrhunderts hat sich ja noch sehr farbenprächtig gekleidet. Und da taucht dann Brummel um die Jahrhundertwende auf. Er hat als sozialer Aufsteiger auch gar nicht die Möglichkeiten sich wieder Adel zu kleiden und muss eine andere Art von Eleganz erfinden.

Warum war die Zeit reif für so eine Gestalt?

Die französische Revolution löste eine große Verunsicherung aus, auch in den Ländern, die noch weiter feudalistisch waren. Und diese Verunsicherung macht er zu seiner Bühne. Im Bürgertum verankert gibt er sich aber eben nicht damit zufrieden, der Bürger in der zweiten Reihe zu sein. Und er sieht nicht ein, dass er sich fleißig hoch arbeiten soll. Er findet in der Verunsicherung des Hofes und des Adels seine Dramaturgie.

Zugleich schien sein Auftritt für sich selbst nur gelungen, wenn er nicht zu sehr auffiel. Er wollte nicht den Paradiesvogel spielen. Aber was wollte er zeigen mit seinem Äußeren?

Seine Ziele sind nicht offengelegt, er ist eine Spieler- oder auch taktische Figur,, eine Figur in einer Zeit des Übergangs, was ihn heute wieder so interessant macht. Also eine Gesellschaft transformiert sich und keiner weiß wirklich, wo es hingeht. In Frankreich war es zu dem Zeitpunkt nicht klar, wohin die Revolution führen würde. Und deswegen ist die Figuar des Dandy jetzt so interessant. In einer Zeit des Umbruchs, die kaum größere Ziele kennt, aus dem Erhalt des Status quo.

Schriftlich hat er gar nichts hinterlassen?

Es gibt ein paar Gedichte. Aber es gibt kein Manifest. Er ist ein moderner Mensch, der weiter geht, aber anders als die Avantgarden nicht mit einem erklärten Ziel.

Und der Unterschied zum Snob?

Der Snob sagt ja zu den existierenden Statussymbolen. Also er übertreibt es mit denen, es kann nur der beste Champagner sein. Der Dandy spuckt diesen aus und sagt, der schmeckt wie Pisse. Der Snob versucht mitzuhalten – und das tun Dandys gerade nicht.

War die Kurtisane ein Vorbild für den Dandy?

Das ist eine Überlegung. Es gibt diese Figur der Kurtisane als einer sozialen Aufsteigerin, die in diesen feudalen Gesellschaften lebt, als Geliebte oder auch als potenzielle Geliebte. Sie entwirft neue Moden und zeichnet sich durch ein freches Mundwerk aus. In einer an Macht gewöhnten Gesellschaft ermächtigt sie sich dazu, diese zu beleidigen. Und da ist natürlich das Nichtstun, sie haben viel gewartet, gingen keiner Arbeit nach. Das unterscheidet sie und die Dandys von den Aufsteigern, die sich hocharbeiten müssen. Der Dandy wird männlich wahrgenommen, dabei gab es weibliche Vorbilder.

Eine Mehrzahl von Dandys waren biologische Männer, die Frauen sein wollten.

Brummel war schwul, er selber stellte sich aber als asexuell dar. Das war eine Fassade, zu der er genötigt war, um nicht diskriminiert zu werden. Der Dandy nutzt als weiblich identifizierte Techniken, um mit den Betrachter zu spielen.

Anders herum konstruieren weibliche Dandys sich männlich?

Oder sie entwerfen als eine Art Nicht-Geschlecht. Die Künstlerin Hanne Darboven ist so ein Beispiel. Sie modellierte sich im Laufe ihres Lebens zu einer Figur zwischen Mann und Frau. Zudem spielt sie mit einer Form von Arbeit mit einem ungeheuren Fleiß, der aber ins repetetiv-groteske verzerrt wird. Sie übersetzt die Arbeit der hanseatischen Pfeffersäcke zu einer vorkommen leeren, in sich perpetuierenden Kunsttätigkeit. Wir haben uns ja hauptsächlich beschäftigt mit einer bestimmten Generation von Konzeptkünstlerinnen. Jemand wie Lutz Bacher zum Beispiel, die durch ihr Pseudonym in einer fiktiven Männeridentität gelebt hat und sehr damit gearbeitet hat, dass ihr Werk immer wieder diejenigen, die glaubten es zu kennen, verblüfft hat.

