GINSENG – EIN STECKBRIEF DER PFLANZE UND IHRER WIRKSTOFFE


Erschienen im HanfBlatt 2002

GINSENG – STECKBRIEF

Die Pflanze

Wenn von Ginseng die Rede ist, ist meist der Koreanische Ginseng, botanisch Panax ginseng, gemeint. Dessen mitunter menschenähnlich aussehende Wurzel stellt das in Ostasien seit Jahrtausenden begehrte Heilmittel dar. Die Pflanze selbst ist ein bescheidener kleiner mehrjähriger Strauch, der sich nur sehr langsam entwickelt, im Winter seine wenigen Blätter verliert, erst ab dem dritten Jahr seiner Existenz blüht und dann meist nur einen Stand mit roten Früchten entwickelt, deren Samen wiederum Monate zum Keimen benötigen.

Vorkommen

Wild wächst Ginseng im Unterholz schattiger Wälder in den Bergen Koreas und in der Mandschurei. Mittlerweile sind wilde oder aus früherem Anbau verwilderte Ginsengpflanzen so selten geworden, daß besonders für Wurzeln alter Pflanzen sehr hohe Preise bezahlt werden. Sie gelten obendrein als wirkstoffreicher, was möglicherweise mit ihrem in der Wildnis noch langsameren Wachstum zusammenhängt. All dies macht wilden Ginseng zu einer gefährdeten Art.

Der Anbau

Um den enormen Bedarf an Ginseng zu decken, wird er in großem Maßstab angebaut. Wichtigster Produzent für hochwertigen Ginseng ist das klimatisch optimale und im Anbau über einige Jahrhunderte besonders erfahrene Korea. Der in Südkorea angebaute Ginseng gilt gemeinhin als der beste kommerziell erhältliche. Große Mengen werden auch in der Volksrepublik China angebaut. Kleinere Mengen im russischen Sibirien und in Japan.
Der Anbau ist nicht leicht. Ginseng bedarf besonderer Pflege. So müssen besondere Beete möglichst an nördlichen Berghängen und bevorzugt in Waldnähe angelegt und die Pflanzen im Sommer schattiert werden. Erst nach vier Jahren sind die Wurzeln in einem erntereifen Alter. Nach 6 Jahren haben sie schließlich optimale Größe und Potenz erreicht. Die Erträge sind dennoch mengenmäßig so gering, daß die relativ hohen Ginsengpreise verständlich werden.

Ginseng kann auch in anderen Ländern gemäßigter Breiten mit Erfolg angebaut werden. Wer mehr über die Anbaumöglichkeiten in Deutschland wissen möchte, dem sei das Buch von Peter Klock „Ginseng. Das Geheimnis des grünen Goldes.“ (ISBN 3-929248-00-X) ans Herz gelegt. Er verkauft übrigens auch Ginsengpflanzen (Südflora Baumschulen, Stutsmoor 42, 22607 Hamburg). Wer sich für qualitativ hochwertigen Ginseng aus deutschen Landen interessiert, der sei an die seit einigen Jahren erfolgreichen Ginsengfarmer Herbert Klute (Meinolfusstr. 8a, 33181 Wünnenberg-Haaren) die Wischmann Flora Farm (Bockhorn 1, 29664 Walsrode) und den Ginsenghof Gräfendorf in der Nähe von Berlin verwiesen.

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Weiterverarbeitung

Die frischen knackigen Ginsengwurzeln können roh gegessen oder aber gedünstet, gekocht, gebraten oder frittiert werden. Hierfür verwendet man meist jüngere Wurzeln. Mit ihrem leicht bitteren an Rettich oder Möhren erinnernden Geschmack stellen sie eine gesunde Bereicherung vieler Mahlzeiten dar. In Südkorea kennt man viele Rezepte. Gekochtes Hühnchen gefüllt mit Ginseng und Reis ist eine der Nationalspeisen. Die Wurzeln werden auch gerne mit Zucker oder Honig kandiert. Sie können in alkoholische Getränke eingelegt werden. Der aus ihnen frisch gepreßte Saft läßt sich pur trinken oder zu Softdrinks oder mit Gewürzen zu Tee verarbeiten.

