Grohe – Die Mysterien des Haschisch

Die Mysterien des Haschisch

von M. Grohe (1863)

M. Grohe war ein Künstler, der der Faszination des Orients folgte um eine längere Zeit in Ägypten zu leben. Sein 1863 in Heidelberg erschienenes Werk „Ein Orient-Buch“ ist ein wunderbares Zeugnis dieser orientalistischen Begeisterung. Besonders gerne hielt er sich im Kaffeehaus bei seinen Haschisch rauchenden einheimischen Freunden auf. Den folgenden Text aus dem „Orient-Buch“ kann man praktisch als eine Ode an das Haschisch verstehen.

„Fort, Ungeweihte! Alle, die ihr mit lieblosem Herzen und geistlosem Blick diese Blätter betrachten wollt! Alle, die ihr das Dunkel mehr liebt, als das Licht, und die Kälte mehr, als die Wärme, und die Säuerniß mehr, als die Süße!

Fort, Ungeweihte! Alle, denen der Glaube ein Räthsel ist, und die Liebe eine Thorheit, und die Hoffnung ein Wahn! Für euch sind diese Zeilen leer und dunkel.

Ihr aber, ihr Lichten, die das Weltlicht selig gepriesen, verehrt auch hier die Mysterien der Liebe: ihr Demüthigen, ihr Sehnsüchtigen, ihr Sanftmüthigen, ihr Gerechtigkeitsliebenden, ihr Mitleidigen, ihr Reinherzigen, ihr Friedfertigen, alle ihr von der Welt Verfolgten, höret und leset, dies ist für euch geschrieben.

Wenn du einmal, lieber Leser, in einer jener „Nächte des Vergnügens“ – so heißt der Araber die Vollmondnächte – die Gassen und Gäßchen einer Mosleminenstadt durchwanderst – vielleicht an einem Freitag, wo dich Mittags der aus allen Häusern und Moscheen dringende Weihrauchduft entzückte – so befremdet Dich wohl noch weit mehr, wenn du gerade an einem Kaffeehaus vorübergehst, ein anderer Geruch, ungewohnt ätherisch, süßanziehend, rasch verfliegend, unvergeßlich….. Du bist „sehnsüchtig“, wohlan tritt ein! Grüße freundlich und bescheiden; setze Dich ruhig und still.

Der Wirth bringt dir ein Tässchen Kaffee und fragt dich leise und etwas verlegen, ob du „rauchen“ wolltest, du bejahst – die Liebe sagt immer ja.

Der Wirth rüstet die arabische Volkspfeife, mischt ein Stückchen Haschisch (ein Präparat aus indischem Hanf) unter den Tabak, legt zuletzt einige Kohlen darauf, raucht höflich die Pfeife an und reicht sie dir; du rauchst;.. du rauchst Haschisch….

„Da flog der Seraphim Einer zu mir und hatte in der Hand eine glühende Kohle, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe hiermit sind deine Lippen gerecht, daß deine Missethat von dir genommen sei, und deine Schuld gesühnt“..

Wer aber beschreibt die seligen Schauungen des Eingeweihten? Wer entweiht die Mysterien der Liebe, des Dichtens, des Traums und des Gebets? Denn alle diese vier höchsten Fähigkeiten des göttlichen Menschen vermittelt die Phantasie; der Haschisch ist aber ein phantasievermehrendes Mittel, und zwar das stärkste von allen.

Ich selbst, für meinen Theil, hätte hier vom Haschisch lieber geschwiegen; ich war es aber der Wahrheit schuldig, davon zu reden. Aus zwei Gründen.

Einmal cursieren darüber unter den Europäern ganz lächerlich falsche Vorstellungen. Natürlich ! Irgend ein beliebiger Mister Phibs oder Smith läßt sich von seinem Dragoman in ein Haschischcafé bringen, und raucht, um darüber sofort nach old England zu berichten, vielleicht das erstemal gleich 6-8 volle Pfeifen, das Herz, statt voll Liebe, voll Falschheit und Argwohn und Spionirlust…. und redet dann noch von Schwindel, Betrunkenheit und Unsittlichkeit !… Die Thoren ! Wissen wir doch, welch ein köstliches Reizmittel, mäßig genossen, z.B. auch der Kaffee ist, dieser herrliche Nationaltrank der Gläubigen – wem aber wird es einfallen, einem Neuling gleich 6 Schoppen davon einzugiessen?

