Bad Liechtenstein oder auch: Kunst an der Steigung

Die Brille trägt er fast immer, das ist sein Vertrag. Aber einen Tag nach seiner Performance im Foyer des bröseligen Hotels treffen wir ihn auf der Straße – ohne Brille. Gutmutig-verschmitze Augen leuchten. Friedrich Liechtenstein glaubt an Bad Gastein, er ist oft hier und nicht erst, seit er für seine Auftritte ordentlich Geld verlangen kann. Nun ist er sogar Stargast in der alljährlichen Sommerfrische Kunst, einem Versuch, dem schwindsüchtigen Patienten in den Salzburger Alpen eine sanfte Kur zu verpassen.

Bad Gastein Wasserfall
Ausstellungen, Feiern, Happenings – die Tage in den Bergen locken bereits im fünften Jahr Besucher nach Bad Gastein. Die tragende Idee ist ein Stipendium für acht junge Künstler. Vier Wochen haben diese Zeit, in beeindruckender Umgebung Neues zu schaffen. Eine Jury prämiert.

Wuchtiges Bergmassiv, davor rauscht, nein, tost der Wasserfall. Im Dunst des Falls, im alten Kraftwerk, sollen die Künstler vier Wochen lang zur Ruhe finden. Ein interessanter Gedanke. Denn auch im nahen Hotel Regina, in dem die Künstler untergebracht sind, ist das fallende Wasser präsent. Die Künstler schlafen schlecht, sagen sie. Das Wetter ist sehr wechselhaft, sagen sie. Das Essen ist schwer, sagen sie. Aber sie schwärmen von den Bedingungen, der „entspannten Zeit“.

Man muss die Arbeiten auch als sichtbares Beziehungsgeflecht der vierwöchigen Klausur sehen.
Dirk Meinzner
Aiko Tezuka

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Dirk Meinzer beispielsweise, der in tanzaniaischen Hütten hausenden Hamburger, der Gesteinsmehle und Bienenflügel zu prachtvoll-subtilen postpsychedelischen Gemälden verarbeitet, diesem Mann beispielsweise ist die Bergluft so sehr zu Kopf gestiegen, dass er die Stockflecken des Wasserwerk-Ateliers auf ein Bild überführt hat. „Eine Spielerei“, wie er sagt.

Stefan Panhans hat derweil einen Film gedreht, in dem die Schauspielerin Lisa Marie Janke mit einer GoPro-Kamera auf dem Kopf durch ein Automobil kreicht, das mit in Bad Gastein eingekauften Requisiten vollgestopft ist.

Zurückgedacht zum Auftritt Liechtenstein. Dem Inbegriff des Cool geht es schlecht. Er schwitzt, steht im Morgenmantel im Foyer des, Achtung, „Grand Hotel de l’Europe“. Rundvolle Marmorsäulen, vor ihm hocken Kinder und wackeln ergebene Frauen, dahinter Jungs in Anzügen, in der dritten Reihe, ohne Sichtkontakt, Rentner in Ohrensesseln. „Oin Gespritzen, bitte.“ Vorne: The Man, Symphatieträger, Weltmann, Bonvivant. In einer Welt, in der alles deutlich erfasst und zuzuordnen ist und wir alle Datenpunkt sind und unser Verhalten eine Tabellenzeile füllt, ist er opak. Woher er kommt? Wohin er geht? Man weiß es nicht und man hofft, dass es so bleibt, dass er sich zu wehren weiß, gegenüber denjenigen, die es genau wissen wollen. Er brummelt märchenhafte Geschichte, Absurditäten, Reminiszenzen an eine Zeit, in der alles irgendwie besser war, vielleicht die späten 70er, als Vollbeschäftigung bei vollen Lohnausgleich lockte. Easy Listening war tot, aber Friedrich erweckt, transformiert, dekadenziert. Ende, er ist müde. Sein Album „Bad Gastein“ und bitte nicht bei Amazon kaufen. Unwürdige Fotosession mit Facebook-Spackos.
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Das ehemalige Hotel beherbert nun neben Eigentumswohnungen das örtliche Casino. Zwei Zocker am Roulette, einer am Black Jack, vier Männer an der Bar, zwanzig einarmige Banditen im Raum, die Wände dünsten den Stressschweiß der vergangenen Nächte aus. Draußen weht der Wind um das Kongresszentrum, eine Ufo-Konstruktion aus Stahlbeton, eine späte Rache der Gasteiner an den Hotel-Magnaten, die über Jahrzehnte zwei Welten schufen, die Hoteliers und ihre Gäste (der Schah & Co.) und die Bevölkerung, ein Tal im Luxus-Vakuum. Und nun? Das Übliche. Die Investoren halten die rotten Immobilien, die Aktivisten suchen nach Lösungen, die Gasteiner halten aus, nein, mehr noch, sie halten sich zurück.

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