10 Jahre Neuro-Manifest

Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat ein Manifest für eine runderneuerte Hirnforschung veröffentlicht

Erschienen in der Telepolis v. 19.03.2014
Von Jörg Auf dem Hövel

Das Plädoyer ist eine Reaktion auf die Hegemoniebestrebungen von Teilen der Neurowissenschaft bei der Deutung menschlichen Denkens und Verhaltens. An der Diskussion lassen sich gut die Aufgabenfelder einer zukünftigen Erforschung des menschlichen Geistes umreißen.

Wer bemerken möchte, dass der Neuro-Hype noch lange nicht vorbei ist, braucht nur einen Google-Alert zu „Neurowissenschaftler“ einzurichten. Da purzeln die Meldungen ins Haus, dass es eine Freude ist. Was sich heute mit dem Präfix „Neuro-“ schmückt, gilt als modern und wissenschaftlich gehärtet. Über die bunten Bilder aus dem Computer kann man dem Menschen beim Denken und Fühlen zuschauen. Zwar wird Kritik an der oft optimistischen Interpretation dieser Bilder laut, dies hat dem Siegeszug der hirnbiologischen Verhaltensdeutung aber kaum Abbruch getan. Psychologie und Sozialwissenschaften registrieren mit Neid die Aufmerksamkeit, mit der die junge Disziplin bedacht wird.

In Schwung gebracht hatte den Hype in Deutschland ein erstes Manifest im Jahr 2004 (PDF). Ein Konglomerat aus anerkannten Wissenschaftlern würdigte damals die Fortschritte der Hirnforschung und gesellte rosige Aussichten dazu. Für Krankheiten wie Depressionen und Schizophrenie wurde angekündigt: „In absehbarer Zeit wird eine neue Generation von Psychopharmaka entwickelt werden, die selektiv und damit hocheff ektiv sowie nebenwirkungsarm in bestimmten Hirnregionen an definierten Nervenzellrezeptoren angreift.“

Zudem würden die molekularbiologischen Grundlagen von Alzheimer und Parkinson verstanden sein, so dass eine bessere Behandlung möglich sei. Zugleich übte man sich in Bescheidenheit, denn es war klar, dass trotz aller Fortschritte noch im Dunklen lag, nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet. Ebenfalls verschlossen lag die große Frage nach Entstehung und Relevanz von „Bewusstsein“ – verstanden als das Erleben der Hirntätigkeit als Eigenleistung – vor den Unterzeichnern. Die Vermutung war allerdings, dass die weitere muntere Datensammlung ein umfassendes Verständnis unseres Denkorgans ermöglichen würde.

Nach zehn Jahren muss man konstatieren: Wenig davon ist Realität geworden

Über die Ursachen von Alzheimer existieren eine Reihe von konkurrierenden Theorien, eine Impfung oder Heilung ist nicht in Sicht. Innovationen sind auf dem Gebiet der Psychopharmaka komplett ausgeblieben, mehr noch, die großen Pharmaunternehmen ziehen sich aus der Entwicklung neuer Psychopharmaka zurück. Die bildgebenden Verfahren verführten anfangs dazu, bestimmte Hirnregionen für Denk- und Verhaltensmuster verantwortlich zu machen. Mittlerweile ist man sich einig, dass die Verinselung solcher Phänomene falsch ist. An mentalen Aktionen sind immer mehrere Hirnareale beteiligt, und so wie es aussieht ist auch jedes beliebige Areal im Gehirn an mehreren Funktionen beteiligt. Dies ist durchaus eine Erkenntnis, die sich erst in den letzten Jahren durch die neuere Hirnforschung manifestiert hat.

Das Manifest stand sofort in der Kritik. Der Vorwurf ist in solchen Fällen meist der gleiche: Reduktionismus, soll heißen, das Gehirn und letztlich der Mensch würde auf seine biochemischen Funktionen reduziert werden. Das zeige sich in den berüchtigten „Ist nichts anderes als…“-Sätzen. Damit hat man schon den Zweig der „harten Künstliche Intelligenz“ in die Schranken gewiesen, die das Gehirn als „nichts anderes als“ einen schnellen Computer sehen wollte.

Wohlgemerkt hatten sich die Manifest-Autoren damals von genau so einem Reduktionismus einerseits distanziert – um ihn durch die Hintertür doch wieder einzuführen. Denn man wollte „Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge“ ansehen, beruhten sie doch auf biologischen Prozessen. Seither wird gestritten, ob die Vorgänge „alleine“ oder eben nur „auch“ auf biologischen Prozessen beruhen.