Denke man über den Haschisch, wie man wolle; man wird ohne denselben den Orient ebensowenig verstehen, wie die Zeit und das Vaterland Voltaires ohne den Schnupftabak. Niemand wird läugnen, daß der Haschisch, wie der Wein und die Liebe und alles Göttliche, neben seinen Priestern und Dienern auch seine Narren hat, und, leider auch, seine Opfer; Letztere meist arme Schlucker, die ohne sonstige ordentliche Nahrung, oft selbst ohne Kleidung und Obdach, den letzten Heller hingeben für diesen immerhin kostspieligen Genuß, der ihnen alles andere ersetzen soll.

Dagegen mäßig genossen, bei sonstiger vernünftiger Diät, gewährt der Haschisch, nach einem Worte des Propheten, die drei höchsten Segnungen des wahren Glaubens:
„Appetit, Liebeslust und Seelenruhe.“

In der That, einfach physiologisch betrachtet, hat der Haschisch, da er durch den feinsten Sinn, den Geruch, fast unmittelbar auf den Geist einwirkt, eine mächtig potenzirende, höchst genial stimmende Wirkung; er versetzt uns und alles um uns her gleichsam in den Superlativ. Ich citire hiefür ein vortreffliches Gedicht meines Freundes Winkler, das dir, lieber Leser, wenigstens annähernd einen Blick gönnt in die Seele eines Haschischrauchers:

– Zweitausend Türkenköpfe auf einem einz´gen Pfahl, Zehntausend Weiberaugen in einem einz´gen Saal; Dann Millionen Becher vom allerbesten Wein, Das muß für weise Leute ein schöner Anblick sein.

Im Bade, zum Bedienen, ein schwarzgelockter Knab´ Und ferne, wie die Sonne, die Aussicht auf das Grab; Dann Millionen Beutel vom allerfeinsten Gold, So wär´ der Sultan selber dem alten Sünder hold.

Vom allerbesten Meister den allerhöchsten Sang; Den allerreinsten Tabak, den feinsten Mokkatrank, Dann in dem schönsten Herzen den allergrößten Raum, Und süßer wär´ das Dasein, als heut´ mein Haschischtraum.-

Was meine eigene Erfahrung betrifft, so war (außer Garibaldi) der einzige Mensch, der mich auf Erden an Jesus Christus erinnerte, ein „Haschasch“ (ein starker Haschischraucher). Er kam niemals in das Café, ohne allen freundlich die Hand zu drücken, meistens Datteln und andere Süßigkeiten – denn die Haschischraucher lieben vor Allem das Süße – darin zurücklassend; oft auch küßte er uns unter lieblichen Segenssprüchen Stirn und Wange. Ich habe nie wieder solch heiteren Ernst gesehen, solch würdevolle Weichheit, solch ein ganz nur Liebe ausstrahlendes Wesen!

Natürlich müssen diese Leute unter sich etwas Communistisches haben, wie alle Glaubens- und Liebesgenossen, die von andern verachtet und verfolgt werden – denn das werden die Haschischraucher gar oft.

Auch vereinigt sie die liebenswürdige Gewohnheit unter einander zu borgen und zu leihen, da oft Einer die andern freihält, und dann diese wieder ihn. Ueberdieß rauchen oft 6-10 Personen, jeder nur ein paar Züge, aus einer und derselben Pfeife – man gibt wohl zu, Alles eben so viele Vorbedingungen wahrer Liebe.-

Eine andere Form des Haschisch ist der Lachzucker, helau hindi, ein grünlicher Hanfextrakt in kleinen Täfelchen, mit der sonderbaren Eigenschaft, daß er, in gehöriger Quantität genossen, unwiderstehlich zum Lachen reizt, vielleicht gar das altegyptische Mittel, das schon die schöne Helena ihren Gästen in den Wein gemischt hat, um sie aufzuheitern.

Der Gegensatz des Haschisch ist das Opium, aphiun. Wenn der „Haschasch“, dem Centralfugaltriebe des Geistes fast allzusehr nachgebend, gleichsam aus sich herausfahren möchte, „um Millionen liebevoll zu umschließen,“ so brütet der Opiumraucher, der „Aphiungi“, düster und mürrisch in sich hinein.

Wehe dem Unvorsichtigen, der diese gelben, gallsüchtigen Schmeerbäuche in ihren egoistischen Träumereien stört!

Der göttlichgrobe Osmin der „Entführung“ ist solch ein Aphiungi; indeß Alhasi Derwisch im „Nathan“, wie jetzt noch fast alle Derwische, das köstlichste Vorbild ist von einem ächten „Haschasch“.

Jener möchte immer, über seine schwarzen Pläne brütend, ausruhen; dieser aber mit seiner fröhlichen Wanderparole – „nur am Ganges gibt es Menschen“ – gleicht ganz seinen himmlischen Vorbildern, jenen ewigtanzenden Sternderwischen der Nacht.“

 

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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