Kiffen und Kiffer im Film

HanfBlatt, Nr. 83, Mai 2003

Bunter Rauch auf der Linse

Das Kiffen auf Zelluloid hat sich gewandelt. Wo sich früher nur Freaks und Outlaws die Hucke dicht rauchten, tummeln sich heute die fröhlichen Kiffer. Was fehlt also noch? Klar, eine stramme Empfehlung für die wirklich sehenswerten rauchgeschwängerten Filme.

Wen es wundern sollte, der sei aufgeklärt: Nicht jeder Streifen, in dem ein Joint weiter gereicht wird ist es Wert aus der Videothek geschleppt – geschweige denn via Internet auf die Festplatte gesogen zu werden. Viele Filme dienen nur als Klischee für eine weitere Verbreitung des überkommenden Gedankenguts der Prohibition. In ihnen muss der Kiffer dafür herhalten, dass zwischen Holly- und Bollywood Einigkeit darüber herrscht, dass die Droge Cannabis und ihre bösen Derivate „Haschisch“ und „Marihuana“ aus harmlosen Jugendlichen durchgeknallte Bösewichte macht. Das Musterbeispiel dieser staatlich verordneten Verblödung ist immer noch Reefer Madness (USA 1936), ein Aufklärungsfilm aus der Anti-Drogen-Propaganda der USA, der damals für blankes Entsetzen, heute nur noch für Komik sorgt. Die Handlung: Ein junger Musteramerikaner raucht einen Joint und wird dadurch zur mordenden Bestie.

Sieht man einmal von den im Untergrund wirkenden Filmexperimenten ab (so zum Beispiel Sommer der Liebe, Deutschland 1992, Regie: Wenzel Storch), stand der öffentlichkeitswirksame Kinofilm lange Zeit ganz im Dienste der Mythologisierung von Cannabis. Bis in die 60er Jahre hinein waren die Produkte des Hanfs das böse „Rauschgift“ und zu diesem gehörte immer ein schmierige Händler, ein paar Waffen und billige Mädchen. Sie waren die Nachfahren der unrasierten Schurken, die den Indianern Whiskey und Waffen andrehten. Mehr noch: Nicht nur in der Stirb langsam-Reihe (USA 1988) sprechen die Drogendealer gern mit deutschen Akzent. Die Legitimität des Krieges gegen die Drogen wird hier mit der des Krieges gegen Hitler verglichen und abgestützt.

Die andere Seite war der Konsument (vulgo: „Der Süchtige“). Das THC hatte den Mann oder die Frau fest im Griff, und zwar so sehr, dass es zu einer Abspaltung von den sozialen Beziehungen kam. Pot – so stand fest – das war sowohl ein Problem für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Die in den Körper eindringende Nadel eignet sich aufgrund ihrer deutlichen Intimsphärenverletzung zwar erheblich besser zur Inszenierung von Angst, aber auch der vernebelte Zug am Joint wird von den Regisseuren gerne so in Szene gesetzt, dass der Zuschauer nicht mehr genau weiß, ob er in einem Horror- oder Drogenfilm sitzt. Die Grenzen sind hier bewusst fließend gesetzt.

CUT

Von dieser Brandmarkung als Substanz, die den Menschen von sich selbst und der Gesellschaft spaltet, hat sich der Hanf im Gegensatz zu anderen psychoaktiven Substanzen nach und nach erholt. Zu einer ersten Rehabilitierung kam es in den 60er Jahren, als sich die Message der Hippies in Herz und Hirn der Filmfritzen spülte. Inhaliertes Gras, so die gewitzte Umkehrung, spaltet uns nicht, sondern bringt uns näher zu unserem inneren Selbst. 1967 endete auch cineastisch der „Summer of Love“ mit dem Film Easy Rider. Peter Fonda & Co stoßen hier die Pforten der Wahrnehmung weit auf, um sie schließlich von den Spießern wieder vor den Kopf geschlagen zu kriegen.

Kiffen – das ist von nun an en vogue, der ehemals böse Stoff wird kulturell als „weiche Droge“ integriert. Plötzlich steht das Hanfblatt als Symbol für die Gegenkultur im medialen Raum und soll zugleich die Grenze zwischen den Generationen markieren. Ab diesem Zeitpunkt spiegeln die meisten hanfbewegten Filme einen gesellschaftlichen Konsens, der nicht Gesetz geworden ist. Das Bild vom freundlichen Kiffer entsteht.