Aber wird darüber tatsächlich gestritten? Alles antwortet in der Sprache, in der man fragt. Anders formuliert: Biologische Prozesse sind eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung, um den Geist in Wallung zu bringen. Noch heute bestreiten Ko-Autoren wie der Hirnforscher Gerhard Roth, dass man jemals behauptet hätte, psychisch-geistige Phänomene vollständig aus der Biologie heraus erklären zu können.

Das Lebenswelt-Imperium schlägt zurück

Gleichwohl arbeitet sich an genau diesen Punkt nun ein zum zehnjährigen Jubiläum veröffentlichtes Gegen-Manifest ab. Unter der Federführung des Psychiaters und Neurologen Felix Tretter mahnt man den „social turn“ an und bemängelt die „Unzulänglichkeiten im Bereich der Theorie und Methodologie der Neurowissenschaften“. Gefordert wird eine Systemwissenschaft, die Zusammenarbeit von Neurologen, Psychologen, Systemanalytikern und Philosophen.

Nun gehört der Aufruf zur Interdisziplinarität zum guten Ton jedes Aufsatzes, offen bleibt meist, wer zahlt und wie die verschiedenen Stränge praktisch und fruchtbar zusammen arbeiten könnten.

Welchen Beitrag könnte beispielsweise die Philosophie leisten? Ein Vorschlag wäre, sich darüber zu einigen, ob die Erforschung der Ich-Perspektive für das Verstehen des Gehirns zentral ist. Und lohnt es sich in diesem Zusammenhang, das subjektive Erleben objektiv messbar zu machen, weil nur dies einer allgemeingültigen Theorie des Geistes führen kann? Es gibt ja durchaus Gründe dafür anzunehmen, dass Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist, sich also quasi als Überschuss aus dem Spiel der Neuronen ergibt. So Recht will diesem Ansatz aber keiner folgen, dafür scheint Bewusstsein für die Weltformel des Denkens zu wichtig. Zur Zeit ist man nicht einmal in der Lage, sich auf eine korrekte Fragestellung zu einigen, wie man die Beziehung zwischen neuronalen Prozessen und Bewusstsein untersuchen könnte.

Das führt zum Kern des neuen Manifests. Die nachweislichen Fortschritte in der Neurochirurgie und Rehabilitation, so der Vorwurf, würden auf der Entwicklung der digitalen Technik beruhen und keineswegs auf einem „erweiterten Wissen über die zugrunde liegenden Prozesse im Gehirn“. Nun gut, könnte man fragen, aber muss das sein, um voran zu kommen? Unter Umständen reicht es ja aus, die Rechner mit immer mehr Daten zu füttern, auf dass sie neue Zusammenhänge erkennen (Big Data). Darauf aufbauend ließen sich Netzwerkdynamiken erkennen. Ob man die dann mit neuen oder beliebten psychologischen Termini belegt, sei dahingestellt.

So wie es aussieht, wird auch die Psychologie nicht umhin kommen, sich von lieb gewonnenen Struktur-Funktion-Zuschreibungen zu verabschieden. Und so wichtig eine Rückbesinnung auf soziale Umwelteinflüsse für die Hirnforschung auch sein mag, die Neurobiologie hat auch deshalb so wild im Psycho-Acker gepflügt, weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Heilungsergebnisse der Psychologie (geschweige denn der Psychoanalyse) nicht überbordend waren.

So verlockend die Potentiale von Big Data auch seien mögen, die bisher angewandten mathematischen Methoden zur Netzwerkanalyse haben wenig dazu beizutragen zu sehen, wie der Kasten da oben funktioniert. Auf jeden Fall nicht-trivial und nicht-linear. Bisher hat sich keiner an eine Methodologie gewagt, die die erkenntnistheoretische Ebene komplexer Systeme mit Computersimulationen verbindet und zugleich in der Lage ist, dies in eine alltagstaugliche Sprache zu übersetzen. Bislang hatten systemtheoretisch basierte Ansätze immer die Tendenz, über die Abstraktionsgrade unverständlich zu werden. Eine Neuro-Theorie, die biologisch-physikalische, subjektive und systemische Stränge vereint, bleibt eine Mammutaufgabe. Beiseite wischen wird man dabei die philosophischen Grundsatzfragen (subjektiver Erlebnisgehalt, Intentionalität) nicht können.

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