Das Nichtstun der Dandys ist als eher eine bewusste Nicht-Berührung der Welt um nicht noch mehr Müll zu hinterlassen?

Jemand wie Marcel Duchamp hat es als Künstler vermieden viel zu tun und ist zu einer der sichtbarsten Personen überhaupt geworden, mit sehr wenig hergestellter Materie. Dandys wie er haben Umgangsformen mit der Welt erfunden, die angesichts der ökologischen Probleme unserer Gegenwart aktuell sehr angemessen wirken. Also nicht mehr die Zukunft zu planen, nicht mehr immer weiter etwas hinzustellen, sondern Dinge, die schon da sind, wieder aufzugreifen und zu remodellieren und vielleicht für eine kommende Zeit in angemessener Form wieder herzustellen. Darum scheint uns der oder die Dandy eine faszinierende Figur der Moderne, die ganz viele Eigenschaften und Taktiken hat, die angesichts der heute klar erkennbaren Grenzen oder gar der Furchtbarkeit der menschlicher Planung, wieder Relevanz hat.

Durch Faulheit das Leben in die Hand nehmen, das klingt nach Punk.

Diese No-Future Episode, die sehr Dandy war, ist ja vielleicht auch eine der stärksten Unterbrechungen gewesen im letzten halben Jahrhundert. Um zu sagen, Halt, nachdem die Endlichkeit der industriellen Moderne kurz zuvor prognostiziert wurde. Wenn wir so weitergehen, dann gehen wir in den Untergang.

Friedrich Merz würde jetzt natürlich die Frage nach dem Sozialschmarrotzertum stellen. Der Dandy, auf wessen Kosten hat gelebt?

Wohl so wie moderne Staaten auf Pump. Er lebt so wie Friedrich Merz lebt. Brummel hat auf Pump bis zum Bankrott und später von fast gar nichts gelebt. Es geht schon darum mit sehr wenig, sehr viel zu machen, da ist bei Friedrich Merz noch viel Luft nach Oben. Während beim Dandy eine Negation der Werte da ist. Und dieses Ablehnen der Werte unserer Zeit ist ja vielleicht auch sehr angebracht. Es ist ja richtiger nach Bad Gastein zu fahren als nach Bali zu fliegen. Oder gar nicht weg zu fahren. Der Dandy hat keine Problem damit Erbschaften durchzubringen. Wir haben heute doch die fatale Entwicklung, dass sich eine Klassengesellschaft über Erbschaften erhält. Der Dandy ist geübt darin den Ast abzusägen, auf dem er sitzt.

Pflegt der Dandy im Bedarfsfall seine Mutter?

Charles Baudelaire, der große Theoretiker des Dandytums, pflegte auf jeden Fall jahrelang seine kranke Frau. Eltern sind hingegen eher etwas, womit der Dandy es nicht so hat, da er das Zweifelhafte der Herkunft und ihrer Erbfolge in Frage stellt. Woher man stammt, wird undurchsichtig gehalten oder die Spur davon, das Erbe verprasst, damit es weg ist. Trotzdem gibt es fürsorgliche Dandys und auch die Sorge um sich, zielt bei dieser Haltung nie allein auf sich selbst, sondern immer vor allem darauf, wie dieses Selbst Teil an der Gemeinschaft wird.

Aber der Dandy will doch gar kein Teil der Gemeinschaft sein.