Um die Wurzel haltbar zu machen, wird sie nach dem Waschen traditionell durch vorsichtiges Schaben mit einem Bambuswerkzeug und Polieren mit einem Hanftuch von der äußeren Haut befreit und anschließend an der Sonne getrocknet. Aus dem frischen „grünen“ Ginseng entsteht der „weiße“ getrocknete „straight“ Ginseng.

Manchmal werden vor dem Trocknen nicht nur kleine, sondern auch die größeren Ästchen entfernt und die Wurzel spiralförmig aufgerollt. So entsteht beim Trocknen der kurios aussehende „curled“ Ginseng. Weißer Ginseng ist kühl und trocken gelagert mindestens ein Jahr ohne nennenswerten Wirkstoffverlust haltbar.

Wird die frische Wurzel zunächst über heissem Wasserdampf erhitzt und erst dann getrocknet, verändert sich ihre Farbe zu einem orangebraun. Man erhält den mehrere Jahre lagerbaren „roten“ Ginseng. Da man hierfür mindestens fünf Jahre, aber besser noch sechs Jahre alte ausgewählte Wurzeln besonders guter Felder verwendet, hat roter Ginseng den Ruf herausragender Qualität, der sich auch in der Preisgestaltung bemerkbar macht. Er kostet ein Mehrfaches von dem vergleichbarer Produkte des weissen Ginsengs. Ob das auf Grund des Wirkstoffgehaltes gerechtfertigt ist, ist zumindest umstritten. (Siehe hierzu auch im Folgenden die Anmerkung von Harald Schicke) Auch geschmacklich unterscheiden sich die beiden Varianten. Weißer Ginseng schmeckt wie leicht bittere Süßholzwurzel. Roter Ginseng hat einen strengeren seifigen Geschmack. Welchem man geschmacklich den Vorzug geben mag, muss man im Selbstversuch herausfinden. Der Geschmack ist natürlich auch von der Stärke der jeweiligen Zubereitung, beispielsweise als Tee abhängig. Aus beiden Wurzelarten werden Extrakte hergestellt. Dafür werden zum Teil die Seitenästchen verwendet. Die Extrakte lassen sich hervorragend als Tee geniessen und stellen vom Wirkstoffgehalt her die besten im Handel erhältlichen Präparate dar. Sie werden auch zur Erzeugung von Instanttees, pharmazeutischen Präparaten, als Zusatz zu Seifen und Kosmetika oder Lebensmitteln und Getränken verwendet. Lecker sind Honigbonbons mit Ginsengextrakt.

Wirkstoffe

Die getrocknte Wurzel enthält 0,07 bis 1,64 % einer schwankenden Mischung aus Ginsenosiden. Etwa 30 dieser isoliert teilweise widersprüchlich wirkenden Substanzen sind bekannt. Wie im Falle von Cannabis läßt sich sagen: Die Mischung macht´s.
Harald Schicke vom www.ginseng-laden.de, dem wir einige sachkundige Anmerkungen verdanken, wies uns auf Folgendes hin: „Das deutsche Arzneibuch verlangt mindestens 1,5% Ginsensoside in der getrockneten Wurzel (für Arzneimittelqualität). Das Korean Ginseng Research Institute hat in seiner Zeitschrift Korea Ginseng im Jahr 1993 auf Seite 106 folgende Angaben gemacht, die natürlich von Ernte zu Ernte schwanken:
Koreanischer Roter Ginseng: 1,54% (22 Ginsenoside)
Koreanischer Weißer Ginseng: 3,35% (22 Ginsenoside)
Panax quingefolium: 4,04% (13 Ginsenoside)
Panax notoginseng: 4,48% (14 Ginsenoside)
Panax japonicus: 7,0% (3 Ginsenoside)
Aus diesen Zahlen und weiteren über Spurenelemente, Enzyme usw. läßt sich eindeutig belegen, daß der weiße Ginseng wertvoller und wirksamer ist als der rote, wenn er ebenso sorgfältig produziert worden ist. Die hohen Verluste beim roten Ginseng gehen darauf zurück, daß er 2-3 Stunden lang bei 120-130° C gedämpft wird. Das ist eine zusätzliche Konservierungsmethode, die ihre Berechtigung hatte, als es noch keine andere Möglichkeit gab, den Ginseng über Monate hinweg zu transportieren. Jetzt ist sie überflüssig, wenn es im Einzelfall nicht auf die Wirkung der Ginsenoside ankommt, die nur im roten enthalten sind. Der wesentlich höhere Preis ist deshalb auch nicht gerechtfertigt.“
Soweit der Ginseng-Spezialist. Die Vertreter von Produkten roten Ginsengs werden hier möglicherweise Widerspruch einlegen wollen.

