Interview mit Gerhard Seyfried

HanfBlatt, Nr. 91, Oktober 2004

Von der Spaßguerilla in den deutschen Herbst

Comic-Sponti Gerhard Seyfried hält die Historie neuerdings lieber schriftlich fest. Letztes Jahr debütierte er mit „Herero“, einem Tatsachenroman über Namibia, sein neues Buch spielt in der Zeit der Schleyer-Entführung. Im Interview mit dem HanfBlatt spricht er über die 68er-Zeiten, die Kolonialgeschichte der Deutschen und chinesisches Opium.

Seyfried Sicher, die Berge, das schmucke Barock-Örtchen Solothurn, und die freundlichen Schweizer, das alles trägt zum Wohlfühlen bei. Aber bevor es ihn in die schweizerische Provinz verschlug, lebte Gerhard Seyfried 26 Jahre in Berlin. In den 70er Jahren gestaltete er die radikalen Zeiten mit und wurde mit seinen Karikaturen zum Liebling der Haschisch- und Hausbesetzer-Szene.

Der Wechsel vom Kiez zur Kuh, 2002 vollzogen, war weniger eine Suche nach neuen Wegen oder Eindrücken als vielmehr eine Abkehr von Berlin. Dessen Hauptstadtallüren hatten aus Sicht Seyfrieds, 56, die Reste der anarchischen Subkultur der 80er Jahre zersetzt. In seinem Heimatbezirk Kreuzberg hatten die Autos die Herrschaft über die Straßen übernommen und mit den zahllosen Döner-Buden und Handy-Läden war, so Seyfried, „Monokulti entstanden“.

Vor zwei Jahren hattest du noch behauptet, nie einen Roman über Berlin schreiben zu können, weil du “kein Nostalgiker” wärst. Und nun doch ein Buch über die 70er Jahre in Berlin und München. Liegen Heimweh und Nostalgie dicht beieinander?

Das hat wenig mit Heimweh zu tun, sondern damit, eine zum großen Teil erlebte Geschichte aus den 70ern zu erzählen. Ich bleibe damit der Geschichtsschreibung treu, wie mit den Comics begonnen und mit Herero fortgesetzt.

“Der schwarze Stern der Tupamaros” beschreibt eine Liebe in den Zeiten der Stadt- und Spaßguerilla sowie des nachfolgenden Terrorismus. Wie hast du die Radikalisierung der Szene damals erlebt? Musste der Widerstand in einer dogmatischen Sackgasse enden?

Seyfried Staat und militante „Szene“ haben sich ja gegenseitig aufgeschaukelt, wobei dem Staat das Verdienst gebührt, angefangen zu haben. Der Widerstand hat zwar teils in der Sackgasse geendet, hat aber auch seine Fortsetzung in anderen Formen gefunden.

„Wie konntet ihr die Nazis zulassen?“, das war eine der wichtigen Fragen in der Zeit.

So notwendig die Auseinandersetzung war, so ungerecht war sie teilweise auch. Sicher, die Alten waren begeisterte Nazis gewesen, aber eben aus einem fatalen Irrtum heraus. Und wer dagegen war, dem waren oft die Hände gebunden. Wir müssen uns ja jetzt schon fragen lassen, warum wir nicht mehr gegen Atomkraftwerke getan haben.

Wenn du das Gefühl der damaligen Zeit in einen Satz fassen müsstest? … würde zu wenig dabei heraus kommen. In zwei Sätzen: Man hat uns gesagt, wir leben in einer Demokratie. Das haben wir ernst genommen, womit scheinbar niemand gerechnet hat.

Du willst wieder zurück nach Berlin. Genug der guten Luft hier?

Ein deutlicher Nachteil ist, dass jeder automatisch denkt man lebt in der Schweiz, weil man zu viel Geld hat. Das ist bitter, wenn es nicht stimmt.

Mit „Herero“ hast du einen Roman über den deutschen Kolonialkrieg in Südwestafrika geschrieben. Was hat dich an dem Thema so beeindruckt, dass ein 600 Seiten-Roman daraus wurde?