Doch, er will in Kontakt treten. Das sind andere Formen als die, der auf Verständnis und Konsens bauenden Gesellschaften der Gegenwart, in denen fast jeder Dissens zu Rückzug und Abgrenzung führt. Dandys gehen nicht davon aus, nur wenn wir zur Übereinstimmung kommen, sind wir in Kontakt. Eher treten wir in dem Moment, in dem ich nicht mit dir übereinstimme und ich dich vor den Kopf stoße, in einen Austausch mit den anderen. Und in dem Moment wo ich eigentlich auch verschwinde in unserem Austausch, können wir überhaupt erst in Kontakt treten. Dandys sind permanent mit Zügelung und Zurücknahme ihres Ichs und ihrer Subjektivität beschäftigt, bis hin zur Auslöschung. Immer wenn ihnen etwas im Gespräch zum Konsens erstarren droht, werfen sie ihre Position über den Haufen, um dem in der Übereinstimmung müde gewordenen Austausch wieder neues Leben einhauchen. Das Gegenüber wird gerade im Widerspruch anerkannt.

Das herrschende Bild des Dandys ist doch eher der Egozentriker, der nur um sich selbst kreist.

Die Sorge um den eigenen Auftritt ist aber immer eine Reaktion auf das Gegenüber. Ein Dandy entwickelt meinetwegen einen bestimmten Stil oder eine bestimmte Art seine Art seine Krawatte zu binden und die anderen adaptieren das. Und dann ist der Begriff der Gemeinschaft nicht, wir tragen jetzt alle die Krawatte gleich, sondern trage sie gleich wieder anders und trete dadurch wieder ich in Dialog den Dialog mit euch. Es geht nicht darum, sein Ich zu verfeinern, sondern die Herstellung von Gemeinschaft im Unterschied und der Unterbrechung des Konsens. Es ist ja ein Scheindialog, wenn wir alle uns zum Beispiel auf die gleichen Statussymbole einigen. Dann wird abgeglichen mit der Folge zu sagen: Meine Statussymbole sind noch etwas besser als deine.

Gibt es Parallelen zur spirituell-esoterischen Ich-Auflösung als heilsamem Weg des Mensch-Seins?

Der Dandy ist es ist durchaus eine spirituelle Figur. Das hat häufig damit zu tun, das Nichts und die Leere zum Strahlen zu bringen.

Feingeistigkeit, Wissen, der Willen zur Irritation. Fühlt man sich als Gegenüber vom Dandy schnell profan?

Dandys begreifen das Gespräch als ein gemeinsames Lernen, indem auch gesagt gesagt werden, nein, deine Antwort ist unzureichend und langweilig, da sie vorhersehbar war. Da kann ich auch mit ChatGBT reden. Ein Gespräch unter Dandys heißt schon eine andauernde Forderung gegeneinander. Aber wenn wir eine Gemeinschaft bilden wollen, dann müssen wir schon etwas von uns selbst und unserem Gegenüber verlangen.

Hans-Christian Dany, Valérie Knoll
No Dandy, No Fun
Looking Good as Things Fall Apart
Gutaussehend in den Untergang
2023
11.5 x 18cm, English 232 pages and German 240 pages, 30 b/w ill., softcover
ISBN English 978-3-95679-561-9
ISBN Deutsch 978-1-915609-16-8
Beim Verlag bestellen

 

 

Kategorien
Mixed

Smart Drugs Studie: Motiviert, aber nicht besser?

Einige Substanzen stehen in dem Ruf, nicht nur die Durchhaltefähigkeit, sondern auch die Problemlösungskompetenz zu steigern. Die Wirksamkeit dieser sogenannten „Smart Drugs“ war schon immer umstritten, zu unklar die Studienergebnisse. Können diese Lernen und Gedächtnis verbessern oder fühlen sich die Konsumenten einfach nur schlauer?

Elizabeth Bowman und ihre Kollegen von der Universität Melbourne wollte es nun noch einmal genauer wissen und testen, ob drei bekannte Medikamente tatsächlich die kognitive Leistung verbessern. Erschienen ist der Aufsatz im renommierten Fachblatt Science Advances.