Wirkung

Wunderwurzel oder Wurzelwunder, das ist hier die Frage. Ginseng werden zahlreiche positive Wirkungen nachgesagt, die sich zum Teil in den vorliegenden Studien bestätigen liessen. Besonders wirksam scheint er gegen die Streßsymptomatik und allgemeine Erschöpfung, sowie damit verbundene Libidostörungen zu sein. Immunsystemstärkende Wirkungen werden ihm nachgesagt. Zur Prävention und in der Rekonvaleszens soll er hilfreich sein. Dem Herz-Kreislaufsystem soll regelmässige Ginsengeinnahme zugute kommen. Anti-diabetische, leberschützende und sogar anti-karzinogene Wirkungen werden vermutet. Traditionell gilt er als das Stärkungsmittel gegen negative Erscheinungen des Alterns. Dieser etwas altbackene Ruf haftet der Wurzel bei uns noch an. Zahlreiche die Ängste alternder Menschen ansprechende Präparate mit meist lächerlich geringen Ginsengwirkstoffmengen, hohem Alkoholgehalt und großkotzigen Namen werden dieser Klientel angepriesen. Dennoch: Von richtigen Ginsengwurzeln und -zubereitungen können auch junge Leute profitieren.
Die psychoaktiven Wirkungen des Ginsengs sind subtil. Am Morgen oder bei Abgespanntheit genossen, weckt Ginseng den Geist ohne wie Kaffee aufzuputschen. Stabilisierung heißt hier das Zauberwort. Näheres zu den Wirkungen insgesamt entnehme man den im Buchhandel erhältlichen Ratgebern von Stephen Fulder, Manfred Rumrich, Dr. Ernst Prinzenberg und anderen.

Kombination mit Drogen

Die positiven Wirkungen des Ginsengs kommen auch „Drogengebrauchern“ zu Gute. Ginseng kann allerdings die aufregenden Wirkungen von Coffein in einer Weise vertärken, die im Einzelfall als unangenehme nervöse Erregung empfunden werden mag.
Alkohol begünstigt die Aufnahme der Ginsengwirkstoffe. Ginseng wirkt dabei gleichzeitig „geistklärend“ und leicht euphorisierend. Auch gegen die üblen Folgen des Alkoholkonsums ist Ginseng hilfreich. Es erleichtert durch seine kreislaufstabilisierende Wirkung den Kater danach und soll leberschützend wirken.
Cannabiskonsumenten schätzen die immunsystemstärkenden Eigenschaften des Ginsengs. Ginseng wirkt auch hier geistklärend und in gewisser Weise leicht ernüchternd. Wirre assoziative Gedanken weichen, eine vorhandene Euphorie verstärkt sich, Mattigkeit wird überwunden, der Kreislauf stabilisiert sich, das Körpergefühl verbessert sich, möglicherweise. Um diese Effekte zu erzielen wird höher dosiert. An einem auf einen Cannabisexzess folgenden Tag wirkt sich Ginseng anregend, harmonisierend und immunsystemstabilisierend aus, sagt man.

