Kiffer Typen: Der Fressflash-Kiffer

Kiffer-Typen III

Erschienen im HanfBlatt in den 1990er Jahren. Überarbeitete Version.

Der Fressflash-Kiffer

Es ist schon faszinierend, welche Blüten der Haschischkonsum treiben kann. Dass die Sinne geschärft werden, ist ja bekannt: Eine Orange kann zu einem gänzlich neuem Geschmackserlebnis verhelfen, das gut gebackene Brot den kernigen Mann herausschälen. Nur gehärt der nette Freund von dem wir heute sprechen nicht zu dieser Art sensibler Mensch.

Die abendliche Kräuterzigarette glimmt noch, da meldet sich bei unserem Freund ein Gefühl…, nennen wir es mal Schmachter. Obwohl erst vor zwei Stunden im Imbiss den Pommes rot-weiss (Fachjargon: Bahnschranke) reichhaltig zugesprochen, verspürt er schon wieder Lust auf Bewegung der Kaumuskeln in Verbindung mit Kribbeln auf der Zunge. Es lässt sich ahnen: Die Motivation zum Essen ist bei ihm weniger durch Hunger, als durch die Lust am Schaufeln bestimmt. “Huch, der kleine Hunger!” Mit perfiden Werbesprüchen lockt das Fernsehen Richtung Kühlschrank, der beim Fressflash-Kiffer -wenn er denn nicht mal wieder pleite ist- gut gefüllt auf das Herrchen wartet. Nichts ist so erbauend wie der Blick in dieses volle Nahrungskästchen.

Was nun folgt, ist als der Regelkreis des Lukullus bekannt. Zunächst greift unser Freund nämlich zu den Leckereien und Naschereien aus den Food-Design-Fabriken, deren Wissenschaftler komplizierte chemische Gebilde zur Geschmacksknospenschmeichelei konstruiert und in Plastik verpackt haben. In einer Welt ohne Süssholzraspeln regiert das klägliche Derivat des Süssstoffs. Ob Wackelpudding, Milchreis oder Schokokram, binnen einiger Minuten hat sich der Blutzuckerspiegel des Haschbruders vervielfacht und unser Freund liegt genüsslich schmatzend auf dem Sofa. Riegel um Riegel wird nun eingeschoben, eine endlose Zufuhr, die eigentlich nur durch die Produktionslücken der kommenden Weltrevolution gestoppt werden kann, denn ein Sättigungsgefühl stellt sich dackelgleich nicht ein. Es kommt sogar vor, dass in der Hochphase des Exzesses Bananen in NutellaglÄser getaucht werden. Aber halt, es gibt durchaus ein Ereignis, welches den Kiffer aus seiner Weltumarmungstimmung rausreissen kann. Nein, nicht die Videocassette mit dem neuesten Machwerk von Teresa Orlowski, sondern vielmehr die Gier auf deliziäse Alternativen. In dem grossen Gemansche im Rachen fehlt nämlich der Kontrast, das Prickeln. Also rafft er sich auf und schlurft wieder zum Ort seiner Träume.

Nun tritt die zweite Phase des lukullischen Kreislaufs in Kraft, in welcher die Herzhaftigkeit die entscheidende Rolle spielt. Schluss mit dem SÜsskram, nun werden Brote mit Salami geschmiert, Pfannen mit Bratkartoffeln angeworfen, Schweinehälften aus dem TiefkÜhlfach gezerrt und kurz darauf duftet es in der Küche wie in der Eckkneipe gegenüber dem Schlachthof. Von den Finger trieft das Fett, eine Zahnlücke beherbergt einen Rindsfuss, kurzum, dass grosse Fressen hat begonnen. Vegetarier greifen jetzt kurzerhand zu Tofuwürsten, um wenigstens eine Ahnung von den steinzeitlichen Urgründen der Fleischverwertung zu bekommen. Die Aufnahme von Nahrung gehärt bei allen Primaten zu den Grundfähigkeiten des Lebens. So weit, so gut, aber wer hat schon mal von einem Gorilla gehört, der soviel Beeren frass, dass er Pickel auf der Nase bekam? Wahrscheinlich sind es weniger – wie so oft angenommen – die Abstraktionsleistungen, die uns Humanoiden von den Tieren unterscheiden, als vielmehr die Angewohnheit, kindliche (Fehl-) Entwicklungen im Alter durch Kompensationstätigkeiten auszugleichen.

Aber das ist natürlich alles nur dummes Gequatsche, was hier wirklich zählt, sind die enormen Entdeckungen der Psychoanalyse. Seit Freud steht doch fest, dass die Fresssucht eine Art oraler Masturbation ist. Gerade Schnullerkinder, die zudem noch ihr ödipales Verhältnis zur Mutter nie geklärt haben, neigen danach zu den Abfahrten im Reich des Lukullus. Oder sollte sich Freud im Kokswahn geirrt haben und die Dingen liegen ganz anders? Unser Freund tritt mittlerweile in die dritte Phase des Fresszirkels ein und macht da weiter, wo er angefangen hat: Nach all der Fleischeslust lechzt er nach etwas Süssem und wenn die Schokolade nicht alle ist, frisst er noch heute. Keine Frage, mit dem Fressflash-Kiffer haben wir ein gut integriertes Mitglied der Konsumgesellschaft in unseren Reihen, dessen Bedürfnisse einfach zu befriedigen sind. Seine Religion ist fest im Glauben an den grossen Aldi verankert, die Vorratskammer ist bei ihm Quelle der Inspiration und der Ruhe, ein heiliger Schrein, dessen Pflege er sich was kostet lässt, der Gang zur KÜche, die nÄchtlichen Ausflüge zur Tankstelle sind Wallfahrten. Und der Körper muss die Suppe auslöffeln, die ihm der oral gesteuerte Kreuzritter einbrockt.

 

 

Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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