Der Zeitgeist fordert von den Filmen nun auch die visuelle Umsetzung des im Rausch subjektiv Erlebten – eine knifflige Aufgabe, wie sich schnell heraus stellt. Farbfilter werden vor die Linse gehängt, alles dreht und bewegt sich, man sieht doppelt, Konturen verschwimmen. The Trip (USA 1967, Regie: Roger Corman) ist ein Höhepunkt dieser Versuche. Weitaus gelungener, weil das positiv-spirituelle Moment mancher Abfahrt besser erfassend ist Montana Sacra, (Mexiko 1973, Regie: Alejandro Jodorowsky). Eine Gruppe Heilssuchender tript dabei durch einer Welt voller Absurditäten.

Rund drei Jahrzehnte später nimmt Terry Giliam das Thema noch einmal auf und dreht es endgültig ins Groteske. Im Klassiker Fear and Loathing in Las Vegas (USA 1998, Regie: Terry Gilliam) ist Cannabis die mit Abstand harmloseste aller konsumierten Substanzen. Jonny Depp und sein samoranischer Anwalt fegen durch Las Vegas, zugedröhnt bis unter´s Dach und einem vergessenen Auftrag folgend. Zwar ist die subjektive Drogenvision auch hier Teil der Montage, dem Zuschauer wird aber immer wieder die Möglichkeit zur Distanzierung gegeben, denn so, nein so abgefahren kann, mehr noch, darf kein Trip sein.

Ohne das Beben der 60er Jahre wären auch die heutigen Kiffer-Komödien nicht denkbar gewesen. Die Mutter aller dieser Nonsens-Machwerke ist Cheech & Chong-Reihe (USA 1978ff). Der Erfolg des ersten (Viel Rauch um Nichts, Regie: Thomas Chong) und wohl auch besten Streifens der beiden zotteligen Kiffer-Brüder Pedro und Man ist so groß, dass vier weitere gedreht wurden, die allerdings in ihrer Struktur immer simpler werden. Egal, es wirde gekifft, gelacht und die Bullen werden verarscht. Nie wieder wurde der Insidern bekannte Spass-Faktor des Rauchen so brachial-komisch umgesetzt.

RÜCKBLENDE

Die frühen Filmemacher kannten keine in ihre Arbeit eingreifenden Instanzen. In reglementierungswütigen Deutschland wurde die Filmzensur 1908, in den USA 1922 eingeführt. Die Verherrlichung von Drogenkonsum stand schnell auf der Liste der No-Nos. Der – despektierlich gesagt – Vampir-Klassiker Nosferatu (Deutschland 1922, Regie: Friedrich Wilhelm Murnau) gilt als der erste Drogenfilm überhaupt: Ein ausgezehrte Süchtiger streift durch die nächtlichen Strassen, immer auf der Suche nach seinem Stoff. Süßes, aber gefährliches Gift: So stellt sich von nun an das Filmpublikum die Substanzen des kurzen Glücks vor.

Die Traumfabrik Hollywood stand seit ihrer Gründung unter argwöhnischer Beobachtungen der staatlichen Zensurbehörde. Alle Künstler musste Verträge unterzeichnen, in denen sie sich verpflichteten „nichts zu tun, was die Allgemeinheit schockieren oder beleidigen, öffentliche Moralvorstellungen verunglimpfen oder dem Produzenten oder der Filmgesellschaft schaden könnte“. Trotzdem taten die Produzenten alles, um das Publikum mit Sensationellem zu locken. Und das war halt: Freizügigkeit, Gewalttätigkeit und vor allem „Sex and Crime“. Aber Joseph Breen, Mitte der 30er Jahre Oberzensor in Hollywood, wachte auf die peinliche Einhaltung aller Richtlinien und glättete auch politisch allzu kritische Passagen. Mit Beginn der Ära Roosevelt war dann endgültig das optimistische, saubere Hollywood-Kino geboren.

ANSCHLUSS

Die Legalisierungs-Wunsch-Welle Mitte der 90er Jahre spült das Thema „Kiff und Kiffen“ wieder neu in die Kinos, allerdings unter geänderten Vorzeichen. Zum einen hat der süße Duft die bürgerlichen Schichten erreicht, Hasch-Rauchen ist nicht mehr nur Sache von Freaks oder Ami-Landsern (Apocalypse Now). Durch Filme wie Slackers (USA 1991, Regie: Richard Linklater), Homegrown, (USA 1998, Regie: Billy Bob Thornton) Bang Boom Bang (Deutschland 1999, Regie: Peter Torwarth) schlurfen die netten, immer leicht weggetretenen Dauerkiffer. In The Big Lebowski (USA 1998, Regie: Joel Coen) sehen wir den Anti-Helden Jeff Bridges im Kampf gegen Bowling-Kugeln und Leder-Nazis. Nichts bringt diesen modernen Buddha dabei aus seiner Ruhe. Und bei allem Humor zeigt Coen auch die Probleme eines alternden Single aus der Hippiegeneration. Brilliant! Ähnlich ruhig gepolt und sehenswert ist Kevin Spacey in American Beauty (USA 1999, Regie: Sam Mendes), der sich als Familienvater den amerikanischen Alltags-Horror mit Spliffs versüßt. Der britische Theaterregisseur Sam Mendes wagte hier die Bloßstellung der us-amerikanischen Doppelmoral und gewann – auch an der Kinokasse.