Zum einen ist Geschichte ohnehin mein Steckenpferd, und als ich für das Goethe-Institut in Namibia war, da wusste ich schon einiges über das Land. Vor Ort hat mich dann das schöne Land begeistert, die ungeheure Spannung, die sich aus der Suche nach deutschen Spuren ergab. Der momentane Häuptling der Hereros heißt aber halt „Alfons“. Das Land ist wie unser eigener Wilder Westen; mit dieser endlosen Illusion von Freiheit. Und wie bei den Indianern spielte sich auch die Kolonialzeit ab: Betrug, Planwagen, Rinderkrankheiten, Alkohol.

Warum die detailgetreue Darstellung der technischen Szenerie vor Ort, wie beispielsweise der damals benutzten Geschütze und Eisenbahnen?

Tatsächlich kann ich mich in die Zeit nur rein versetzen, wenn das Detailwissen stimmt. Der Traum würde zerplatzen, wenn ich nicht genau wüsste, was die Hereros damals anhatten, wie die Gewehre funktionierten und wie das Wetter war.

Diese Tiefenschärfe wendest du auf die Menschen nicht an. Warum nicht?

Da will ich dem Leser mehr Spielraum lassen. Die Historie ist vorgegeben und die will ich möglichst genau schildern.

Kurz gehalten ist auch die Beschreibung über Dagga, den Hanf. Wie ist es heute in Namibia, wie gegenwärtig ist Dagga?
Haschisch!© Nachtschattenverlag
Es ist zwar verboten, aber man kriegt es und man raucht es. Durch die Wasserarmut ist Gras aber relativ selten. Aus den fruchtbareren Nachbarländern wird etwas Dagga importiert, während Haschisch so gut wie unbekannt ist. Dass ich es im Buch erwähne kommt daher, weil es mir im Laufe der Recherche aufgefallen ist, dass Hanf damals etwas ganz Normales war. Die Nil-Zigaretten hatten damals einen Anteil von 15-25% ungarischem Hanf und die ehemaligen Hottentotten und Buschleute haben es sowieso geraucht.

Und das spätere Verbot kann durchaus als Teil einer rassistischen Politik verstanden werden.

Das machen sie eben überall auf der Welt. Das ist eine Parallele zur Unterdrückung und Lächerlichmachung ethnischer Religionen und Gebräuche. Da wird alles genutzt, was der Zerstörung der urspünglichen Identität dient. Das Kiffen wird ebenfalls nicht ohne Grund verfolgt wie verrückt. Diese ungerechtfertigten Verbote grenzen für mich an Faschischmus.

 

War das ein Grund für deine Auswanderung von Deutschland in die Schweiz?

Ich rauche jetzt seit 35 Jahren und irgendwie habe ich mich an den illegalen Zustand gewöhnt. Ich renne nicht mit Riesentüten auf der Straße rum und habe bisher auch keine Probleme bekommen. Aber die Schweizer haben gutes Gras, stimmt.

Du sitzt bereits an deinem neuen Roman, er handelt in der Zeit des Boxeraufstands in China.

Ja, und wiederum ist es eine anstrengende, aber spannenden Recherchearbeit.

Ist der Boxeraufstand tatsächlich ein Resultat der Opiumkriege im ausgehenden 19. Jahrhundert, die Großbritannien mit China führte, um das Land weiterhin zur Einfuhr von Opium zu zwingen?