Die Autoren verwendeten dafür das Rucksackoptimierungsproblem als Modell für komplexe Aufgaben des täglichen Lebens. Bei diesem Problem geht es darum, eine optimale Auswahl von Gegenständen mit unterschiedlichem Wert zu treffen, die in einen Rucksack mit begrenzter Kapazität passen. Die Studie wurde mit den Medikamenten Methylphenidat (MPH), Dextroamphetamin (DEC) und Modafinil (MOD) durchgeführt und mit einer Placebo-Gruppe verglichen.

Vierzig Teilnehmer im Alter zwischen 18 und 35 Jahren nahmen an der randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Einzeldosisstudie teil. Es gab solide Dosen von 30 mg MPH, 15 mg DEX oder 200 mg MOD.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Medikamente die Leistung der Teilnehmer in Bezug auf den erzielten Gesamtwert der Rucksackoptimierung verringerten, während sich die Wahrscheinlichkeit, die optimale Lösung zu finden, nicht signifikant änderte. Des weiteren führten die Substanzen zu einer erhöhten Anstrengung und Entscheidungszeit, jedoch nahm die Qualität der Leistung ab. Zudem verringerten sich die Unterschiede in der Leistung zwischen den Teilnehmern, was auf eine erhöhte Zufälligkeit der Lösungsstrategien zurückzuführen sein könnte.

Anders formuliert: Der Aufwand (Entscheidungszeit und Anzahl der Schritte zur Lösungsfindung) nahm, die Produktivität (Qualität des Aufwands) nahm jedoch ab.

Die Autoren schlussfolgern, dass diese „Smart Drugs“ die Motivation steigern können, aber die Qualität der Anstrengung, die für die Lösung komplexer Probleme entscheidend ist, verringern.

Was wäre einschränkend anzuführen? Sicherlich die kleine Teilnehmergruppe (N=40 ). Da bleiben pro Substanz oder Placebo nur wenig Personen übrig.

Link zur Studie: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.add4165

Kategorien
Cognitive Enhancement Drogenpolitik Historische Texte Mixed

Köstritz und die Geschichte der Mate-Brausen in Deutschland

„Alkoholfrei und spritzig“

Copyright by/ von Achim Zubke, Hamburg (1. Auflage in limitierter (23) signierter Printform zum 30.6.2017 anlässlich des Mate-Verwertungs- und -Brausen-Symposions „Mate in Berlin“ in der Brasilianischen Botschaft in Berlin), korrigierte und erweiterte Auflage Stand 23.10.2021) mit Abbildungen

Seit etwa 9 Jahren gibt es im Rahmen eines Kreativitätsbooms bei der Herstellung von Limonaden und Erfrischungsgetränken auch eine Fülle an neuen koffeinhaltigen Mate-Brausen und Mate-Eistees. Anfang 2018 sind mehr als 40 verschiedene Anbieter mit Dutzenden von Mate-Getränken am Markt. Natürliche Zutaten, Bio, Fairtrade, Solidarität und Originalität spielten immer öfter eine Rolle bei der Kreation neuer Produkte dieses stimulierenden Getränke-Typs. Es ist im Rahmen dieser innovativen Welle interessant, sich mit der tatsächlichen Geschichte der Mate-Brausen jenseits von Marketingkampagnen zu beschäftigen, um von ihr zu lernen.

Kategorien
Elektronische Kultur Interviews Künstliche Intelligenz Mixed

„Ich verstehe nicht, was noch entschleunigt werden soll“

Hans-Christian Dany über den Stillstand des Kapitalismus und die Möglichkeiten eines Aufbruchs in eine unbekannte Zukunft

Das Ende des Kapitalismus wird regelmäßig vorhergesagt oder herbei geschworen. Der Autor und Künstler Hans-Christian Dany hat neue Anzeichen für das Hinauszögern des Endes der Ordnung entdeckt und plädiert in seinem neuen Buch „Schneller als die Sonne. Aus dem rasenden Stillstand in eine unbekannte Zukunft“ für einen Austritt aus der informationstechnischen Kontrollgesellschaft, in der jeder Beobachter aller anderen und ein von allen anderen Beobachteter ist.

