Hünengräber, Langbetten, Dolmen: Auf Urkult-Tour in Norddeutschland

Der dampfende Dolmen

Hünengräber, Langbetten, Dolmen: Auf Urkult-Tour in Norddeutschland

Rund um Hünengräber, Hinkelsteine und Steinzeit-Felsbauten ist eine Fan-Kultur entstanden, in der sich von Universitäts-Archäologen bis zum Neuzeit-Druiden alles sammelt. Die archaischen Steine dienen in einer Zeit der Ort- und Bindungslosigkeit auch als Projektionsflächen innerer Wünsche: Profundes Wissen, Leichtgläubigkeit oder Boderline? Wer sich eingehender mit den sakralen Bauten beschäftigen will, wird auf Disziplinen wie Archäoakustik, Astronomie und Erdenergien stoßen. Aber was verspürt Otto Normalo bei einem Besuch so einer Stätte? Sind es Orte mit einem Eingang zur Anderswelt? Wir wagen den Versuch. dolmen

Wolken und Sonne über der norddeutschen Knicklandschaft. Wir schaukeln über die Landstraße bei Bad Segeberg, Städter auf Landpartie an einem Wochentag. Da, das erste Hinweisschild: Grabhügel. Bremse rein, rechts ab. Der Hügel liegt recht unscheinbar am Rande eines Parkplatzes im Vorgarten eines Einfamilien-Hauses. Rauf da. Oben fruchtet zwischen alten Bäumen blaubeerig Weißwurz. Wollen, vielmehr, können wir uns öffnen? Verkehrslärm und eine dahingeworfene Grabsteinplatte verhindern das. Runter von dem Ding, der freundlich murmelnde Vorgartenbesitzer klärt uns auf: Ein anderer Hügel liegt irgendwo da drüben.

Rein ins Auto, drei Kurven später, ein Feldweg, ein Acker. Hier wirkt es schon gemütlicher. Wir machen uns auf die Suche. Vögel zwitschern, im Knick entdecken wir vielerlei fruchtendes Buschwerk. Es geht wie so oft im Leben ums Augen aufmachen. Ebereschen, Faulbäume, Holunder, Haselnuss, ein Wespennest, … Wir landen in einem künstlich angelegten Feucht-Biotop, einer Schonung und schließlich in einer Senke, die schon verdammt heilig aussieht, sich aber als Suhlkuhle für Vieh rausstellt. Egal, auch schön hier. Nach einem halbstündigen Rundgang finden wir denn doch noch den stattlichen Grabhügel unweit unseres Ausgangspunktes mitten auf einem Kartoffelacker. Garantiert 25 Meter Durchmesser, einige Meter hoch, Birken, Buchen, Gräserbewuchs. Vorsichtig umrunden wir das Objekt erst einmal. Jetzt das Herz rein halten.

Der Eingang zu dem Grab ist von einem großen Findling verschlossen. Drei große Trägersteine halten den Dachstein. Die Grabstätte wurde vor circa 5500 Jahren angelegt, das ist, wenn man mal überlegt, ziemlich lange her. Wir klettern auf den Berg, suchen weitere Attraktionen. Außer einem Landvermessungsstein und ein paar Fuchslöchern gibt es keine Hinweise. Wir setzen uns. Es ist plötzlich warm. Jacken aus. Unspektakuläre Wohfühlatmosphäre. Jetzt was opfern. Ein paar frische Galläpfel, das muss sein.

Nun den virginischen Tabak raus, selbstgezogen, eine Pfeife, etwas Füllung. Die Pfeife dreht sich plötzlich. Die Hälfte des Schamanenkrautes verteilt sich auf dem lehmigen Boden. Aha, die Ahnen verlangen ein vernünftiges Opfer. Ein erster Zug, ahh, dann zwei Honks in Jacken von links. Sind das die freundlichen Geister der Ahnen? Nein, es sind die höflichen Wächter des Grabs. Guten Tag, darf ich mich vorstellen, Herr Sowieso vom archäologischen Amt in Bad Segeberg. Der Mann weiß nicht recht, wie er formulieren soll, dass er jeden und so auch uns grundsätzlich des Grabraubs verdächtigt. Deswegen sind er und sein ebenso alter Kollege mit Rucksack hier. Lockeres Geplänkel. Er sieht keine Klappspaten und wird ruhiger. Wir ziehen ihm ein paar Fakten rund um den Hügel aus der Nase. Ja, der Bauer erlaube den Zugang. Nein, viel los sei hier nicht. Die Männern zockeln davon, wir bleiben. Gut, wenn man erwachsen ist, pampiger oder oberlehrerhafter Tonfall fallen meist aus. Abgang mit erstem Fazit: Wild bewachsener Grabhügel mit mittelklassigem Chillfaktor, Straßenrauschen nahe bei, etwas unwirtliche Umgebung, gefühlte erhöhte Temperatur.