Nur zum Teil. China war für die „Westmächte“ ein riesiger Markt, voller Bodenschätze und militärisch schwach. Das galt es auszunützen. Die Boxerbewegung richtete sich ursprünglich gegen die herrschenden Mandschu, danach gegen die fremden Teufel, die als Ursache allen Unglücks angesehen wurden. Boxer war übrigens ein Spitznahme der Engländer für die Bewegung, die sich „Faustkämpfer für Gerechtigkeit“ nannte. Die beiden Opiumkriege hatten der chinesischen Führung die Überlegenheit Großbritanniens vorgeführt. Es ging darum, die Bevölkerung vor dem „Gift“ zu schützen. Da man gegen den mit Gewalt durchgesetzten britischen Import nicht ankam, versuchte man, selbst anzubauen, um die Kontrolle über den Verbrauch zu gewinnen. Gleichzeitig spaltete sich China in Traditionalisten, die von den Fremden nichts wissen wollten, und Modernisten, die der Ansicht waren, China müsse, ähnlich wie Japan, zu einer modernen Macht werden, um den aggressiven Kolonialmächten gewachsen zu sein. Diese Spaltung prägte auch den Bürgerkrieg während der sogenannten Boxerwirren.

Darf man schon mehr vom Inhalt des Romans wissen?

Eine Liebesgeschichte zwischen einer jungen deutschen Frau und einem Seeoffizier, vor dem Hintergrund der geschichtlichen Ereignisse in China, die ich sorgfältig recherchiere. Ein Teil spielt im von Deutschland besetzten Tsingtau, heute Qingdao, was ja eine Art deutsches Hongkong werden sollte. Die Deutschen haben dort ihre Aktivitäten damals anders organisiert als ein Jahrzehnt zuvor in Afrika. Gründliche Ausbeutung: ja, aber mit weniger Gewalt. Es wurden sogar Krankenhäuser und eine deutsch-chinesische Universität gebaut. Das Paar gerät dann in die Wirren des Boxeraufstands in Peking und die 55-tägige Belagerung der Gesandtschaften. Schon das ist spannend, mehr noch, weil das ja von den beteiligten Mächten zum Anlass genommen wurde, sich riesige Happen aus dem chinesischen Kuchen rauszusäbeln. Gleichzeitig war es der ersten große internationale Einsatz auf der Welt, bei welchem sich Nationen zusammen geschlossen hatten, um ein Ziel zu verfolgen. Es ging um die Sicherung wirtschaftlicher Interessen, wie man gewalttätigen Imperialismus damals wie heute nannte und nennt.

Wie näherst du dich der Denkweise der Deutschen von damals an?

Liest man Reiseberichte aus der Zeit um 1900, fällt einem schon die Überheblichkeit der Deutschen, Engländer, Franzosen etc. auf. Trotzdem nähere ich mich ihnen neutral. Man kann sich nicht hinstellen und sagen: “Ihr ward Arschlöcher”. Sind sie vielleicht von unserem heutigen Standpunkt aus, klar, aber wenn man als Autor so denkt, dann versteht man sie, und damit die Geschichte nicht. Sie haben halt geglaubt es richtig zu machen, nicht anders als wir heute.

Woher diese Lust am Schreiben und die Abkehr von den Comics?

Zum einen habe ich das Medium Comics sehr lange ausgeschöpft und nie genug damit verdient. Zum anderen ist es eine Herausforderung für mich eine Geschichte ohne Bilder zu beschreiben. Aus meiner Sicht gebe ich dem Leser einen größeren Freiraum für die Fantasie, wenn ich ihm kein fertiges Bild vorgebe.

 

Die wichtigsten Werke aus der Seyfried-Biographie

Verdammte Deutsche, Albrecht Knaus Verlag, München 2012

Gelber Wind oder Der Aufstand der Boxer, Eichborn, Berlin 2008

Seyfried & Ziska: Die Comics. Alle! Zweitausendeins. Frankfurt a.M. 2007

Herero, Eichborn Berlin 2003 Der schwarze Stern der Tupamaros, Eichborn Berlin 2004

Wo Soll Das Alles Enden, Rotbuch-Verlag Berlin 1978

Flucht aus Berlin, Rotbuch-Verlag Berlin 1990

Seyfrieds Cannabis Collection, Nachtschatten Verlag Solothurn 2003

Comic-Alben mit Ziska Riemann:

Future Subjunkies, Rotbuch-Verlag Berlin 1991

Space Bastards, Rotbuch-Verlag Berlin 1993


 

Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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