Erschienen in der Telepolis

Dany lebt in Hamburg, sucht die praktische Umsetzung seiner Literatur und will gleichwohl geordnet kommunizieren. Wir verabreden uns zum Gespräch per Postkarten. Es ist ein Versuch, an das letzte Buch von ihm „Morgen werde ich Idiot“ („In einer Utopie der Idioten sehe ich die größte Gefährdung für die kapitalistische Maschinerie“) anzuschließen. Achtsamer Konsum, Entschleunigung, Big Data – im Interview erläutert Dany, warum diese Bewegungen und Phänomene nur Reparaturmaßnahmen sind und warum wir uns von der Annahme verabschieden sollten, zu wissen, wie eine bessere Welt aussieht.

Kategorien
Mixed Rezensionen

Kurzrezension zu Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen – Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne

Mit den Essays zum Zustand der Gesellschaft ist es ja so eine Sache: Was soll das sein, „Gesellschaft„, die Subsumierung millionenfacher Individuen unter einen Begriff? Diese Unterscheidung, die einen Unterschied macht, lässt so viel außen vor, jedenfalls dann, wenn man anfängt, dieser Gesellschaft eindeutige Merkmale zuzuordnen. Gemeinschaften, so ist sich die Soziologie weithin einig, wird es nicht mehr geben, zu unterschiedlich die Ansprüche der Menschen. Aber „Gesellschaften“ existieren als beliebte Kategorie und Andreas Reckwitz nutzt den Begriff, um den vehementen Strukturwandel zu beschreiben, den die technisch formierte Welt zur Zeit durchläuft.

In Das Ende der Illusionen – Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne schlägt der Professor den großen Bogen: Die alte industrielle Moderne mit ihren Fabriken und Produkten ist, so nicht nur Reckwitz, von einer Spätmoderne abgelöst worden, die von neuen Polarisierungen und Paradoxien geprägt ist – Fortschritt und Unbehagen liegen dicht beieinander. Digitalisierung, Überarbeitung auf der einen, prekäre Verhältnisse auf der anderen Seite, eine Parallelität von sozialen Aufstiegsprozessen der Globalisierungsgewinner, die Reisen, Yoga machen und die asiatische Küche lieben und sozialen Abstiegsprozessen derjenigen, die die Globalisierung oftmals eher kritisch sehen. So sei, so Reckwitz, eine Dreiklassengesellschaft entstanden, in der sich eine liberale, kosmopolitische neue Mittelschicht, eine verunsicherte traditionelle Mittelschicht und ein neues Dienstleistungsproletariat im kulturellen Gegensatz gegenüberstehen.

In einer Reihe von Essays arbeitet Reckwitz die zentralen Strukturmerkmale der Gegenwart heraus: die neue Klassengesellschaft, die Eigenschaften einer postindustriellen Ökonomie, den Konflikt um Kultur und Identität, die aus dem Imperativ der Selbstverwirklichung resultierende Erschöpfung und die Krise des Liberalismus.

Schwierig wird es bekanntlich immer dann, wenn aus der Analyse Schlüsse gezogen werden müssen. Der Soziologe traut sich: Man könne argumentieren, so Reckitz, dass eines der größten Defizite des in jeder Hinsicht grenzüberschreitenden Liberalismus darin besteht, „eine Kultur der Reziprozitat zu schwächen and stattdessen einseitig eine Kultur der subjektiven Interessen und subjektiven Rechte zu forcieren.“ Die Auswirkungen der beiden Flügel des liberalen seien Paradigmas: „Die Neoliberalen arbeiteten mit dem Modell eines nutzenmaximierenden Akteurs, der sich auf Märkten bewegt und dort seine Interessen vertritt; die Linksliberalen mit dem Modell eines Akteurs, der seine subjektiven Rechte gegenüber Anderen einfordert.“ Auf der einen Seite wird der Mensch so zum selbstbezogenen Konsumenten, auf der anderen zum Demonstranten in eigener Sache.