Dolmen

Dolmen bei Groß Rönnau (Foto: Torben Berger)

Weiter gehts. Wir fahren nach Groß Rönnau, dort soll sich ein – nach Aussage des einen Grabwächters – beeindruckender Dolmen befinden. Problem: Keine Beschilderung. Aber wir haben ja innere Antennen.

Die meisten unter uns wissen inzwischen mehr über die Finessen ihres Handys als über das Wachsen einer Balkonpflanze, geschweige denn das Leben unserer Vorfahren und ihren Umgang mit der Natur. Dabei sind diese Stätten die ältesten sichtbaren Spuren unserer Kultur. Unsere Ahnen brachten in diesen architektonischen Formen ihre Verbindung zum Kosmos und zu den Urgründen des Seins zum Ausdruck. Es gibt Bestrebungen, diese Sicht der Dinge wiederaufleben zu lassen. Warum? Weil, so diese Annahme, nur im Zusammenspiel mit der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten individuelles Glück, soziale Gerechtigkeit und das Überleben der Menschheit möglich sei. Ob und wie über 5000 Jahre später, nach Aufklärung, industrieller Revolution, Raumfahrt und Informationstechnologie, das Weltbild unserer Ahnen unseres bereichern kann, muss sich zeigen.

Diese Orte galten einst als heilig, als Durchgänge zur Anderswelt, die, entgegen aller heutigen Vermutungen, ebenso den Naturgesetzen gehorchte. Nur sind diese Gesetze noch kaum mit modernen Mitteln erforscht, was nicht zuletzt an der modernen Wissenschaft liegt, die auf Subjekt-Objekt-Spaltungen besteht. Damals wurden mit dieser Architektur nicht nur die Toten, die Sonne und die Gestirne geehrt. Zusammen mit den ersten Wohnbauten können diese Konstrukte ebenso als erste große Zähmung von Natur interpretiert werden. Es ist eine bis heute unbeantwortete Frage, ob in der Technik selbst oder nur in dem übersteigerten Gestaltungswillen des Menschen, die ambivalente, eben auch elendsbringende Kraft technischer Errungenschaften liegt. So oder so: Wir leben heute in einer komplett technisch verfassten Gesellschaft.

Wir irren über die Feldwege, eine riesige Kiesgrube irritiert, kein Dolmen in Sicht. Da, unerwartet auf einem frisch mit massenweise Pferdescheisse gedüngten Acker, da steht er. Na, das ist schon ein anderes Kaliber, ein gelandetes Raumschiff. Wir waten durch das größte Scheißefeld, das wir jemals betreten haben, und werden mit einem klassischen Hünengrab belohnt. Vier fette Säulen und ein riesiger Dachstein. Verschrobener Granit, Flechten, etwas saftiges Moos auf der Nordseite, der Eingang Richtung aufgehende Sonne. Ein Holunderbusch wächst aus dem Inneren hervor, eine fette Kröte hüpft beiseite als ich unter den Stein linse. Wir ahnen, hier müssen wir sauber zelebrieren. Die Räucherkegel werden gezückt. Ich geselle mich mit einer Räucherschale hinzu. Ein Zunderpilz aus den Alpen glimmt, Weihrauch, Myrrhe und Palo Santo von einem Ayahuasca-Schamanen der Shipibo-Conibo duften. Alles reinstellen in die Höhle. Wir kriechen unter den Stein, ein Meter Platz nur, aber genug für eine Leiche. Wir schmiegen uns an die Steinplatte, tänzeln um das Objekt, der Dolmen qualmt und verbreitet köstliche Gerüche, ein Heidenspaß. Besonders spirituell fühlen wir uns nicht, aber gut aufgehoben, irgendwie beschützt. Kein Spielverderber könnte uns jetzt den Kontakt zur Urnatur versauen.