Dosierung

Man sollte sich an die Dosierungsempfehlungen der erworbenen Präparate halten. Tatsache ist aber auch, daß beispielsweise in China und Südkorea erheblich größere Mengen genommen werden als bei uns üblich. Eine gute Dosis sind beispielsweise 3 mal täglich 1 Gramm Extrakt aus 6 Jahre alter roter Ginsengwurzel als Tee zubereitet. Dies entspricht 3 mal 2 Gramm der roten Ginsengwurzel. Man kann auch mehrmals täglich ein Stück weiße Ginsengwurzel von vielleicht 2 bis 3 Gramm kauen. Besonders lecker schmeckt die mit Honig durchtränkte Wurzel (Honigwurzel). Von ihr kann man über den Tag verteilt 10 bis 20 Gramm essen. Ginseng sollte über einen längeren Zeitraum (kurmäßig mehrere Wochen oder Monate) regelmässig genommen werden. Er kann aber auch in gesundheitlich kritischen Phasen oder zu speziellen Anlässen eingenommen oder höher dosiert werden.

Überdosierung

Ginseng gilt als vergleichsweise gut verträglich. Wer aber Magen-Darm-Probleme, Übelkeit oder Durchfall, Kopfschmerzen, Nervosität, innere Unruhe, Schlafstörungen oder andere Probleme nach Ginsenggenuß erlebt, sollte die eingenommene Dosis reduzieren oder notfalls ganz auf Ginseng verzichten, beziehungsweise Rücksprache mit seinem Arzt halten.

Ginsengkauf

Apotheken, Reformhäuser und koreanische Lebensmittelläden führen Ginsengzubereitungen. Das Beste sollte gerade gut genug sein. Zahlreiche Supermarktpräparate enthalten nur geringe Ginsengmengen. Besser man erwirbt die unbehandelte getrocknete Wurzel (am besten 6 Jahre alte ganze Wurzeln erster Qualität des jüngsten Jahrgangs; Ernte ist im September) oder echten südkoreanischen Ginsengextrakt. Hier empfiehlt sich der Extrakt aus 6 Jahre alten weißen oder roten Ginsengwurzeln. Die südkoreanischen Produkte sind in der Regel gut verpackt, werden staatlich kontrolliert und mit entsprechenden Gütesiegeln verschlossen. Man achte auf die angegebene Haltbarkeit und die teilweise schwer zu entschlüsselnden Inhalts- und Wirkstoffangaben. Die zuckerhaltigen Instanttees haben in der Regel nur geringe Wirkstoffgehalte. Die roten Varianten sind teurer. In Südkorea selbst gibt es eine gigantische Auswahl an Ginsengprodukten. Die Preise liegen bei einem Viertel bis einem Achtel von dem, was hier für vergleichbare oder dieselben Präparate verlangt wird. (Große menschenähnliche Ginsengwurzeln, wie sie besonders reiche alte Japaner und Chinesen schätzen, können dagegen enorme Preise erzielen.) Am schmackhaftesten sind wohl Honigwurzeln. Doch auch hier gibt es selbst bei gleicher Preislage erhebliche Qualitätsunterschiede. Vor dem Einkauf größerer Mengen empfiehlt sich immer das Probieren.

Alternativen

Als ähnlich aber weniger wirksame, wirtschaftlich bedeutende Alternativen zum Koreanischen Ginseng gelten der Amerikanische Ginseng (Panax quinqueflius) und der Sibirische „Ginseng“ (Eleutherococus senticosus). Unter ferner liefen kommt noch der Japanische Ginseng (Panax japonicus).

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. habe jeweils eine Dose (rot und weiss) von chinesischem Ginseng aus dem Jahre 1992.
    Hält sich Ginseng so lange? oder besser wegwerfen?

  2. Der wird im Alter immer besser 😉 Nein, offen gesagt, weiß ich es nicht. Die Wirkstoffe dürften sich stark abgebaut haben.

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