Kiffer Typen: Der Paranoiker

Kiffer-Typen VII

Erschienen im HanfBlatt in den 1990er Jahren. Überarbeitete Version.

Der Paranoiker

Vor Jahren hat er eine Ausbildung zum Grossstadt-Guerillo bei einer israelischen Kiffer-Elite-Einheit genossen, seither nutzt er geschickt jede Deckung beim Gang zum örtlichen Dealer. Keine Garageneinfahrt, keine Buchsbaum-Hecke bleibt ungenutzt, bevor er über den Balkon bei seiner Hasch-Connection auftaucht. Dieser kennt das tagtägliche Theater schon und hat auf Wunsch seines Freundes die Zimmer abgedunkelt. Keine Frage, bei diesem Kiffer Typen haben wir es mit einem sehr speziellen Menschen zu tun: Er ist ein Paranoiker.

Vieles spricht dafür, eine gewisse Vorsicht walten zu lassen, wenn man als passionierter Kiffer durch die Welt rennt. Spiessbürger und andere Feinde der rauschhaften Sinnesfreuden haben oft nix besseres zu tun, als anderen das Leben schwer zu machen. Aber wie so oft bestimmt die Dosis das Gift und unser Freund hat einen etwas zu kräftigen Schluck aus der Schizo-Pulle genommen – und so wurde aus Vorsicht plötzlich Angst. Dabei fing alles ganz harmlos an: Um Häschern zu entgehen, parkte er sein Auto immer zwei Strassen von seinem Dealer entfernt. Irgendwann reichte ihm das aber nicht mehr und er kam mit der Bahn. Bald vermutete er aber, dass die Polizei aus seinen Bahnfahrkarten ein Bewegungsprofil zeichnen konnte und er fuhr die Strecke mit dem Fahrrad. Irgendwann verdächtigte er seinen Fahrradhändler aber gemeinsame Sache mit den Ordnungshütern zu machen, indem dieser anhand des Hundekots im Reifenprofil ermittelte, in welchen Stadtteil er sich aufgehalten hatte.

Die dunklen Wolken des inneren Kesseltreibens schoben sich zunehmend vor das sonnige Gemüt. Zu diesem Zeitpunkt war ihm schon sonnenklar, dass die gesamte Staatsmacht der Bundesrepublik alles tut, um seiner habhaft zu werden. Und so zurrten sich die seinen Geist einengenden Schnüre immer fester. Um vor schnüffelnden Nachbarn sicher zu sein, installierte er eines Tages eine Filteranlage in jedem Raum, obwohl er maximal zwei Gramm Dope im Haus hortete und das Hasch ohnehin nur oral konsumierte. Modem und PC stöpselte er ab, um nicht über das Internet ausgehorcht zu werden. Am Telefon durfte nicht mal mehr von Alkohol gesprochen werden. Aus Tarnungsgründen trat er der Heilsarmee und dem Guttempler-Orden bei. Der Gipfel war schließlich erreicht, als er im Freien nicht mehr den Mund aufmachte, weil Satelliten ihn anhand seiner Zahnplomben orten könnten.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma schien es nicht zu geben, denn alles passte zusammen: Tuschelnde Nachbarn, verirrte Telefonanrufer, ominöse Berichte im Fernsehen, magische Zahlen auf Nummernschildern. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zu den gängigen Verschwörungstheorien: Neben Polizei und BND hatten mittlerweile auch die Illuminaten ein Auge auf ihn geworfen und die Scientologen versuchten ihn mittels riesiger Orgon-Strahlern zu manipulieren.

Hätte unser Freund sich die Mühe gemacht, mal einen Schulpsychologen zu fragen, hätte dieser ihm vielleicht erzählt, dass dies die handfesten Anzeichen einer Verfolgungs-Paranoia sind: Ein System von Wahnvorstellungen. Hätte er sogar seinen dealenden Freund gefragt, hätte dieser ihm vielleicht dazu geraten, an einer etwas positiveren Konstruktion der Wirklichkeit zu basteln.

Ein interessante Frage ist natürlich, ob sein Verfolgungswahn durch den Genuss von Cannabis noch gesteigert oder eher gemildert wurde. Beides stimmt: Der Joint am Abend gab ihm nach einem gehetzten Tag endlich ein Stück innerer Ruhe und plötzlich waren auch die Stimmen nicht mehr da. Gleichwohl sah er sich ausserstande in größerer Runde einen durchzuziehen, weil darunter ein Verräter sein konnte. Dass die Frucht seines Geschmacks zudem verboten ist, schürt natürlich das Feuer der Angst. Letztlich steht der Paranoiker für eine ganze Reihe von Kiffern, die nicht nur inneren Zwängen unterlegen sind. In einer sozialen Umwelt, welche in die Vergangenheit mit Schuld und in die Zukunft mit Angst schaut und welche gerne im Ungewöhnlichem das Abnorme festmacht, lässt sich nicht immer einfach leben. Gerade deswegen heisst es die Selbstverantwortung ständig zu trainieren. Und darum liegt auch die Entscheidung, ob das Rauchen des Hanfs hilfreich oder hinderlich bei einer glücklichen Lebensführung ist, ganz bei ihm. Amen.

 

 

 

Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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