Die Form wirkt wie vom Bildhauer Henry Moore geschaffen. Das Bundeskanzleramt für Druiden. Standorte verschaffen ständig Perspektivverschiebungen. Ein Greifvogel schwebt über uns. Ich stelle mir vor, wie pikant so ein Dolmen als Garage für meinen Opel-Corsa aussehen würde. Aber hinfort, ihr blasphemischen Gedanken. Ein Abgang mit zweitem Fazit: Der dicke Dolmen ist überraschungsresistent. Sinnieren ohne Reue.

Überall im europäischen Raum erfüllen die Megalithen (gr. große Steine) die Sehnsucht nach Authentizität und Dauerhaftigkeit. Der äußeren scheint oft eine innere Archäologie folgen zu wollen. Es ist wenig bekannt über ihre Erbauer, ihnen heute Handlungsstränge und Ritualformen zuzuweisen ist daher problematisch. In Norddeutschland gehören die Großsteingräber zur Hinterlassenschaft der sogenannten Trichterbecherkultur, benannt nach der typischen Form ihrer Tongefäße. Die Bevölkerung begann in der Jungsteinzeit ab 3500 v.Chr. auch bei uns, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Damit beendeten sie den ältesten und längsten Abschnitt der Menschheitsgeschichte, die Zeit der Jäger- und Sammlerkulturen, und führten die sesshafte Lebensweise ein.

Ein Grabhügel, ein Dolmen, jetzt fehlt nur noch ein Langgrab, sagen wir, und fahren Richtung Negernbötel. Der Ort heißt tatsächlich so, er liegt sieben Kilometer nordwestlich von Bad Segeberg. Nachdem wir freudig aus dem Wagen springen, erleben wir, was Zivilisation aus den ehemals so schönen Friedhöfen und Kultstätten machen kann. Die ursprünglich als länglich aufgeschüttete Hügel geformten Megalithgräber sind stark zerstört. Früher mitten im Wald und am Flußufer der Faulen Trave gelegen, ist von dem Zauber wenig übrig. Ein Schweinegülleproduzent in der Nähe verbreitet einen unfassbaren Gestank, eine Zufahrtsstraße zerteilt ein früher über 100 Meter langes Grab in zwei Teile. Enttäuschung macht sich breit. Egal, wir ehren auch diesen Platz durch Abgehen seiner Dimensionen und erfreuen uns an den moosbewachsenen, uralten Steinformationen. Wer zuviel Zeit hat, beschließen wir, der sollte mal einen Brief an die Gemeindeverwaltung von Negernbötel schreiben, schließlich ist dieser Steinzeit-Tempel ihre einzige touristische Attraktion. Rückfahrt und drittes Fazit: Jenseits psychischer Projektionen (die dunklen Regenwolken kommen, weil ich mich schlecht benommen habe) und Reisen in inneren Welten scheint, so unsere Vermutung, an diesen Orten eine Art tieferer Wahrheit zu liegen, die von ganz verschiedenen Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen ganz ähnlich erlebt werden kann.

Wir, so nehmen wir an, sind jedenfalls städtisch fast zu verkorkst, als das wir von den feinstofflichen Potentialen vor Ort allzuviel bemerken. Auf der anderen Seite lässt sich die altertümliche Schönheit, die Ruhe und Kraft, die von ihnen auszugeht, nicht leugnen.

Literatur:

Der Fotograf Johannes Groth hat einen prächtig bebilderten Band zu den schönsten Grabstätten in Norddeutschland veröffentlicht. Daraus stammen auch die von uns besuchten Dolmen und Gräber.

Johannes Groht:
Tempel der Ahnen
Megalithbauten in Norddeutschland
AT-Verlag 2005

 

Weiterführender Link:

http://www.stonepages.de/

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo ich war dort und habe mir die Megalithgrab in der nähe von Groß Rönnau angesehen und ein paar Bilder gemacht. Bei interesse einfach melden

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