Zum anderen erscheint der negativ besetzte „Konsum“ einem positiven „Genuss“ gewichen, der eine sozial verbindende Komponente in sich trägt. So beschreibt der Hamburger Regisseur Fatih Akin in dem Spielfilm Im Juli (2000) eine köstliche Kiffer-Szene, in der Moritz Bleibtreu den ersten Joint seines Lebens raucht und ein Erweckungserlebnis hat. Es ist kein Zufall, dass er gerade dabei die Augen für seine Begleitung (Christine Paul) geöffnet bekommt. Haschisch, so zeigt Akin, k a n n ein kompetenter Wegbegleiter auf der Strasse zur Liebe sein.

Die Integration von rauchbaren Hanfprodukten in den Film, so bemerkte der Filmkritiker Georg Seeßlen einmal, geschieht aber keinesfalls bedingungslos: „Wir benötigen die Gemeinschaft, wir benötigen den Ausweis der Friedfertigkeit, und wir benötigen die Bereitschaft zum Glück. So wird diese Droge, die eigentlich allenfalls noch eine „Droge“ ist, zum Medium, den Bruch zwischen Gesellschaft und Individuum ebenso wie den zwischen Ich und Welt eher zu kitten als zu vertiefen.“ In all diesen Streifen wird Cannabis nicht mehr als moralisierendes Medium benutzt, dass die Konsumenten in tiefste Tiefen drückt oder höchste Höhen katapultiert, vielmehr ist es Teil eines Lebens, dessen wichtige Momente sich auch ohne das Kraut genießen oder aushalten lassen. Der Hanf ist entmythologisiert, und – wenn überhaupt – eher Teil der Lösung als des Problems.

Die Gesellschaftsfähigkeit des Kiffens erlebt ihren Höhepunkt in den diversen Kiffer-Komödien der späten 90er. Ein eigenes Genre entsteht. Einige deutsche Beispiele: Hans Christian Schmids Crazy, Matthias Lehmanns Doppelpack, Schule von Marco Schmidt oder – als Endprodukt – Lammbock von Christian Zübert: Überall steht Cannabis für eine sozial kompatible Überschreitung, die keiner mehr ernst nehmen will. Fakt ist aber auch, dass dies nach einiger Zeit ebenfalls vom Kinobesucher nicht mehr als ausreichender Grund für einen Kartenkauf ernst genommen wird. Dafür ist Kiffen eben irgendwann wirklich zu normal.

Diese Normalisierung illustriert reizend Nigel Coles Grasgeflüster (GB 2000). Die Handlung: In der konservativ-idyllischen Welt von Cornwall steht eine Witwe vor dem Ruin. Mit Unterstützung eines Freundes legt sie in ihrem Gewächshaus eine riesigen Hanfplantage an. Der Clou: Die ganze Dorfgemeinschaft weiß von dem Vorhaben und… ist begeistert. Cole gelingt es ein Milieu zu schildern, das sich nur deshalb nie vollständig zum geregelten Konsum bekennt, weil er illegal ist. Ist hier der Film Spiegel der Wirklichkeit?

Zumindest ist Cannabis in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und wo noch in den Werken der 60er Jahre die Droge als Weg dargestellt wurde, die Realität zu verlassen oder neu zu konstruieren, scheint sie heute Ausdruck einer glaubwürdigeren, authentischeren Lebenswelt zu sein. Nun aber ist das Publikum satt: Coole Kiffer-Sprüche in Growing-Anlagen reichen heute nicht mehr für einen Kassenschlager aus und die Visualisierung des inneren Rausches wird von jedem PC-Bildschirmschoner ausreichend bunt umgesetzt. Was bleibt also für einen Film, in dem Cannabis eine Rolle spielen soll? Die oft so herrlich groteske Kiffer-Absurdität bleibt ein weites Feld, sicher auch eine noch detailgenauere Illustration des Menschen in seinen inneren und sozialen Verflechtungen. Und hat eigentlich schon jemand einen Kiffer-Porno gedreht?

 

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