Aber wo, fragt Reckeitz, bleibt dabei der Bürger als politische Einheit mit seiner Verantwortung für die Gesellschaft als ganze? Das Soziale der sozialen Gegenseitigkeit, der Rechte und Pflichten, der Abwägung eigener und anderer Interessen, scheint in diesem Modell keinen Platz mehr zu haben. Es sei nicht verwunderlich, dass die Renaissance einer Kultur der Reziprozität, in der sich Individuen für andere und für die Gesellschaft verpflichten, in jüngster Zeit verstärkt angemahnt wird. Eine solche Politik hat etwas Unpopuläres, da die Menschen sich an eine Artikulation von Rechten und Interessen gewöhnt haben. Im populistischen Modus würden Verpflichtungen fast ausschließlich von „den Anderen“ eingefordert werden.

Reckwitz stellte folgende Fragen zur Diskussion: „Hat jemand, der staatliche Bildung in Anspruch nimmt, nicht auch eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, seine Begabungen und Fähigkeiten zum Wohle aller zu realisieren (und nicht nur zum eigenen monetären Nutzen)? Haben Familien, die vielseitige staatliche Unterstütaung erfahren, nicht auch die Verpflichtung, die Kinder au verantwortungsbewussten Mitgliedern der Gesellschaft au erziehen (und nicht nur zu rationalen Egoisten)? Haben Personen, die auch garantiert durch eine rechtliche und zivile Ordnung durch Kapitaleinkünfte hohes Vermögen akkumuliert haben, nicht auch eine Pflicht, Teile davon an die Gesellschaft zurückzuerstatten?“

Man merkt, einen Systemwechsel spricht Reckwitz hier nicht das Wort, er möchte das kapitalistische bzw. marktwirtschaftliche System zähmen. Vielleicht ist dies Teil einer Variante, den Karren ohne gewaltsamen Umbruch aus dem Dreck zu ziehen.

 

 

 

 

Kategorien
Mixed

Kymat – Sonic Plants

Da hörst du das Gras wachsen

Von Frequenzen, über Töne zu den Bildern: Kymat macht Musik mit Pflanzen und lässt das Ganze sichtbar werden

Klangteppich ist so ein Wort. Auf KYMAT „Sonic Plants“ wird er von Meyer & Consorten durch die Kirche der Unvernunft ausgerollt. Eklektisch die Auswahl der Instrumente, um ein florales Gesamtkunstwerk zu schaffen. Eine juvenile Dusche im Garten Eden – oder der kurischen Nehrung. Wer Dschungel-Assoziation hat, liegt nicht verkehrt. Meyer nutzt Aufnahmen aus einer Ayahuasca-Zeremonie und verquickt diese mit Synthetizer der alten Schule. Die lang gehaltenen Töne haben ja gerne etwas elegisches, das wird durch amüsante Brüche gemildert, ja aufgehoben. Gut, Humor ist im Rahmen von meditativen Soundtripps ja eher selten.

Immer mit Anklang an die Zeiten, als Otto noch mit Udo Lindenberg in einer WG gewohnt hat. Ein bisschen so, als ob ein peruanischer Shipibo-Indianer zusammen mit Dschingis von „Nordsee ist Mordsee“ auf einer in die Jahre gekommenen Jolle die Deutsche Bucht besegelt und außer einem Sack Grillen nichts dabei hat. Ziellos, ein mäandern durch die Tiefenentspannung. Wer ehrlich ist, der gibt zu, das er oder sie nicht weiß, wo die Reise hingeht. Die Fans von Sven Meyer eint der Glaube, das es gut werden wird. Meyer selbst ist seit Jahren im Auftrag vielfältiger Entspannungstechniken unterwegs. „Zurück zur Natur“, ist dabei die wiederholte Losung. Für KYMAT „Sonic Plants“ zapft der Meyerman über eine „MIDI Sprout“ genannte Apparatur seine Zimmerpflanzen an. Deren elektromagnetischen Felder übersetzt die Maschine in hörbare Frequenzen. Das muss nicht gut klingen. Aber durch Reverbs und Delays wird ein Schuh daraus, der Meyer zusammen mit Mini Moog, Jupiter 4 und anderen alten Gerätschaften durch den Wald trägt. Man möchte rasten, vielleicht für immer.

Kategorien
Mixed Reisen

Renntag in Zandvoort

Bei einem Radrennen gab es vor einigen Jahren mal eine vergleichbare Adrenalineinfuhr. Aber dies hier ist stärker, wilder, irrer. Wir sind gerade mit ein paar Männern, die zu Jungs wurden, zwei Runden auf der alten Formel 1 Strecke im holländischen Zandvoort gefahren und springen mit Riesenaugen aus dem Porsche 911. „Hassu gesehen, ich so, du so!“ Wortfetzen, Schultergeklopfe, ich geil, du geil. Ein Instructor vorne weg, wir hinterher. Dran bleiben, nicht mehr als zwei Wagenlängen Abstand. Wahnsinn, bei der Geschwindigkeit. Die Kurven reißen am Körper, das Lenkrad will woanders hin, aber nach einer Runde will man schneller, mehr, besser sein. Ein Heidenspaß.

Kategorien
Mixed Psychoaktive Substanzen

„Alcoholfree and sparkling“

On the History of Mate-Softdrinks in Germany

copyright by Achim Zubke/ Hamburg-Germany

Translation of a lecture held at the “Mate in Berlin”-symposion in the Brazilian Embassy in Berlin, 30.06.2017

In the last five years there has been a creativity boom on the German soft drinks market producing a large number of new caffeine-containing mate-lemonades and mate-iceteas.
At the beginning of 2017 more than 30 different suppliers with dozens of mate drinks were already on the German market. Natural ingredients, organic, fairtrade, solidarity and originality play an increasingly important role in the creation of new products. It is interesting in the context of this innovative wave to deal with the actual history of the mate drinks.

Kategorien
Historische Texte Mixed Psychoaktive Substanzen

„Alkoholfrei und spritzig“

Zur Geschichte der Mate-Brausen

copyright by Achim Zubke

Vortrag gehalten auf der Veranstaltung „Mate in Berlin“ am 30.6.17 in der brasilianischen Botschaft in Berlin

Seit etwa fünf Jahren gibt es im Rahmen eines Kreativitätsbooms bei der Herstellung von Limonaden eine Fülle an neuen koffeinhaltigen Mate-Brausen und Mate-Eistees.

Anfang 2017 sind bereits mehr als 30 verschiedene Anbieter mit Dutzenden von Mate-Getränken am Markt. Natürliche Zutaten, Bio, Fairtrade, Solidarität und Originalität spielen zunehmend eine Rolle bei der Kreation neuer Produkte. Es ist im Rahmen dieser innovativen Welle interessant, sich mit der tatsächlichen Geschichte der Mate-Brausen zu beschäftigen.

Kategorien
Mixed

Im europäischen Weiterreichungssystem

Bericht von der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien, wo Flüchtlinge auf ihre Weiterreise warten

Urlaub in den Zeiten der Flucht. Das Rumhängen fühlt sich unter der Sonne Griechenlands fühlt sich dieses Mal seltsam, vielleicht sogar falsch an. Wer will die Sorgen dieser Welt auf sich laden? Aber die Flüchtlinge landen auf den ägäischen Inseln. Meine Frau aufgewühlt vom Bild des toten Kleinkinds am Strand von Bodrum. Aktion zeigen, fällt uns ein. Gewissen beruhigen? Mag sein.

Wir kontaktieren Craig von einer Hilfsgruppe in Thessaloniki. Die Stadt im Norden Griechenlands ist eine der vielen Stationen, durch die der Strom von Flüchtlingen aus Syrien zieht. „Sie kommen morgens aus Athen an und bleiben nur kurz am Busbahnhof, um weiter nördlich die Grenze zu Mazedonien zu überqueren. Dort lagern sie oft tagelang.“ Es ist abends. Trotzdem packen wir Wasser, Kekse, Brot in den Leihwagen. Am Busbahnhof KTEL warten ein paar griechische Familien auf die Abfahrt in die Provinz, von Flüchtlingen keine Spur.